Wikipedia Autoren

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia ist ein faszinierendes Sozialunternehmen. Autoren fassen dort das Wissen der Welt zusammen. Noch wichtiger aber sind die Ordner: Ohne sie würde das Projekt an zu viel Streit, Eitelkeit und Testosteron scheitern.




- Vor ein paar Jahren fragte mich eine befreundete Künstlerin: "Kannst du mir einen Eintrag bei Wikipedia schreiben? Ich weiß nicht, wie das geht."

Wikipedia? Da können doch alle mitmachen. Klar kann ich das, dachte ich und schrieb: "Bianca W.*, Malerin aus München ..." Nur drei, vier Sätze, eine Liste ihrer Ausstellungen, ein Link zu ihrer Website. Nichts Großes und ganz wertungsfrei, man will ja nicht übertreiben.

Am nächsten Tag kamen die Reaktionen. Die erste stammte von jemandem namens Weissbier. Sie ging um 13.46 Uhr ein und lautete schlicht "no ...". Um 14.49 Uhr wurde mein Eintrag gelöscht. Zur Begründung schrieb ein gewisser Ephraim33: "Reklame für eine irrelevante Kunsthandwerkerin. Bitte schnell entsorgen, bevor die Löschdisk noch mehr böse Kommentare zu der armen Frau enthält."

Ich lernte daraus, dass Kunsthandwerk offenbar etwas Schlechtes ist und Ephraim33 die Macht hatte zu entscheiden, was relevant sei und was nicht. Es war der erste und letzte Eintrag, den ich für Wikipedia geschrieben habe.

Die Online-Enzyklopädie lebt von seinen fleißigen Autoren, von Menschen, die ihre Freizeit opfern und dort Artikel über Themen schreiben, mit denen sie sich auskennen. Und dies ohne einen Cent Honorar. Wer sind diese Leute, die sich hinter merkwürdigen Pseudonymen verstecken, uns doch die Welt erklären wollen und darüber entscheiden, was wichtig ist?

Die Statistik besagt: Die deutschen Wikipedia-Mitarbeiter sind zu 88 Prozent männlich, im Durchschnitt 33 Jahre alt, mehr als die Hälfte sind Singles. Und: Es sind gar nicht so viele, wie man denkt. Von den rund 120 000 angemeldeten Nutzern in Deutschland sind lediglich 3000 aktiv. Der engere Kreis der deutschen Wikipedia-Autoren, die mehr als 100 Beiträge im Monat schreiben, besteht aus rund 1000 Personen. Der "New York Times" sagte der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales im November 2007, dass die Kerngemeinschaft der Wikipedianer "in Wahrheit ganz schön eingebildet" sei, und er glaube, dass einige Idioten sind und gar nicht schreiben sollten.

Idioten? Eigenbrötler? Auf der Suche nach einem Wikipedianer stöße ich auf einen namens Bullenwächter. Er ist Außenhandelskaufmann und Hobby-Imker aus Halstenbek in der Nähe von Hamburg mit einer Leidenschaft für Motorräder und Mittelalter. All das verrät seine eigene Wikipedia-Seite. Nur seinen richtigen Namen verrät sie nicht. Dafür gibt es einen E-Mail-Button, den man drücken und über den man nach einem Interview fragen kann. Zwei Tage lang passiert nichts. Bullenwächter schweigt.

Stattdessen meldet sich ein anderer Autor: Peter Wuttke. Endlich ein Mensch mit einem richtigen Namen. "Ich fahre mit offenem Visier", sagt Wuttke, der zwar auch ein Pseudonym benutzt ("Atomiccocktail"), sich auf seiner Autorenseite aber zu erkennen gibt. Warum wollen überhaupt so viele Leute bei Wikipedia anonym bleiben? Wuttke erzählt von Anfeindungen, gar Bedrohungen, und dass es der Sache dienlich sei, wenn man über ein Thema diskutiere, ohne die beteiligten Personen zu kennen. So ähnlich sehen das die Plagiats-Jäger, die in jüngster Zeit Schlagzeilen machten, auch.

Peter Wuttke, Jahrgang 1965, verbringt rund zwei Stunden pro Tag mit der Arbeit an Wikipedia. Mehr als 15 000 Artikel hat er schon geschrieben oder verbessert. Er ist verantwortlich für die Beiträge zum Massaker von Srebrenica und zu dem Völkermord in Ruanda. Wer ihn in seinem Büro besuchen will, der fährt zum alten Hamburger Schlachthof und klingelt bei der Fleischerinnung, 1. Stock. Oben an der Tür steht ein freundlicher, eloquenter Mann, der gern mit Journalisten redet.

Wuttke wirkt nicht wie ein Nerd. Er hat Politikwissenschaft studiert und betreibt eine Agentur für Unternehmenskommunikation, die auch geschäftsführende Tätigkeiten für die Fleischerinnung Hamburg übernimmt, daher das gemeinsame Klingelschild. Er hat Frau und Kind, von denen er getrennt lebt, und eine Freundin (Cosmicgirl), die seine Wiki-Leidenschaft teilt. "Nur am Wochenende, da schimpft sie schon mal, dass ich endlich den Computer ausmachen soll."

Warum machen Sie sich die Mühe?

"Als ich angefangen habe, war ich sehr berührt vom Konflikt im ehemaligen Jugoslawien. Im Internet wurden viele Fakten bestritten. Das fand ich nicht schön, Dinge einfach wegzuleugnen. Dem kann man nur entgegentreten, indem man sich mal hinsetzt und das aufarbeitet. Ich habe den Artikel über das Massaker von Srebrenica erst verbessert und später dann komplett neu geschrieben. Mittlerweile ist er als exzellenter Artikel bei Wikipedia mit einem grünen Sternchen ausgezeichnet worden."

Peter Wuttke ist sichtlich stolz auf den Beitrag, der ausgewogen und gut geschrieben ist. Fast eine kleine Doktorarbeit, inklusive Fußnoten.

Geht es ihm auch um die Befriedigung persönlicher Eitelkeit?

"Ja, klar. Ich würde mich schon als eitel bezeichnen. Es ist albern zu glauben, das hätte keine Relevanz. Letztlich entsteht aus Eitelkeit und Engagement etwas Gutes. Das treibt das Ding nach vorne."

Es ist eine Sache, einen guten Artikel bei Wikipedia zu schreiben. Und eine ganz andere Sache, ihn hinterher gegen die anderen zu verteidigen. Denn grundsätzlich kann jeder Nutzer mitdiskutieren und den Text ändern. Durch den Diskurs aller Interessierten entsteht so der bestmögliche Artikel. So weit die Theorie.

Doch was nach basisdemokratischer Idylle klingt, ist in der Praxis ein Hauen und Stechen. Das Schlachtfeld ist die Diskussionsseite, die jedem Artikel hinterlegt ist. Oft ist sie länger als der eigentliche Text. Man geht ruppig miteinander um, der Ton ist barsch, nicht selten kommt es zu persönlichen Anfeindungen. Soziale Rollenkämpfe nennt das der Frankfurter Soziologe Christian Stegbauer, der Wikipedia untersucht hat. Der wichtigste Antrieb für die, die dort schreiben, sei die Anerkennung in der Gemeinschaft. Und wo Eitelkeit mit im Spiel ist, da wird mit harten Bandagen gekämpft.

Beim Artikel über das Massaker von Srebrenica dreht sich die Diskussion vor allem um einen einzigen Satz: "Das Massaker vom Juli 1995 gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs." Ein Anonymus wendet ein: "Dies ist faktisch nicht korrekt, da bereits 1994 schätzungsweise eine Million Tutsi in Ruanda einem Völkermord zum Opfer fielen." Daraufhin antwortet ein gewisser Andibrunt: "Als ich das letzte Mal in meinen Atlas geschaut hatte, lag Ruanda nicht in Europa, sondern in Afrika." So geht das hin und her. Die Diskussion über diesen Satz umfasst etwa 21 DIN-A4-Seiten. Beteiligt sind gerade mal eine Handvoll Personen.

Am Ende der Diskussion wird es Atomiccocktail zu bunt: "Ich weise die unverschämte Unterstellung einer serbophoben Einstellung zurück (...). Das ganze Gerede über angebliche Medienmanipulationen in den Balkankriegen hat nichts mit dem Massaker von Srebrenica zu tun. Theoriefindung (...) ist hier nicht gestattet. Punkt." Ein gewisser Filtor entgegnet: "Atomiccocktail, Du solltest Dich um einen weniger autoritären und aggressiven Diskussionsstil bemühen ..." Und Peter Wuttke abschließend: "Den Schwachsinn von einer Serbophobie weise ich entschieden zurück. Ich habe kein Problem, deutlich zu werden." Der Mann kann also ganz schön streitbar sein, wenn er angegriffen wird.

Zehren solche Diskussionen nicht an Ihren Nerven, Herr Wuttke?

"Eine Regel bei Wikipedia lautet: 'Unterstelle dem anderen die besten Absichten'", antwortet er, "aber das ist nicht immer möglich, weil man vielleicht selber nicht so gut drauf ist oder weil der andere sich schon als jemand gezeigt hat, der merkwürdige Interessen vertritt - so glaubt man jedenfalls."

Wikipedia wird von Menschen gemacht, die zum Teil sehr dezidierte Meinungen über Richtig und Falsch haben. Und nicht selten prallen sie aufeinander wie Steinböcke, die ihre Kräfte messen wollen.

Eine besondere Form der Auseinandersetzung sind sogenannte Edit-Wars. Sie finden nicht auf den Diskussionsseiten statt, sondern direkt im Artikel. "Dabei kämpfen zwei Nutzer darum, ob eine Information in den Artikel reinkommt oder nicht", erklärt Peter Wuttke. "Der eine schreibt etwas rein, der andere löscht es sofort wieder raus." Gewinner ist, wer am längsten durchhält. Und da kein normaler Mensch Zeit und Lust hat, ständig gegen verquere Meinungen anzukämpfen, siegt nicht immer das beste Argument.

Ein weiteres Mittel, um demokratische Spielregeln auszuhebeln, sind sogenannte Sockenpuppen. Dabei legt ein Nutzer einfach mehrere Accounts an und spricht so mit mehreren Stimmen.

"Dann hat man plötzlich drei Meinungen gegen sich", sagt Wuttke, "obwohl dahinter nur eine einzige Person steckt." Fällt so etwas auf, weil alle Accounts dieselbe IP-Adresse haben, dann wird der Benutzer gesperrt.

Die Wissensbildung mit dem Ellenbogen schreckt viele Leute ab. Erstmals seit der Gründung von Wikipedia sinkt die Zahl der Neuanmeldungen. Das Engagement geht zurück. Vor allem Frauen haben keine Lust auf diese Machtspielchen.

"Da muss Wikipedia was tun", sagt Wuttke. "Dieses männliche Gehabe blockt zu viele Leute ab." Er sitzt in einem Ausschuss, der die Spendengelder des Deutschen Chapters verteilt. Rund 200 000 Euro haben sie zur Verfügung. Ein Teil davon soll dafür verwendet werden, mehr Frauen zu gewinnen. Bis 2015 will Wikipedia deren Anteil unter den Mitarbeitern auf 25 Prozent steigern. Das scheint auch aus inhaltlichen Gründen sinnvoll.

Sind Pornostars wichtig?

Denn die Interessen und die Herkunft der Autoren haben Auswirkungen auf die Themen, die bearbeitet werden. So sind solche aus Afrika und Lateinamerika unterrepräsentiert, weil es dort nur wenige Wikipedianer gibt. Und die geringe Zahl an weiblichen Schreibern führe zu einem männlich-dominierten Geschichtsbild, sagen Kritiker. Stattdessen gibt es bei Wikipedia angeregte Diskussionen darüber, welche Pornostars wichtig genug sind, um gelistet zu werden. Immerhin 354 Darstellerinnen haben es zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht.

Warum auch nicht, sagen manche. Schließlich gibt es in einer Online-Enzyklopädie unbegrenzt Platz. Anders als in einem gedruckten Lexikon, können dort problemlos alle Folgen der Fernsehserie "Two and a Half Men" (bisher 177) oder alle Bewohner von Entenhausen aufgezählt werden. Aber soll man das wirklich tun, fragen andere? Führt dieses Mehr an Information nicht irgendwann zur Belanglosigkeit?

Auch über diese Grundsatzfrage gibt es bei Wikipedia einen heftigen Streit. Die Front verläuft zwischen Inklusionisten und Exklusionisten. Inklusionisten möchten am liebsten jedes Thema aufnehmen - schon weil es möglich ist. Exklusionisten möchten Themen nach Wichtigkeit bewerten und notfalls ausschließen. So wie die Malerin aus München.

Wenn ein Streit eskaliert oder unsachlich geführt wird, schreiten die Administratoren ein. Rund 300 gibt es allein in Deutschland. Sie bilden eine Art Führungselite und werden von den Wikipedianern gewählt, um Streit zu schlichten, Seiten zu löschen oder Benutzer zu sperren. Eine wichtige, aber auch anstrengende Ordnungsfunktion, von der sich nicht wenige überfordert fühlen. Laut einer Studie an der Viadrina-Universität in Frankfurt /Oder ist ein Drittel der Administratoren durch persönliche Angriffe genervt. Peter Wuttke ist ganz bewusst kein Administrator: "Ich bin nicht geeignet dafür, weil ich zu konfliktorientiert bin. Ich würde auch nicht gewählt werden. Wir brauchen Streitschlichter und keinen, der noch Öl ins Feuer gießt."

Trolle, Werber und Vandalen

Da Wikipedia eine offene Bühne ist, zieht sie auch Menschen mit destruktiven Absichten an. Trolle zum Beispiel, also Leute, die gezielt provozieren wollen oder einfach massenhaft Unsinn schreiben. Dann steht im Artikel über eine politische Partei plötzlich "ficken, ficken, ficken" und im Porträt einer Publizistin "Penis". Peter Wuttke vermutet dahinter vorwiegend gelangweilte Schüler, die sich einen Spaß machen wollen. Bei populären Artikeln werden solche Störungen schnell bemerkt. Eine Untersuchung von I BM hat ergeben, dass die meisten Vandalismen bereits innerhalb von fünf Minuten beseitigt werden.

Gefährlicher für die Glaubwürdigkeit von Wikipedia wird es, wenn professionelle PR-Agenturen die Darstellung ihrer Kunden aufhübschen. Wenn die Vorzüge eines Diabetes-Medikaments angepriesen und negative Aussagen gelöscht werden. Wenn die Atomenergie in ein freundlich-mildes Licht gerückt wird oder Politiker aus dem Bundestag oder dem US-Kongress ihre eigene Biografie verschönern und ihre Gegner verunglimpfen wollen. Je dezenter die Manipulation ist, desto wahrscheinlicher bleibt sie unbemerkt.

"Da muss Wikipedia Strategien entwickeln, um dagegenzuhalten", sagt Peter Wuttke. "Sonst sind wir in Zukunft diesen Manipulationen ausgeliefert." Er will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Leser nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht. "Die Benutzer dürfen beim Lesen nicht den Kopf ausschalten. Wikipedia ist nur ein Sprungbrett zum Wissen. Wir sind keine Wahrheitsmaschine." -

* Name ist der Redaktion bekannt 1 Wikipedia - Gegründet am 15.1.2001 von Jimmy Wales - Am 20.6.2003 in die Stiftung Wikimedia Foundation überführt - Sitz der Foundation ist San Francisco - Finanzierung ausschließlich über Spenden - Größter Einzelspender im Jahr 2010 war Google (2 Millionen Dollar) - Gesamtbudget 2009/2010: 16,6 Millionen Dollar - Ausgaben 2009/2010: 10,3 Millionen Dollar - Wikipedia betreibt rund 400 Server in Tampa, Virginia und Amsterdam - Sie verarbeiten 25 000 bis 60 000 Zugriffe pro Sekunde, je nach Tageszeit - Im Mai 2011 war Wikipedia.org auf Platz 7 weltweit der am häufigsten besuchten Internetseiten - Es gibt insgesamt 282 Sprachversionen - Registrierte Benutzer: 1 350 636 (Stand April 2011) - Weit mehr als 18 Millionen Artikel weltweit, davon 3,6 Millionen in englischer Sprache 2 Deutsche Wikipedia - Mehr als 1 200 000 Artikel - Pro Tag kommen rund 400 Begriffe hinzu - Jede Minute werden rund 20 Änderungen vorgenommen - Der gesamte Text der deutschen Wikipedia soll in Buchform etwa 500 Bände umfassen