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Henning Wehn im Interview

Die Deutschen haben keinen Humor, heißt es. Henning Wehn findet das nicht witzig. Ein Gespräch mit einem Betriebswirt aus Hagen, der ausgerechnet in Großbritannien ein Comedy-Star wurde.




• Die Geschichte des Komikers Henning Wehn beginnt im Jahr 2005 in einem Londoner Pub namens Purple Turtle. Der Deutsche war damals bei einer britischen Firma angestellt, zuständig für Kundenzufriedenheit. In seiner Freizeit besuchte er Comedy-Shows in Pubs, wo sich jedermann vor Publikum produzieren darf. Der Betriebswirt Wehn meinte, er könne das auch, und las auf der Bühne Kneipenwitze vor, die er zuvor aus englischen Witzbüchern abgeschrieben hatte. Der Eintritt war frei, und das Publikum schien tatsächlich amüsiert. Henning Wehn sagt heute, es habe sich an diesem Abend "alles plausibel angefühlt". Die spontane Idee mündete in ein Hobby, das schon bald bezahlt und am Ende ein richtiger Job wurde. In britischen Blättern hieß es, Henning Wehn sei lustiger als Hitler.

brand eins: Sie haben einen festen Job als Betriebswirt aufgegeben, um freiberuflicher Komiker in Großbritannien zu werden?

Henning Wehn: Ja, das Hobby war irgendwann so gut bezahlt, dass es Zeit wurde, es gegen den schlecht bezahlten Job zu tauschen. Außerdem stand damals fest, dass die Fußball-WM 2006 in Deutschland ausgetragen werden würde, das war einfach der perfekte Moment, um als deutscher Komiker auf der Insel diesen Schritt zu wagen.

Nur dass Sie kein Komiker, sondern Betriebswirt sind.

Richtig, von der Ausbildung her schon, aber in Großbritannien gibt es erfreulicherweise weder für Klempner noch für Komiker irgendwelche Einstiegskriterien. Außerdem sorgte ich schon immer gern für Unterhaltung, in der Schule wie im Studium. Und Comedy ist auch nichts anderes als angewandte Betriebswirtschaft: Man muss mehr einnehmen als ausgeben, sich um Aufträge, Marketing, Buchhaltung und Merchandising kümmern.

Es heißt, beim Witze-Erzählen sei Timing alles. Wann lagen Sie zum letzten Mal so richtig daneben?

Das kommt ja nun regelmäßig vor. Ich hatte jüngst einen Auftritt bei einer internationalen Konferenz von Tapetenherstellern. Die Hälfte des Publikums waren Chinesen, die kaum Englisch verstanden. Da wusste ich schon vor der Show: Das geht in die Hose.

Und?

Ich sollte recht behalten. Die Situation ließ sich nicht retten. Am Ende hilft nur das, was in Großbritannien immer funktioniert: die Selbstironie.

"In Britain people say, we Germans don't have a sense of humour - I don't find that funny!" Mit diesem Satz begann Wehn seine ersten kommerziellen Programme als "deutscher Humor-Botschafter". Er empörte sich künstlich und mit starkem Akzent über das Klischee des humorlosen Deutschen, um eben dieses dann zu zelebrieren. Das Timing seiner Witze überprüfte er mit einer Stoppuhr, und die Pointen übererklärte er im Nachhinein derart penibel, dass von ihnen nichts mehr übrig blieb. Das fand sein Publikum witzig.

Woher kommt eigentlich das Klischee vom humorlosen Deutschen?

Das ist Neid. Die wollen uns was am Zeug flicken, nur wird das eben schwierig, schließlich sind wir bei allem, was sich in irgendeiner Form messen lässt, sowieso besser: Nehmen wir nur den Fußball oder die Autoindustrie. Da bleibt nur der Humor, das ist ein fast esoterischer Ansatz.

Man kann den Briten diese Stereotype aber kaum übel nehmen. Unser Image im Ausland prägen Personen wie Angela Merkel, Guido Westerwelle und Oliver Kahn. Die verbindet man nicht unbedingt mit Humor.

Das mag sein, allerdings möchte ich auch nicht die Herren Cameron, Blair oder Brown auf einer Comedy-Bühne erleben. Der Unterschied ist, dass in Deutschland niemand der Bundeskanzlerin vorwerfen würde, sie sei zu humorlos. Gordon Brown allerdings scheiterte als Premierminister auch deshalb, weil er in den Augen der Bevölkerung nicht genug Spaß machte. Humor hat im Vereinigten Königreich eine enorme kulturelle Bedeutung. Daher findet man das Kriterium "GSOH" auch in jeder britischen Stellenausschreibung.

GSOH?

Good Sense Of Humour - in der Arbeitswelt zählt an erster Stelle nicht die Leistung, sondern der Beitrag zum Betriebsklima.

Welche Folge hat das für die Wirtschaft?

Scheitern wird viel leichter verziehen, schließlich kann man über seine Fehler lachen. Das ist fast schon ein katholischer Ansatz, obwohl hier alle Protestanten sind: statt zu beichten, macht man eben einen Witz. Der Grundgedanke dahinter lautet: don't worry.

Rund um den Humor ist in Großbritannien ein bedeutender Wirtschaftszweig entstanden. Henning Wehn ist an sechs Abenden der Woche gebucht: im Radio, im Fernsehen oder in Comedy-Pubs wie dem Betsey Trotwood in London, wo er in wenigen Stunden auftreten wird.

Diese kleinen Bühnen sind wichtig, um neue Programme zu entwickeln. Henning Wehn sagt: "Man muss Witze wie ein Produkt optimieren. Das funktioniert nur im Kontakt mit dem Publikum." Im August wird er seine neue Show bei den Comedy-Festspielen in Edinburgh vorstellen, der wichtigsten Veranstaltung des Jahres.

Wie entwickelt man Witze?

Gags schreibe ich eigentlich 24 Stunden am Tag. Ich halte die Augen und Ohren offen. Was mir auffällt, notiere ich in Büchlein und auf Zettelchen. Alle zwei Wochen tippe ich diese fliegenden Seiten ab. Dann überlege ich, was sich damit anfangen lässt, und teste die ersten Ideen auf kleinen Bühnen. Von denen gibt es in London so viele, dass ich, wenn ich wollte, jeden Abend gleich mehrere Auftritte machen könnte.

Sie strapazieren den GSOH der Briten dabei mittlerweile ziemlich. In Ihren Programmen scherzen Sie über die britische Bausubstanz, den Hang zum Schuldenmachen und die deutschen Bomben auf Coventry. Wann hört auch in Großbritannien der Spaß auf?

Das fragen Sie am besten den ehrwürdigen Lord David Young. Der einstige Strategieberater der Konservativen hatte im November 2010 in einer öffentlichen Rede zur weltweiten Finanzkrise am Ende einer sehr langen Argumentationskette den folgenschweren Satz formuliert: "Der Mehrheit der Menschen in unserem Land geht es seit der Rezession - der sogenannten Rezession - so gut wie niemals zuvor."

Was ist daran witzig?

Nichts, außer eben, dass die Aussage völlig nachvollziehbar war, aber nicht opportun. Die sogenannte Krise bedeutet angesichts absurd niedriger Zinssätze nahe null Prozent für viele Investoren und Banken einen paradiesischen Moment. Der Mann erregte aber derart Empörung, dass er schließlich abdankte. Da hörte der Spaß auf.

Und wo hört der Spaß bei Ihnen auf?

Das ist ein Balance-Akt. Letztlich kann man Witze über alles machen, wenn es einen Grund, ein Anliegen dahinter gibt. Reine Gehässigkeit aber bringt nichts. Jeder Gag muss sich in das Gesamtkonzept eines Programms einfügen und auch in diesem Kontext verstanden werden.

Was ist der tiefere Sinn Ihrer Witze über die Bombardierung britischer Städte?

Den Witzen über Coventry liegen die Zustände in den britischen Fußballstadien zugrunde. Dort singt man bis heute Kriegslieder aus dem Zweiten Weltkrieg wie "There were ten German bombers in the air ..." Oder skandiert: "We won the war." Auch 66 Jahre nach Kriegsende fühlt sich jeder Brite noch immer als Sieger, der persönlich den Krieg gewonnen hat. Ich frage dann eben, ob die Fans in Coventry eigentlich auch solche Lieder singen.

Henning Wehn zog vor zehn Jahren von Hagen im südöstlichen Ruhrgebiet nach London, um sein Englisch zu verbessern. Er arbeitete anfangs im Marketing eines englischen Fußball-Zweitligisten. Der alte Pförtner des Vereinsgeländes begrüßte ihn dort in Fliegerjacke der Royal Air Force und sagte: "Hagen? Kenne ich - aber nur aus der Luft."

Bei welchem Thema bewegt man sich als Komiker in Großbritannien auf dünnem Eis?

Helden sind sehr riskant.

Helden?

Die Briten haben ein komisches Verständnis vom Heldenbegriff. Soldaten etwa sind immer Helden. Es ist eher ein Reflex, nicht wirkliche Überzeugung, ein soziales Tabu. Im Englischen wird der Begriff "hero" immer mit einer Uniform verbunden. Ich stelle in meiner Show die rhetorische Frage, ob der Wal-Mart-Mitarbeiter, der im Supermarkt von der Leiter fällt und sich verletzt, ein Held ist - schließlich trägt der ja auch eine Art Uniform.

Und?

Wenn man Soldaten dann noch Schulabbrecher nennt und sich darüber amüsiert, dass ausgerechnet die grenzwertigen Persönlichkeiten der Gesellschaft, und das sind Berufssoldaten, generell zu Helden erklärt werden - dann wird es schnell sehr interessant.

Was meinen Sie mit interessant?

Mitunter werden deswegen regelrechte Schlägereien angezettelt. Das Thema ist für Comedy-Shows riskant. Wenn Witze darüber allerdings gelingen, dann hat es sich gelohnt.

Der ausverkaufte Abend im Betsey Trotwood geht glimpflich über die Bühne. 50 Gäste applaudieren fleißig. Henning Wehn hatte sie mehrfach auf das 1:4 der Engländer gegen die Deutschen bei der WM 2010 hingewiesen und auch darauf, wie gut die WM 2006 in Deutschland doch organisiert war. Doch er ist nicht ganz zufrieden. Einige Nummern funktionierten nicht, müssen noch geschliffen werden. Es gab auch schon Abende, da wurde er ausgebuht. Beim britischen Publikum brauchen eben auch Komiker einen strapazierfähigen GSOH.

Wie gehen Sie mit solchen Misserfolgen um?

Ich habe mich vom Druck des einzelnen Auftritts etwas gelöst. Wie gut oder wie schlecht eine einzelne Show ist, hat für mich weniger Bedeutung als der Trend. Wenn die Mehrzahl der Shows erfolgreich ist, bin ich zufrieden.

Jetzt sagen Sie nicht, dass Buh-Rufe Sie kaltlassen?

Natürlich nicht. Als Klempner hätte man es leichter. Wenn der etwas falsch zusammenschraubt, steht nicht gleich dessen persönliche Integrität infrage. Dann ist er halt ein schlechter Handwerker. Bei einem Komiker ist das aber wie bei einem Sportler: Wenn der etwas falsch macht, heißt es nicht, dass sein Produkt das falsche fürs Publikum war, sondern dann ist er schlicht ein Arschloch. ---