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Monika Ebeling

Monika Ebeling hat ihr Amt als Gleichstellungsbeauftragte verloren. Weil sie auch für Männer kämpfte. Die wahre Geschichte ist komplizierter.




"Wenn eine Frau einen Mann diskreditieren will, reicht es, dass sie ihn als Täter hinstellt - dann traut sich keiner mehr nachzufragen."

- "Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden." Monika Ebeling schießen die Tränen in die Augen, als sie diesen Satz aus den SPD-Leitlinien zitiert. Neun Worte, die für sie deutlich machen, wie weit die Frauenbewegung die Männerverachtung getrieben hat. Als Ebeling die Worte im Goslarer Rathaus am Tag ihrer Abwahl vorlas, kämpfte sie ebenfalls mit den Tränen. Dicht drängten sich die Zuschauer, darunter auch Auswärtige, bei der Ratssitzung, deswegen war das Spektakel in die Diele verlegt worden: Man wollte miterleben, wie eine Galionsfigur vom Stadtrat abgesägt wurde.

Ebeling, selbst SPD-Mitglied, war bis vor Kurzem die Gleichstellungsbeauftragte der tausendjährigen Stadt am Harz, eine halbe Autostunde vom Blocksberg entfernt gelegen. Dann wurde sie abgewählt, und landauf, landab hieß es, das sei ihr widerfahren, weil sie sich auch für Männer eingesetzt habe. In Goslar sei eine "Hexenjagd" betrieben worden. Große Worte. Vielleicht war auch Ebelings Mission etwas zu groß. Aber es ist ihr zumindest gelungen, Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu gewinnen. Zunächst für geschiedene Väter, die darunter leiden, ihre Kinder nicht zu sehen zu bekommen, weil die als Druckmittel eingesetzt werden - von den Müttern. Und dann war es auf einmal der Einsatz für ein unterdrücktes Geschlecht, das nichts mehr zu lachen hat wegen des institutionalisierten Feminismus.

Dabei hatte sie sich jahrzehntelang für Frauen engagiert. "Ich komme, allein schon vom Jahrgang her, aus dieser Frauensozialisationsecke, bin mit Frauenbuchläden, Frauengruppen, Frauendiscos groß geworden", sagt Ebeling in ihrer Braunschweiger Altbauwohnung. Die 51-Jährige hat eine warme Stimme, kann fesselnd reden und sich sogar über die verfahrene Situation amüsieren, jedenfalls manchmal. Die vierfache Mutter, die außerdem noch 15 Pflegekinder großzog, hat ihr ganzes Leben lang in sozialen Berufen gearbeitet. Sie kümmerte sich um Drogenabhängige, war in der Müttergenesung tätig, der Krankenhaussozialarbeit und als Familientherapeutin. Zuletzt leitete sie eine Kita in Goslar, als sie das Angebot bekam, daneben noch die Halbtagsposition der Gleichstellungsbeauftragten zu übernehmen. Sie zögerte. "Wäre die Stelle für eine Frauenbeauftragte ausgeschrieben gewesen, hätte ich den Job auf keinen Fall gemacht." Denn vor zehn Jahren hatte sich Ebeling zu fragen begonnen: "Wo sind eigentlich die Männer geblieben?" Ihr Eindruck war: Der Feminismus hatte das andere Geschlecht seiner Stimme beraubt.

Einen knappen Monat nach Ebelings Abwahl, die Aufregung ist wieder abgeflaut, sitzen Heide Huwald-Poppe, 58, und Barbara Dancs, 53, bei Tee und Keksen in einem blühenden Garten. Dancs, weiche kurze Locken, sanfte blaue Augen, engagiert sich seit Jahren in Goslars Frauenarbeitsgemeinschaft, Huwald-Poppe, kinnlanges helles Haar und rote Wangen, ist die erste Vorsitzende des Kinderschutzbundes Goslar. Das also sollen die verbitterten Altfeministinnen sein, die den Sturm der Empörung gegen Monika Ebeling entfacht haben? Den Eindruck, Männerhasserinnen zu sein, machen die beiden nicht. Aber sie haben etwas gegen Monika Ebeling.

Die Geschichte von Dancs und Huwald-Poppe geht so: Ebeling war ein halbes Jahr im Amt, da hat die Gleichstellungsbeauftragte die Aktion "Blaue Weihnachtsmänner" ins Leben gerufen. Um auf Väter aufmerksam zu machen, die ohne ihre Kinder Weihnachten feiern müssen. Huwald-Poppe, die einen dieser verlassenen Väter durch ihre Arbeit für den Kinderschutzbund kannte, horchte auf: Seine Frau war vor ihm ins Goslarer Frauenhaus geflüchtet. "Wir dachten, das kann ja nicht sein", sagt sie.

Monika Ebeling erzählt von einem Mann, den seine Frau mitsamt Kind völlig überraschend verließ, der erst nicht wusste, wo seine Familie war. "Wenn eine Frau einen Mann diskreditieren will, reicht es, dass sie ihn als Täter hinstellt - dann traut sich keiner mehr nachzufragen", sagt sie. "Mich hat betroffen gemacht, mit welcher Leichtigkeit ein Verdacht ausgesprochen werden kann und welche Konsequenzen er hat, unabhängig davon, ob es zu einer Anzeige kommt."

Mit diesem Mitgefühl fing es an. Ebeling begann sich mit der einschlägigen Literatur zu beschäftigen. Sie stellte fest, dass in offiziellen Publikationen immer sowohl die männliche als auch die weibliche Form verwendet wird, nur bei einem Wort nicht: Den "Tätern" werden nie die "Täterinnen" gegenübergestellt. Wenn Ebeling über das Schicksal der Scheidungsväter redet, die "Bildungsmisere der Jungs" oder über Männer, denen ihre Frauen Gewalt antun und die niemanden haben, bei dem sie Hilfe suchen können, wird sie traurig. Also engagierte sie sich. Sie war ja Gleichstellungsbeauftragte, eine Position, die in Niedersachsen laut Gesetz nicht von einem Mann besetzt werden darf. Ein weiteres Argument für sie, dass die feministische Bewegung inzwischen ziemlich über das Ziel hinausgeschossen sei.

Natürlich könnten Männer bei Scheidungen zum Opfer werden, natürlich bräuchten sie dann Hilfe, sagt Huwald-Poppe an ihrem Gartentisch. "Es gibt immer zwei Seiten, und man muss auch beide beleuchten", pflichtet Dancs bei. "Wir als Frauenarbeitsgemeinschaft beleuchten die Frauenseite. Natürlich. Aber das hat Frau Ebeling nicht akzeptiert." Sie habe den ehrenamtlichen Damen vorgeworfen, nicht über den eigenen Tellerrand blicken zu wollen. Und sie habe in ihrem privaten Blog, verlinkt mit der Homepage der Stadt, gegen diese "verbitterten Altfeministinnen" gestänkert.

Im Gespräch mit Ebeling fällt auf, wie erfrischend ihre Sichtweise ist, wie vernünftig und ausgewogen sie formuliert. Im Gespräch mit Kritikern allerdings stellen sich Zweifel ein, ob es ihr wirklich darum gegangen sein kann, in diesem Städtchen etwas zu verändern. Oder ob sie nur ihr Urteil bestätigen wollte.

Die ehemalige Feministin wird Antifeministin. Ihre neuen Freunde sind begeistert

Renate Lucksch, eine von zwei Bürgermeisterinnen Goslars, sagt, Ebeling sei der Fokus verrutscht, sie spricht von "Realitätsverlust". Eine Gleichstellungsbeauftragte müsse mit den Einrichtungen vor Ort kooperieren können. Sie habe denen nicht zu sagen, wie sie ihre Arbeit zu machen hätten. Als der Gesprächsfaden schließlich abgerissen sei, sei sie nicht mehr zu halten gewesen. "Ebeling hat so viel Zuspruch von außen bekommen", sagt Lucksch. "Es tut jedem Menschen gut, wenn er gelobt wird, und so setzt man sich leichter über die Probleme vor Ort hinweg."

Der Zuspruch kam vor allem von Männer- und Vätervereinen, die begeistert waren, dass sich eine Gleichstellungsbeauftragte so für sie einsetzte. Ebeling besuchte deren Tagungen und Fortbildungen, sie schrieb für deren Medien. Und sie wurde Mitglied bei Agens, einem Verein, der sich "Mann Frau MITeinander" auf die Fahnen geschrieben hat, den Dialog zwischen den Geschlechtern fördern und das "Schweigen der Männer" beenden will. Auf dem Weg dahin wollen seine Mitglieder verschiedene Forderungen durchsetzen. Die einen wollen Frauenhäuser abschaffen und neue Wege finden, um häusliche Gewalt zu verhindern. Andere rufen nach der Abschaffung von Frauenförderung, Gleichstellungsbeauftragten und Gender Studies.

"Wenn ich auf der Straße mit einem Nazi rede, bin ich doch nicht gleich auch ein Nazi", sagt Ebeling. Es scheint, als solidarisiere sie sich mit den Feinden der Feministinnen, um zu beweisen, dass diese Frauen darauf mit Aggression reagieren. Das setzt diese ins Unrecht, denn es zeigt, dass sie an einem Dialog nicht interessiert sind. Vielleicht hat Ebeling deswegen auch selbst begonnen, die Meinung zu vertreten, dass Frauenhäuser abgeschafft gehörten. Die Debatte bei Agens & Co. erinnert manchmal frappierend an die um Thilo Sarrazin: ein Frontalangriff unter dem Deckmantel des längst überfälligen Tabubruchs.

Ende Juni in Berlin: Monika Ebeling ist mit zwei anderen Agens-Vertretern angereist, um dort an einer Podiumsdiskussion des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) teilzunehmen. Fünf feminismuskritische Debattenteilnehmer werden von der WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger - am Ende der langatmigen Diskussion, in der mit gedrechselten Statements und sich gegenseitig widersprechenden Studien um sich geworfen wird abgebürstet. Die eloquente Soziologin verletzt alle Regeln der Gastfreundschaft: Sie entschuldigt sich bei ihrem Publikum, dass sie Agens eingeladen habe, sie habe sehen wollen, was dahinterstecke, und nun wisse sie es: nichts. Die 55-jährige Professorin sieht sich in ihrer Wahrnehmung bestätigt, dass man es hier mit einer Gefühlslage zu tun habe, der die Empirie fehle, die aber gefährlich werden könne. Sie fürchtet eine Rückkehr zu überkommenen Werten.

Und wieder gibt es zwei Geschichten: die eine, die Allmendinger in ihrem entschiedenen Fazit zusammenfasst. Und jene der Feminismuskritiker, die sich in ihrem Weltbild bestätigt sehen, dass Emanzen jede Form von Dialog verweigern, um ihre Besitzstände zu wahren.

Immerhin hat Jutta Allmendinger die Diskussion gewollt, auch wenn sie vielleicht ihr Urteil schon zuvor gefällt hatte. Als Monika Ebeling bei "Stern TV" auftreten sollte, wurde sie kurz zuvor ohne Angaben von Gründen wieder ausgeladen. In derselben Sendung hatte Alice Schwarzer das Wort zum Kachelmann-Prozess.

Aber steht eine Alice Schwarzer tatsächlich für die heutige Entwicklungsstufe des Feminismus?

Am Wochenende vor dem Berliner Fiasko sprach Monika Ebeling noch auf einem Antifeminismus-Treffen in der Schweiz darüber, wie "aus dem feministischen Monolog endlich ein Dialog" werden könne, von der "weiblichen Macht", die "wie eine Naturgewalt über einen herfällt und Verwüstungen hinterlässt". Sie nannte den Geschlechterkampf einen "Dreißigjährigen Krieg". Starker Tobak: Da ging es nicht nur um die "entsorgten" Väter, die still leiden, sich zurückziehen oder aggressiv vorgehen, nicht nur um die demoralisierten, die im Obdachlosenheim landen nein, auch um Väter, die "schlimmstenfalls sogar mit ihrem Kind den Freitod wählen".

Auf ihrem Sofa in Braunschweig formuliert sie nicht einmal halb so krass. Sie stößt ihr Gegenüber nicht vor den Kopf, sagt einen vernünftigen Satz nach dem anderen. Vielleicht muss man provozieren, wenn man sich einer übermächtigen Gegnerinnenschaft gegenübersieht, wenn man Bewegung in diese festgefahrene Front bringen will. Die man damit aber zugleich zementiert.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht gibt es, wenn es um die Männer- und Frauenrolle in einer emanzipierten Gesellschaft wie Deutschland geht, eben nicht nur zwei Geschichten. Sondern Hunderttausende. Und jede ist anders, in jeder sind die Machtverhältnisse unterschiedlich. Es sind keineswegs immer die Frauen die Unterdrückten, und genauso wenig sind stets Männer die Unterdrücker. Bleibt die Frage, ob es einer Debatte hilft, indem man dennoch so tut als ob. -