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Kriegsspiele

Hin und wieder wird die Wirtschaft zum Schlachtfeld. Dann kommt es auf die richtigen Waffen an. Wie man sie einsetzt, lehrt die französische École de Guerre Économique.




- Der US-Präsident hat einen vollen Terminkalender an jenem 18. Oktober 2008. Es ist der Höhepunkt der Finanzkrise. Für den Nachmittag haben sich sein französischer Kollege Nicolas Sarkozy und der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Durão Barroso angekündigt. Man will über neue Regeln für die Finanzmärkte beraten. Doch da platzt das "Wall Street Journal" mit einer Skandalnachricht dazwischen: Dominique Strauss-Kahn, seit knapp einem Jahr Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), soll eine Beziehung zu einer verheirateten Mitarbeiterin gehabt haben. Womöglich hat er sie auch noch finanziell begünstigt. Seine Berater fluchen. Ausgerechnet jetzt, das kann kein Zufall sein.

Enthüllungen, die das Zeug haben, Mächtige aus der Bahn zu werfen, werden selten zum x-beliebigen Zeitpunkt gestreut. So geriet Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy während des parteiinternen Vorwahlkampfes zu den Präsidentschaftswahlen von 2007 in Verdacht, Schwarzgeldkonten unterhalten zu haben. Als sich in diesem Frühjahr die Kandidatur der französischen Wirtschaftsministerin Christine Lagarde als Nachfolgerin von Strauss-Kahns abzeichnet, holt sie eine alte Geschichte ein: Sie soll den Unternehmer Bernard Tapie begünstigt haben. 1998 bereitete die Lewinsky-Affäre von US-Präsident Bill Clinton den Boden für seinen konservativen Nachfolger George W. Bush. Die Liste ließe sich fortsetzen.

An jenem Oktobertag 2008 jedenfalls wird die ganze Maschinerie der Gegenattacke in Stellung gebracht. Anne Sinclair, Strauss-Kahns Ehefrau, muss her und ihrem Mann vor laufenden Fernsehkameras verzeihen. Man befindet sich schließlich in den USA. Da kommt eine solche Inszenierung gut an. Das ist der leichteste Part.

Danach wird es schwieriger. Wer hatte ein Interesse, dem IWF-Chef zu schaden, und welche Daumenschrauben kann man den Urhebern der Geschichte ansetzen? Da sind ranghohe Mitarbeiter beim Fund, die sich über die von Strauss-Kahn eingeleiteten Sparmaßnahmen ärgern und auf einen Teil ihrer Stäbe verzichten müssen. Ihnen wird man in den nächsten Wochen genau auf die Finger sehen und beim kleinsten Fehler handeln. Zwei, drei exemplarische Entlassungen dürften kein Problem sein.

Was aber ist mit den Russen, die einen tschechischen Kandidaten an der Spitze des Währungsfonds bevorzugt hätten? Was mit dem US-Geheimdienst CIA? Interne Untersuchungen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ergeben, dass Behörden beider Länder IWF-Gelder veruntreuten. Bereits zugesagte Finanzmittel könnten erst einmal eingefroren werden. Mit Sarkozy und seiner Partei UMP in Paris schließlich wird ein Stillhalteabkommen vereinbart. Strauss-Kahn wird sich vorläufig weder in die französische Politik einmischen noch dem Staatspräsidenten das Amt streitig machen. Geschafft: Der Angriff ist abgewehrt.

Was genau sich in den Tagen und Wochen nach der Enthüllung des "Wall Street Journal" hinter den Kulissen abspielte, ist nicht überliefert. Doch was sich zugetragen haben könnte oder wie zumindest sie den IWF-Chef aus seiner misslichen Lage gepaukt hätten, das haben Ludovic Parisot, Jean-Luc Carpentier und Anita Deiva Punkt für Punkt aufgelistet. Es steht in "Les Attaques à la Personne" (Angriffe gegen Personen), ihrer 2009 verfassten Arbeit an der französischen Wirtschaftshochschule École de Guerre Économique, zu Deutsch: Schule für Wirtschaftskrieg.

Ein Titel, der diesseits des Rheins zusammenzucken lässt. Wirtschaft als Schlachtfeld? Und eine Schule, die solche Methoden lehrt? In Frankreich findet kaum jemand daran etwas Ungewöhnliches. In dem Land, wo mit Finesse gesponnene Intrigen so oft den Lauf der Geschichte bestimmt haben, beschäftigen Dutzende von Unternehmen, Organisationen und Behörden Absolventen. Angefangen bei der Unternehmensberatung Accenture über Automobilkonzerne, Banken und Supermarktketten bis hin zu Rüstungsunternehmen. Meist werden sie in Abteilungen eingesetzt, wo es auf strategische Kommunikation ankommt. Darauf, das eigene Unternehmen in strahlendem Licht zu präsentieren und den Konkurrenten auszustechen. Mit Worten, die in der Grauzone zwischen Information und Desinformation zu Waffen werden. "Les Attaques à la Personne" liest sich heute, nach den neuen, viel gravierenderen Vorwürfen gegen Dominique Strauss-Kahn, wie die Anleitung zu einem Feldzug.

Ludovic Parisot, inzwischen Informationsmanager beim französischen Energiekonzern GdF Suez, und seine ehemaligen Ko-Autoren ließen Anfragen unbeantwortet. Christian Harbulot, Gründer und Direktor der École de Guerre Économique, war nach anfänglichem Zögern doch bereit zum Gespräch. Seine Wissenschaft ist verschwiegen. Wer zu viel redet, verschafft dem Feind einen Vorteil. Immerhin, so viel sagt der ehemalige Geheimdienstler kühl über seine Schule: "Wenn auf einem Markt kein Platz für alle Wettbewerber ist, werden die Parallelen zwischen einem militärischen Krieg und den Auseinandersetzungen in der Wirtschaft sehr wichtig." Die Amerikaner wüssten das bereits seit 40 Jahren, die Chinesen hätten es schnell begriffen. "In Europa kommt man erst langsam drauf. Hier hat man eine Revolution verschlafen - die der Informationssteuerung."

Der 59-Jährige sitzt an einem alten Holztisch in der Mitte eines schmalen, spartanisch eingerichteten Konferenzraums. Um den Tisch herum sechs harte Stühle. An der Wand Schränke, die an Spinde in Kasernen erinnern. Rollläden dämpfen das von der Straße hereindringende Sonnenlicht. Draußen, nur wenige hundert Meter Richtung Süden, fotografieren sich Touristen gegenseitig auf den alten Kanonen sitzend vor dem riesigen Areal der Militärakademie École Militaire, in der einst Napoléon Bonaparte studierte und heute die militärische Führungselite Frankreichs. Richtung Osten schließt sich das Militärmuseum im Hôtel des Invalides an, das eine der größten Militariasammlungen der Welt beherbergt.

Auf dem Stundenplan der angehenden Wirtschaftskrieger stehen Fächer wie Krisenkommunikation, Lobbying, Einflussnahme via Blogs und sonstigen Einträgen ins Internet oder "Informationskrieg": Dabei lautet die Aufgabe, "Informationsdefizite und Schwächen eines Unternehmens aufzulisten und sowohl defensive als auch Angriffsstrategien zu empfehlen, um Marktanteile zu behalten beziehungsweise zu erobern".

Dazu seien genügend wahre und verifizierbare Informationen auf dem Markt, sagt Harbulot. Er halte nichts davon, Lügen zu verbreiten. "Das ist absurd und untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit. Aber ich sage nicht, dass es nicht vorkommt."

50 Kandidaten haben er und seine Kollegen in den vergangenen Wochen in persönlichen Einzelgesprächen ausgewählt. Sie beginnen in diesen Tagen ihr einjähriges Aufbaustudium. "Extrem motivierte Leute", so Harbulot, die bereits einen Master-Abschluss oder zwei hätten und nun lernen sollten, dass klassische Managementtheorien in der heutigen Zeit nur noch selten zum Ziel führten. "Die über Informationen ausgetragenen Konflikte in der Wirtschaft erfordern weiter reichende Kompetenzen", sagt Harbulot. Das Kräftespiel auf den Feldern der Geopolitik, des Wettbewerbs und der Gesellschaft führe zu Konflikten, die heute von vielen Unternehmen noch sehr schlecht gemanagt würden. Den Gegner zu kennen und dessen Strategie, das Machtgefüge zwischen Konkurrenten, das sei elementar, um Gefahren bereits vor ihrem Eintreten zu identifizieren.

Die größte Gefahr für Dominique Strauss-Kahn dürfte er selbst gewesen sein. Ein brillanter Kopf, das sagen sogar seine Gegner. Charismatisch dazu. Und mit einem Mal nichts weiter als ein perverser Tropf, die böse Fratze der Macht. Der notorische Schürzenjäger wusste nur zu gut um seine offene Flanke. Doch statt Zurückhaltung zu üben und sein Verhalten zu kontrollieren, dürfte passiert sein, was Parisot und seine Ko-Autoren in "Les Attaques à la Personne" beschrieben: Menschen in Machtpositionen hätten oft das Gefühl der absoluten Unantastbarkeit. Ihre Eitelkeit, gefördert durch ihre häufige Erwähnung in den Medien, lasse sie glauben, dass die Öffentlichkeit ihnen im Namen ihrer Verdienste für das Allgemeinwohl jeden Fehltritt nachsehe.

Zumal in Frankreich, wo man angeblich "nur das eine" im Kopf habe, wie die Autoren vermerken, die Öffentlichkeit aber sehr bewusst die Trennlinie zwischen Berufs- und Privatleben ziehe. Außereheliche Affären von Amtsträgern hätten dort im Gegensatz zu angelsächsischen Ländern so gut wie nie negative Konsequenzen. Der ehemalige sozialistische Staatspräsident François Mitterrand unterhielt jahrelang eine Zweitfamilie auf Staatskosten. Jeder wusste um die Techtelmechtel seines konservativen Nachfolgers Jacques Chirac - und schwieg. Dass Strauss-Kahn praktisch ständig wie ein Raubtier auf der Jagd war, wurde erst nach seiner Verhaftung thematisiert. Die junge Schriftstellerin Tristane Banon, die nun einen jahrelang zurückliegenden Vergewaltigungsversuch anzeigte, hatte ihr Erlebnis bereits 2007 in einer Fernsehsendung geschildert. Über den Namen Strauss-Kahn legte die Regie einen Piepton. Sonst passierte nichts. Ein ehemaliger Kulturminister des Landes empörte sich, nachdem Strauss-Kahn im Mai wegen des Verdachts, ein Zimmermädchen in New York vergewaltigt zu haben, von der Polizei in Handschellen vorgeführt wurde, es sei "doch niemand gestorben".

In den Tagen nach Strauss-Kahns Festnahme wollte eine Mehrheit der Franzosen an eine gezielte Kampagne glauben. Unter den Anhängern der Sozialistischen Partei (PS), die ihn nach drei verlorenen Präsidentschaftswahlen zum Retter erkoren, ist die Überzeugung noch immer weitverbreitet. Eine Intrige des amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy, der um seine Wiederwahl fürchten musste, eine Verschwörung der Finanzwelt, die auf den Niedergang des Euro wettete, oder gar Machenschaften des israelischen Geheimdienstes Mossad - keine Theorie schien zu verwegen. Hatte Strauss-Kahn nicht selbst nur wenige Wochen zuvor prophezeit, dass ihm jemand eine Falle stellen werde, um seine Kandidatur für die französische Präsidentschaft zu verhindern?

Es wäre ein Leichtes gewesen, Dominique Strauss-Kahn eine Falle zu stellen, sagt Harbulot. Und, kopfschüttelnd: Er habe "ganz sicher nicht an ein Komplott gedacht", als er von den Vergewaltigungsvorwürfen erfahren habe. "Mich erstaunt vielmehr, wie jemand, der erwiesenermaßen ein großes Problem mit Frauen hat, ernsthaft beabsichtigen kann, als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Mit so einer Vorgeschichte ist er viel zu angreifbar. Das hätte er selbst, das hätte auch seine Partei wissen müssen."

Jean-Pierre Beaudoin versucht auch die dunklen Seiten seiner Kunden in Betracht zu ziehen, wenn er an ihrem Image arbeitet. "Sein Risiko zu kennen ist schon der erste Schutz", sagt der Co-Präsident der Pariser Spezialagentur für Wirtschaftskommunikation Groupe i&e und Autor des Buchs "Le Dirigeant à l'épreuve de l'opinion" (etwa: Der Chef im Stresstest der öffentlichen Meinung). "Heute muss man eigentlich von der Annahme ausgehen, dass alles Private früher oder später - und eher früher als später öffentlich wird."

Seine Klienten, zu denen die Chefs namhafter französischer Konzerne gehören, reagieren nicht selten erstaunt, wenn Beaudoin die Facebook-Seiten ihrer Kinder, Enkel oder Neffen auch nach scheinbar harmlosen Bildern oder Kommentaren durchforsten lässt. Das Medium ist für den Meinungsmacher Segen und Fluch. Ein Segen, "weil alles, was im Internet erscheint, sofort beobachtet werden kann, sodass wir die öffentliche Meinung viel besser überwachen können als früher". Ein Fluch "wegen der grenzenlosen Zahl der User, die in der Öffentlichkeit allerlei Aufregung verursachen können".

Unter dem Suchbegriff Dominique Strauss-Kahn finden sich im Internet derzeit rund 31 Millionen Einträge. Das Pendel schlägt hin und her, mal ist er Täter, mal Opfer. Es gibt PR-Strategen, die daran arbeiten, das Image des ehemaligen IWF-Chefs wieder aufzupolieren und die Glaubwürdigkeit seines mutmaßlichen Opfers infrage zu stellen. Dass es dabei nicht immer fair zugeht, wissen Beaudoin und Harbulot nur zu gut. Und wie so oft stellt sich die Frage, ob die Öffentlichkeit erfahren soll, dass eine fachlich kompetente Person charakterlich womöglich völlig ungeeignet ist? Sollen solche Informationen verbreitet werden? Zum Wohl der Allgemeinheit? Wem nutzt, wem schadet das? Die persönliche Ethik müsse Desinformationskampagen verbieten, sagt Beaudoin. Derartige Manöver seien zudem riskant, weil auch sie natürlich an die Öffentlichkeit gelangen können.

Nicht selten enden solche Geschichten mit einem Deal. Oder, um im Bild des Krieges zu bleiben, mit einer "balance of terror". So nennt man in der Fachsprache des Informationsmanagements, wenn Gut und Böse nicht mehr auseinanderzuhalten sind. In jenem Herbst 2008 hatte Dominique Strauss-Kahn genügend Munition - oder seine Gegner zu wenig. Diesmal scheint es anders. Aber der Informationskrieg ist noch nicht zu Ende. -