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Götz Neumann Film

Einen Kinofilm zu produzieren als Autodidakt und auf eigenes Risiko - das ist Wahnsinn. Für Götz Neumann ist es ein großes Glück.




- Eine junge Frau namens Jane sitzt in einem Flugzeug und unterhält sich mit ihrer Sitznachbarin. Sie erzählt von einem Drehbuch, an dem sie kürzlich geschrieben habe. Auftraggeber war der Mann, mit dem sie einmal ein Verhältnis hatte. Doch der habe ihre Gefühle nur benutzt, um sie auszubeuten, habe ihr Inhalt, Duktus und Plot des Stücks diktatorisch vorgegeben.

Während Jane erzählt, tauchen vor ihrem geistigen Auge Bilder auf. Sie sieht sich am Schreibtisch sitzen, mitten in der Nacht; Abgabetermin des Drehbuchs ist der nächste Morgen. Zweifel. Frustration. Und dann kommt sie, die Blockade. Warum soll sie diese Story schreiben? Ihr gefällt die Handlung nicht, sie mag die Charaktere nicht, findet das Stück schlecht aufgebaut, den Plot albern. Wenn sie dürfte, würde sie alles ganz anders erzählen. Und überhaupt: Wäre sie nicht sowieso lieber Schauspielerin?

Der Kinofilm, der diese Geschichte erzählen wird, heißt "In The Night". Seine Botschaft versteht man auch ohne Bilder: Das Leben besteht aus Routine, Anpassung, Pflichterfüllung. Lieber konform als kreativ, lieber sicheres Auskommen als mutige Selbstverwirklichung. Der ewige Konflikt, das ewige Dilemma, und am Ende wird aus den schönsten Ambitionen nichts. Kennt jeder. Wer lebt schon seinen Traum?

Die Frage ist: Warum eigentlich nicht? "Das Leben ist eine Bühne", denkt sich Jane. "Nutze sie." Und dann beschließt sie, eine völlig neue Story zu schreiben. Es ist ihre eigene Geschichte, verpackt in ein Drama um eine Tanzgruppe. Die soll für eine Aufführung proben, doch der Regisseur taucht nicht auf. Die Tänzer beschweren sich über die Qualität des Skripts und studieren über Nacht eine komplett andere Show ein. Das alles erzählt Jane ihrer Sitznachbarin während eines Fluges nach Griechenland, wo sie an einem Workshop für Schaupielerinnen teilnehmen wird. "In The Night" trägt den Untertitel: "A Musical Film About Finding The Courage to Live Your Dream."

Köln, Eupener Straße 135-137. Ein Bürogebäude im Technologiepark im Stadtteil Braunsfeld. Über den Flur im fünften Stock schlendert ein Mann mit lockigem, blondem Haar und schmaler Brille. Er ist nicht klein, nicht schlank, er ist nicht mehr jung, noch nicht alt. An der rechten Schulter seines T-Shirts ist etwas, das aussieht wie ein Fettfleck. Götz Neumann, 40, schließt die Tür zum Büro seiner Firma auf. Zwei Schreibtische mit PCs, ein Beamer, Kabel liegen herum. Graue Aktenschränke. Ein Stapel Umzugskartons. Niemand da. Kein Telefon klingelt. Beim ersten Telefonat hatte er gesagt, er wolle sich lieber woanders treffen.

01 Digitales Design GmbH, sagt Neumann, habe mal begonnen als "Grafik-Design-Agentur mit starker Software-Ausrichtung". Nun sei die Firma im "Umbruch". Einer seiner beiden Partner sei ausgestiegen. Die Angestellten arbeiteten momentan lieber zu Hause. Sie entwickelten gerade eine Software, mit der Mobiltelefonnutzer ihre eigenen Apps erstellen könnten. Details müsse er für sich behalten. Die Firma, so Neumann, bemühe sich derzeit um Risikokapital: "Wir planen den großen Coup." Was Neumann erzählt, klingt überzeugend. Wie er es erzählt, eher leidenschaftslos.

Nicht nur die Firma, auch der Mann ist gewissermaßen im Umbruch. "In The Night" ist Neumanns Projekt. Er hat dafür das Drehbuch geschrieben und die Musik komponiert. Er führt Regie, ist der Produzent, betreut die Vermarktung. Neumann kann alles, macht alles, zahlt alles. 200 000 Euro hat er bislang ausgegeben. Eigenes Geld, nichts gepumpt, keine Fördermittel. 200 000 Euro gelten in der Branche als "No-Budget", die nächsthöhere Kategorie, "Low-Budget", beginnt bei etwa einer halben Million Euro.

Die Umsetzung des Projektes beginnt 2008 mit einem fünfminütigen Trailer, den Neumann mit Kölner Laiendarstellern produziert. Mit dem Trailer und Inseraten in Online-Branchendiensten in New York und Los Angeles findet Neumann US-Schauspieler, die er in New York vorsprechen lässt. Drei Männer und vier Frauen werden engagiert. Kameramann wird einer von Neumanns Partnern bei 01 Digitales Design. Aufnahmeleitung, Regieassistenz, das restliche Personal, Ton, Kostüm, Maske, Make-up und Klappe, insgesamt etwa 30 Leute, kommen nach und nach dazu. Über Freunde, durch Zufall. Karen D. Savage etwa, die Choreografin, lernt Neumann durch eine Frau kennen, die beim Trailer 2008 mitmachte. Neumann sagt über Savage: "Karen kam bei unserem Treffen rein, zehn Sekunden später wusste ich - das klappt." Savage sagt über Neumann: "Ich habe Götz in die Augen geschaut und wusste, wir sehen das Gleiche."

Das schier Unmögliche möglich machen indem man einfach damit anfängt

Kann das funktionieren? Kann so ein Kinofilm entstehen? Einer, der in Englisch gedreht wird und für den US-amerikanischen Markt konzipiert ist? Mit Hauptdarstellern wie Heather Gault, 25, die derzeit Theater spielt in Ivoryton, Connecticut, bevorzugte Rolle "unschuldiges Mädchen" (Gault), die einmal in Los Angeles für einen Pornofilm vorsprach, ohne es zu merken? Selbst Neumann sagt über Gaults Karteikarte, sie sehe so aus wie "600 andere Karteikarten mit blonden, hübsch anzusehenden weißen Girls".

Und was hat er sich dabei gedacht, jemanden wie Christian Löw an den Schneidetisch zu setzen? Löw, 25, hat nach seiner Ausbildung nichts über zwölf Minuten Länge bearbeitet. Nach dem Studium produzierte er "kleinere Internet-Sachen für Sport-und Reitportale". Inzwischen schneidet er die TV-Sendung "Richterin Barbara Salesch".

Die Dreharbeiten zu "In The Night" beginnen im Sommer 2010 im Arkadas Theater in Köln-Ehrenfeld. Karge Kulisse, minimale Besetzung, fürs Catering sorgt Neumanns Frau. Erst zwei Wochen Tanztraining, acht Stunden täglich. Danach vier Wochen Gesangsproben und Filmaufnahmen, ebenfalls mindestens acht Stunden pro Tag. Es ist ein heißer Sommer. Savage erinnert sich an "mindestens 50 Grad Celsius Raumtemperatur". Auch wegen der Hitze der Scheinwerfer. Bei jeder Drehpause wird den Schauspielern Luft ins Gesicht gefächelt, weil sonst durch den Schweiß die Schminke zerläuft.

Neumann sagt: "Nur auf sich selbst fixiert zu sein ist für mich kein Ausdruck von Stärke, sondern eher von Angst oder Feigheit." Mit anderen Worten: Es wird viel debattiert, alle dürfen sich einbringen, Dialoge kritisieren, Änderungen vorschlagen. Gault sagt: "Götz hat alle Stimmen zusammenkommen lassen."

85 Minuten Rohfilm, so weit sind sie im Moment. Fehlen nur noch die Aufnahmen von Jane im Flugzeug, die Anfang August in Burbank, Kalifornien, gedreht werden. Und auch wenn Savage und Löw dabei nicht mehr gebraucht werden, Gault nur sehr kurz vor der Kamera stehen wird, wenn überhaupt - dabei sein wollen alle. "Wir haben uns den Arsch abgearbeitet bis hierher", sagt Savage, "wir hatten Druck von Beginn an, wenig Geld, wenig Zeit, und wir konnten damit nur umgehen, weil wir alle das Projekt als unser Baby ansehen." Was sie vor allem Neumann zuschreibt: "Bei so einem Projekt hängt alles vom Charakter der Führungsperson ab, und wir haben einfach Götz' Charakter angenommen."

Gault sagt: "Götz ist ein Held. Ich stelle mir vor, ich hätte etwas gemacht, an dem mein Herz hängt, an dem ich ein halbes Leben gearbeitet habe, in das ich all mein Geld gesteckt hätte ich würde da niemanden mitreden lassen, ich würde zum cholerischen Kontrollfreak mutieren."

Götz Neumann wächst auf in Dellbrück, Kölner Vorstadt, rheinisches Mittelklassereihenhausglücksland. Der Vater ist Manager bei Ford, die Mutter Hausfrau. Prägenden Einfluss auf den Jungen haben die Erzählungen über den Großvater mütterlicherseits, von Beruf Polizist. "Eine alte kölsche Familie", so Neumann, "die stolz war, dass niemand im Zweiten Weltkrieg gefallen war, jeder eine Ausbildung machen und ein Musikinstrument spielen konnte." Neumann ist sechs, als er mit den Eltern zum ersten Mal in die Oper geht und auf dem Glockenspiel "Colonia" komponiert ("Meine Hymne an Köln"). Kurz vor seinem Tod schenkt der Großvater Neumanns Eltern ein Klavier, "das konsequenterweise bespielt werden musste". Von Neumann, der inzwischen zehn ist, der Gefallen daran findet und auch gern Ballettunterricht nehmen würde. Das ist aber dann selbst der Mutter zu viel.

1987 geht Neumann als Austauschschüler für ein Jahr nach Phoenix im US-Bundesstaat Arizona. Auch seine neue Schule hat eine Theatergruppe. Und was für eine. "Räumlichkeiten, Material, Personal - alles stand zur Verfügung, wir hatten sogar ein Orchester mit 50, 60 Mann." Die erste Aufführung ist ein Musical. "Ein Westernstück. Ich spielte einen Sheriff mit stark europäisch gefärbtem Akzent." Als Nächstes: "Oklahoma", wieder ein Musical, ein Klassiker. Auch diesmal reicht es nicht für eine Gesangsrolle. Neumann gibt den "Peddler", einen persischen Trödler, und singt im Chor, "wohl sehr deutlich hörbar, wie man mir sagte". Danach steht für ihn fest: "Ich gehe ans Theater. Ich schreibe einmal ein Musical." Nach dem Abitur folgt ein Studium in Gießen, Drama, Theater und Medien, das Neumann 1998 mit einer Arbeit über Robert Wilson abschließt, von dem unter anderem die Musicals "Black Rider" und "Time Rocker" sind.

An dieser Stelle steht Neumanns Selbstverwirklichung nichts mehr im Weg. Die Idee zu "In The Night" hat er seit 1994, an dem Drehbuch, an den Liedern hat er immer wieder gearbeitet. Was macht Neumann? Er lebt nicht seinen Traum. Er gründet mit zwei Freunden 01 Digitales Design, was zunächst nach der richtigen Entscheidung aussieht. Die Firma hat ein paar gute Jahre, akquiriert einige namhafte Kunden, profitiert vom Boom der neuen Medien. Neumann verdient gut, lässt sich infizieren vom Selbstverständnis der Branche. "Computerleute denken ja gerne: Ich kann alles, ich weiß alles, ich zeige euch mal, wie das geht." Doch je länger er am Computer sitzt, umso unbefriedigender empfindet er seine Arbeit. "Immer nur Programmiertechnik, nie ein tiefergehender Austausch mit Menschen. Mir ging es wie vielen in dieser Szene: Man powert und powert und powert, und nach zehn Jahren ist man ausgebrannt."

Raus aus dem Büro, runter zum Parkplatz. Dort steht ein Ford Mondeo, älteres Modell. Wir fahren von Braunsfeld in die Kölner Nordstadt. Restaurant "Alte Feuerwache". Mittagessen. Hohe Decke, gusseiserne, gelb lackierte Stützpfeiler, rustikale Tische. Es gibt Pellkartoffeln mit Kräuterquark für 2,50 Euro. Der Preis hat sich, wie die Speisekarte vermerkt, seit 1989 nicht geändert. In der Alten Feuerwache hat Neumann oft gesessen, "als der Film seine ersten Schritte machte", meistens mit Savage und der Bekannten, über die er Savage kennenlernte. Sie heißt Claudia von Lienen und ist Neumanns Co-Produzentin. Und ihnen hat er die Geschichte mit den Apple-Aktien erzählt.

Also: Neumann sieht bei der Photokina 1996 in Köln eine Präsentation von Apple. Apple ist damals so gut wie pleite. Neumann ist begeistert von der Präsentation, glaubt an das Unternehmen, kauft Aktien. Der Kurs steigt. Neumann kauft nach. Der Kurs steigt weiter, explodiert. Neumann macht ein mittleres Vermögen. Nun rät ihm der Berater seiner Bank, er solle sein Apple-Paket verkaufen und die Erlöse in Fonds investieren. Neumann macht. Die Kurse der Fonds fallen. Fallen weiter. Ende 2007, Anfang 2008. Neumann ist überarbeitet, erschöpft, deprimiert. "Meine Frau machte sich Sorgen, dass mich diese Computerei noch umbringt." Neumann erinnert sich an seine Musical-Idee. Er ruft den Berater seiner Bank an und sagt, er solle seine Fonds verkaufen, er brauche Geld. Neumann: "Ich dachte mir, es gibt spaßigere Möglichkeiten, Geld zu verlieren, als mit Aktienfonds."

Wenig Geld, vermutlich wenig Ruhm aber die Schauspieler machen trotzdem mit

"Erst", sagt Heather Gault, "dachte ich, ich spinne." Aber nein, da war ein Inserat von einem Deutschen, der für einen Musical-Film Darsteller suchte. Februar 2009. Gault nimmt Kontakt auf, erhält eine Antwort per E-Mail: "Wir kommen im September nach New York zum Casting." Der Termin wird verschoben auf Januar 2010. Im Mai steht Gault vor Neumann. Chelsea Studios, Manhattan. Eine junge Frau, die als Kind Ballettunterricht nahm, mit fünf davon träumte, in "Der Nussknacker" zu spielen, vier Jahre Schauspiel studierte, anschließend nach New York zog, in eine zu kleine, zu teure Wohnung, in der sie auf den Anruf wartet, der sie zum Star macht. Sie fragt Neumann, was sie vortragen soll. Der sagt: "Was du willst." Gault ist verwirrt, denkt: "Das ist bestimmt ein Trick. Ich meine, nichts lief bei dieser Sache normal. Es fing schon damit an, dass der Schauspieler normalerweise den Jobs hinterherrennt, nicht der Job dem Schauspieler."

Wenngleich: Was ist schon normal in der amerikanischen Filmbranche? Allein in Los Angeles leben 320 000 Schauspieler, von denen etwa 100 000 in der Screen Actors Guild gewerkschaftlich organisiert sind. Gloria Hinahosa, von der Agentur Amsel, Eisenstadt & Frazier, behauptete vor einigen Jahren: "Von den 100 000 Schauspielern der Guild können vielleicht fünf Prozent gut leben, das große Geld macht ein Prozent." Die anderen? Beziehen Sozialhilfe, jobben in Cafés, packen Tüten im Supermarkt, hoffen mit Rollen in B-Movies auf den Durchbruch. B-Movies sind seichte Dramen, in denen es um kannibalische Tomaten oder achtbeinige Monster geht. Wenig Text, viel Gewalt, reichlich nackte Haut. Würde Gault so was machen? Gault: "Ich würde prinzipiell alles machen."

Was das mit "In The Night" zu tun hat? Neumann sagt, es sei leichter gewesen, die US-Schauspieler für seinen Film zu gewinnen als die Kölner Laienspieldarsteller für den Trailer. Weil Schauspielerinnen wie Gault kaum Aussicht haben, jemals in einem Film eine tragende Rolle zu spielen. Und schon gar nicht eine, die der Drehbuchautor an ihre Persönlichkeit anpasst. Gault ist in "In The Night" die Tänzerin Mary, Mutter einer kleinen Tochter, die um ihre Karriere als Künstlerin ringt. Gault: "Mary ist die Person, die ich in einem Film immer sein wollte. So eine Rolle ist ein Geschenk." 70 Euro Tagesgage? Bezahlt die Miete. "Außerdem war ich nie zuvor in Europa."

Savage wiederum sagt: "Als Choreograf träumt man davon, einmal eine große Collage zu machen wie 'In The Night' - es ist Musical, Spielfilm, ein bisschen Musikvideo in einem." Wer außer Neumann hätte Savage die Möglichkeit gegeben, für einen solchen Film zu arbeiten? Löw: "Das ist eine einmalige Chance, die man sich nicht durch die Lappen gehen lassen darf." Weshalb er, wie alle außer den Schauspielern, auf Rückstellung gearbeitet habe. Löw: "Wir bekommen unser Honorar, wenn der Film nach Abzug der Produktions- und Vertriebskosten Geld einspielt."

"In The Night", sagt Neumann, "wird nicht das nächste 'Avatar'." Aber wer sagt, dass es ein Flop werden muss? Hat es nicht No-Budget-Filme gegeben, die sensationellen Erfolg hatten wie "The Blair Witch Project"? Hat es nicht verrückte Projekte gegeben, die bewusst am Kommerz vorbeiproduziert wurden und doch ein Millionenpublikum fanden? Wie "The Rocky Horror Picture Show", auch ein Musical-Film. Und hat das Genre nicht neuerdings Konjunktur in den USA?

Neumann erzählt, im Februar dieses Jahres sei er beim Europäischen Film Markt (EFM) in Berlin gewesen, und die Filmhändler und -vertriebe hätten sich "überraschend interessiert" gezeigt, obwohl er von "In The Night" nur Fragmente habe präsentieren können. Deshalb, sagt er, wolle er bis November einen Trailer fertigstellen, mit dem er zum American Film Market (AFM) nach Santa Monica reisen wolle. Den kompletten Film will er dann auf der nächsten EFM im Februar 2012 anbieten.

"Vielleicht", sagt Neumann, "glauben Sony, Paramount oder Universal, Musical-Film ist der kommende Trend, und wollen uns deswegen in ihrem Paket haben." Vielleicht interessiert sich ein renommiertes Filmfestival für Janes wundersame Reise ans Ende der Nacht.

Warum nicht? Schließlich steckt in Neumanns Projekt neben Herz und Seele auch Kalkül. Die Darsteller sind - in den USA gilt das als politisch korrekt - ethnisch gemischt: die blonde Heather Gault, dazu eine Asiatin. Eine Schauspielerin ist rothaarig und irischer, eine dunkelhaarig und italienischer Abstammung, zwei der Tänzer sind Afroamerikaner, einer ist schwul. Eine Darstellerin wird laut Drehbuch schwanger, es gibt einen schwulen Konflikt, es wird geflucht, geweint, gelacht. Neumann: "Unser Zielpublikum sind Schauspieler, Homosexuelle, die College-Generation, junge Menschen, die sich mit den Problemen, Wünschen und Träumen der Charaktere identifizieren können." Heather Gault glaubt, "die Menschen spüren, dass hier jemand seinen Traum verwirklicht hat, solche Geschichten werden immer geschätzt".

Neumann wohnt in Dellbrück, nur ein paar Straßen entfernt von seinem Elternhaus. Dorthin ist er nach dem Essen gefahren. Zweistöckiges Eigenheim, dahinter ein langer, schmaler Garten. Seine Frau Monika spielt mit den Kindern. Leonardo ist sechs, Isabella vier. Sie malen mit Kreide Figuren auf die Pflastersteine. Der Rasen des Nachbarn ist akkurat gemäht. Bei Neumanns wachsen Gras und Schilf kreuz und quer, wuchern Sträucher, hangeln sich Schlingpflanzen an Obstbäumen hoch. Am Ende der grünen Konfusion steht ein Gartenhaus. Dort hat er seinen Arbeitsraum. An der Wand Schallschutzmatten. Auf dem Fußboden Klebeband. Es sind Überreste der Markierungen für die Schauspieler. Auch hier wurden Gesangsaufnahmen gemacht, abends tobten die Schauspieler mit Neumanns Kindern auf dem Wohnzimmersofa. Das Gartenhaus, seinen Arbeitsraum, hatte Neumann am Telefon zuerst als Treffpunkt vorgeschlagen.

"Kling" macht der PC. Es ist so weit. Endlich kann Neumann Aufnahmen zeigen von "In The Night". Seine Frau bringt Kaffee und fragt: "Hat er erzählt, dass er die Musik wirklich ganz alleine geschrieben hat?" Hat er nicht, jedenfalls nicht explizit. Hat sie denn kein Problem damit gehabt, dass ihr Mann den Gegenwert einer Eigentumswohnung in einen Kinofilm steckte? "Er hat so viele Talente", sagt sie, "keiner zwingt ihn dazu, am Computer zu sitzen." Klick. Das erste File öffnet sich. Tänzerinnen in Polizeiuniformen steigen auf Stühle. Heather Gault in einem Kostüm mit goldenen Flügeln. Klick. Aufnahmen von Savage, die Instruktionen gibt. Klick. Aufnahmen vom Casting in New York. Es wird gesungen. Die Musik ist eingängig, durchsetzt von langsamen, sentimentalen Passagen. Vom Stress, von den schwierigen Umständen der Filmaufnahmen ist nichts zu erkennen. "Obwohl ich täglich nur vier Stunden geschlafen habe, fünf Hüte gleichzeitig aufhatte", sagt Neumann, "habe ich mich erfrischter gefühlt als jemals am Computer. 'In The Night' war meine Kur gegen den Burn-out."

Ein paar Monate noch. Dann wird Götz Neumann aus Köln-Dellbrück nach 17 Jahren Anlauf, etlichen Umwegen, einer mutigen Entscheidung und einem "Achterbahnritt, den ich mir nie hätte vorstellen können", seinen Traum erfüllt haben. Er sagt, es sei ihm nicht wichtig, ob er am Ende zwei Millionen Euro für den Film bekomme oder nur ein "Haufen Müll und ein paar Plakate übrig bleiben". Neumann sagt, er sei sich nicht sicher, glaube aber, es sei ein Zitat des Regisseurs Francis Ford Coppola: "1000 Dollar mutig in die eigene Sache investiert, fühlen sich an wie 100 000 Dollar. Dieses Gefühl habe ich erlebt, es ist ein großartiges Gefühl, das ich nur jedem wünschen kann." -