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Datameer Big Data Halle

Die Investoren von KPCB sind eine Legende im Silicon Valley. Viele Gründer gäben alles dafür, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und dann sucht KPCB sich ausgerechnet eine kleine Programmiererbude aus Halle aus. Warum?




- Stefan Groschupf würde gern Namen nennen. Den des großen Smartphone-Herstellers, der mit seiner Software Fehleranalyse betreibt. Oder den US-amerikanischen Handelsriesen, der mit dem Analyse-Tool seiner Firma Datameer "das Marketing auf eine neue Qualitätsstufe heben will". Am liebsten würde er von dem Kunden an der Wall Street erzählen, der mit einer halben Million in Halle an der Saale geschriebenen Javascript-Programmierzeilen versucht, Verhaltensmuster an den Aktienmärkten zu entdecken.

Doch der 34-jährige Gründer beißt sich auf die Lippe. Er wägt ab, wie viel Eigenwerbung wohl in Europa, fernab der neuen Heimat Kalifornien, erlaubt ist. Und kommt zu dem Ergebnis: "Ich kann das leider nicht riskieren. Vielleicht ändert sich das irgendwann. Aber bislang analysieren wir im Hintergrund. Und unsere Kunden wollen das so."

Spezialisten für Datenanalyse scheuen die Öffentlichkeit. Das Geschäft ist diskret und die Aufgabe für Laien wenig aufregend. Groschupfs Geschichte hingegen liest sich wie ein Märchen. Die Kurzfassung geht so: Junger Computer-Nerd aus der ostdeutschen Provinz gründet eine kleine Firma. Technisch ist die Truppe toll aufgestellt. Kaufmännisch agiert sie aber ungeschickt.

Zweimal geht die Firma praktisch pleite. Der Gründer bekommt bei einem Feierabendprojekt Kontakt zu wichtigen Software-Entwicklern aus dem Silicon Valley. Die helfen ihm, sein eigenes Potenzial zu erkennen. Stefan Groschupf fliegt in die USA und akquiriert dort Aufträge für die Truppe zu Hause. Endlich brummt das Geschäft, und die kleine Firma gerät auf den Radar von Risikokapital-Investoren. Datameer verlegt seinen Hauptsitz nach Kalifornien und zieht das große Los: Knapp zwölf Millionen US-Dollar Kapital werden in die Firma investiert. Die verschenkt auch an der Westküste niemand.

"Stefan hat starke Führungsqualitäten, eine klare Vision, viele Jahre Entwicklungserfahrung und den Mut, die Welt der Unternehmens-Software grundlegend zu verändern", sagt Ellen Pao, Partnerin bei der Investmentfirma Kleiner Perkins Caufield & Byers (KPCB). Für eine solche Bewertung würden viele IT-Gründer eine Menge geben. Schließlich gehört KPCB zu den frühen Investoren von Google, Amazon.com, Sun Microsystems, Facebook und Zynga. Von Groschupfs Software ist Pao mindestens so überzeugt wie vom Gründer: Sie sei einfach zu installieren, unkompliziert zu bedienen und dennoch extrem gut. Anders formuliert: "Die Datameer-Lösung kann alles und noch mehr."

Die Fortsetzung der Datameer-Geschichte hat Ellen Pao ziemlich konkret vor Augen: Für einen IT-Riesen eigne sich die Datameer-Lösung ideal als technische "Ergänzung".

Das heißt, wenn ein Großer viel Geld für Datameer auf den Tisch legt, ist man im Geschäft. Aber grundsätzlich favorisiere man den Königsweg, den Börsengang. Der steht bei amerikanischen Softwarefirmen in der Regel für Einnahmen von mindestens einer Milliarde Dollar. In Deutschland hat von der spektakulären Investition kaum jemand Notiz genommen. Stefan Groschupf scheint das nicht zu wundern.

Schwere Daten, großes Geschäft

Der Hallenser sitzt in der abgerockten Altbauwohnung, in der Mitte der neunziger Jahre alles begann. Die Jeans sind weit, die Turnschuhe markenlos, und das Hemd ist ungebügelt. Der Tüftler steckt noch unübersehbar im Geschäftsmann. Seinen Erfolg bei den amerikanischen Kunden und Investoren verdankt der Programmierer Stefan Groschupf aber der Gabe, Funktion und Wert seiner Software so zu erklären, dass auch Nichtprogrammierer sie verstehen.

Die fortschreitende Digitalisierung produziert immer mehr Daten in den IT-Systemen von Unternehmen. Sie stammen aus Produktion und Handel, von Smartphones, Kunden, Logistiksystemen oder aus der Personalabteilung. Viele Daten gehören den Unternehmen. Immer mehr jedoch sind im Internet frei zugänglich. "Unser Produkt ermöglicht es Unternehmen, immer mehr Daten immer schneller immer einfacher zu analysieren", sagt Groschupf. "Hinzu kommt die Analyse von unstrukturierten Daten." Der Satz klingt schlicht. Dabei beschreibt er einen revolutionären Entwicklungssprung der Informationstechnik.

Strukturierte Daten werden für Datenbanken gemacht. Der Vertriebsmann will von seinem System wissen, wie viel er von einem Produkt verkauft hat, und erhält eine Antwort. Kundenkarten protokollieren die Einkäufe eines Nutzers und liefern diese Information an den Sammelspeicher. Ein Mobiltelefon funkt eine Geodaten-Position, und das System weiß, wo sich die Person befindet. So weit, so einfach. Schwierig wird es, wenn EDV-Systeme auch noch menschliche Interaktionen beobachten und verstehen lernen: mit den sogenannten unstrukturierten Daten.

Das sind zum Beispiel die monatlich 30 Milliarden zumeist öffentlich einsehbaren Inhalte auf Facebook. Oder die öffentlichen Twitterfeeds über ein Produkt. Oder Signalwörter in Kundengesprächen mit Callcentern. Kurzum: von Menschen erzeugte Daten, die Computer bisher nicht verstehen konnten. "Wenn wir unstrukturierte Daten auswerten können und diese mit den strukturierten Daten verbinden, haben wir erstmals einen echten 360-Grad-Blick auf jeden Einzelnen", sagt Groschupf.

Durch das Hobby auf die Idee gekommen

Für Datenschützer wird damit ein Albtraum zur digitalen Wirklichkeit. Für Marketing- und Vertriebsleute öffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. In einer neuen Studie von McKinsey wird hochgerechnet: Mit intelligenter Datennutzung könnten Handelsunternehmen ihre Margen um 60 Prozent steigern. Konsumgüterhersteller hätten die Chance, weltweit 600 Milliarden Dollar mehr Umsatz zu machen. Sie müssten dafür lernen, die Geodaten ihrer Kunden auszuwerten. Datameer gehört zu den Firmen, die den technisch steinigen Weg dorthin ebnen wollen. Das Wissen ist hart erarbeitet. Das zeigt die Langfassung der Datameer-Geschichte.

Ende der achtziger Jahre tippte Stefan Groschupf seine ersten Zeilen Software-Code in den DDR-Computer KC 85 - einen Klon des Commodore C64. Mit der Wende kam der erste PC - und das erste Modem. Er verbrachte seine Jugend in Mailbox-Netzwerken und tauschte dort, was Jugendliche so interessiert: Spiele, Programme und verrückte Ideen, von denen die Erwachsenen überzeugt waren, dass sie nie zu etwas zu gebrauchen sein würden.

Der Impuls zur Unternehmensgründung kam dann aber doch von Erwachsenen. Genauer: von der Beschaffungsstelle der Martin-Luther-Universität in Halle.

Groschupf hatte nach dem Abitur als freier Programmierer die Suchmaschine des Bibliothekkatalogs verbessert. Die Wissenschaftler waren so zufrieden mit der einfachen Handhabung, dass sie größere Folgeaufträge in Aussicht stellten. Eine GmbH mit einer Handvoll Mitarbeiter war schnell gegründet. Die baute fortan Minidatenbanken für Mittelständler, entwarf digitale Produktkataloge mit Avataren als Verkaufsberater und programmierte spezialisierte Suchmaschinen, mit denen Pharmakonzerne Unmengen von Fachliteratur in Datenbanken ablegen konnten. Doch Projektkalkulation und Rechnungslegung waren leider nicht die Stärke der Programmierer.

1999 war die Firma das erste Mal pleite. 2003 zum zweiten Mal. Groschupf hielt die Mannschaft mit Beratungsaufträgen bei BMW und der Deutschen Telekom über Wasser. Und stieß an einsamen Abenden in Hotelzimmern auf einen technischen Entwicklungspfad, der Datameer langfristig aus der Krise führte.

Auf ins gelobte Land

In einem IT-Portal las er im Jahr 2002 einen Artikel über die Open-Source-Suchmaschine Nutch. Die Programmierer-Legende Doug Cutting wollte mit dem Projekt der aufkommenden Dominanz von Google etwas entgegensetzen. Groschupf war sofort Feuer und Flamme. Als dritter Gratisprogrammierer meldete er sich bei Nutch an. Die nichtkommerzielle Suchmaschine scheiterte zwar. Das gewonnene Wissen wurde aber in einem zweiten Projekt Cuttings mit Namen Hadoop verwertet.

Etwas vereinfacht dargestellt, nutzt Hadoop einen Google-Algorhythmus, um auf Massen billiger Rechner Such- und Sortierfunktionen laufen zu lassen. Oder noch plakativer: Google-Technik kostenlos für alle, und Google kann nicht reinreden. Hadoop wurde ein Open-Source-Volltreffer. Die Technik durchsucht zum Beispiel die E-Mails von Yahoo, macht Nutzern Kaufvorschläge bei Ebay und steuert die individualisierten Werbeeinblendungen bei Facebook. Stefan Groschupf kann mit Fug und Recht behaupten: "Ich war von Anfang an dabei." Und Hadoop hat ihm den Sprung nach Amerika ermöglicht. Viele deutsche IT-Start-ups planen diesen Sprung strategisch. Bei Datameer war er eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.

Die Entwicklung bei Nutch und Hadoop half Datameer, große Datenmengen immer besser zu beherrschen. Doch die Zahl der Kunden in Deutschland schrumpfte. "Die ersten beiden Fragen bei Akquisegesprächen lauteten immer: Wie groß ist Ihre Firma? Wissen wir, ob es Sie in zwei Jahren noch gibt?", erinnert sich Groschupf. Die ehrliche Antwort war genau die falsche: Nein, das könne man leider nicht wissen, musste er ein ums andere Mal einräumen. Die Folge: Deutsche Einkäufer griffen zur Standardlösung eines etablierten Anbieters. Unter dem Strich bedeutete das, so Groschupf: "IT-Mittelmaß in deutschen Firmen."

Im US-amerikanischen Management hingegen dominiert die Überzeugung, dass nur die beste IT die Grundlage für gute Zahlen liefert. Große IT-Einkäufer und Administratoren von Unternehmens-EDV sind dort angehalten, ihre Systeme immer mit möglichst neuer Technik zu steuern. Für eine hoch innovative Firma ist es deshalb viel leichter, zumindest eine günstige Pilotanwendung zu verkaufen. Wenn die gut läuft, sind lukrative Folgeverträge deutlich einfacher an Land zu ziehen.

Groschupfs Darstellung von amerikanischer IT-Überlegenheit und den Hürden für Start-ups in Deutschland mag seine subjektive Sicht sein. Aber er kann sie mit eigenen Erfahrungen belegen. 2006 wanderte er in die USA aus. Die Programmierer-Freunde aus dem Nutch- und dem Hadoop-Projekt vermittelten Kontakte. Kurze Zeit später hatte er EMI als Kunden gewonnen.

EMI! Endlich darf er mal einen großen Kundennamen nennen und über die Aufgabe sprechen: Der Musikkonzern verkaufte seine Produkte bereits damals über rund 200 Vertriebskanäle, hatte dabei aber den Überblick über Verkaufszahlen verloren, was in einer Welt der Hitlisten schlecht ist. Datameer half, den Wust zu ordnen. Der Auftrag verschaffte finanziell Luft, und Groschupf fand Zeit, den nächsten großen Sprung in der Firmengeschichte vorzubereiten. Die bislang gesammelte Expertise sollte "in ein großes Produkt gepackt werden, das für viele Unternehmen interessant ist". Kurzum: Datameer wollte nicht mehr als Dienstleister mit Spezialanwendungen punkten, sondern mit einer Standardlösung, die vielfach verkauft werden kann.

Der Sprung gelang mit einer Präsentation aus 20 Folien. Die skizzierten den Aufbau von DAS, der Datameer Analytics Solution. Dem kleineren Risikokapital-Investor Redpoint Ventures war der Plan in der ersten Finanzierungsrunde 2,5 Millionen Dollar wert. Damit lässt sich einiges entwickeln. Gerade in Sachsen-Anhalt.

"Unsere globale Zusammenarbeit hat sich bewährt", sagt Stefan Groschupf. San Mateo ist seit 2009 der Hauptsitz der Firma Datameer. Dort entwickelt der Gründer die Architektur des Produkts und sucht nach Kapital und Kunden. Das Entwicklerteam sitzt nach wie vor zum großen Teil in Sachsen-Anhalt, gespeist aus gut geschulten Informatikern der Hochschulen in Magdeburg, Leipzig, Merseburg und Halle. Die verdienen zwischen 60 000 und 80 000 Euro im Jahr. In der Region dürften das Spitzengehälter sein. In Kalifornien bräuchte Groschupf mit solchen Gehältern gar nicht erst anfangen, nach guten Programmierern zu suchen. Google, Facebook & Co. zahlen mindestens das Doppelte und kaufen alle Talente vom Markt.

Was die Amerikaner besser können

Seit Mai sichern die Millionen der Risikokapitalfirma KPCB die weitere Expansion. Zurzeit hat Datameer rund 35 Mitarbeiter. Ende des Jahres sollen es 60 sein. "Wir werden nicht den alten Fehler wiederholen, uns nur um den Code und nicht um den Verkauf zu kümmern", kündigt der Gründer an. In den USA baut Groschupf gerade das Vertriebsteam auf. Inzwischen gibt es auch erste Gespräche mit europäischen Kunden, darunter France Télécom. Hierzulande stellt sich die Frage, ob es eigentlich keine deutschen Risikokapitalisten gibt, die das Potenzial von Datameer hätten erkennen können.

"Natürlich gibt es die. Aber deutsche Ventures haben viel weniger zu verteilen", sagt Stephan Ziegler, Software-Experte des Branchenverbands Bitkom. Die Vergleichszahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die rund 800 US-amerikanischen Risikokapitalfonds haben im vergangenen Jahr 12,3 Milliarden Dollar eingesammelt. Das frische Kapital der rund 100 deutschen Fonds summierte sich auf gerade einmal 352 Millionen Euro. Für Firmen wie Datameer kommt nach Einschätzung Zieglers erschwerend hinzu: "Die deutsche Venture-Szene konzentriert sich im Softwarebereich stark auf Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen. Da gibt es dann oft auch noch öffentliche Förderung obendrauf." Ein Selfmade-Programmierer wie Groschupf fällt durchs Raster.

Der Gründer muss los. Noch ein paar Telefonkonferenzen, dann wartet der Flieger zurück ins gelobte Land der Software-Entwicklung. Ob der Traum wirklich aufgeht, ist ungewiss. Alle großen IT-Konzerne arbeiten ebenfalls an Analysewerkzeugen für große Datenmengen. Hadoop ist ein günstiger Ansatz, aber technisch nicht der innovativste. Bislang ist Datameer ein typisches Risikokapitalprodukt: eine Wette auf die unbekannte technische Zukunft. Groschupfs Wetteinsatz liegt bei knapp zehn Prozent der Unternehmensanteile. Erste Kaufangebote gab es bereits. "Die lagen im mittleren Millionenbereich", verrät der Gründer. Seine Erwartungen haben sich denen seiner Investoren angepasst: "Viel zu früh, viel zu wenig." So, wie er es sagt, klingt dieser Satz gar nicht großspurig. Er klingt kalkuliert. -