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Hühnermobil

Hennen in Käfigen zu halten ist Tierquälerei. Doch auch die Freilandhaltung ist nicht das Gelbe vom Ei. Iris Weiland hat eine verblüffend einfache Lösung für das Problem gefunden.




- Das Hühnermobil von Iris Weiland sieht aus wie eine fahrbare Frittenbude. Das Prinzip ist einfach: Nachts schlafen die Hühner oben auf der Stange; morgens flattern sie einen Stock tiefer und legen ihre Eier in die Nester; tagsüber picken sie im Freien. Einmal in der Woche kuppelt der Bauer seinen Traktor an und schleppt den Stall samt Tieren auf eine frische Wiese. Während langsam Gras über den alten Platz wächst, scharren die Hühner schon wieder im Grünen - und freuen sich wie auf dem Kartonbild im Supermarkt.

Mit ihnen freut sich Iris Weiland, denn ihr Geschäft läuft gut: Eine Million Euro Umsatz hat sie 2010 gemacht, dieses Jahr sollen es doppelt so viel werden. Die Nachfrage sei so groß, dass sie auf Werbung verzichten könne. Die Hühnerhalter kämen von selbst, weil sie irgendwo einen mobilen Stall gesehen hätten und nun auch einen haben wollten. Für 27 000 Euro das macht fünf Cent Aufpreis pro Ei im Vergleich zu einem herkömmlichen Stall.

Das nur, damit das Federvieh jede Woche etwas Neues sieht - ist das nicht zu viel der Tierliebe? Nein, sagt Weiland. Sie kennt die Probleme der Freilandhaltung, hat selbst jahrelang Hennen gehalten. Das Hühnermobil hat sie aus der Not heraus erfunden. Anfang der neunziger Jahre war sie mit ihrem Mann Max aus Frankfurt in die nordhessische Provinz gezogen. Dort eröffneten sie einen Bioland-Hof. Dazu gehörten Hühner - die natürlich frei herumlaufen durften.

Doch das führte bald zu Problemen: "Hühner sind begeisterte Picker und Scharrer", sagt Weiland. "In wenigen Wochen machen die aus einer Wiese einen Truppenübungsplatz." Bald schon stand um den Stall kein Grashalm mehr, und jedes Huhn hatte sich seine eigene Kuhle gegraben, um im Staub zu baden. Darin sammelten sich Kot und Regen und mit ihnen die Parasiten. Hinzu kam, dass sich Hühner lieber auf einem Haufen um den Stall herum gegenseitig auf die Krallen treten, als sich im Grünen zu verteilen - gut für die Parasiten, schlecht für die Hühner.

Erst kam die Vogelgrippe dazwischen, dann die Scheidung. Nun aber läuft das Geschäft mit den fahrbahren Ställen.

"Nach drei Jahren hatten die beinahe ständig Würmer", erinnert sich Weiland. Bleibt der Würmerbefall unbehandelt, fressen sich die Parasiten durch die Darmwand. Die Bauern standen vor der Entscheidung, entweder zuzuschauen, wie ihre Hühner dahinsiechen, oder den Tieren Medikamente zu geben, die sich dann womöglich in den Frühstückseiern ihrer Kunden wiederfinden. So hatten sie sich Bio nicht vorgestellt.

Sollte Einsperren doch die bessere Alternative sein? Iris Weiland wollte das nicht akzeptieren. Sie hatte ökologischen Landbau studiert, arbeitete nebenher als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Verhaltensforschung für Nutztiere, und wenn sie Zeit übrig hatte, setzte sie sich zwischen ihre 300 Hühner, um zu verstehen, was ihnen fehlte. Sie weiß, was die enorme Legeleistung für eine Henne bedeutet: "Das ist, als würde eine Frau an neun von zehn Tagen ein Zwei-Kilo-Kind zur Welt bringen." Es musste doch einen Weg geben, die Hühner ins Freie zu lassen, ohne sie mit Arzneien vollzupumpen.

Die Lösung war verblüffend einfach: "Warum fahren wir den Parasiten nicht davon?" Max Weiland ersteigerte eine ausgemusterte Metallwerkstatt und begann zu schrauben. Ein knappes Jahr später rollte das erste Hühnermobil vom Hof - und funktionierte.

Das Parasitenproblem war damit gelöst, die Hühner legten mehr Eier. Dabei war die Idee nicht neu, sie war nur vergessen. Früher hatten sich Bauern gern einen ausgedienten Bauwagen zum Stall auf Rädern umgebaut. Über die Zeit wurden die Gelege jedoch größer, und die Lösung war nicht mehr praktikabel.

Eigentlich hätten Weilands nun wieder zum Hof-Alltag zurückkehren können. "Aber da war eben schon alles da: die Idee, die Pläne, der Prototyp", sagt Iris Weiland. Also bastelten sie weiter an ihrer Erfindung. Doch immer kurz vor dem Durchbruch kam etwas dazwischen: erst die Vogelgrippe, dann die Scheidung.

Erst als Iris Weiland die Firma im Jahr 2010 übernimmt, 20 neue Mitarbeiter einstellt und eine insolvente Holzfabrik für die Fertigung kauft, läuft der Laden endlich an. Mittlerweile baut sie ein kleines Hühnermobil für 225 Tiere in Serie. Geplant sind zwei größere Modelle für 800 und 1200 Tiere.

Die Unternehmerin will damit Betriebe ausstatten, die Supermärkte beliefern und ihren Beitrag zur artgerechteren Tierhaltung leisten. Ihr bisher größter Kunde ist Gerhard Niederwahrenbrock aus Westfalen. Seine 2400 Hühner leben seit acht Jahren in Hühnermobilen und hätten seitdem keine Medikamente mehr schlucken müssen, berichtet der Bauer.

Iris Weiland denkt schon weiter. Sie träumt von einem eigenen Siegel für die Freilandhaltung auf Rädern: "Wir könnten zu einer Premium-Marke werden, die man sofort erkennt - wie die Nutella unter den Nuss-Nougat-Cremes!" -

www.huehnermobil.de