Partner von
Partner von

Offene WLANs

Offene WLANs seien gefährlich, sagen Anwälte und Richter. Sie könnten der Durchbruch für das mobile Internet sein, widersprechen die Berliner Freifunker. Ihre Idee geht um die Welt.




- Eines Tages entdeckte Michael Müller den Internetsozialismus. Und weil man Ideen gut verkaufen muss, sprach er bombastisch von berlinweitem WLAN-Plan und Innovationsoffensive. Der Landes- und Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD gab sich als Mann der Zukunft: Innerhalb des S-Bahn-Rings, so Müllers Vision, solle jeder einen freien Zugang zum Netz haben. Das war Anfang 2008 und klang gut.

Passiert ist seitdem nicht viel - die Offensive ist im Berliner Senat stecken geblieben. Doch eigentlich könnte es egal sein, ob die Politiker die Idee vorantreiben, denn es gibt bereits ein Netzwerk - es besteht aus vielen kleinen: private WLANs. Eigentlich sollen sie nur wenige Meter Distanz überbrücken. Ganz ohne lästige Kabel, nur mithilfe elektromagnetischer Wellen. Tat sächlich aber funken die drahtlosen lokalen Netzwerke 100 Meter und mehr in alle Richtungen. In den Ballungsgebieten Hamburg oder Berlin gibt es kaum Areale, an denen nicht gleich mehrere WLANs funken. Mit einem Smartphone oder Laptop sind sie leicht zu finden.

Nur benutzen kann man sie nicht. Denn meistens sind sie verschlüsselt. Warum eigentlich? Warum lässt man andere Leute nicht mitsurfen? Die Antwort ist einfach: Der offene Zugang zum Netz könnte zum Missbrauch einladen.

Jürgen Neumann tut es trotzdem: Sein Funknetz ist offen, von keinem Passwort geschützt, für jedermann frei zugänglich, und das, findet Neumann, ist auch gut so. Sein Netz verbindet sich sogar selbstständig mit anderen Netzen zu einem einzigen großen. Meshing nennt sich diese Technik, und sie ermöglicht eine Low-Budget-Kommunikationsinfrastruktur, die es noch weit bringen könnte.

Die Idee entstand im Sommer 2002 und war aus der Not geboren. Damals waren Breitbandanschlüsse ins Internet in Ostberlin noch rar. Im Stadtteil Friedrichshain hatte die Telekom nach dem Mauerfall Opal-Glasfaserkabel verbuddelt. DSL funktioniert aber nur über Kupferkabel. Also musste man sich selbst helfen. Auf einem zweitägigen Workshop in Berlin trafen sich Mitglieder verschiedener Initiativen aus London und Berlin und experimentierten mit drahtlosen lokalen Netzwerken. Man bastelte an einfachen Antennen, die die WLAN-Signale verstärken sollten, und beschloss, ein erstes kleines Funknetz aufzubauen. Für viele Teilnehmer war dies nicht weniger als eine kleine Revolution.

Das erste freie Funknetz führte vom Dach der Kultureinrichtung C-Base zu einem weiteren Haus in der Berliner Rungestraße, von dort zu einem Hotspot am Haus des Lehrers am Alexanderplatz, weiter zum Dach des Bürogebäudes, in dem die Zeitung "Neues Deutschland" sitzt, und schließlich zu einem Internetprovider in Berlin-Treptow. Und es funktionierte - mit dem Einsatz einfachster Mittel. Damit war der Grundstein gelegt für Freifunk, das nicht kommerzielle Netz.

In Berlin gibt es mittlerweile rund 2200 registrierte Freifunk-Mitglieder, die ein Maschennetz über rund zehn Prozent der Stadtfläche legen. Diese WLAN-Wolke wirkt wie ein Intranet, in dem man kostenlos Daten austauschen kann. Das Funknetz steht jedem offen, der es nutzen möchte, ob registriertes Mitglied oder nicht. "Wir bringen das Internet auf die Straße, machen es frei verfügbar im öffentlichen Raum", sagt Jürgen Neumann und zählt die Vorteile auf: Es spare Energie, senke die Strahlenbelastung und führe ärmere Bevölkerungsschichten an die Technik heran. Und letztlich sei es ein Standortvorteil für Berlin, wenn Gäste und Bewohner überall kostenlos ins Internet gehen könnten.

Diese Freifunk-Software ist Open Source, jeder darf sie verwenden, verändern und seinen Bedürfnissen anpassen. Die Berliner Aktivisten sind Teil einer internationalen Bewegung, es gibt Ableger in ganz Europa, Lateinamerika und Asien. Neumann wurde bereits vom IT-Ministerium in Indien eingeladen, um seine Idee vorzustellen. Dort sollen 400 000 Dörfer mit der Meshing-Technik ans Internet angeschlossen werden. Andere Frei-funk-Mitglieder engagieren sich in Bangladesch oder in Afrika, wo es so gut wie gar keine Kabelnetzwerke gibt und der drahtlose Zugang zum Netz die Entwicklung ähnlich vorantreiben könnte wie der Mobilfunk, der sich in Entwicklungsländern durchgesetzt hat.

Neumann sieht seine Idee um die Welt gehen, doch in Berlin geht nichts vorwärts. Er hat gerade ein Konzept für die Senatsverwaltung geschrieben, wie man offene Netze in ganz Berlin einführen könnte. Der Verband der deutschen Internetwirtschaft unterstützt das. Nur die Politik zögert.

Und die Rechtsprechung lehnt die offenen Netze ab. Denn nicht jeder, der sie benutze, tue dies mit guten Absichten: So könne man über freie Funknetze massenhaft Spam-Mails und Viren versenden, rassistische oder kinderpornografische Inhalte verbreiten oder Musik und Kinofilme illegal herunterladen oder anbieten.

Zwar kann das auch mit normalen kabelgebundenen Internetzugängen geschehen, aber dann können solche Straftaten zur IP-Adresse des Computers zurückverfolgt werden. Bei einem freien Funknetz ist dies nicht möglich. Die Strafverfolgungsbehörden können nur die IP-Adresse des Computers ausfindig machen, der den Zugang zum Netz ermöglicht hat, nicht aber den Rechner selbst, der die illegalen Daten über dieses WLAN tatsächlich versendet hat.

Und so haben deutsche Gerichte den Betreibern von offenen Netzen eine Mitschuld gegeben, wenn über deren Internetzugang Musik oder Kinofilme illegal ins Netz gelangten. Man nennt das die Störerhaftung. Diese führte bereits zu kuriosen Prozessen: So verurteilte das Landgericht Frankfurt am Main 2007 den Inhaber eines offenen Netzes, über dessen Anschluss Daten in einer Tauschbörse gehandelt wurden, obwohl der Beklagte zu diesem Zeitpunkt nachweislich im Urlaub war. Sein PC war abgeschaltet, sein WLAN-Router allerdings nicht. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main hingegen entschied 2008, dass der Inhaber einer WLAN-Verbindung grundsätzlich nicht als Störer haf-

tet, wenn unberechtigte Dritte darüber Straftaten begehen. Der Bundesgerichtshof urteilte im Jahr 2010 letztlich, dass Privatpersonen zwar auf Unterlassung, nicht jedoch auf Schadenersatz verklagt werden können, wenn sie ihr WLAN marktüblich abgesichert haben. Eine Abmahnung riskieren sie trotzdem.

Für Jürgen Neumann gehen die Ängste vor offenen WLAN-Netzen an der Realität vorbei. "Neonazis und Kinderpornos sind so ein Hype, um ein Angstpotenzial aufzubauen und die Idee von freien Funknetzen zu torpedieren", sagt er. Und für Filesharer, die in der Regel große Datenmengen hoch- und runterladen würden, seien die freien Netze ohnehin ungeeignet - die Verbindungen seien zu langsam dafür. So halten er und seine Mitstreiter von Verboten nichts und setzen vielmehr auf die Selbstregulierung durch die Nutzer selbst: Denn würden große Datenmengen bewegt, sinke die Netzleistung für alle anderen Benutzer. Wer sich also danebenbenehme, so Neumann, werde den Zorn der anderen schnell zu spüren bekommen. "Es gibt zig Beispiele, wo wir potenzielle Gefahren in Kauf nehmen und uns in der Abwägung für die Freiheit entscheiden - nur in der digitalen Welt gibt es so eine Fantasie von vollständiger Kontrolle und totaler Erfassung."

Das Thema, sagt Neumann, solle stärker thematisiert werden. Schließlich stünden hier Partikularinteressen dem großen gesellschaftlichen Nutzen gegenüber. "Letztlich fehlt der Präzedenzfall, der mal Klarheit in die Rechtslage bringen könnte." -