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Bettina Jürgensen

Sie hat eine Menge geschafft, in ihrem Leben. Und immer, wenn sie wieder auf den Füßen stand, kickte sie ihr jemand wieder weg. Aber Bettina Jürgensen ist nicht die Frau, die aufgibt.




- Als Bettina Jürgensen, 41, zum ersten Mal als Dozentin vor einer Gruppe Langzeitarbeitsloser stand, strich sie sich die blond gefärbten Haare zurück, zeigte auf ihre Hörgeräte und sagte: "Ihr könnt mich jetzt ruhig mal so richtig anschreien." Ihre Zuhörer, die in den Qualifizierungskursen trockenen Theorieunterricht gewohnt waren, schwiegen einige Augenblicke. Dann brach es aus ihnen heraus. "Scheißstaat ..." - "... alles Arschlöcher" - "Unfähige Behörden ...". Jürgensen schrieb das alles auf ihr Flipchart und schwieg.

"Ich habe nur zugehört und die geballte Wut abbekommen", erinnert sie sich. Aber bald hätten die Männer und Frauen sie nicht mehr als Feindin gesehen und begonnen, ihre persönlichen Geschichten zu erzählen. In der ersten Runde suchten sie nach Gründen für ihre Probleme: keine Arbeit, zu viel Alkohol, den ganzen Tag hänge man antriebslos herum - und an all dem waren immer die Anderen schuld. Als am zweiten Seminartag die Tiraden allmählich nachließen, fragte Jürgensen: "Glaubt ihr eigentlich, dass euch euer Selbstmitleid weiterbringt?" Schockiertes Schweigen. Bis einer aufstand, sich die Flipchart-Seiten griff, sie zerriss und mitsamt den Schuldzuweisungen in die Mülltonne warf.

Diese Episode erzählt Jürgensen gern, weil sie erklärt, was an den Seminaren ihrer Flensburger Firma Job Focus Nord besonders ist: Sie bringt den Kursteilnehmern bei, ihre dumpfe Wut in Energie umzuwandeln. Denn die wird gebraucht: "Zum Beispiel für die Jobsuche", sagt sie. "Die ist nämlich harte Arbeit."

Am Ende ihrer sechsmonatigen Kurse hat jeder zweite Teilnehmer einen neuen Arbeitsplatz gefunden, ein bemerkenswerter Erfolg. Denn sie schult die schwer vermittelbaren Arbeitslosen, an denen die Behörden regelmäßig scheitern und die deshalb viele Jahre lang auf einen neuen Job warten. Während die Quote der Kurzzeitarbeitslosen im vergangenen Jahr um 19 Prozent abnahm, sank die Zahl der arbeitslosen Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG II) um gerade mal vier Prozent auf bundesweit 2,1 Millionen Menschen. An ihnen schwingt der Aufschwung vorbei.

Dass es Bettina Jürgensen, der gelernten Fleischereifachverkäuferin, gelingt, bei ihren Klienten den Teufelskreis aus psychischen Problemen, Antriebs- und Lustlosigkeit zu durchbrechen, hat viel mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zu tun. Sie kennt das Gefühl, nutz- und arbeitslos zu sein, sie kennt die "tief sitzende Wut auf alles und jeden". Und sie weiß, dass vieles möglich ist, wenn man es will: "Darüber, dass ausgerechnet ich einen Bildungsträger leite, kann ich immer wieder lachen."

Auf der Hauptschule jedenfalls war diese spätere Karriere noch nicht absehbar. Ihre Noten waren so mittelmäßig, dass es für den Traumberuf Tierpflegerin nicht reichte. Warum sie sich dann ausgerechnet zur Fleischereifachverkäuferin ausbilden ließ? Sie lächelt, wie so häufig. Auch als sie sagt: "Das war die Zeit, in der mein Kampfgeist erwacht ist."

Um nicht hinter der Fleischtheke zu versauern, hetzte sie viermal pro Woche nach Dienstschluss in die Abendschule, holte die Fachhochschulreife nach und begann eine zweite Ausbildung zur Lebensmitteltechnikerin. Doch mehr als befristete Jobs waren auch danach nicht drin, und als ihr Lebenspartner vorschlug, gemeinsam einen Supermarkt zu übernehmen, er als Marktleiter, sie als Verantwortliche der Feinkostabteilung, sagte sie Ja. Eine Entscheidung aus dem Bauch, die in den finanziellen Ruin führte. Der Markt erwies sich als Fass ohne Boden; im Jahr 2001 saß das Paar auf rund 50 000 Euro Schulden. "Ich habe damals oft nicht gewusst, wie ich meine nächste Tankfüllung bezahlen soll", sagt Jürgensen, die in jener Zeit ihre erste Tochter erwartete.

Ans Aufgeben aber hat sie nicht gedacht. Unbeirrt hielt sie an der Überzeugung fest, "dass es schon irgendwie weitergeht". Und tatsächlich: Nach der Babypause und vielen erfolglosen Bewerbungen stellte ein Hamburger Bildungsträger sie als Trainerin für Lebensmittelhygiene ein. Ihr Mann fand Arbeit als Hausmeister, beide sparten eisern, um ihre Schulden zurückzuzahlen. Doch kaum waren die Gläubiger zufriedengestellt, folgte der nächste Nackenschlag: Jürgensen verlor ihren Job, das zweite Kind war gerade gekommen. Ihr blieb nur der Gang zur Arbeitsagentur.

Die Erinnerung daran wühlt sie noch heute auf. "Ich fand das so unglaublich unfair." Was habe sie denn schon groß erwartet? Einfach nur ein klein wenig Glück. Einmal das Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter nicht im Ein-Euro-Shop kaufen, einmal in Urlaub fahren. Stattdessen musste sie wieder zum Jobcenter -und ausgerechnet dort kam ihr die Idee. Denn der Fallmanager gab ihr einen Gutschein für einen privaten Arbeitsvermittler: Der werde 2000 Euro Prämie bekommen, wenn er ihr dauerhaft einen festen Job besorgt. "Diese Vermittler müssen ja reiche Leute sein", dachte sich Jürgensen. Und ging nicht zum Vermittler, sondern nach Hause; dort schrieb sie das Konzept für ihre eigene Vermittlungsagentur.

Wenige Wochen später fuhr sie in ihrem klapprigen Audi durch Schleswig-Holstein, graste ein Unternehmen nach dem anderen nach offenen Stellen ab und stellte den potenziellen Arbeitgebern ihren Vermittlungsservice vor - dabei hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Leute in der Kartei. Aber bald begannen die Arbeitsagenturen, ihr die ersten Langzeitarbeitslosen anzuvertrauen - die Vermittlungsprämie allerdings bekam sie erst, wenn die Sechsmonatsfrist verstrichen und der Vermittelte noch immer in Lohn und Brot war. Als zum ersten Mal 2000 Euro auf ihr Konto flossen, konnte sie es kaum glauben.

Aus der Not wird eine Tugend, wird eine Idee Mit ihrer forschen und direkten Art machte sich Jürgensen schnell einen Namen, und der Landkreis bot ihr an, zusätzlich arbeitslose Konditoren und Bäcker weiterzubilden. Sie bereitete sich eingehend auf die neue Herausforderung vor, wusste alles übers Brot-und Brötchenbacken. Aber dann schickte ihr das Jobcenter statt der angekündigten Fachkräfte langzeitarbeitslose Maurer, Altenpfleger und Fließbandarbeiter. "Ich war vollkommen aufgeschmissen", sagt sie. Sie musste improvisieren: Sie strich sich also die blond gefärbten Haare zurück, zeigte auf ihre Hörgeräte und sagte zum ersten Mal diesen Satz, der so heftige Gefühle weckte. Sie hatte intuitiv das Konzept ihrer unkonventionellen Kurse erfunden: erst mal zuhören und mitschreiben, dann selber reden. So macht sie es bis heute.

Gut zwei Jahre ist das jetzt her. Jürgensen hat seitdem zwei Mitarbeiter eingestellt und ist aus ihrem mickrigen Büro in die zweite Etage einer schick renovierten alten Mühle umgezogen. Ihre Kursreihe hat sie inzwischen Momo genannt, nach dem Jugendbuch-Klassiker von Michael Ende: "In dem Buch geht es ums Zuhören, genau wie bei uns." 76 Langzeitarbeitslose haben bislang an den sechsmonatigen Kursen teilgenommen, 39 von ihnen haben wieder einen Job. "Das ist eine sehr gute Quote, das kann man nicht anders sagen", sagt Hermann Saalfeld, der bei der TÜV Nord Cert GmbH für die Zertifizierung von Qualifizierungsmaßnahmen zuständig ist.

Torsten Domnick ist einer von denen, die es mit Bettina Jürgensens Hilfe geschafft haben. Der 43-Jährige fährt mit seinem Golf-Cabrio vor, das Verdeck geöffnet. Für einen Holzhaushersteller reist Domnick als Bauleiter durch die Republik, nimmt Baustellen ab und schlichtet Streit, wenn Bauherr und Handwerker sich in die Haare kriegen.

Der gelernte Bauzeichner hat nach langer Zeit zum ersten Mal wieder eine sinnvolle Aufgabe. Nachdem er mit einer eigenen Firma baden gegangen war, fand er vier Jahre lang keinen Job, blieb morgens oft phlegmatisch im Bett liegen und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Dann schickte ihn sein Fallmanager zu Momo. Als er am ersten Tag die von Kursteilnehmern selbst gemalten Bilder an den Wänden der Seminarräume gesehen habe, habe er noch gedacht: " Jetzt bin ich in einer Krabbelgruppe gelandet." Doch schnell habe er erkannt, dass er "endlich mal den ganzen Seelenmüll rauslassen kann".

Domnick erzählte der Gruppe von den Schlägen, die er als Kind zu Hause habe einstecken müssen, von seinem schweren Autounfall, bei dem er vor 23 Jahren beinahe gestorben sei, und gestand, dass er, der so forsch und eloquent wirkt, in Vorstellungsgesprächen keinen Ton herausbekomme. Zu sehen, dass sich die anderen Arbeitslosen mit ähnlichen Problemen herumquälten, beruhigte ihn. Mit einer Entspannungstherapeutin arbeiteten er und die anderen ihre Negativerlebnisse auf, lernten in Kommunikationstrainings, dass sie nicht bei jeder Kritik gleich ausrasten müssen. "Irgendwann habe ich wieder an mich geglaubt", sagt Domnick. Als Bettina Jürgensen ihn nach drei Monaten zu einem Vorstellungsgespräch schickte, hat er sich im Auto selbst angefeuert: "Du bist ein geiler Macker!" Das Gespräch beim Holzhaushersteller sei dann wie von selbst gelaufen.

Ein anderes Vehikel, mit dem Bettina Jürgensen ihre Klienten aus der Sackgasse Hartz IV manövriert, parkt direkt vor der alten Mühle: ein Wohnmobil, mit dem sie ihre Klienten unangemeldet zu Arbeitgebern in der Region kutschiert. "Wenn die Bewerber ihre Unterlagen persönlich vorbeibringen und freundlich Hallo sagen, kommt das gut an." Ein gelernter Altenpfleger, seit Jahren auf ALG II angewiesen, habe am Ende einer dieser Touren gleich zwischen drei Jobangeboten auswählen können, sagt sie.

Fachliche Inhalte, etwa Verhaltensregeln für Bewerbungsgespräche, kommen in ihrem Konzept nur in Nebensätzen vor. "Manche Arbeitslose sind emotional auf dem Stand von Zwölfjährigen", da müsse man ansetzen. Von Theorien hält sie nicht viel. "Die meisten Aktionen ergeben sich aus der Situation", sagt Jürgensen, "die passen in kein Konzept."

Einen jungen Arbeitslosen, der große Angst vor einem bevorstehenden Bewerbungsgespräch hatte, weil er dort zehn Minuten über sich selbst reden sollte, nahm sie spontan mit in eine Reithalle. Der ängstliche Mann musste das Pony ihrer Tochter füttern und durch die Halle führen. Nach einer halben Stunde habe er seine Angst abgelegt und dem Tier forsche Befehle gegeben, sagt sie. Im Seminarraum stellte er sich dann vor einen Spiegel und plauderte munter drauflos. Den Job hat er bekommen. Einer anderen, besonders kreativen Teilnehmerin kaufte Jürgensen Pinsel und Leinwände. Die Gruppe organisierte eine Aus stellung, bei der mehrere ihrer Bilder verkauft wurden. "Da haben alle gespürt, dass sie etwas auf die Beine stellen können."

Bei all ihren Geschichten geht es darum, zu wecken, was in jedem steckt, mit einem kleinen Anstoß ins Rollen zu bringen, was später von allein weiterläuft. Das klappt oft, aber nicht immer. "Manche Teilnehmer tragen Probleme mit sich herum. Die lassen sich nicht in wenigen Monaten aus der Welt schaffen", sagt Jürgensen. Frank Wilkening zum Beispiel, Betriebwirt, Karriere bei einem Reifenhersteller, brach mit 34 Jahren zusammen. In den seither vergangenen 17 Jahren war er immer wieder in Therapien und bei Weiterbildungskursen. Heute, sagt er, "kann ich mir langsam wieder vorstellen zu arbeiten". Oder Birgit, eine schüchterne Person, die ihren vollen Namen lieber nicht nennen will. Die 53-jährige Verkäuferin war wieder in Depressionen abgerutscht, nachdem der Momo-Kurs beendet war. "Die Gruppe hat mir Selbstvertrauen gegeben, plötzlich war das wieder weg."

So bliebe viel zu tun, für Bettina Jürgensen. Doch im Moment ist nicht klar, ob sie weitermachen kann. Der Kreis Schleswig-Flensburg, für die Belange der ALG-II-Empfänger verantwortlich, hat seit Monaten keine neuen Kurse ausgeschrieben, für die sie sich bewerben kann. Wenn sie aber nicht bald neue Teilnehmer zugewiesen bekommt, ist Jürgensen pleite: "Zwei Monate schaffen wir es vielleicht noch, dann müsste ich dichtmachen."

Wer nach den Gründen für das unerwartete Loch sucht, stößt auf überlastete Sachbearbeiter und viele Ausreden. Die Ausschreibungen seien komplizierter geworden, der Personal-Engpass erheblich, freie Stellen ließen sich nur mühsam besetzen, sagt Herbert Birkner, der zuständige Sozialdezernent. "Ich hoffe aber, dass wir bis zu den Sommerferien eine Ausschreibung fertig bekommen." Ob das noch reicht? Bettina Jürgensen zuckt mit den Achseln. Sie weiß nur eines: Aufgeben wird sie nicht. -