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Anthony Mbuusi: Ein Offizier und Gentleman

Leute wie Anthony Mbuusi werden in Afrika dringend gebraucht. Der ugandische Oberstleutnant hält mit seiner Friedenstruppe an einer der schlimmsten Fronten die Stellung - in Somalia.




- "Wenn du sie pfeifen hörst", sagt Anthony Mbuusi, "sind sie schon an dir vorbeigeflogen." Der ugandische Offizier sagt das zur Beruhigung, denn über unsere Köpfe zischen immer wieder Kugeln, die an der nur wenige Hundert Meter entfernten Front abgefeuert wurden. Er sitzt auf der Veranda seines Quartiers, einer vergleichsweise wenig zerstörten Villa im Herzen der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Neben seinem Stuhl steckt das Projektil einer Kalaschnikow in der Wand, das keinen halben Meter von ihm entfernt in den Backstein einschlug. Seine kugelsichere Weste ist am Rücken etwas aufgerissen: Dort wurde er vor wenigen Tagen von einer Gewehrkugel getroffen. "Es fühlte sich wie ein starker Faustschlag an. Ich bin nicht einmal hingefallen."

Der 47-jährige Oberstleutnant führt ein Bataillon ugandischer Soldaten an, das im Auftrag der Afrikanischen Union, dem Zusammenschluss afrikanischer Staaten, seit knapp einem Jahr in Mogadischu stationiert ist. Aufgabe der 9000 Mann starken Truppe ist es, die somalische Übergangsregierung vor dem Vormarsch islamistischer Milizionäre zu schützen, die am Horn von Afrika einen Gottesstaat errichten wollen. Ende des vergangenen Jahres hatten sie fast die gesamte Hauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht, da gingen die Soldaten der Friedenstruppe der Afrikanischen Union zum Gegenangriff über. Seitdem wird in Mogadischu ein Häuserkampf wie einst in Stalingrad ausgefochten. "Nur dass es hier rund 60 Grad heißer ist", sagt Mbuusi trocken.

Zweimal am Tag macht er sich zur Inspektion seiner Truppen auf den Weg. Dann spurtet er über mit Granateneinschlägen übersäte Straßen, kriecht durch in Häuserwände gebrochene Löcher und steigt auf die Dächer mehrstöckiger Häuser, deren vom Beschuss zerstörte Treppen an zerbröselnden Zwieback erinnern. Seine Männer harren seit drei Monaten ununterbrochen in ihren Stellungen aus. Sie starren angestrengt durch Schießscharten, um einen feindlichen Angriff möglichst schnell auszumachen. Geschlafen wird schichtweise auf Matratzen, die direkt hinter den Sandsäcken liegen; das mit Spaten in Kübeln zubereitete Essen wird ihnen an die Front gebracht; zweimal am Tag klopft ihnen Anthony Mbuusi aufmunternd auf die Schulter. Eines der Geheimnisse des Erfolgs sei die unmittelbare Nähe der Offiziere zur Truppe, sagt er: "Anders wären die alle längst davongelaufen."

Helden brauchen Herausforderungen wie Dompteure ihre Löwen, weswegen sich in Afrika, dem Krisenkontinent, außergewöhnlich viele Heroen tummeln. Man findet sie in finsteren Urwaldstationen, wo sie als Missionare die Botschaft des Herrn verkünden. Oder in Slums, in denen sie als nimmermüde Helfer die schlechte Welt ein bisschen besser machen. Gelegentlich trifft man sie auch im Nadelstreif in Wirtschaftskammern an: Dort versuchen sie, als sozialverantwortliche Entrepreneure Profit mit nachhaltigem Fortschritt zu verbinden. Aber Helden in Uniform, dazu noch auf dunkler Haut?

Aus europäischer Sicht sind Afrikas Heroen in der Regel weiß.

David Livingstone galt als ein solcher - aber nicht die Hunderte von Afrikanern, die ihn und seine Kisten auf Sänften durch die Savanne schleppten. Heute werden unter anderen die Ärzte ohne Grenzen verehrt, nicht aber deren dunkelhäutige Helfer. Einen Afrikaner, der wie Idi Amin in einer Uniform steckt und eine Pistole am Gürtel trägt, als einen integren Menschen zu sehen, der Bewunderung verdient, fällt manchen schwer.

Abends um zehn, wenn der Mond auf die Trümmer Mogadischus scheint und weniger geschossen wird, brennt Mbuusi darauf, etwas von der Welt jenseits der Schützengräben zu erfahren. Als man vom südafrikanischen Nationalsport Rugby erzählt, interessiert ihn das aber nicht. "Das ist mir viel zu rau." Er spiele in seiner Freizeit am liebsten Scrabble oder lese ein Buch. Seine Mutter finde es abscheulich, dass er den Soldatenberuf ergriffen hat: "Die fragt mich dauernd, wann ich endlich den Dienst quittiere." Vor allem befürchtete sie, dass sich ihr Sohn bei der Armee schlechte Gewohnheiten wie Rauchen und Trinken angewöhne. Bislang hat sich ihre Furcht jedoch als unbegründet erwiesen.

Dass Mbuusi, eines von "ungefähr zehn Kindern", überhaupt beim Militär landete, hat mit Ugandas Geschichte zu tun: Gleich zwei Diktatoren - Idi Amin und Milton Obote - hatten das ostafrikanische Land in den siebziger und frühen achtziger Jahren ruiniert. Nachdem er miterlebt hatte, wie ein Soldat einen vierjährigen Jungen erschoss, schloss sich der 20-Jährige der Rebellenbewegung Yoweri Musevenis an. Er wollte ein Soldat sein, auf den sich seine Landsleute verlassen konnten.

Deshalb blieb er bei der Truppe, als Obote bereits gestürzt war.

Denn noch operierten an den Landesgrenzen bewaffnete Gruppen wie die Lord's Resistance Army, die die Bevölkerung terrorisierte. Mehrere Jahre lang war Mbuusi damit beschäftigt, den selbst ernannten Propheten Joseph Kony zu jagen, der Kindersoldaten rekrutierte. Und als der verrückte Gotteskämpfer verjagt worden war, begann Mbuusis Karriere bei der Friedenstruppe. Erst wurde er in Darfur, im Westen Sudans eingesetzt, gleich anschließend ging es nach Somalia. "Was uns da erwartete", sagt er, "hat meine schlimmsten Befürchtungen übertroffen."

Seit Anfang der neunziger Jahre die von den USA geführte UN-Mission Restore Hope scheiterte, setzte kein westlicher Soldat mehr den Fuß auf somalischen Boden. Und als sich die Afrikanische Union schließlich dazu durchrang, eine Schutztruppe dorthin zu schicken, fand sich zunächst kein Land zur Entsendung seiner Soldaten in den Hexenkessel bereit. Erst auf Drängen ließen sich Uganda und Burundi breitschlagen. "Manchmal stößt es mir schon auf, dass wir hier auf die internationale Unterstützung verzichten müssen, die anderen vom Terrorismus bedrohten Staaten wie selbstverständlich gewährt wird", sagt Mbuusi. "Wenn uns wenigstens bessere Waffen wie etwa Hubschrauber zur Verfügung gestellt würden, sähe es hier schon ganz anders aus." Er ist davon überzeugt, dass die Mission der ganzen Welt nützt. Denn Somalia gilt sowohl als Schlupfloch für Al-Qaida-Kämpfer wie als Hochburg der Piraten, die von dort aus eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten unsicher machen.

Kurz nach vier Uhr morgens hebt mit dem Ruf der Muezzine auch der Kriegslärm wieder an. Mbuusi hat die Nacht auf einer Matratze auf der Veranda verbracht. In geschlossenen Räumen schläft der Oberstleutnant ungern. Vor wenigen Wochen, als er gerade auf seiner Inspektionstour war, schlug eine Mörsergranate in sein Quartier ein. Wäre er da gewesen, wäre es um den Vater von sechs Kindern wohl geschehen gewesen. "Als Soldat musst du immer damit rechnen, dass deine Stunde gekommen ist", sagt er lapidar. Mag es einem deutschen Beobachter auch besonders schwerfallen, ausgerechnet einen Mann des Militärs als Helden zu beschreiben: Es gibt in Afrika nicht viele, die den Titel mehr verdient hätten als Anthony Mbuusi. -