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Cyril Mazibuko

Seine Kindheit in einem südafrikanischen Kral war reich an Entbehrungen und arm an Chancen. Doch Cyril Mazibuko fand einen Ausweg: Er lernte mit zwölf Jahren fliegen.




- Wir bekamen den Tipp, in der Umgebung der Ortschaft Swartruggens nach Schwarzafrikas Ikarus zu suchen, eine Stunde entfernt von Rustenburg, in Südafrikas Nordwest-Provinz. Dort hause er mit seiner Frau und dem jüngsten der vier Kinder in einem Steinbruch, aus dem er auf Bestellung wohlhabender Kunden Schieferplatten liefere für die Ausstattung exquisiter Küchen und Bäder. Kurz vor dem Ziel ermahnte uns ein Straßenschild eindringlich zur Vorsicht (Hi-Jack Area, 500 meters), und bald danach stehen wir vor Cyril Mazibukos kleiner weißer Hütte.

Er ist mittlerweile 33, aber die Bilder und Erfahrungen aus der Kindheit hat er nicht vergessen: das ärmliche Leben in der Provinz KwaZulu-Natal; den Wassermangel; das Vieh hinter den Zäunen aus dornigem Geäst, zum Schutz vor den Hyänen; dass die Eltern ihre Kinder barfuß zur Schule schickten, weil Schuhe für sie unbezahlbar waren. Nur an einem, sagt er, habe es ihnen nie gefehlt: an Zeit zum Spielen und Träumen.

Was sich nach jenem Tag im Jahr 1990 von Grund auf ändern sollte, als der damals Zwölfjährige plötzlich am Himmel einen Menschen entdeckte, der - an einem Gleitschirm hängend - über dem Kral weite Kreise zog. Nie zuvor hatte er so etwas gesehen oder auch nur davon gehört. Er schaute ganz genau hin und konnte es doch nicht fassen. Nie hatte ihn ein Erlebnis derart aufgewühlt. Vom selben Tag an beschäftigte ihn nur noch ein Thema, das als eine Art fixe Idee begann und zur Liebe seines Lebens wurde. Denn nun wusste er, was er unbedingt wollte - fliegen.

Es war indes viel leichter gedacht als getan. Denn noch herrschte im Land die Apartheid. Und auch sonst lagen Welten zwischen dem schwarzen Dorfjungen, der in der Schule kein Englisch lernte, sondern nur Zulu sprach und verstand, und jenen weißen jungen Männern, die in Johannesburg oder Durban lebten und sich das Vergnügen leisten konnten, einfach für ein paar Tage in die Ausläufer der Drachenberge aufzubrechen, zum Gleitschirmfliegen, einer rund um die Welt populär werdenden neuen Sportart. Wie hätte er mit solchen Leuten Kontakt aufnehmen und sich verständigen sollen? Und wie wollte es dieser Junge ohne Schuhe, ohne Unterstützung der Familie und ohne Aussicht auf eine berufliche Karriere und gutes Einkommen jemals zu einem eigenen Gleitschirm bringen?

Cyril Mazibuko reagierte, wie es für Jungen typisch ist: Er bastelte im Modell nach, was er sich als Bild eingeprägt hatte, schnitt geometrische Segmente aus alten Einkaufstüten, vernähte sie mithilfe einer Nadel aus Zaundraht und dem Garn von Zwiebelnetzen aus dem Supermarkt zu einem rechteckigen Plastikschirm und führte die Schnüre an einem Stück Holz zusammen. Um die Konstruktion zu testen, lief er auf einen nahen Hügel. Und wirklich: Das Modell segelte sanft den Hang hinab und fiel nicht gleich zu Boden. Was im Kleinen funktioniere, dachte er, müsse doch auch im größeren Maßstab möglich sein.

Als er bald darauf in der Nähe seines Dorfes eine Gruppe weißer Männer beobachtete, die mit Gleitschirmen trainierten, fasste er sich ein Herz, sprach sie an und erlebte eine Überraschung: weil sie ihn nicht verscheuchten, wie er befürchtet hatte, sondern freundlich waren. Weil zwei von ihnen sogar Zulu verstanden; und weil sie ihm und seinem Bruder erlaubten, die Schirme anzufassen und genau zu untersuchen. Nachdem er arglos erzählt hatte, sich einen richtigen Gleitschirm bauen zu wollen, galt er ihnen als Gleichgesinnter, zwar ein bisschen verrückt, doch würdig von nun an ein alltäglicher Besucher im Trainingscamp zu sein.

Wie ernst es dem Kind wirklich war mit seiner Idee, ging den Erwachsenen vermutlich kaum richtig auf. Ein Gleitschirm ist schließlich Hightech, ein Wunderwerk aus mindestens 20 Quadratmetern ultraleichtem, dünnem und dabei extrem haltbarem Nylongewebe, von insgesamt 300 Metern Steuerleinen gelenkt, dessen Schirmkappe durch Profilteile in zahlreiche Kammern unterteilt, in Flugrichtung angeordnet und an der rückwärtigen Kante verschlossen ist. Mit der von vorn einströmenden Luft sorgt das bei den Schirmen für das notwendige Flügelprofil und somit für den Auftrieb. Wie sollte dieser schmächtige Junge das nötige Material dafür auftreiben und erst recht das Know-how?

Kinder lassen sich von solchen Bedenken selten bremsen. Sie verwenden das, was ihnen in die Finger kommt. Cyril wusste längst, wo er finden würde, was er suchte, und dass er es besser lassen sollte, zuvor irgendjemand um Erlaubnis zu bitten. Er besorgte sich aus der Scheune eines benachbarten Bauern heimlich einen Stapel leerer Düngemittelsäcke und dazu so viel Schnüre, wie er tragen konnte, kratzte den Bauplan seines Gleitschirms in den Staub, trommelte fünf Freunde aus dem Dorf zur Unterstützung zusammen, nahm ihnen das Versprechen strenger Geheimhaltung ab - und dann legten sie mit vereinten Kräften los.

Nach zwei Wochen war es geschafft. Außer Sichtweite des Krals schnallte Cyril Mazibuko den Schirm zum Probelauf an. Es war der Moment, als ihm schockartig durch den Kopf ging, dass es nun ernst wurde. Wenn der Wind jetzt richtig bläst, dann fliege ich! Bis dahin hatte er jeden Gedanken an die Premiere verdrängt. Abheben, aufsteigen, die Erde von oben sehen? Oder unsanfte Landungen, wie er sie auch bei den weißen Flugschülern im Camp häufig miterlebt hatte? Er setzte sich für einen Moment, um sich zu beruhigen und tief durchzuatmen, dann stellte er sich mit dem Gesicht gegen den Wind.

Drei Tage dauerten die Probeläufe, ohne den kleinsten Fortschritt. Der Schirm wollte sich einfach nicht öffnen, die Kammern an den Rändern schlafften ab, die Steuerungsleinen verhedderten sich immer wieder. Andere Zwölfjährige hätten darüber vermutlich die Geduld verloren. Er aber mochte nicht aufgeben, zumal er plötzlich einen Ruck spürte und einen fünf Meter hohen Satz machte. Der Gleitschirm funktionierte also. Wieso aber bewegte er sich rückwärts? Es blieb ein Rätsel, denn als sich Cyrils Bruder bei einer missglückten Landung den Arm brach, war Schluss mit der Heimlichtuerei. Es kam alles heraus. Die Eltern verboten ihnen weitere Experimente.

Doch Cyril verzog sich kurz darauf mit seinem Schirm wieder zum Üben auf ein weiter entferntes Gelände. Dort schaute ihm jemand zu, der sich auch 21 Jahre später noch an die Begegnung erinnert, weil er spürte, er habe es mit einem Naturtalent zu tun. Jonathan Bass, damals Ausbilder für angehende Gleitschirmflieger, inzwischen 44 Jahre alt und Geschäftsführer einer IT-Firma in Johannesburg, sagt: "Der hatte die richtige Zahl von Leinen an den richtigen Stellen. Beeindruckend auch, wie die Plastiksäcke vernäht waren, zum Teil doppelt und dreifach. Und dass sie den 45 Kilogramm schweren Jungen tatsächlich trugen." Bass hatte eine Idee. "Ich glaube, du brauchst Unterricht - mit einem richtigen Schirm." Er lud Cyril spontan zu Rundflügen im Tandem ein, vermittelte dem ersten schwarzen Flugschüler eine kostenlose Ausbildung, einen eigenen Schirm, ein Betriebspraktikum bei einem Hersteller von Paraglidern und fand schließlich Sponsoren für ein vierjähriges Stipendium in einem Internat, damit er gründlich Englisch lernen konnte und mehr Zeit fand fürs Fliegen.

Als junger Zulu in einer Sportart, in der die Weißen noch ganz unter sich waren - das erregte am Ende der Apartheid in Südafrika eine Menge Aufmerksamkeit. Und es gab Widerstand. Als Cyril Mazibuko einer Gruppe von Flugschülern in einen Paraglider-Club folgen wollte, wurde ihm der Zutritt verwehrt. Es war eine schmerzliche Erfahrung, aber sie weckte auch seinen Stolz und Trotz. Die Geschichte vom armen schwarzen Bauernjungen, der an den Spielen der Weißen nicht teilnehmen darf, wollte er endlich hinter sich lassen. Mithilfe von Bass erwarb er mit 14 die Flug- und mit 16 die Wettkampflizenz und erzielte als Streckenflieger respektable Ergebnisse. In der Rangliste des Weltverbandes FAI wurde er zeitweilig auf Platz 2399 notiert.

Doch seine Karriere hätte ein professionelles Management gebraucht, Helfer, die es gut mit ihm meinten und krumme Deals verhinderten. Zuletzt hatte er das Gefühl, nur noch von zwielichtigen Geschäftemachern umgeben zu sein, die ihn mit der Aussicht auf Sponsoren oder Filmverträge lockten. Bei den Barberton Open 2009, den Meisterschaften Südafrikas für Gleitschirmflieger, trat er zum letzten Mal zu einem Weltcup-Flug an. Anlauf nehmen, abheben, übers Land fliegen, das ist seither Privatsache.

Einen Wunsch aber will sich der vierfache Vater vor dem endgültigen Rückzug erfüllen: Er hat noch nie einen Wettkampf im Ausland bestritten. Ein Weltcup in Europa - für den Mann, der als Zwölfjähriger aus dem Kral mit einem aus Düngemittelsäcken gebauten Gleitschirm fliegen wollte, wäre das die Krönung.-