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Gustav Edmund Pazaurek

Es gibt nicht nur böse Menschen, sondern auch böse Dinge. Davon war Gustav E. Pazaurek, Vordenker des Deutschen Werkbundes, überzeugt. Hier ein Einblick in sein Gruselkabinett, ergänzt um moderne Stücke.




- Gustav E. Pazaurek stürzte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine Schlacht gegen einen übermächtigen Gegner: den schlechten Geschmack. Mit wachsendem Ärger hatte der Direktor des Stuttgarter Landesgewerbemuseums beobachtet, wie mit der industriellen Massenproduktion in Deutschland auch die Zahl der aus seiner Sicht scheußlichen Gegenstände zunahm. Um das Publikum abzuschrecken und aufzuklären, eröffnete der dem Deutschen Werkbund angehörende Kunsthistoriker 1909 seine "Abteilung der Geschmacksverirrungen". Für dieses Gruselkabinett trug Pazaurek in jahrzehntelanger Arbeit mehr als 900 Objekte zusammen. Heute sind noch etwa 700 davon erhalten.

Die Mission des Geschmackspolizisten war es, Verstöße gegen das ästhetisch Gute, Wahre und Schöne am Gegenstand zu entlarven und anzuprangern. Zu diesem Zweck erarbeitete er eine komplexe Systematik mit vier Hauptkategorien - Materialfehler, Konstruktionsfehler, Dekorfehler, Kitsch - und zahlreichen Unterkategorien. "Für seinen Fehlerkatalog", schreibt Imke Volkers, Kuratorin im Werkbundarchiv - Museum der Dinge in Berlin, "bediente er sich einer drastischen Nomenklatur, die heute zu Recht befremdet. Die strafrechtlichen Kategorien, mit denen Pazaurek die Dinge etikettierte, lesen sich wie eine Metaphorik des Bösen." So spricht der Geschmackspolizist von "abnormen Formen", "Materialvergewaltigung", "funktionellen Lügen", "Konstruktionsattrappen" und "Dekorübergriffen".

Pazaurek und seine Werkbund-Kollegen waren damals überzeugt, dass die gegenständliche Welt einen starken Einfluss auf die Menschen hat - im guten wie im schlechten Sinne. In einer 1912 erschienenen Schrift postulierte der Kunstwart eine "edle moralische Verpflichtung" für die "kulturell Höherstehenden, nicht mit verschränkten Armen teilnahmslos zuzusehen, wie das Unkraut des Ungeschmacks, das sich ohne unser Zutun in entsetzlicher Fruchtbarkeit vermehrt, alle schönen Keime erdrückt, ihnen Platz, Luft und Licht raubt".

Imke Volkers und ihre Kollegen haben die Sammlung des Kunstwarts für die Ausstellung "Böse Dinge" rekonstruiert und um zeitgenössische Produkte ergänzt. Eine Auswahl ist auf diesen Seiten zu sehen. Was auffällt, ist, dass sich Pazaureks Kriterien auch nach fast hundert Jahren auf etliche Gebrauchsgegenstände anwenden lassen - sein Kampf war also vergeblich. Andererseits scheint es in Zeiten, in denen viele verschiedene Stile friedlich nebeneinander existieren, kaum noch möglich, guten von schlechtem Geschmack zu unterscheiden. Heute geraten Dinge weniger wegen ästhetischer Mängel in die Kritik, sondern weil sie von Kindern hergestellt wurden, giftige Stoffe enthalten, die Jugend gefährden, sexistisch sind oder rassistisch erscheinen. Die Welt der Dinge ist nicht schöner geworden - nur moralischer. -

www.museumderdinge.de