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Alberto Iturra im Interview

Es war ein Wunder, das die Welt in Atem hielt: 33 chilenische Kumpel, tief in einer Kupfermine verschüttet, konnten nach 69 Tagen gesund geborgen werden. Auch weil sie sich nie aufgaben. Dank Helfern wie dem Psychologen Alberto Iturra, 61, der die Bergleute die ganze Zeit per Videoleitung betreute.




brand eins: Was haben Sie den Verschütteten gesagt?

Alberto Iturra: Zuerst, dass da draußen Menschen sind, die alles, wirklich alles tun, um sie rauszuholen. Man muss Vertrauen aufbauen, Kontakt halten, jederzeit ansprechbar sein. Wir haben ihnen gesagt, was vor sich geht. Was getan wird, um sie zu retten. Mein Ziel war es, ihnen so etwas wie Zukunft zu vermitteln.

Wie geht das, wenn deren Leben doch am seidenen Faden hängt?

In Workshops per Video-Konferenz haben wir sie dazu angeleitet, positiv zu denken. Wir haben Kontakt zu ihren Familien hergestellt, um zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Viele warten auf euch. Und wir haben mit ihnen über ihr Leben danach, die Arbeit gesprochen. Sie sollten planen. Wer Pläne macht, denkt positiv.

Viele Angehörige der Kumpel zogen ins Rettungscamp. Wozu das?

Das war sehr wichtig. Der erste Video-Kontakt nach unten dauerte nur 30 Sekunden. Vorher sagte ich den Frauen, sie sollten möglichst ungepflegt vor die Kamera treten. Denn wir dachten: Es dauert vielleicht noch drei Monate, bis die Kumpel raus sind. Da wollten wir ihre Sehnsucht nicht steigern.

30 Sekunden? Warum so kurz?

Zum einen hatten wir nur einen sehr dünnen Schacht. Wir mussten wegen des Kabels sogar die Nahrungszufuhr unterbrechen. Denken Sie: 33 Kumpel, und jeder 30 Sekunden! Viel Zeit, die fehlt, um sie zu versorgen. Und zum anderen: Wenn man wenig Zeit hat, sagt man nur das Wichtigste. Man spricht in 30 Sekunden nicht über Probleme. Stellen Sie sich vor, Ihre Frau sagte: "Ich bin krank, habe Schmerzen, der Sohn ist sitzen geblieben." Für so etwas darf keine Zeit sein. Nur gute Nachrichten: "Hallo Schatz, ich hab' dich lieb, bald sehen wir uns wieder ..." Basta!

Wie haben Sie die Kumpel auf den ersten Kontakt vorbereitet?

Ich habe ihnen gesagt: Überlegt euch, was das Allerwichtigste ist. Und als im Camp die Liebhaberinnen und Ehefrauen gleichzeitig auftauchten, habe ich gesagt: Hört zu Jungs, das könnt ihr jetzt nicht lösen. Kümmert euch um die Ehefrauen und langjährigen Partnerinnen. Für die Liebhaberinnen ist später noch Zeit.

69 Tage in einer engen Höhle - da gibt es doch Streit, oder?

Klar, früher oder später. Als sie entdeckt wurden, war das wie Flitterwochen: alles wunderbar. Aber das hält nicht lange. Die Männer kannten sich nicht. Das Schicksal hat sie zusammengewürfelt. Manche hatten viel Erfahrung unter Tage, andere wenig. Wir hatten mal technische Probleme. Da habe ich versucht, den Ärger auf mich zu lenken. Besser sie streiten mit mir als untereinander. Der gemeinsame Gegner ist wichtig. Und Disziplin. Entscheidend jedoch ist der Umgang mit Aggressionen. Dass die Lage frustriert, ist vollkommen klar. Wenn sich dieser Frust in Aggression gegen die Helfer wandelt, stärkt es die Gruppe.

Hat sich Ihr Leben seit der Befreiung der Kumpel verändert?

Es war eine großartige Erfahrung, weil es gut ausgegangen ist. Nur: Ich bin schon 61. Ich muss nichts mehr erreichen. Alles, was ich wollte, war, mit meiner Erfahrung zu helfen.

Sind Sie ein Held?

Ich? (lacht) Nein. Ich bin ein Helfer. Helden sind diejenigen, die eingeschlossen waren, ohne Wasser, ohne Strom. Sie haben gezeigt, wie viel ein Mensch aushalten kann. ---

Alberto Iturra lebt in der Atacama-Wüste, im Norden Chiles. Er berät Bergbauunternehmen in Personalangelegenheiten. Als er vom Unglück in der Mine San José erfuhr, meldete er sich als freiwilliger Helfer. 67 Tage lang arbeitete er mit den eingeschlossenen Bergleuten.