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Samy Ben Redjeb

Samy Ben Redjeb reist durch die Welt, gründet nebenher eine eigene Plattenfirma und verhilft seither afrikanischen Musikern zu Bekannheit und Einkommen. Das sei ganz einfach, sagt er. Und das ist es wohl auch.




- "Afrika hat an sich ein großes Potenzial. Doch das geht der Welt verloren, weil die Menschen in Ländern wie Benin oder Nigeria viel zu sehr damit beschäftigt sind, sich um sich selbst zu kümmern. Wenn man mit ihnen spricht, merkt man, zu was sie in der Lage wären. Aber in dem System, in dem sie leben, mit all der Korruption, schaffen sie nichts. Wenn du in einer Situation bist, in der du dir jeden Morgen Gedanken darüber machen musst, wie du den Tag meisterst, bleibt keine Zeit, etwas aufzubauen oder anderen zu helfen. In Europa denken viele, das liege an der Bürokratie, aber die Bürokratie ist nur ein Teil davon. Es geht schlicht um Schmiergeld: hier ein Schein, da ein Schein - damit überhaupt irgendwas läuft! So ist das, wenn das System von unten korrumpiert ist."

Samy Ben Redjeb weiß, wovon er spricht: Als Inhaber einer Plattenfirma, Sammler und DJ reist er seit mehr als 15 Jahren durch Afrika. Und wenn er für einen Moment so gar nicht enthusiastisch klingt, fast etwas müde, wirkt das beunruhigend. Denn das ist für den gebürtigen Tunesier ein seltener Ton - der sich allerdings schnell wieder verflüchtigt. Wahrscheinlich kann der 40-Jährige gar nicht lange pessimistisch sein, dafür läuft für ihn gerade alles viel zu gut. Schon dass wir hier sitzen, in seinem kleinen Büro in einem Frankfurter Hinterhof, an dessen Wänden sich hohe Regale mit Vinyl-LPs und -Singles fast ausschließlich afrikanischer Herkunft entlangziehen, ist ein Erfolg: Bis vor Kurzem hat er noch zu Hause gearbeitet. Er selbst sagt zwar: "Das ist hier doch alles ganz klein." Und nein, da fehlt kein "noch" das wird es wohl tatsächlich auch in Zukunft bleiben. Aber es funktioniert. Und er hat es aus dem Nichts aufgebaut.

Samy Ben Redjeb ist DJ und verkauft seltene Vinyl-Platten an Sammler, vor allem aber veröffentlicht er auf seinem Label Analog Afrika afrikanische Popmusik aus der goldenen Ära der sechziger und siebziger Jahre: rohe, treibende, völlig unvergleichliche Klänge. Es gibt keinen in der Musikbranche, der so arbeitet wie er. Vermutlich liegt das daran, dass er es nicht gelernt hat: Es hat sich einfach so ergeben.

Mitte der neunziger Jahre arbeitete Redjeb als Tauchlehrer in Griechenland, als er von einem Job als DJ in einem Urlaubsressort in Senegal hörte. Er mochte Afrika und interessierte sich für Musik, also bewarb er sich. Einige Wochen später begann er, 60 Kilometer außerhalb Dakars für Feriengäste Partys zu veranstalten, und stellte dabei schnell fest, dass ihm afrikanische Musik gefiel damals vor allem die aus Zimbabwe. Also fuhr er nach Zimbabwe, um dort auf Märkten und in Läden Platten zu suchen. In der Szene heißen solche Sammler, die um die Welt ziehen, um altes Vinyl zu finden, Crate Digger. Ihre klassischen Jagdgründe sind Orte, an denen es entweder früher größere Kolonien von Westlern gegeben hat, die ihre Musik aus der Heimat importierten, etwa Panama, oder Länder mit einer sehr lebendigen Musikkultur, früher zum Beispiel Jamaika, das inzwischen aber als leer gekauft gilt.

Der junge DJ hatte nicht viel Geld, nur Ideen. Er besorgte sich im Senegal Textilien, flog nach Südafrika, um sie dort zu verkaufen, und finanzierte mit dem Gewinn seine Expedition. Das klingt ganz einfach - und das war es auch. Nach dem Ende der Apartheid, erzählt Redjeb, gab es in Südafrika eine große Nachfrage nach afrikanischer Mode, aber keine Produzenten - im Senegal war es genau umgekehrt. In Südafrika suchte er auf dem Markt Händler, die Interesse an Kommissionsware hatten, einige Tage später teilte er sich mit einem von ihnen einen Stand. Nach drei Wochen waren die Sachen verkauft, und er reiste weiter.

Jede Reise ist anders, doch die grundsätzlichen Regeln bleiben immer gleich. Samy Ben Redjeb hat bis heute nicht viel Geld, doch er kann mit Menschen sprechen und ist bereit, sich auf neue Situationen einzulassen - damit kommt man überall durch. Zudem wird mit der Zeit vieles leichter: "Nach Cotonou in Benin zu reisen ist auch nicht anders, als nach Prag zu fahren. Das erste Mal ist es überall tricky. Aber beim zweiten Mal kennt man schon die Wege, da ist es bereits einfacher. Ich war am Anfang in sechs Monaten fünfmal in Benin ..."

Während er das erzählt, ist Redjeb eigentlich im Stress. Abends wird das Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou in Frankfurt spielen, eine Band, die sich nach Jahrzehnten neu zusammengefunden hat, inspiriert von dem Erfolg eines Albums mit ihren Hits aus den siebziger Jahren, das bei seinem Label erschienen ist. Redjeb will die Musiker treffen und wird außerdem nach ihrem Auftritt auflegen. Dann muss er sich ganz schnell um ein Visum für Angola kümmern, wohin er in Kürze fahren will, um die nächste Veröffentlichung vorzubereiten, daheim arbeitet ein Tischler an neuen Plattenregalen, und schließlich ist für das Konzert heute Abend auch noch ein Freund aus London angereist, für den er sich eigentlich Zeit nehmen sollte. Doch von all dem merkt man nichts: Redjeb erzählt detailliert und ruhig, er wirkt, als gebe es nichts Wichtigeres als diesen Moment. Das ist wohl ein Teil seines Erfolgs: Man spricht gern mit diesem Mann.

Tantiemen an Musiker zu zahlen ist in Afrika unüblich. Redjeb tut es trotzdem

"Ich habe immer alle nach allem gefragt. Ich bin nicht steif, wenn ich mit Menschen rede, das merken die Leute. Und ich kann mich an alle Kulturen anpassen, auch weil ich selbst von mehreren Kulturen geprägt bin." Redjeb erzählt, wie er sich in Zimbabwe bei einer Plattenfirma bei jedem Besuch erkundigte, ob es nicht doch noch irgendwo einen Laden gebe, wo er alte LPs finden könne. Bis eines Tages, nachdem er die Frage zum zehnten, vielleicht zwanzigsten Mal gestellt hatte, jemandem ein Ort in der Provinz einfiel, in dem fast nur Minenarbeiter lebten. "Für Minenarbeiter ist Musik wahnsinnig wichtig. Die sind weg von zu Hause, ohne Frau und Familie, die haben sonst nichts. Und tatsächlich gab es dort ein riesiges Geschäft mit Tausenden von Platten, alle neu." Ein sagenhafter Fund. Aber letztlich nur einer von vielen. Redjeb sagt: "Wenn du einmal etwas findest, findest du immer wieder etwas." Auch das gehört wahrscheinlich zu seinem Erfolgsrezept: das tiefe Vertrauen, dass am Ende alles gut gehen wird.

Doch das Plattensammeln und der Verkauf von Dubletten an andere Sammler reichte ihm irgendwann nicht mehr - er wollte die Schätze, die er ausgegraben hatte, mit aller Welt teilen. Also gründete er 2005 eine Plattenfirma, ohne die geringste Ahnung vom Geschäft.

Seine erste Veröffentlichung war eine CD mit Aufnahmen von Zexie Manatsa und seiner Band Green Arrows aus Zimbabwe. Der Kontakt zu den Musikern war simpel: "In Afrika spricht man Künstler einfach an. Man geht nach einem Konzert zu ihnen oder besucht sie zu Hause. Jeder weiß, wo sie wohnen, aber keiner stört sie. Wenn man bei ihnen klingelt, ist es klar, dass man etwas von ihnen will." Und hat man erst mal einen getroffen, trifft man auch andere. "Die Musiker empfehlen dich weiter. Es gibt gar keine andere Möglichkeit. Alles läuft über Gespräche." Natürlich sind die Künstler erfreut über das Interesse an ihrer alten Musik, zumal Redjeb Tantiemen zahlt, was in Afrika nicht üblich ist: Viele Händler stellen zu Hause aus ihrer Plattensammlung Compilations auf Kassetten oder CDs zusammen, ohne dass die Musiker dafür je einen Cent sehen. Das wird nicht nur hingenommen, weil man ohnehin nichts dagegen tun kann, sondern auch, weil selbst illegale Kopien Werbung sind für Auftritte.

Für die Musiker des Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou bedeutete Redjebs Geld viel. Sie konnten davon ihre Instrumente reparieren lassen und sind jetzt auf einer Tour durch die Welt. In Angolas Hauptstadt Luanda, einer Metropole, die dank des enormen Wirtschaftswachstums des südwestafrikanischen Staates zur Zeit als eine der teuersten Städte der Welt gilt, lachten die Musiker über das Geld für die Lizenz: "Davon können wir jetzt alle einmal essen gehen, sagten sie. Da ist es den Musikern vor allem wichtig, dass die Musik veröffentlicht wird."

Viele solcher Episoden erzählt Redjeb in den dicken Booklets, die seinen CDs beiliegen. In dem Heft zu dem Album "Angola Soundtrack" etwa erfährt man, wie er in Kolumbien auf Musik aus Angola stieß und wie er über Kamerun und Gabun schließlich in São Tomé und Príncipe landete, wo er sich von einem Taxifahrer direkt vom Flughafen dahin fahren ließ, wo Platten verkauft werden. Weiter heißt es im Text: "Beim Aussteigen bat ich den Fahrer, das Taxi abzuschließen, weil mein ganzes Gepäck drin war, aber der antwortete: 'Das ist hier nicht nötig. Wir sind in São Tomé!'"

Viel Raum nimmt stets die Geschichte der Bands ein, für die Redjeb die Musiker ausführlich interviewt. Auch hier geht es um Details: Wie etwa in den siebziger Jahren unter dem sozialistischen Regime in Angola in Ungnade gefallene Musiker samt ihrer Musik verschwanden, aber auch, wie Zimbabwes Superstar Zexie Manatsa 1979 in einem Stadion vor 60 000 Menschen heiratete. So entsteht ein ungewohntes Bild Afrikas, das sich dramatisch von dem tagtäglichen Katastrophen-Gewitter aus den Nachrichten unterscheidet. Außerdem sind die Booklets eine Art nicht kopierbaren Mehrwerts, wie sie die Musikindustrie gerade dringend sucht. Dafür schreibt sie der Label-Chef aber eigentlich nicht. "Das muss einfach alles erzählt werden", sagt er lapidar.

Wie man ein Label betreibt, hat Redjeb ebenfalls in Gesprächen erfahren, von Menschen, die das schon länger machen. Die Details waren ihm dabei anfangs gar nicht wichtig. Die eigene Plattenfirma war für ihn ein Nebenjob, denn er war längst erfolgreich als DJ unterwegs und hatte außerdem lange Zeit eine halbe Stelle als Flugbegleiter, was seine Reisen billiger machte. So entmutigte es ihn nur wenig, dass seine ersten beiden CDs totale Flops waren. Redjeb machte unverdrossen weiter und wurde schließlich belohnt. Die dritte Veröffentlichung "African Scream Contest" war für sein Label international der Durchbruch.

Heute legt Redjeb weniger auf, weil seine Plattenfirma immer mehr Arbeit macht, er hat sogar eine Assistentin eingestellt. Aber natürlich fährt er immer noch selbst überall hin, spricht mit Musikern, stellt die Alben zusammen, schreibt die Booklets. Was einen unbeabsichtigten Nebeneffekt hat: Samy Ben Redjeb ist so etwas wie ein Graswurzel-Historiker für Afrika geworden. Aus all seinen Erfahrungen mit Menschen und Politikern, Schmiergeldern und dem Wunsch der Bevölkerung, ihr Leben zu verbessern, zieht er einen simplen Schluss: "In Afrika muss man dafür sorgen, dass man ohne den Staat zurechtkommt."

Abends gehen wir ins Konzert. Das Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou spielt in einem Keller-Club vor vielleicht 150 Zuschauern. Es ist ein unglaublicher Auftritt, die Musik ist zugleich hoch kompliziert und tanzbar - das ist die beste Band der Welt, zumindest an diesem Abend. Samy Ben Redjeb tanzt mit Freunden vor der Bühne, und dann formieren sie sich alle zu einer afrikanischen Polonaise, die sich lachend durch den Saal schiebt. Schon dafür hat sich die ganze Arbeit gelohnt. -