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Frank Alexy

Frank Alexy liebt seine Freiheit. Die EU-Kommission in Brüssel liebt Normen. Die Geschichte eines Kampfes der Kulturen.




- Manchmal kommen Visionen daher wie die Gebrauchsanweisung für einen chinesischen Handstaubsauger. Im Juli, mitten in der europäischen Schuldenkrise, veröffentlichte die Europäische Union die Mitteilung: "Eine strategische Vision der europäischen Normung." Das ließ Schlimmstes befürchten, unsinnige neue Regeln vor allem - wie die zum Krümmungsgrad von Gurken. Doch schon damals, als es die "Gurken-Verordnung" auf jede Kabarettbühne brachte, war der Vorschlag im Grunde gut gemeint. Und auch jetzt ist wieder zu erahnen, was der Autor furchtbarer Sätze wie diesem sagen will: "Normen fördern den Handel, da sie einen kostenmindernden Effekt haben und Informationsasymmetrien zwischen der Angebots- und der Nachfrageseite, vor allem bei grenzüberschreitenden Transaktionen, verringern."

Es vereinfacht das Leben, wenn die Produkte, die in dem einen Land hergestellt werden, auch in die Kisten im anderen Land passen. Wenn die Stecker überall funktionieren. Wenn man sich darauf verlassen kann, dass ein Geländer hält, ob es nun in Deutschland produziert wurde oder in Griechenland. Was auch erklärt, weshalb die meisten europäischen Normen von der Industrie selbst angeregt werden.

Trotzdem entsteht sofort diese wutbürgerhafte Unruhe, sobald Worte wie Norm oder Standard in einer Schlagzeile auftauchen. Schon weil der Versuch, etwas Gutes auf die Beine zu stellen, immer wieder Geschichten hervorbringt wie jene von den europäischen Schmieden, die derzeit gegen die Einführung der EN 1090 protestieren.

Kleiner Mann, was nun?

In Dänischenhagen, einem Nest im Norden von Kiel, steht die Werkstatt von Frank Alexy. Er ist ein Schmied wie aus dem Bilderbuch: dunkle Augen, wilde Locken, Stoppelbart. Er baut seine Tore, Zäune und Geländer nach Möglichkeit so, wie Schmiede seit Jahrhunderten ihre Tore, Zäune und Geländer bauen. "Das hier zum Beispiel", sagt er, "werden Schnörkel-Elemente für ein Balkongeländer, das ich restaurieren soll." Selbstverständlich beherrsche er aber auch moderne Formen. In seiner kleinen Werkstatt, sagt Alexy, fühle er sich frei. Es gibt keinen Chef, der ihn bevormundet. Es gibt wenig Papier, das auszufüllen ist. Und es gibt eine ausreichende Zahl von Kunden, die ihm vertrauen und ihn machen lassen. Danach hatte er gesucht.

Das System aber hat ihn gefunden. Seine Vertreter trafen sich heimlich, irgendwo in Brüssel, sie heckten einen Plan aus, dem sie ein Kürzel und eine große Nummer gaben, und als die Norm EN 1090 fertig war, ließen sie den Text auf ihn los. Zumindest erscheint das Alexy so. Der Gedanke, dass er sich künftig zertifizieren und seine Arbeit regelmäßig überprüfen lassen soll, macht ihn fertig. "Das bringt mir keinerlei Vorteile", sagt er. "Ich will nicht europaweit arbeiten. Ich habe hier meine Kunden. Dieser komische Einfall von Brüssel bringt mir nur Kosten. Er ruiniert mich."

Vom Spaß gar nicht erst zu reden. Alexy hatte andere Berufe probiert, Bäcker zum Beispiel. "Da habe ich nach einigen Jahren die Perspektive verloren. Ich kann auch nicht gut damit leben, andauernd von anderen kontrolliert zu werden." Schmied war besser. Schmied klang kreativ, und in der Werkstatt, dachte Alexy, sei er sein eigener Herr. Die "Meisterschmiede im Norden von Kiel" präsentiert er im Internet mit dem Satz: "Eines unserer Ziele ist es, keine industriell gefertigten Schmiedeteile zu verbauen, sondern alles selber möglichst aus Vollmaterialien herzustellen und dabei so oft es geht auf traditionelle Verbindungstechniken zurückzugreifen." Ein Romantiker? Vielleicht.

Was nicht heißt, dass er ohne Büro auskommt. Er muss seine Arbeit kalkulieren, Bücher führen und bei bestimmten Projekten aus Versicherungsgründen einzelne Arbeitsschritte dokumentieren. Aber der Aufwand halte sich in Grenzen: "Ich arbeite vor allem für Privatleute, denen die Gestaltung wichtiger ist als irgendwelche Dokumentationen und Zertifikate. Sie suchen ein außergewöhnliches Geländer, das hält, und das liefere ich ihnen."

Mit der europäischen Norm EN 1090, an die sich nach einer Übergangsfrist bis zum Sommer 2012 jeder betroffene Unternehmer halten muss, wird sein Job schwieriger - zumindest bei "tragenden Bauwerken" wie den Geländern, die ein Drittel seines Geschäftes ausmachen. "Betriebe, die geschweißte Stahltragwerke herstellen oder an vorhandenen Stahltragwerken schweißen wollen", heißt es in einem Übersetzungsversuch der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt Nord, "müssen nachweisen, dass sie über qualifiziertes Personal und geeignete betriebliche Einrichtungen verfügen. Zertifizierte Betriebe müssen ihre Eignung regelmäßig überprüfen lassen. Hierzu zählt unter anderem die Erfüllung schweißtechnischer Qualitätsanforderungen nach DIN EN ISO 3834 in der entsprechenden Qualitätsstufe."

Frank Alexy sagt, er verstehe das alles nicht, und bislang sei jeder Versuch gescheitert, eine ordentliche Beratung zu bekommen. Muss er sich nun um eine zusätzliche Qualifikation als Schweißer kümmern? Zertifikate kaufen und nachweisen, welches Stück Stahl er wie verbaut hat? Gar nicht davon zu reden, dass allein das Büchlein, das ihm die Norm erläutert, 100 Euro kosten wird. "Ich werde eine halbe Stunde pro Tag an die Bürokratie verlieren", befürchtet er.

Ähnlich verzweifelt klingen Kollegen von ihm, die bei den Informationsveranstaltungen zum Thema auf die Barrikaden gehen. Besonders groß ist der Unmut in Bayern, in den Niederlanden und in Österreich. "Im Bereich der Metalltechnik wird demnächst die Schweißnorm 1090-1 Gültigkeit erlangen", beklagten sich dort bereits Parlamentarier bei ihrer Regierung. "Demnach müssen tragende Bauwerke aus Stahl und Aluminium mit einem CE-Kennzeichen versehen werden. Dazu wird es für Betriebe erforderlich sein, Zertifikate (...) vorweisen zu können (...) Die Firmen müssen zusätzlich mit Kosten in Höhe von mehreren Tausend Euro rechnen, die sich viele kleine und mittlere Unternehmen einfach nicht leisten können."

Frank Alexy sagt, die Norm sei Quatsch. Einen Sinn kann er nicht erkennen. Aus seiner Warte schaut es bloß danach aus, als lege es diese Regelung darauf an, das Geschäft der kleinen, kreativen Anbieter zu zerstören, um die Position der großen Serienproduzenten zu verbessern. Europa eben.

Ein guter Vorsatz: Zuerst an die Kleinen denken!

Dieses Image von Europa hat einen Grund. Zwar sind 98 Prozent der europäischen Betriebe kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit weniger als 250 Mitarbeitern sie haben es aber schwer, sich in Brüssel zu behaupten. Die Mitarbeiter von Normapme sollen das ändern. Ihr Büro befindet sich in der Rue Jacques de Lalaing, wo auch die Deutsche Botschaft steht. Es entspricht vom Aussehen her ganz der europäischen Norm für trostlose Büroarbeit. Klaus Yongden Tillmann, der Generalsekretär von Normapme, sagt sofort, als er an die Tischplatte heranrückt: "Europa erhebt seit einigen Jahren den Anspruch, nach der Devise ,Think small first' zu arbeiten. Wir stellen immer wieder fest, dass es da noch Defizite gibt. Die Großen sind zu dominant. Dagegen muss man etwas tun."

Das klingt gut, ist aber nicht einfach. Weil Brüssel einen "eindeutigen Zusammenhang zwischen Normungstätigkeiten in einer Volkswirtschaft, dem Produktivitätszuwachs, dem Handel und dem allgemeinen Wirtschaftswachstum" festgestellt hat (in der "strategischen Vision" ist von bis zu einem Prozent Wachstumssteigerung die Rede), gibt es unter dem Dach des Europäischen Komitees für Normung jede Menge Ausschüsse, in denen neue europäische Standards erarbeitet werden. In diesen Ausschüssen sitzen Vertreter von 31 nationalen Normungsorganisationen, etwa des Deutschen Instituts für Normung e. V. Sie bringen Standardisierungsvorschläge aus der Wirtschaft ihrer Heimat mit, diskutieren Vorschläge der EU-Kommission, und auch Normapme darf einen Experten in diese Runden entsenden.

Der fragt dann nach: Wie sollen kleine Familienhotels eine Norm erfüllen, die für jedes Haus einen Environmental Engineer vorsieht? Wie sollen winzige Fensterhersteller überleben, wenn sie für jeden Fenstertyp ein 5000 Euro teures Zertifikat kaufen müssen? Wie soll man Normen verstehen, die nur von Spezialisten entziffert werden können? "Kleine Betriebe können sich diese Spezialisten nicht leisten", sagt Klaus Yongden Tillmann. "In großen Betrieben mit entsprechenden Fachabteilungen denkt man nicht an diese Hürde."

Die Frage ist nur, ob in den Gremien jemand auf diese Einwände hört. Tillmann gibt sich optimistisch: "Uns gibt es seit 1996. Wir haben uns gut etabliert. Man kann die Belange der kleinen und mittleren Betriebe nun nicht mehr so ignorieren wie früher."

Ein Stimmrecht haben die Normapme-Experten allerdings ebenso wenig wie die Vertreter von Umweltverbänden und Gewerkschaften. Und auch sonst fällt es schwer, die Verfahren zu beeinflussen, geschweige denn zu stoppen. Normapme hat kaum mehr als ein Dutzend Mitarbeiter. Sie haben vor allem die Aufgabe, nach Experten zu suchen; 100 technische Ausschüsse gelten derzeit als interessant. Das aber ist ein zähes Geschäft: "Wir haben 49 Experten, die in 57 technischen Ausschüssen sitzen", rechnet Tillmann vor. "Bald kommen neue hinzu. Doch viele Experten, die sich in der Standardisierung auskennen und im Namen der kleinen und mittleren Betriebe einbringen könnten, sind bereits anderweitig engagiert."

Eine Herkulesarbeit. Sagt Tillmann. Im CEN, dem Europäischen Komitee für Normung, gibt es mehr als 3700 Ausschüsse mit Zehntausenden von Experten aus aller Herren Länder.

Wenn er im Zug sitzt, unterwegs zu Normungsgremien und Handwerksverbänden, bleibt Tillmann trotzdem ruhig: "Wer sich nicht abschrecken lässt und mitarbeitet, bleibt in Europa nicht außen vor." Der Volkswirt und langjährige Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Dortmund hat ein Faible für die von Geduld und Gelassenheit geprägte fernöstliche Kultur.

Und dann ist es ja auch so, dass diese Dinge Zeit brauchen.

Alte Eisen, neues Europa

Auch die Norm EN 1090 brauchte ihre Zeit. Sie wurde schon 1988 von der Kommission angeregt. Und dann von einem technischen Ausschuss erarbeitet, in dem nur Professoren und Industrievertreter saßen. Schlimmer noch, sagt Karsten Zimmer vom Bundesverband Metall, der als Normapme-Experte heute in verschiedenen Ausschüssen das Fähnchen der kleinen Handwerker schwingt: "Da saßen auch die Zertifizierungsgesellschaften drin. Genau die Unternehmen also, die mit den Zertifizierungen Geld verdienen."

Trotzdem sei "Normungsarbeit ein absolutes Kompromissgeschäft" und die Norm EN 1090 besser als ihr Ruf. Weil man das Ergebnis gesamteuropäisch betrachten müsse. Nicht jedes Land habe eine so durchstrukturierte Berufsausbildung und so ausgefuchste Sicherheitsstandards wie Deutschland. Es gebe Stahlbauer, deren Schweißnähte jeden Experten gruseln ließen. Etwa in Ländern, in denen die Standardisierung noch ziemlich am Anfang stehe.

Aber manchmal auch, wenn man genau hinschaue, in deutschen Betrieben, denen erst mit der EU-Norm klar würde, an welche Regeln sie sich eigentlich schon länger hätten halten müssen. Zimmer: "Wir mussten in der letzten Zeit viele Leute informieren, die sich diesem Thema bislang entzogen hatten, gerade auch Klein- und Kleinstunternehmer."

Insofern erfüllt die Norm ihren Zweck.

Auch die österreichische Regierung antwortete im Winter auf den Protest der kleinen Schmiede: "Die EN 1090-1 stellt sicher, dass qualitätsvolle und sichere Stahlbauarbeiten gewährleistet werden, da Billiganbieter, die Produkte geringerer Qualität anbieten, vom Markt verdrängt werden. Damit liegt diese Norm im Interesse der qualitätsbewussten Hersteller und im Sinne der Konsumenten."

Karsten Zimmer würde das mit den Billiganbietern nicht so formulieren. Er rät den Schmieden allerdings ebenfalls, sich die Norm einmal in Ruhe durchzulesen, zieht seit Monaten übers Land, um ihnen die Angst zu nehmen. Zertifizierte Schmiede könnten künftig "mehr machen" als bislang, sagt er bei den Veranstaltungen. Sie dürften größere Projekte angehen, seien besser gegen Kunden geschützt, die ihre Rechnung mit Verweis auf mangelnde Qualität zu mindern versuchten, und bei der praktischen Umsetzung sei den Verbänden im Detail eine erleichterte Zertifizierung derjenigen gelungen, die bereits qualitätsorientiert arbeiten: "Deutschen Schmieden fällt die Anpassung doch viel leichter als Kollegen in anderen Ländern."

Das klingt fast so, als sei die europäische Norm günstiger als alle deutschen Normen zuvor. Denen, die nicht mitziehen wollen, ruft Zimmer jedenfalls trocken zu: "Das ist eine unternehmerische Entscheidung. Und sicher keine Einstellung, mit der Sie auf Dauer den Bestand eines Betriebes sichern."

Das Stuttgart-21-Phänomen

Trotzdem legt sich die Unruhe nur langsam. Das liegt nicht nur an der technokratischen Sprache, die jede Freude an Europa erstickt, sondern auch an einem Phänomen, das an das Projekt Stuttgart 21 erinnert. Zwei Jahrzehnte lang wurde an EN 1090 gearbeitet. Gemerkt hat man es trotzdem erst, als das Ergebnis im Dezember im "Amtsblatt der Europäischen Union" verkündet wurde, irgendwo zwischen Normen für Brandmeldeanlagen, Löschanlagen, Dichtungen und Kleinkläranlagen.

Ein Kommunikationsdesaster - für alle Beteiligten, erst recht aber natürlich für jene, die den Protest einiger Kleinstunternehmen mit ein, zwei oder drei Mitarbeitern als Kollateralschaden im Kampf für mehr Sicherheit und eine bessere Vernetzung in Europa abtun.

Besonders laut zieht der kleine Internationale Fachverband Gestaltender Schmiede gegen EN 1090 zu Felde. Sein Präsident, der Niederländer Cees Pronk, schimpft: "Für kleine Unternehmen mit ein bis drei Mitarbeitern ist das schwer zu stemmen. Selbst wenn sie den Standard einhalten und die Norm erfüllen, müssen sie ihren Kunden einen höheren Preis berechnen. Das verringert ihre Wettbewerbsfähigkeit." Es habe keinen Sinn, dass sich ein Meister, der seit 25 Jahren "Qualitätsarbeit abliefert", um "ein zusätzliches Papier" für sich und seine Mitarbeiter kümmern müsse. Dass er "altes Eisen" im Lager wegwerfen müsse, um zertifiziertes Eisen zu besorgen. "Diese Norm verhindert die Vielfalt, die überwiegend von den kleinen Betrieben gestaltet wird. Sie macht Europa uniformer, ärmer und unkreativer" und dränge die Metallgestalter "in einen Graubereich" - in die Schwarzarbeit.

Es gibt allerdings auch die, die sich arrangieren. Die daran glauben, durch die Anpassung an die Norm zu profitieren. Oder auf die Idee kommen, bei ihren "tragenden Produkten" künftig, da die Norm ja nur für Stahl und Aluminium greift, mit Alternativmaterialien wie Schmiedebronze zu arbeiten.

In der neuen "Strategischen Vision der europäischen Normung" heißt es jetzt immerhin, eine Regel sei nur "so stark wie der Konsens, der bei ihrer Entwicklung erreicht wurde". Kleine und mittlere Unternehmen müssten "eingebunden" und ihre Mitwirkung finanziell unterstützt werden. Zudem sollen die Normungsorganisationen über günstigere Normenpreise für die Kleinen und ein System von Peer Reviews nachdenken, das die Beteiligung der KM U überwacht: "Die europäischen Normungsorganisationen haben zwar damit begonnen, die Mitwirkung von KMU an der Normung und den Nutzen für diese aus der Normung zu verbessern, hier bleibt jedoch noch einiges zu tun." Der Schmied Frank Alexy würde da nicht widersprechen. -

Die neue EU-Vision zur Normung findet sich im Internet unter der Adresse http://eurlex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2011:0311:FIN:DE:PDF