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Richterin María Stella Jara Gutiérrez

María Stella Jara Gutiérrez (links) glaubt an den Rechtsstaat. Dafür soll die Kolumbianerin büßen - mit ihrem Leben.




- Es gibt viele Arten, einen Menschen zu töten. Ein Pistolenschuss. Eine Salve aus dem Schnellfeuergewehr. Sprengstoff. Es ist alles nur eine Frage des richtigen Moments.

Für María Stella Jara Gutiérrez hatten ihre Killer alle drei Möglichkeiten ausgesucht. Es fehlte nur die passende Gelegenheit.

Es ist zwanzig nach neun am Abend in Barranquilla, einer Stadt an der kolumbianischen Karibikküste. Es ist tiefschwarze Nacht. Autos hupen. Von irgendwoher dringt Musik. Das mächtige Gerichtsgebäude ist verlassen. Nur in einem Zimmer brennt noch Licht. Davor stehen gelangweilt vier Polizisten, den Finger am Abzug der Maschinenpistole. Fragt man die Frau drinnen hinter dem Schreibtisch, wie sie in all das hineingeraten ist, schüttelt sie den Kopf, als habe sie auch keine Erklärung dafür. "Ich wusste immer, dass es schwer ist, in Kolumbien Richterin zu sein. Aber nie hätte ich gedacht, dass es so schwer würde. Die Kriminellen haben mich dazu verurteilt, auf der Flucht zu sein." Ihr einziges Vergehen ist, dass sie an den Rechtsstaat glaubt - ausgerechnet in einem gewaltgeplagten Land wie Kolumbien.

Es war der 9. Juni 2010, als Jara Gutiérrez ein Urteil fällte und damit den Zorn des Generalstabs der Armee, des Verteidigungsministers und des Präsidenten auf sich zog. An jenem Tag verurteilte sie nach zwei Jahren Verhandlungsdauer den pensionierten Oberst Luis Alfonso Plazas Vega zu 30 Jahren Haft. 67 Jahre alt war der Mann da. Vielen gilt er noch immer als Held des Vaterlandes.

Jara Gutiérrez ist 20 Jahre alt, als am 6. November 1985 in der Hauptstadt Bogotá 35 Guerilleros der Organisation M-19 den Justizpalast stürmen. Die Rebellen nehmen 300 Menschen als Geiseln, darunter die Richter des Obersten Gerichtshofs. Sie fordern, Präsident Belisario Betancour solle sich stellen, damit ihm der Prozess gemacht werde. Schon eine Stunde später steht Oberst Plazas Vega mit einer Panzerbrigade auf der Plaza Bolívar. Das Feuergefecht dauert von elf Uhr morgens bis in die frühen Stunden des nächsten Tages. Die Lage danach: 43 tote Geiseln, viele von Querschlägern der Armee getroffen. Elf tote Soldaten. 33 tote Guerilleros, mindestens drei von ihnen waren erschossen worden, nachdem sie sich bereits ergeben hatten.

Alle Überlebenden werden zum Verhör in das nahe gelegene Museum der Unabhängigkeit gebracht. Darunter auch sieben Angestellte der Cafeteria, drei zufällige Besucher und die Guerillera Irma Franco. Von diesen elf Menschen fehlt seither jede Spur, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Sicher ist nur, dass sie den Palast in Begleitung der Soldaten lebendig verlassen haben.

Wer für das Verschwinden und das Schicksal dieser Menschen verantwortlich ist, darüber muss Jara Gutiérrez entscheiden. Im Jahr 2008 sitzt sie der 3. Strafkammer in Bogotá vor, zuständig für Organisierte Kriminalität. Es sind die ganz großen Sachen, die dort verhandelt werden: Drogenkartelle, Bandenkriminalität, Auftragsmorde. Die Angeklagten sind mächtig, skrupellos und brutal. Welcher Richter welches Verfahren übernimmt, entscheidet das Los. Das Schicksal will es, dass Jara Gutiérrez den Fall " Justizpalast" zieht - der heikelste Prozess, der zu vergeben ist. Der Angeklagte Luis Alfonso Plazas Vega ist kein gewöhnlicher Krimineller, sondern ein hochdekorierter Oberst.

Jara Gutiérrez ist keine Frau, die sich vorgenommen hat, einmal Geschichte zu schreiben. Sie ist gern Richterin. Sie hat auf Recht und Gesetz geschworen. Sie liebt Ordnung und Disziplin und will sie durchsetzen. Auch gegen einen Mächtigen in Uniform. Doch seit sie dieses Verfahren auf dem Tisch hat, ist nichts mehr, wie es einmal war. Sie sagt: "Alles, was ich weiß, ist, dass es in meinem Leben ein Davor und ein Danach gibt."

Seither darf sie nicht mehr allein auf die Straße. Ihr Sohn ist zu ihrem Exmann gezogen, weil es bei ihr zu gefährlich ist. Ihre Wohnung in Bogotá hat sie aufgegeben. Die Justizverwaltung hat sie nach Barranquilla versetzt.

Dort sitzt sie in einem engen Büro und prüft das Protokoll des heutigen Sitzungstages. Vor Gericht stehen zwei Mitglieder der Bande "Helden des Maria-Hügels". Bei mindestens fünf Massakern an Campesinos, Kleinbauern, waren sie beteiligt. Die Paramilitärs haben die Schädel ihrer Opfer mit einem Eisenrohr zertrümmert. Jara Gutiérrez unterschreibt das Papier, legt es zu den Akten. Ihr Assistent wickelt eine Paketschnur um das Bündel und verknotet es. Dann ist auch dieser Tag geschafft.

Unten vor der Tür ist es heiß und schwül, es weht ein leichter Wind. Man riecht die feucht-süßliche Luft der Karibik. Jara Gutiérrez atmet tief durch. Ein Polizist hält ihr die Tür zum gepanzerten Jeep auf. Die Schlösser klacken. Der Fahrer gibt Gas.

Durch die getönten Scheiben blickt man in die Nacht wie in einen Fernseher. Die Umrisse von Fassaden huschen vorbei. Die hohen Bordsteine. Niemand spricht. Selbst das Röhren der vier Zylinder ist kaum wahrnehmbar, so dick ist der Stahl, der die Richterin schützen soll. Alles wirkt wie ein Film. Wenn man so will, ist sie Zuschauerin in ihrem eigenen Leben. Regie führen andere - die Killer, die sie jagen und die sie nicht kennt.

"La Rum-ba!", trällert ein Sänger aus dem Radio. Gute Laune ist sein Beruf. Jara Gutiérrez hat Ringe unter den Augen. Sie lehnt sich zurück in den Sitz, atmet langsam. Sie denkt darüber nach, wie alles anfing. Wenige Monate nachdem sie das Verfahren gegen den Oberst übernommen hat, bemerkte sie, dass die Metallabdeckung des Schlosses ihrer Wohnung in Bogotá lose und zerkratzt war. Dann der Bericht des Hausmeisters, ein Mann habe nach ihr gefragt. Und der Jeep mit den abgedunkelten Scheiben, der auf einmal immer da ist. Was das alles zu bedeuten hat, ist ihr lange nicht klar.

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35 000 Blatt Papier, 109 CDs mit Zeugenaussagen und Indizien umfasst die Akte im Fall Plazas Vega. Jara Gutiérrez wühlt sich durch die Dokumente, wertet alte Fernsehaufzeichnungen aus und hört Tonaufnahmen ab. Der Fall erregt großes Aufsehen. Auch weil die Justiz 25 Jahre gebraucht hat, ihn vor Gericht zu bringen. Die Angehörigen der Opfer sitzen im Gerichtssaal. Und viele Militärs. Die Richterin steht unter Beobachtung.

Wie weit ihre Gegner zu gehen bereit sind, das erfährt sie am 1. September 2009. Es ist ein kühler Tag in Bogotá, die Sonne dringt nur gelegentlich durch die Wolken. Gegen Mittag kommt die Sekretärin herein. Sie ist kreidebleich. In der Hand hält sie einen Umschlag. "Ist das eine Drohung?" Die Sekretärin kriegt keinen Ton heraus. Die Richterin nimmt das Schreiben. Es ist eine Karte mit einem Jesusbild, die Einladung zu einer Totenmesse ihrer eigenen. "Wir bestätigen, die Seele von María Stella Jara G. nimmt am Ewigen Leben teil."

Anbei ein Brief, unterschrieben von einem Wladimir Mosquera - der Deckname eines bekannten Paramilitärs. "Unsere Organisation hat Sie zu einem militärischen Ziel erklärt. Bald werden Sie mit Ihrer geliebten Familie verschwunden sein."

Jara Gutiérrez weiß keine andere Reaktion, als auf die Knie zu sinken, die Hände zum Gebet zu falten und Gott zu bitten, er möge ihr beistehen. Sie habe doch einen Sohn, der sie brauche. Und nichts Böses getan, "außer Recht zu sprechen". Was naiv klingt. Aber sie meint es genau so: Sie wendet das Gesetz an. Das ist es, was zählt. Egal, wer auf der Gegenseite steht.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie bedroht wird. Im Jahr 1990 ist der Prozess ihres Lebens noch fern, und sie ist Richterin auf Probe in einem kleinen Dorf im Urwald, wo es keine Polizei und kein Krankenhaus gibt. Die Guerilla schickt eine Botschaft: "Hier haben wir das Sagen." Sie lässt sich davon nicht beeindrucken. 1991 fährt sie mit einem Boot durch den Urwald und erklärt den Ureinwohnern die neue Verfassung. Tagelang ist sie unterwegs, schläft auf Bäumen, wegen der Raubtiere. Nie ist ihr etwas passiert.

Aber mit dem Drohbrief wird die Gewalt für sie plötzlich konkret. Seit 40 Jahren tobt in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt. Die linke Guerilla bekämpft den Staat. Die rechten Paramilitärs bekämpfen die Guerilla. Beide verdienen gut am Drogenhandel. Kolumbien ist der größte Kokainproduzent der Welt. Armee und Polizei mischen kräftig mit. Massaker, Auftragsmord, Entführung, Erpressung, Bestechung bestimmen die Abendnachrichten. Zwischen Juli 1996 und Juni 2009 wurden 36 698 Menschen aus politischen Gründen ermordet - die auf dem Schlachtfeld des Bürgerkrieges Gefallenen nicht mitgerechnet. Zwischen 2003 und 2009 zählte die Polizei 353 ermordete Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Richter.

Nach dem Drohbrief werden Jara Gutiérrez Leibwächter zur Seite gestellt. Aber sie weiß: Fast alle Richter, die erschossen wurden, hatten ebenfalls Polizeischutz. Nicht selten halfen die Beamten den Killern.

Als die Zeugenvernehmungen im Fall Plazas Vega abgeschlossen sind, arbeitet Jara Gutiérrez wie im Fieber am Urteil. Sie will das Verfahren loswerden. Jetzt drängt die Zeit.

Aus Angst geht sie nur noch in Einkaufszentren aus. Dort, so glaubt sie, kann man sie nicht so leicht erschießen. Doch am 28. September 2009 bemerken ihre Leibwächter, dass ihr mehrere Personen folgen. Sofort sichern zwei Polizisten ihren Sohn, zwei andere nehmen sie in die Mitte. Die beiden Gruppen trennen sich, flüchten auf unterschiedlichen Wegen zur Tiefgarage. Ermittler beschlagnahmen die Überwachungsvideos. Darauf ist klar zu sehen, wie acht Menschen immer um Jara Gutiérrez herumschwirren. Einer von ihnen läuft eine Treppe hinauf, unter seinem Hemd zeichnet sich deutlich eine Pistole ab.

Als sie die Bilder sieht, läuft ihr ein Schauer über den Rücken. "Warum wollen die mich umbringen?" Sie versucht das Unverstehbare zu verstehen. Sie will das Verfahren gegen Plazas Vega abgeben. "Aber das wäre der sichere Tod", glaubt sie, denn Leibwächter hätte sie dann keine mehr.

Mit ihrem Sohn führt sie ein Gespräch: "Wenn ich ermordet werde: Mach die Schule fertig. Sei fleißig. Werde nicht kriminell. Nimm keine Drogen! Versprichst du mir das?" Der Junge nickt. Dann schickt sie ihn zum Vater. Er kommt sie nur noch an den Wochenenden besuchen.

Es ist der 29. Mai 2010, ein Samstag. Noch drei Wochen bis zur Urteilsverkündung. Jara Gutiérrez geht in einem exklusiven Hotel in Bogotá zum Friseur, weil es dort Kameras gibt und die Räume von der Straße nicht einsehbar sind. Plötzlich stehen zwei Männer und eine Frau vor der Tür und schauen sie an. Jara Gutiérrez erschrickt, lässt sich aber noch die Fingernägel lackieren. Später isst sie mit ihrem Sohn in einem Restaurant zu Mittag. Da nehmen die drei am Nachbartisch Platz. Sie wird panisch. Flüchtet in einen Abstellraum. Sie bittet die Leibwächter, die Gläser und das Besteck der drei Unbekannten zu sichern. Dann hätte man immerhin deren Fingerabdrücke. Einer aber herrscht sie an: "Sagen Sie mir nicht, wie ich meinen Job zu machen habe!"

Die Gruppe wurde gefilmt. Es wird nie ermittelt, wer die drei waren.

Auch als in der Stadt Calí ein Auftragsmörder gefasst wird, helfen dessen Aussagen wenig. Der Mann hat einen Staatsanwalt erschossen. In dem Drohbrief an Jara Gutiérrez heißt es: "Ihnen wird es ebenso ergehen." Der Täter bestätigt, dass er von "dem Metzger" den Befehl erhalten habe, "eine große Runde in Bogotá zu drehen". Eine "große Runde" - das bedeutet Auftragsmord. Zielperson sei eine Frau gewesen. Aber sie sei gut bewacht worden. Man sei nie nah genug an sie herangekommen. Außerdem sei ihr Wagen gepanzert. Daher der Plan, eine Bombe darunter zu platzieren oder das Jeep-Dach im Stau mit der Maschinenpistole zu durchlöchern. Am Dach ist der Stahl oft nicht so dick. Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen.

In der Nacht vor der Urteilsverkündung legt sie ihre Matratze vor dem Schlafengehen auf den Fußboden ihrer Wohnung. Sie fürchtet, durchs Fenster erschossen zu werden. Jara Gutiérrez hat ein fast naives Rechtsverständnis: Sie ist davon überzeugt, dass das Unrecht nicht siegen darf. Daher spricht sie den verdienten Oberst Plazas Vega schuldig.

Im Ausland wird das Urteil gefeiert. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte gratuliert aus Genf zum "Ende der Straflosigkeit". Der Präsident des argentinischen Obersten Gerichtshofs applaudiert per Brief. Der emeritierte Juraprofessor Mario Madrid-Malo sagt: "Es ist eine sehr gut fundierte Entscheidung."

Das ist die eine Seite. Die offiziellen Reaktionen sind gewaltig. Drei Stunden nachdem die 320-seitige Urteilsschrift öffentlich wird, ergreift der damalige Präsident Alvaro Uribe im Fernsehen das Wort. Dass ein Mann, der so viel für das Vaterland getan habe, verurteilt worden sei, stimme ihn "traurig". Der Verteidigungsminister tritt gemeinsam mit Generälen im Fernsehen auf. Er sagt, das Urteil sei "ein Attentat gegen die öffentliche Ordnung".

In Kolumbien bedeutet das: Die Jagd ist eröffnet.

"Die Richterin Jara Gutiérrez hat den Oberst Plazas Vega ohne jeden Beweis verurteilt", sagt Thania Vega. "Das ist ein schlimmes Vergehen." Die Ehefrau von Oberst Plazas Vega ist eine elegante Dame von 57 Jahren. Dezent geschminkt, Silberringe an den Fingern, ein Silberarmband ums Handgelenk. Von ihrem Mann spricht sie als "Oberst Plazas Vega". Für das Treffen hat sie darum gebeten, dass man einen Besprechungsraum in einem Hotel in Bogotá bucht. Dort sitzt sie jetzt, vor sich zwei Bücher. Eines hat sie selbst geschrieben: "Welch Ungerechtigkeit!" heißt es. Das andere ist von ihrem Mann: "Verschwundene? Das Geschäft mit dem Schmerz."

Plazas Vegas Familie gehört zur Militärkaste Kolumbiens. Thania Vegas Vater war General. Ihre Schwester ist mit einem Uniformierten verheiratet. Die Militärs leben in ihrer eigenen Welt. Sie sind ein Staat im Staat, haben ihren eigenen Club, ihren eigenen Bischof, ihre eigene Universität und gute Drähte in die Politik. Bis zum Urteil von Jara Gutiérrez schienen sie unangreifbar.

"Warum auch immer sie so entschieden hat, eines weiß ich: Es ist Geld geflossen", sagt Vega. Ihr Mann war unter Präsident Uribe Chef der Antidrogenbehörde. Er hat das Vermögen der Drogenmafia eingezogen. Dafür habe er büßen müssen. "Das ist die Rache." Ist Jara Gutiérrez also korrupt? "Irgendjemand hat dafür bezahlt", sagt Vega. "Ich weiß nur, dass mein Mann unschuldig ist. Und ich werde so lange für seine Ehre kämpfen, wie es nötig ist."

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Für Plazas Vega geht es um die Ehre. Für Jara Gutiérrez ums Überleben. Tage nach der Urteilsverkündung flüchtet sie nach Deutschland. Das Hilfswerk Misereor kommt für ihren Aufenthalt auf, der Deutsche Richterbund hilft bei Formalitäten. Sie kann ein Jahr bleiben und zieht nach Aachen. "Ihnen bin ich unendlich dankbar", sagt sie. Aber das Exil macht ihr schwerer zu schaffen als gedacht.

Jara Gutiérrez ist keine Kämpferin. Sie hadert mit ihrem Schicksal. Im Jahr 1965 wird sie in der Gemeinde Cubarral in der Nähe von Bogotá auf dem Land geboren. Ihre Eltern sind Campesinos. Sie halten Rinder, bauen Kakao an, Mangos, Avocados, Tomaten. Ihr Vater arbeitet hart, "immer ein Vorbild für die anderen". Er unternimmt alles, um seine Kinder zur Schule zu schicken. Für ihr Jurastudium erhält sie ein Stipendium.

Von Cubarral nach Bogotá, von der Campesino-Tochter zur Richterin, ist es ein weiter Weg. Der Weg nach Aachen ist zu weit. Die deutsche Sprache fällt ihr schwer. Das Essen ist ungewohnt. Die Freunde fehlen ihr. Als im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen, weint sie. Außerdem fehlt ihr die Arbeit. Nie wird sie in diesem fremden Land Urteile sprechen können. Nach sechs Monaten kehrt sie wieder zurück nach Kolumbien.

Warum macht sie weiter? "Ich bin Richterin. Ich kann nicht so leicht umschulen. Was sollte ich tun?" Hinzu kommt: Das Geschehene kann sie nicht rückgängig machen. Sie steht auf der Todesliste. Egal, was sie jetzt tut.

Die Polizei bewertet ihr Risiko erneut. Ergebnis: "Extrem hoch." Es ist ihr verboten, allein das Haus zu verlassen. Immer sind ihre Bewacher um sie herum. Im Supermarkt, im Kino, im Restaurant. Sie wissen alles. Wann sie aufsteht, was sie gern isst, welche Unterwäsche sie kauft, dass sie Psychopharmaka schluckt. Besser geschützt wäre sie, wenn die Polizei ermittelte, wer sie ermorden will. Aber auch die Ermittler haben Angst.

Ein weiteres Risiko lauert in ihrer neuen Aufgabe. Barranquilla ist ihr fremd. Sie kennt dort niemanden. In dem Wahrheitstribunal, dem sie inzwischen vorsitzt, wird nicht Recht gesprochen. Ziel der Verfahren ist die Aufarbeitung von Verbrechen. Die beiden Paramilitärs, die dort angeklagt sind, dürfen auf eine Verkürzung ihrer Strafe hoffen, wenn sie dabei helfen, Verbrechen aufzuklären: Statt 60 Jahren und sieben Monaten säße einer der beiden höchstens acht Jahre lang im Gefängnis. Sie hält seine Reue für glaubwürdig. Aber wäre es anders - hätte Jara Gutiérrez den Mut, nach allem, was sie erlebt hat, zu sagen: Dieser Mann kooperiert nicht, er muss 60 Jahre hinter Gitter? Wenn er sie ansieht, erschrickt sie.

Am nächsten Morgen ist sie nicht da. Es ist Mittwoch, viertel nach acht. Schon vor einer dreiviertel Stunde wollte sie an der Pförtnerloge des Gerichts sein. Dabei ist sie stets pünktlich. Der "Heraldo" von Barranquilla berichtet an diesem Morgen auf Seite eins, dass ein Rechtsanwalt und ein Ermittler mit derselben Waffe erschossen wurden.

Sie geht nicht ans Telefon. Gestern Abend hat sie es in der Schreibtischschublade eingeschlossen, damit Gespräche im Raum nicht abgehört werden können. Dann hat sie den Blackberry dort vergessen. In der Nacht hätte sie nicht einmal um Hilfe rufen können. Ein Jeep mit getönten Scheiben kommt die Straße hoch. Er biegt in einen Hinterhof ab. Sitzt sie drin?

8.20 Uhr, die karibische Hitze brennt auf den Asphalt, Frauen schützen sich mit Regenschirmen vor der Sonne. Die Straße ist aufgescheucht nervös. Autohupen dröhnen. Dann, aus dem Chaos, auf einmal das blau-rote Blinken eines Polizeimotorrads. Daneben ihr gepanzerter Jeep. Er hält vor der Gerichtspforte. Unmittelbar dahinter ein weißer Toyota mit getönten Scheiben. Man kann nicht sehen, wer drinsitzt. Eine Scheibe öffnet sich einen Spaltbreit. Der Toyota überholt nicht. Der Beamte auf dem Motorrad dreht sich zu ihm. Da fährt der Wagen weiter. Zufall?

Minuten später sitzt Jara Gutiérrez, gehüllt in eine schwarze Robe, im Gerichtssaal. Das Gewand verleiht ihr Autorität, die Brille Strenge, das Mikrofon Macht. Sie ist nicht mehr auf der Flucht, sondern auf einer Mission. Die beiden Angeklagten sitzen ohne Handschellen fast neben ihr. Den ganzen Morgen über werden die Namen von Opfern der Massaker verlesen. Die Männer tuscheln. Jara Gutiérrez weist sie zurecht: "Seien Sie still! Hören Sie sich das an!" Mit einem Mal hat sie eine tiefe Stimme. Sie klingt streng, furchtlos. In der Pause lächelt sie. Zum ersten Mal.

Die Sekretärin bestellt ihr eine Kartoffelsuppe, sie muss dann nicht auf die Straße. Und ihr Mittagessen wird nicht zum Risiko. Wie lange das noch so gehen wird? Keiner kann das sagen.

Im Fall Plazas Vega läuft gerade das Revisionsverfahren. Um die Richter einzuschüchtern, gäbe es nichts Besseres als eine Leiche. Das Motiv wäre zwar durchschaubar. Angst bekämen sie trotzdem. Es wäre ein sehr durchsichtiger Mord. Aber die Logik der Gewalt ist banal.

Später am Abend sitzt sie wieder in ihrem Büro. Sie blättert nicht in Akten, sondern liest im Internet Schmäh-Artikel über sich. Plötzlich stürmt die Sekretärin herein. "Auf dem Dach nebenan steht eine Frau. Sie will sich hinunterstürzen!" Alle rennen zum Fenster. Nur Jara Gutiérrez bleibt sitzen. Schaut wie gebannt auf den Bildschirm. Sie liest einen Aufruf: "Freiheit für Plazas Vega! Knast für Richterin Jara!" Von drüben hört man das aufgeregte Kreischen der Sekretärin. "Nicht springen! Nicht springen!" Jara Gutiérrez regt sich nicht. Sie ist wie abwesend. Sie hat genug gesehen. -