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Die Kümmerer

Es gibt Orte, an denen nur bleibt, wer muss. Orte, die von allen guten Geistern verlassen scheinen. Aber das scheint nur so. Das Beispiel Osterholz-Tenever in Bremen.




• Es hat Zeiten gegeben, da war Osterholz-Tenever selbst den großen Discountern zu gefährlich. Diebstähle und Vandalismus waren an der Tagesordnung, die Straßen wurden von Banden wie den African Boys beherrscht, von den rund 2700 Wohnungen standen 1000 leer, in den Blocks stank es nach Urin und Abfall, kaum eine Tür hatte noch eine Klinke, kaum ein Treppenhaus Licht. Wer hier wohnte, hatte keine andere Wahl. Der Sozialstaat hatte ihn abgehängt, ausquartiert.

Im vergangenen Jahr hat an der Ecke Otto-Brenner-Allee/Koblenzer Straße ein Aldi-Markt eröffnet. Alle Wohnungen sind jetzt vermietet, im Viertel gibt es Cafés, Initiativen, verschiedene Kitas, Spielplätze, ein Schwimmbad und eine Gesamtschule, die in jedem Jahr Bewerber abweisen muss. Das "Wunder von Tenever" nennen es viele. Aber hinter Wundern stehen in aller Regel Menschen.

1. Der Sanierer

Das Projekt begann im August 2000 im Senat und war für Bremer Verhältnisse gewaltig: Das Problemviertel Tenever sollte komplett saniert werden. Konkret ging es um die Umgestaltung von 2649 Wohnungen, in denen mehr als 10 000 Menschen lebten. 5000 von ihnen in jenem weithin sichtbaren, dicht gedrängten Hochhaus-Dschungel aus den siebziger Jahren, der einmal als modern gegolten hatte.

Mehr als 80 Millionen Euro kostete die Sanierung des Quartiers am Ende. Daran beteiligte sich das Land Bremen mit gut 36,5 Millionen Euro, der Bund mit 3 Millionen, die restlichen 42 Millionen brachte die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewoba auf. Doch bis dieses Geld geflossen und damit die erste Runde abgeschlossen war, türmte sich Problem auf Problem, und mehr als einmal drohte das Projekt zu scheitern.

Ralf Schumann ist einer von denen, die dafür sorgten, dass es immer wieder weiterging. Er war von der Stadt als Geschäftsführer der eigens gegründeten Gesellschaft OTG mit der baulichen Seite des Projekts beauftragt worden. Seine OTG sanierte in den darauffolgenden Jahren sämtliche Wohnungen, Flure, Eingänge, renovierte die Fassaden, baute neue Fenster, Bäder und Heizungsanlagen ein. Sie veränderte Grundrisse, legte Wohnungen zusammen und ließ Hochhaus-Blocks mit rund 930 Wohnungen "rückbauen", wie Schumann mit einem Hauch Ironie sagt. Sie legte neue Außenanlagen mit Grünflächen und Spielplätze an. Und sie nahm eine kleine Veränderung vor, die später eine unerwartet große Wirkung entfalten sollte: Jeder Block bekam am Eingang einen kleinen Raum für einen Concierge.

Der Job, den meist Arbeitslose übernahmen, erwies sich bald als vielseitiger, als anfangs gedacht. Die Hausbetreuer nehmen Pakete entgegen, lassen Handwerker in die Wohnungen, trösten Kinder, wenn ihre Eltern nicht erreichbar sind, plaudern mit den Bewohnern, wenn die mal Langeweile haben. Vor allem aber sind sie da. Allein schon ihre Anwesenheit sorgt dafür, dass sich keiner mehr unbeobachtet fühlen kann. Und so vermitteln sie in der Nachbarschaft ein Gefühl von Sicherheit.

Schumann, ein kleiner dunkelhaariger Mann mit Brille, kann sich noch heute freuen, dass er die aus Frankreich stammende Idee damals umgesetzt hat. Genauso wie die Kampagne, mit der sie nach Abschluss der Bauarbeiten den Bremern erklärten, dass es das düstere Osterholz-Tenever nicht mehr gab. OTe sollte es künftig heißen, und dass OTe heller ist, war auf Postern, Plakaten und Anzeigen in Bussen, Straßenbahnen und in Zeitungsbeilagen zu lesen. Bald wagten sich die ersten Besucher ins Viertel, die Wohnungen fanden schnell neue Mieter. Das aber lag vor allem an Schumanns Kampfpreisen: 499 Euro warm für 73 komplett sanierte Quadratmeter. Er habe unter 500 Euro bleiben wollen, erklärt er, weil das für viele Suchanfragen im Internet eine Obergrenze sei.

Der eher stille und beobachtende Mann kommt auf Touren, wenn er von OTe erzählt. Denn dieses Projekt ist ihm zum persönlichen Anliegen geworden, zu einem, das er sich nicht einfach aus der Hand nehmen lässt. Genau das aber drohte 2004, kaum ein Jahr, nachdem die Sanierungsarbeiten endlich begonnen hatten. Bis dahin musste Schumann erst einmal dafür sorgen, dass er auf die zu sanierenden Objekte auch Zugriff hatte. Mehr als 1300 Wohnungen im Viertel waren zu Projektbeginn bereits in der Zwangsversteigerung oder gehörten Eigentümern, die von einer Sanierung nichts wissen wollten. In zähen Verhandlungen gelang es ihm, diese Wohnungen für rund 1,2 Millionen Euro für die OTG zu erwerben. Seit 2003 gehörten der Gesellschaft damit nahezu alle Hochhäuser in Tenever, die Sanierung konnte endlich beginnen - doch da verließ die Stadtväter der Mut.

Die finanziellen Risiken erschienen ihnen auf einmal zu hoch, die Aussicht auf Erfolg zu klein - aber sie hatten nicht mit Schumanns Widerstand gerechnet. Der einstige Betriebsratsvorsitzende konferierte, warb, drohte, entwarf Schreckensszenarien für den Fall, dass Bremen das Viertel fallen lasse. "Das wäre ein Absturz für die ganze Stadt gewesen!" Davon ist Schumann bis heute überzeugt. Vor allem aber wäre es ein verheerendes Signal für die Bewohner gewesen.

Wenn er von den Menschen spricht, wird schnell klar, dass Schumann nicht vergessen hat, wie es war, als siebtes Kind im Hamburger Arbeiterviertel Dulsberg aufzuwachsen. "Ich setze mich mit meinen Möglichkeiten dafür ein, dass es den Menschen in meinem Umfeld besser geht." Er sorge schon mal dafür, dass eine Familie eine neue Küche außer der Reihe bekomme, erzählt eine Bewohnerin. Andere sagen, dass er großzügig sei, wenn Mieter in finanzielle Not gerieten und nicht pünktlich zahlen könnten. Immer wieder widme er Flächen um und passe sie an die Bedürfnisse der Bewohner an.

Mit Nettigkeit allein kommt allerdings niemand weit, erst recht nicht in Tenever. Und weil Schumann das weiß, ist er streng und konsequent, wenn sich einer nicht an die Regeln hält. Wer etwa den Müll in den Hausflur kippt, muss mit einer Kündigung rechnen. Auseinandersetzungen scheut Schumann ohnehin nicht. Regelmäßig nimmt er an den Stadtteilsitzungen teil, auch heute noch, nachdem die OTG aufgelöst wurde und er nun für Tenever in der städtischen Gewoba zuständig ist. Die Zusammenkünfte sind für den Vertreter einer Wohnungsbaugesellschaft oft genug ziemlich unerfreulich, da wird es auch schon mal persönlich. "Das gehört dazu", sagt Schumann.

Es gehört für ihn auch dazu, dass ein solches Projekt nie zu Ende ist, dass "man sich um ein solches Viertel im Grunde genommen immer kümmern muss". Deshalb sei es umso wichtiger, vor Ort und ansprechbar zu sein. Im Tenever-Zentrum hat die Gewoba-Außenstelle inzwischen großzügige Räume bezogen; früher hatte die Eigentümerin dort nur ein winziges Büro. Die neuen Räume sollen den Mietern gleich beim Betreten signalisieren: "Wir nehmen euch ernst, wir kümmern uns um eure Belange."

2. Der Quartiersmanager

Ob es das Wunder von Bremen hätte geben können ohne einen wie Joachim Barloschky? Nicht wenige im Viertel haben da ihre Zweifel. Der schlanke, ruhelose Mann lebt seit 1982 in Tenever. Und er hat schon den Mund aufgemacht, als der Stadtteil noch als verloren galt.

Er holte die Leute zusammen, organisierte Selbsthilfegruppen und Proteste gegen die schlimmen Zustände im Viertel. Vermutlich war es eine Art Notwehr, dass ihn die Stadt 1990 zum Quartiersmanager bestellte.

Barloschky ist ein Kämpfer, und er ist sich treu geblieben. Als Jugendlicher engagierte sich der Lehrersohn für soziale Projekte, später organisierte er für die DKP die Pressearbeit. Bis heute liest er das Kommunistische Manifest. Teilhabe ist eines seiner Lieblingswörter, menschenwürdig auch. Und Liebe und Leidenschaft.

Er liebt die Menschen. Anders wäre er in Tenever wohl nicht so weit gekommen. Natürlich hat er es nicht allein geschafft, den Kinderbauernhof, das Mütterzentrum, das Zentrum für Frauengesundheit, die Seniorenwerkstatt, das Café "Abseits", die Kitas, das Arbeitslosenzentrum oder etwa die Schwerbehinderten-Initiative "Handycap" in die Wege zu leiten. Er hatte Helfer. Aber die hatte er vor allem, weil er jemand ist, der andere mitreißt und ermutigt, selbst die Initiative zu ergreifen.

Seit dem 1. Juli ist er im Vorruhestand. Eine Krebserkrankung zwingt ihn, sich "ein bisschen mehr um meine Gesundheit zu kümmern". Sein Abschiedsfest am 22. Juni im OTe-Zentrum wurde zum gesellschaftlichen Ereignis. Gut 400 Leute waren gekommen, viele fanden im aufwendig renovierten großen Saal des Gebäudes keinen Sitzplatz mehr. Sie gaben ein buntes Bild ab; man sah Saris, Kopftücher, unterschiedliche Hautfarben. Und Kinder, viele Kinder.

Der Mann, den sie hier Barlo nennen, ist für die Menschen im Viertel ein Held. Jeder, an dem der drahtige dunkelblonde Mann im kurzärmeligen, bunt karierten Hemd vorbeigeht, will ihm ein paar persönliche Worte sagen. Manche berühren ihn wortlos. Barlo legt ihnen den Arm um die Schulter, drückt sie. Er umarmt gern, Alte und Junge, Männer und Frauen. Es ist für ihn eine Art der Kommunikation.

Die Jugendlichen aus dem Viertel haben für ihn Rap-Songs und Tänze einstudiert, ein Cellist der Bremer Kammerphilharmonie spielt zum Ausstand. Frauen aus den vielen Stadtteilinitiativen tragen auf der Bühne Amüsantes und Besinnliches vor. Auch Jens Böhrnsen, Bremens Bürgermeister, lässt es sich nicht nehmen, den Quartiersmanager Joachim Barloschky höchstpersönlich mit einer Rede zu verabschieden. Man kennt sich von früher; 1968 haben sie gemeinsam die Bremer Straßenbahn blockiert, um gegen Fahrpreiserhöhungen zu protestieren.

Wer wissen will, wie sich der Quartiersmanager so viel Liebe und Zuneigung verdient hat, geht am besten in die Stadtteilgruppe, Barloschkys Baby. Sie ist der Schlüssel für die Veränderungen im Viertel. Hier treffen sich alle sechs Wochen die Bewohner des Quartiers, hierher kommen Politiker, Vertreter von öffentlicher Verwaltung und Wohnungsbauunternehmen, von Schulen und sozialen Einrichtungen genauso wie Gewerbetreibende. Jeder darf teilnehmen, alle haben das gleiche Rederecht, jeder darf vortragen, was ihm wichtig ist. Alle Anliegen werden gehört, alle werden ins Protokoll aufgenommen. Es geht um zu kurze Ampelphasen, Müllbeseitigung, Kitaplätze, Meckereien. Um alles eben, was die rund 10 000 Menschen dieses Quartiers so beschäftigt.

Vor allem aber geht es um Projekte, die die Lebensqualität in Osterholz-Tenever verbessern sollen. In der Stadtteilgruppe werden sie vorgestellt und diskutiert. Und es wird darüber entschieden, ob und mit wie viel Geld sie gefördert werden. Barloschky hat durchgesetzt, dass die Gruppe die Finanzhoheit über jährlich 300 000 Euro hat. Und dieses Geld wird nur verteilt, wenn in der Gruppe Konsens über dessen Verwendung herrscht. Antragsteller sind Bewohnergruppen, Ämter, Schulen, soziale Vereine oder die Wohnungsbaugesellschaften. Insgesamt 540 Projekte hat das Bewohnergremium in den vergangenen 20 Jahren angestoßen.

Die Beteiligung, das Abwägen von Interessen, das Ringen um eine von allen getragene Lösung musste in Tenever erst geübt werden, vor allem, wenn es ums Geld geht. Als etwa die Umbaumaßnahmen für das Café Abseits unterstützt werden sollten, das von einer Initiative Drogen- und Alkoholabhängiger gegründet wurde, lehnten viele in der Stadtteilgruppe erst einmal ab. "Geld für Säufer? Nicht von uns!" Am Ende wurde das Projekt doch gefördert, nach zähen Verhandlungen. Denn alle Entscheidungen müssen im Konsens getroffen werden.

Barloschky ist es wichtig, den Weg zur Konsensentscheidung und zur Bewilligung der Gelder ausführlich zu beschreiben. Er ist gepflastert mit Treffen, Warteschleifen, Diskussionen und neuen Diskussionen. Weniger idealistische Menschen verlören die Geduld. Barloschky, den Moderator, stört das viele Hin und Her, das Für und Wider nicht. Im Gegenteil: "Menschen engagieren sich, wenn sie merken, dass ihre Argumente ernst genommen werden, sonst lassen sie es beim nächsten Mal."

Ohne die Beteiligung vieler, ohne Transparenz wäre das Wunder von Tenever nicht geglückt, das steht für ihn fest. Die Videoüberwachung im Viertel, die Concierges in den Hauseingängen wären wohl kaum akzeptiert worden, wenn sie einfach über die Köpfe der Menschen hinweg eingeführt worden wären. Heute sorgen sie für ein Gefühl von Sicherheit.

Sicherheit ist ein großes Thema in Tenever. Mittlerweile liegt die Kriminalität im Bremer Durchschnitt. Dazu trägt das Engagement der Bürger bei, natürlich. Aber Barloschky ist nicht naiv: "Ohne die Polizei geht es nicht", sagt er. Und er ist froh, dass die hier diensthabenden Beamten mit Augenmaß agieren. Im Gegenzug werden sie in die Entscheidungen der Stadtteilgruppe einbezogen oder zumindest ausführlich informiert. Und das, so wünscht sich der Quartiersmanager zum Abschied, solle unbedingt so bleiben.

3. Der Schulleiter

Franz Jentschke hält das Prinzip des Hinguckens, wo andere lieber weggucken, für unerlässlich. Jentschke ist Schulleiter an der Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) in Osterholz-Tenever. Und er hat erfahren, dass Beachtung und eben auch Beobachten Grundvoraussetzungen für ein harmonisches und produktives Miteinander sind. Er selbst ist immer mit aufmerksamem Blick unterwegs und erwartet das auch von den Kollegen. Gerade hat er einen Schüler mit Ohrhörern angehalten, weil die auf dem Schulgelände verboten sind. "Der Junge war ganz erstaunt, weil er dachte, die seien nur im Unterricht nicht erlaubt", erzählt Jentschke. Nein, habe er ihm erklärt, "die sind auf dem gesamten Gelände bei uns verboten, weil du nicht hörst, wenn dich jemand anspricht".

Seit 30 Jahren ist Jentschke im Amt. Seitdem ist an der Schule viel passiert. Wenn man so will, sind er und seine Stellvertreterin Annette Rüggeberg für ihre Schule das, was Joachim Barloschky fürs Viertel ist. Als Franz Jentschke 1981 Chef der Schule wurde, bekam er nicht einmal genug Kinder für vier Klassen zusammen. Zu schlecht war der Ruf, selbst für Tenever. Mittlerweile gehen zwei Drittel der Kinder im Viertel auf die GSO, und er muss regelmäßig um die hundert Absagen an Eltern verschicken. Dabei ist die Schule mit etwa 1350 Kindern inzwischen die größte allgemeinbildende Schule in Bremen.

Die Schüler kommen, weil diese Schule für sie Hoffnung bedeutet. Es sind die vielen kleinen Dinge. Der Verhaltenskodex, den sich die Schule gegeben hat, macht den Umgangston freundlich, und er hat zusammen mit der konsequenten Umsetzung der Regeln dazu geführt, dass es hier in den vergangenen Jahren keine Schlägereien oder Vandalismus mehr gegeben hat. Es ist aber auch der Unterricht eines engagierten Kollegiums, das Freude daran hat, zu sehen, wie sich selbst schwierige Kinder positiv entwickeln.

Das soll nicht heißen, dass die GSO ein Idyll geworden ist. Für die Kinder, die aus mehr als 80 verschiedenen Ländern kommen, ist das Leben in Tenever trotz aller Verbesserungen nicht immer einfach. Ihre Eltern haben oft wenig Zeit oder zu wenig Kraft, sich um sie zu kümmern. Viele der Jugendlichen haben Konzentrationsschwierigkeiten oder sprechen nicht besonders gut Deutsch. Und manche haben nie erlebt, dass sich Einsatz lohnen kann oder sie selbst etwas können. "Damit haben dann auch die Mitschüler und die Lehrer zu kämpfen", sagt die stellvertretende Schulleiterin Annette Rüggeberg.

Jentschke erwartet von seinen Kollegen weit mehr Einsatz, als im Lehrplan steht. Die GSO war beispielsweise die erste Ganztagsschule Bremens; auch die zahlreichen Schulprojekte, der Sport, die Arbeitsgruppen, die Musikprojekte, oft bis in den späten Abend, erfordern zusätzliches Engagement. "Nach eins ist meins" galt hier nie, sagt Jentschke, vielmehr gelte die 20-40-Regel: 20 Prozent mehr Arbeit bei 40 Prozent mehr Spaß als anderswo. Das muss wohl so sein, denn anders ist kaum zu erklären, dass Frühpensionierungen mittlerweile die absolute Ausnahme sind. Früher waren sie eher die Regel. Und das erklärt auch, warum sich mittlerweile Lehrer aus ganz Deutschland um einen Job an seiner Schule bewerben.

Die Schüler erwartet ein Ort, wo Mitmachen und Teamgeist gefragt sind. Beides kann man im Sport beweisen. Oder in der Musik: Seit dem Umzug der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen auf das Schulgelände ist die GSO berühmt (siehe brand eins 08/2007), und auch für die Schüler eröffnen sich durch die Nachbarschaft zum 36-köpfigen Ensemble ganz neue Möglichkeiten. Dabei begann 2003 alles mit einem Erpressungsversuch.

Damals hatte Jentschke die überfällige Sanierung des Gebäudes genutzt, um der Schule durch Mensa, Sportplatz, Theaterbühne und eine offenere Architektur eine ganz neue Struktur zu geben. Die Verantwortlichen in der Stadt machten zähneknirschend mit, bis sie die Pläne für die neue Aula sahen. Sie stellten den Schulleiter vor die Wahl: Entweder gab er den großen Saal auf, oder er vermietete an das Orchester unter. Der Schulleiter traf sich mit Albert Schmitt, dem Geschäftsführer des Orchesters, und beiden wussten sofort: Das passt.

Bei den Musikern, erzählt Schmitt, seien die Meinungen auseinandergegangen. Viele hatten schlicht Angst, ihre kostbaren, mehrere 10 000 Euro teuren Instrumente in ein solches Umfeld zu bringen. Außerdem: Was würden die Konzertbesucher davon halten? Ein weltbekanntes Orchester spielt an einer solchen Schule? Einige hofften inständig, dass das Thema mit der Überprüfung der Akustik im Saal vom Tisch wäre. Aber es kam anders. Die Akustik ist sogar gut genug für Audio-Aufnahmen. Heute sind die Musiker mindestens so begeistert wie ihr Chef. "Die Schule passt gut zu uns", sagt Schmitt. "Wir sind ein Orchester, das Spannungen gut aushalten kann. Das beflügelt uns sogar. Wir haben gelernt: Hochleistung braucht Dissonanz."

Inzwischen hat sich ein freundliches Miteinander entwickelt. Schüler kommen zu den Proben, die Musiker erklären den Kindern den Klang der Instrumente, gehen mit ihnen die Noten durch. Das war schon viel, und dabei hätte man es belassen können. Aber Jentschke, Rüggeberg und Schmitt wollten mehr: eine gemeinsame Aufführung von Schülern, Musikern und Interessierten aus dem Stadtteil.

Gegeben werden sollte "Faust II". So gut wie keiner der Schüler hatte vorher Berührung mit klassischer Musik, fast keines der Kinder hatte je auf einer Bühne gestanden. Und keines hatte je über Monate hinweg konzentriert an einer Sache gearbeitet, noch dazu mit professionellen Musikern, Regisseuren und Kostümbildnern. Das Stück wurde ein voller Erfolg. Und inzwischen hat es schon zwei weitere Stadtteilopern gegeben. Zuletzt Janoschs Stück "Polski Blues", bei dem mehr als 300 Schüler, Musiker und Helfer mitgemacht haben. Und wie schon bei Faust war das Viertel voll engagiert: Die Frauen aus dem Mütterzentrum nähten die Kostüme, viele kamen zu den Proben, alle wollten nach dem Erfolg der beiden vorigen Aufführungen helfen. Mittlerweile locken die gemeinsamen Produktionen auch Menschen aus anderen Stadtteilen nach Tenever. Sogar aus dem benachbarten Oberneuland kommen Besucher. Oberneuland ist das Blankenese, das Grünwald, das Dahlem Bremens. "Die meisten sind erstaunt, dass so etwas hier möglich ist", sagt Annette Rüggeberg.

Über die Zeit sind Beziehungen zwischen den Musikern und den Schülern gewachsen. Es gibt ein hübsches Foto davon, wie der Kontrabassist in New York bei Eis und Schnee am Briefkasten steht und eine Postkarte an "seine Kinder" in Tenever einwirft. Die Normalität und Verlässlichkeit des Miteinanders stärken viele der Schüler. Sie wissen, dass sie im kommenden Jahr wieder bei einer Aufführung mitmachen können "Das ist für die Schüler hier ganz wichtig, um ihnen Selbstvertrauen zu geben", sagt Franz Jentschke.

Ein erstes Fazit

Was die Zusammenarbeit verändert, hat Professor Klaus Boehnke von der Jacobs University Bremen untersucht. Die Ergebnisse sind beflügelnd und ernüchternd zugleich. Für seine Untersuchung hat Boehnke drei Vergleichsgruppen gebildet: zum einen die Kinder, die vergleichsweise gut mit materiellen Dingen ausgestattet sind. Ihre Familien haben ein Auto, fahren in Urlaub, besitzen einen Computer. Diese Gruppe macht 25 Prozent aus. Die mittleren 50 Prozent sind schlechter ausgestattet. Die unteren 25 Prozent der Familien leben in sehr schwierigen Verhältnissen.

Ausgerechnet die Mitglieder dieser letzten Gruppe - und hier besonders die Jungen - gaben an, dass es ihnen durch die Kooperation mit der Kammerphilharmonie schlechter gehe. Sie fühlten sich in der Gemeinschaft der Schule unwohler als vorher. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Wahrscheinlich, vermutet Boehnke , werde ihnen klar, was ihnen fehle. Das mache sie wütend.

Viel besser geht es hingegen den Jungen aus der mittleren Gruppe. Sie erleben, dass sich ihr Einsatz lohnt, und das trägt sie auch durch den Rest ihres Lebens. Sie geben an, dass sie in der Klassengemeinschaft besser zurechtkommen, dass ihre Leistungen besser geworden sind. Die Kinder aus der oberen Vergleichsgruppe profitieren ebenfalls, wenn auch im Verhältnis weniger stark.

Albert Schmitt und Franz Jentschke machen diese Ergebnisse nachdenklich, aber sie lassen sich nicht entmutigen. "Vielleicht", sagt Jentschke, "fällt uns für diese Jungen noch etwas ganz anderes ein. Vielleicht müssen wir aber auch akzeptieren, dass wir nicht allen helfen können."

Aber so weit ist es noch nicht. ---

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