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Cleveland versus Wall Street - Jean-Stéphane Bron

Eine Stadt verklagt 21 Banken. Der Fall kommt nie vor Gericht. Und doch hat er stattgefunden - der Schweizer Regisseur Jean-Stéphane Bron machte daraus ein filmisches Experiment mit allen Beteiligten.




brand eins: Herr Bron, Ihr Film "Cleveland versus Wall Street" zeigt den fiktiven Gerichtsprozess eines wahren Falles: den der Stadt Cleveland, die 21 Banken im Jahr 2008 auf Schadenersatz verklagen wollte. Das Verfahren kam nie zustande, im März 2011 scheiterte die Stadt mit ihrem Anliegen in letzter Instanz vor dem U. S. Supreme Court. Die Stadt muss weiterhin Millionen von Dollar für den Erhalt von Zehntausenden zwangsversteigerter und seitdem leer stehender Häuser ausgeben, deren ehemalige Eigentümer horrende Hypothekenverträge abgeschlossen hatten. Wie kamen Sie auf die Idee für diesen Film?

Jean-Stéphane Bron: Anfang 2008 las ich in einer Zeitung eine kleine Meldung über die Klage der Stadt Cleveland. Ich reiste sofort dorthin. Zuerst wollte ich nur den Kampf der Stadt gegen die Banken filmisch begleiten. Doch es vergingen Monate, die Banken verschleppten den Prozess mit ihren Staranwälten, und in Cleveland glaubte niemand mehr daran, dass dieser Prozess jemals stattfinden würde. Dann kam ich auf die Idee, den Prozess, der hätte stattfinden müssen, filmisch zu inszenieren, jedoch nicht mit Schauspielern, sondern mit echten Betroffenen und ihren authentischen Geschichten, echten Anwälten und Geschworenen, einem echten Richter. Das Urteil war offen. Ein Experiment, eine Versuchsanordnung. Es war wie Würfeln.

Es überrascht, wie professionell sich die auftretenden Personen vor der Kamera bewegen. Gab es ein Drehbuch?

Ich war selbst überrascht. Doch sie mussten nur ihre eigene, wahre Geschichte erzählen, und das hat wunderbar funktioniert. Meine einzige Einflussnahme bestand in der Vorauswahl der Zeugen und der Geschworenen, die ich den Anwälten vorschlug und deren Geschichte ich aufschrieb, um den Anwälten ein Bild dieser Personen zu geben. Die Anwälte wählten dann die Zeugen und die Geschworenen aus. Ein Gerichtsprozess folgt festen Regeln und Ritualen, die von einem Richter moderiert werden. So wussten alle, was sie zu tun haben. Es gab kein Drehbuch.

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INNEN. EIN WAGEN.

Der Anwalt JOSH COHEN im Close-up. Er ist ein Mann in den Fünfzigern. Kurzes graues, gelocktes Haar, wache Augen. COHEN beachtet die Kamera nicht. Er fährt allein durch die belebten Straßen Clevelands, es dämmert. Die Lichter der Stadt spiegeln sich auf den Gläsern seiner Brille. Er schweigt.

VOICE-OVER COHEN

Ich kann Ihnen sagen, in Fällen wie diesem folgen wir Anwälte unserem Herzen. Wir glauben an das, was wir tun. Ich selber bin zutiefst schockiert und empört über das, was sich in Cleveland zutrug.

ABBLENDE

INNEN. EIN WAGEN.

Der Anwalt KEITH FISHER im Close-up. Er ist ein Mann um die 50, er trägt sein graues Haar seitlich gescheitelt, der schüttere Vollbart wirkt nachlässig gepflegt. Er trägt eine Brille, dahinter liegen kleine, intelligente Augen. FISHER sitzt angeschnallt auf der Rückbank, draußen gleiten Wagen mit eingeschalteten Scheinwerfern vorbei. Eine Autobahn. Regen. Er schaut gedankenverloren seitlich durch die Scheibe. Er schweigt.

VOICE-OVER FISHER

Ich heiße Keith Fisher. Während meiner Laufbahn als Anwalt arbeitete ich vor allem in Washington, wo ich Handels- und Investmentbanken vertrat. In diesem Prozess vertrete ich die Interessen der Banken, welche die Stadt Cleveland anklagt. Ich bin so etwas wie ein angeheuerter Söldner.

ABBLENDE

INNEN. GERICHTSSAAL

Richter THOMAS J. POKORNY sitzt in schwarzer Robe erhöht hinter dem Pult. Links neben ihm eine US-amerikanische Flagge. Er wendet sich an die Geschworenen.

POKORNY Zunächst werde ich die Umstände des vorliegenden Falles erläutern. Die Stadt Cleveland, hier vertreten durch Anwalt Josh Cohen, will gerichtlich gegen 21 Banken vorgehen, vertreten durch Anwalt Keith Fisher. Am Ende werden Sie über die folgende Frage entscheiden müssen: Sind die Banken verantwortlich für den von Cleveland erlittenen Schaden? Es ist meine Pflicht, Sie daran zu erinnern, dass Sie Ihr Urteil aufgrund der Aussagen fällen müssen, die Sie hören werden, und keinerlei Partei ergreifen dürfen beim Erlass Ihres Urteils.

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brand eins: Auf welcher Seite standen Sie?

Meine Sympathie lag natürlich bei den Opfern. Und bei Josh Cohen. Doch meine Haltung bei diesem Prozess ist nicht maßgeblich. Ich wollte keinen Film über die Hypotheken in Cleveland machen. Ich sehe diesen Film als Metapher für ein Wirtschafts- und Finanzsystem, das in den innersten Kern des Lebens eingreift. Es kommt in das Zuhause der Menschen, vertreibt sie und nimmt ihnen ihr Heim. Das kann überall passieren.

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RAYMOND VICTOR VELEZ tritt vor den Richter. Er ist klein und von schwer zu schätzendem Alter. Aufgrund seiner Biografie könnte er Anfang 30 sein. Sein Haar ist kurz rasiert. Er wirkt etwas unbeholfen, sein massiger Körper verleiht ihm ein leicht bräsiges Selbstbewusstsein. Er lispelt. VELEZ trägt eine dicke goldfarbene Kette mit einem großen Kreuz über einem etwas zu engen schwarzen T-Shirt. Es trägt den Aufdruck "The Godfather" (Der Pate), der Titel des Films von Francis Ford Coppola. VELEZ betritt den Zeugenstand.

COHEN Was ist Ihr Beruf?

VELEZ Ich arbeite auf dem Bau.

COHEN Mr. Velez, wer wohnt alles in Ihrem Haus?

VELEZ Meine Frau und meine zwei Söhne. Einer ist sechs, und der andere wird morgen neun Jahre alt. Wir leben seit rund zwölf Jahren in unserem Haus. Die Versteigerung hätte am 17. stattfinden sollen, der Termin wurde aber abgesagt. Ich habe soeben einen Brief erhalten, dass sie doch stattfindet.

COHEN Wie viel haben Sie für Ihr Haus bezahlt?

VELEZ 26 000 Dollar. Ich habe eine Hypothek dafür aufgenommen. Dann zwei weitere. Wir heirateten, meine Frau wurde schwanger. Es war kalt, und wir hatten alte Fenster. Da klopfte ein Typ an die Tür und meinte: "Wir können Sie refinanzieren oder eine neue Hypothek geben, damit Sie die Fenster erneuern können..."

COHEN (mit dem geschickt eingesetzten Erstaunen eines erfahrenen Anwalts im Prozess)... wie: "Ein Typ hat an die Tür geklopft?!"

VELEZ Ein Typ hat an die Tür geklopft.

COHEN Und was genau hat er gesagt?

VELEZ Dass er mein Haus refinanzieren könne, für 40 000 Dollar, und dass ich damit meine Schulden loswerden und neue Fenster und Türen bezahlen könne.

COHEN Er sagte, dass Sie Ihr Haus für 40 000 Dollar refinanzieren könnten? Dasselbe Haus, das Sie ein Jahr zuvor für 26 000 Dollar kauften?

VELEZ Yeah.

COHEN Erklärte er Ihnen, warum man Sie für 40 refinanzieren würde?

VELEZ (Schüttelt den Kopf, er lächelt.) Nicht dass ich wüsste.

COHEN Wie hoch war der Zins für diese Hypothek über 40 000 Dollar?

VELEZ 8,5 Prozent.

COHEN 8,5 Prozent? Eine Subprime-Hypothek, oder?

VELEZ (Schweigt lange, er kann mit dem Begriff nichts anfangen.) Ich glaube, ja.

COHEN Sie sprachen auch von einer Hypothek über 71 000 Dollar. Warum nahmen Sie diese Hypothek auf?

VELEZ Ich hatte ein, zwei schwierige Jahre ... Ich arbeite auf dem Bau. Da überlebt man oft nur dank Kreditkarte. Ich rief diesen Typen an, und der regelte alles.

COHEN Derselbe Typ, der bei Ihnen anklopfte?

VELEZ Yeah.

COHEN Wurde Ihr Haus geschätzt für diese 71 000-Dollar-Hypothek?

VELEZ Yeah.

COHEN Auf wie viel wurde es geschätzt?

VELEZ 71 500.

COHEN (ironisch) Haben Sie einen Tennisplatz oder ein Jacuzzi gebaut? (Gelächter im Gerichtssaal)

VELEZ (unsicher) Ich habe es neu gestrichen.

COHEN Was dachten Sie sich dabei, als das für 26 000 Dollar gekaufte Haus auf 40 000 geschätzt wurde und dann einige Jahre später auf mehr als 71 000?

VELEZ Ich glaubte nicht, dass es klappen würde. Und wenn doch, umso besser. Ich wollte meine Schulden loswerden, um mich auf die Rückzahlung zu konzentrieren.

COHEN Wer ordnete die Schätzung an?

VELEZ Na, wieder dieser Hypothekenmakler ...

COHEN Keine weiteren Fragen.

STIMME Richter POKORNY

Kreuzverhör, Mr. Fisher.

Der Anwalt KEITH FISHER steht auf und stellt sich vor den Zeugen VELEZ.

FISHER Mr. Velez, guten Tag. War der Hypothekenmakler hier aus der Gegend? Aus Ohio?

VELEZ Yeah. Ich glaube aus Akron.

FISHER Es war also nicht jemand von Lehman Brothers, der Ihnen an der Tür eine Refinanzierung anbot, jemand von Merrill Lynch, der aus New York vorbeischaute. Er war hier aus der Gegend?

VELEZ Yeah.

FISHER Machte er Ihnen irgendwelche Versprechungen, als er Ihnen das Darlehen anbot? Verführte er Sie zum Unterschreiben, oder war es ein normales Gespräch? Mir zum Beispiel gefällt Ihr T-Shirt. (Deutet auf den Schriftzug "Der Pate".)

VELEZ Danke.

FISHER Machte er also kein Angebot, das Sie nicht ausschlagen konnten? Er sagte nicht (er imitiert die heisere Stimme von Don Vito Corleone, im Film dargestellt von Marlon Brando): "Ich blas' dir das Hirn raus, wenn du nicht unterschreibst?"

VELEZ (Schweigt, er versteht das filmische Zitat nicht.)

FISHER Sie haben freiwillig unterschrieben. Sie hatten die Wahl.

VELEZ Ja. Er kam, ich brauchte etwas und ...

FISHER (belehrend) ...wir alle handeln egoistisch. Sie, Ihre Gewerkschaft und selbst der Makler.

VELEZ (Schweigt betreten und schaut nach unten.)

FISHER Eine letzte Frage. Während der ersten Vernehmung sagten Sie, aus dieser Erfahrung etwas gelernt zu haben. Sie hätten sich mit den Krediten wohl etwas übernommen, vor allem beim zweiten Mal. Aber Sie wollen es wieder versuchen? Sie wollen sparen, erneut einsteigen, und diesmal soll es klappen, richtig? Sie haben eine nette Familie, möchten ein hübsches Zuhause, denn Eigentum fühlt sich gut an, richtig?

VELEZ (Nickt mit Nachdruck.) Ja.

FISHER (mit ungläubigem Gesichtsausdruck) Danke. Das war's.

STIMME Richter POKORNY

Zurück an Mr. Cohen.

JOSH COHEN erhebt sich von seinem Stuhl und tritt vor den Zeugenstand.

COHEN Hat Ihnen der Makler gesagt, dass 8,5 Prozent ein guter Zinssatz sei?

VELEZ Yeah.

COHEN Hätte er Ihnen sagen müssen, dass dies ein Subprime-Zinssatz ist?

VELEZ (Versteht nicht und schweigt.)

COHEN Hätte er Ihnen sagen müssen, dass Sie mehr bezahlen als üblich?

VELEZ Yeah.

COHEN Haben Sie dem Makler, als Sie die Hypothek über 40 000 Dollar beantragten, Ihr Einkommen und Ihre finanziellen Mittel ehrlich offengelegt?

VELEZ Ja!

COHEN Und man gab Ihnen eine Hypothek über 71 000 Dollar? Auf das für 26 000 Dollar gekaufte Haus?

VELEZ Richtig.

COHEN Keine weiteren Fragen.

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brand eins: Was ging in Ihnen vor, als Sie hörten, wie naiv manche Zeugen handelten?

Es war sehr bewegend. In Cleveland hat es nur die einfachen Leute getroffen. Ich habe gelernt, dass nichts so sehr Teil des amerikanischen Traums ist wie der Wunsch, ein eigenes Haus besitzen zu wollen. Amerikaner mieten nicht, sie kaufen, selbst wenn sie es sich eigentlich nicht leisten können. Wir Europäer sind anders. Es ist eine andere kulturelle Mentalität.

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INNEN. TAG. DER FLUR DES GERICHTSGEBÄUDES.

KEITH TAYLOR wartet vor der Tür des Gerichtssaals. Er sitzt auf einer Holzbank. TAYLOR ist ein eloquenter, großer und gut aussehender Afroamerikaner von Anfang, Mitte 30. Seine Haare sind zu vielen schulterlangen Zöpfen geflochten.

TAYLOR Ein Freund von mir kannte den Boss einer Hypothekenfirma. Einmal gingen wir dorthin. Ehrlich gesagt, wir wollten Drogen verkaufen. Da klingelte das Telefon. Ich meldete mich, und der Boss kriegte mit, wie ich telefonierte. Da fragte er mich gleich, ob ich mich um diese Kundin kümmern würde. Also traf ich die junge Frau, ich kannte mich ziemlich gut mit Prozentsätzen und Geld aus, da ich im Ghetto aufgewachsen bin und mit Drogen dealte. Ich besprach mit ihr die Prozentsätze für ihren Kredit. Wir verstanden uns gut und unterzeichneten den Kredit, eine neue Hypothek für ihr Haus. Ich bekam 7000 Dollar für den Deal. So wurde ich Makler.

ABBLENDE

INNEN. GERICHTSSAAL.

Der Zeuge KEITH TAYLOR betritt den Zeugenstand. Er nennt seinen Namen, Wohnort und Beruf: Liegenschaftsverwalter.

Der Anwalt JOSH COHEN beginnt mit der Zeugenvernehmung.

COHEN Mr. Taylor, wuchsen Sie in Cleveland auf?

TAYLOR Ja .

COHEN In welcher Gegend?

TAYLOR Im Osten von Cleveland.

COHEN Könnten Sie dem Gericht die Gegend kurz beschreiben?

TAYLOR Ich hasse dieses Wort, aber es ist das schlimmste aller Gettos.

COHEN Sie arbeiteten als Hypothekenmakler. Richtig?

TAYLOR Ja, Sir.

COHEN Wie lange haben Sie diesen Beruf ausgeübt?

TAYLOR Fast zwölf Jahre.

COHEN Wie wurden Sie als Makler bezahlt?

TAYLOR In Cash, unter dem Tisch. Vom Boss der Hypothekenfirma. Die Höhe richtete sich je nach Höhe des Kredits. Je höher der Zins, desto mehr erhielt ich.

COHEN Haben Sie auch Subprime-Kredite vergeben?

TAYLOR Yeah.

COHEN Wie definieren Sie den Begriff Subprime?

TAYLOR Es sind Kredite, die dann vergeben werden, wenn die Banken jemanden als nicht kreditwürdig einstufen. Der Zinssatz dieser Kredite ist fast doppelt so hoch.

COHEN Wie kamen Sie zu Ihrer Kundschaft?

TAYLOR Reines Networking. Über Kontakte aus meinem früheren Job. (Er wirkt leicht unsicher, als er das sagt.) Oder man schlägt ein Telefonbuch auf, sucht nach einem netten Namen und ruft einfach mal an. Zufallsanrufe, das ist alles.

COHEN Haben Sie je einen potenziellen Kreditnehmer ermutigt, falsche Angaben zu machen?

TAYLOR Nein .

COHEN Wissen Sie, ob andere Makler das taten?

TAYLOR Ich will keine Namen nennen, aber der Typ, mit dem ich arbeitete ... Die Beziehung, die wir zu den Banken pflegten, ermöglichte eigentlich alles. Da sagte er manchmal: "Man braucht ein Einkommen von 2500 Dollar pro Monat für diesen Kredit." Verdiente der Betroffene nur 1400 Dollar, machte man halt aus der "1" eine "2". Den Banken war das egal.

COHEN War das die Ausnahme, oder war das gängige Praxis? Passierte das mehr als einmal?

TAYLOR Öfters, ja.

COHEN Stellten die Banken die falschen Angaben nie infrage?

TAYLOR Es war ihnen egal, die wollten Kredite. Das war ein Geschäft. Sie verkauften die Kredite sowieso an andere Banken weiter. Sie scherten sich nicht darum, und daher konnten die Leute falsche Angaben machen.

COHEN Danke. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

POKORNY

Kreuzverhör, Mr. Fisher.

FISHER Mr. Taylor, dachten Sie nie daran, dass manche Kunden, die zu Ihnen kamen, von einem Eigenheim träumten, obwohl das unrealistisch war? Sie ein zu teures Haus wollten? Den Mund zu voll nahmen?

TAYLOR Ich lege der Bank die Unterlagen vor, sie sind einverstanden, was soll ich da tun? Manchmal fragte ich: "Sind Sie sicher, dass Sie sich das leisten können?" Aber mehr kann ich nicht tun.

FISHER Zu Beginn sagten Sie aus, dass Kreditnehmer etwa sagten: "Ich verdiene 1400 Dollar." Sie sagten aus, dass gewisse Makler die Kreditnehmer dazu ermutigten, 2500 Dollar anzugeben. Sagte man Ihren Kollegen nie, dass so was strafbar ist?

TAYLOR Nicht dass ich wüsste. Die machen das oft. Es stand da schwarz auf weiß, und die Banken sahen es und akzeptierten es.

FISHER Sie sagten, den Banken sei es egal.

TAYLOR Keine Ahnung, ob es ihnen egal ist, aber eines weiß ich: Wenn ich ein Dokument unterzeichne, ihnen das gebe und sie es akzeptieren, wo sie doch mehr wissen als die Hypothekenfirmen selber ...

FISHER (laut und rüde) Wie, sie wissen mehr?

TAYLOR (laut) Es sind die Banken!

FISHER Ist eine Bank etwa Gott? Die müssen sich doch auf die Angaben der Kreditnehmer verlassen können.

TAYLOR Genauso wie ich mich auf die Angaben der Kunden verlassen muss ...

FISHER ... gewiss. Ich meine nicht Sie. Ist es den Banken egal? Sie müssen doch vertrauen, sie erhalten Tausende solcher Anfragen, nicht?

TAYLOR Tagtäglich. Je mehr es sind, desto eher sagt man: "Okay, in Ordnung." Je mehr es sind, desto mehr verdienen sie.

FISHER Je mehr Anträge die Makler bearbeiten, desto mehr verdienen sie.

TAYLOR Yeah.

FISHER Man kann nicht sagen, den Banken sei es egal. Die Wahrheit ist, dass es Ihnen als Makler egal ist, ob die Bank es weiß oder nicht.

TAYLOR (unsicher) Das ist nicht wahr!

FISHER Das Wichtigste für Sie ist, was im Magen zu haben.

TAYLOR Ich muss schließlich essen!

FISHER Und Sie wollten aus dem "schlimmsten aller Gettos" raus.

TAYLOR Ich bin rausgekommen. Aber korrekt! Meine Kollegen hingegen ...

COHEN (Hebt lächelnd die Hand.) Das war's! Keine weiteren Fragen. Danke.

Close-up KEITH TAYLOR. Er sieht verunsichert aus. Von seinem smarten Selbstbewusstsein ist nichts mehr übrig. Im Hintergrund Unruhe.

POKORNY

Ruhe bitte! Sie haben das Wort, Herr Cohen.

COHEN Sie kommen aus dem schlimmsten aller Gettos in Clevelands Osten. Und fast alle der von Ihrem Unternehmen platzierten Kredite betreffen Clevelands Osten, richtig? Die Banken sahen die hohen Einkommen, die aus Clevelands Getto kamen.

TAYLOR Ja .

COHEN Hätten die Banken sich nicht fragen müssen, ob diese hohen Einkommen wirklich koscher waren? Kontaktierten die Banken Sie nie, um Ihnen zu sagen: "Vorsicht mit den Angaben der Kreditnehmer aus dem Osten Clevelands?"

TAYLOR Nein.

COHEN Sie genehmigten die Kredite weiterhin, stimmt's? TAYLOR Ja, das würde ich so sagen.

COHEN Danke, Mr. Taylor. Keine weiteren Fragen.

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brand eins: Sie erzählen eine klassische David-gegen-Goliath-Geschichte. Doch anders als etwa der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore sperren Sie sich gegen das Schema Gut gegen Böse. Warum?

Das Problem ist viel zu komplex, um es in eine so simple Form zu pressen. Ich will, dass der Zuschauer Raum hat, sich selbst eine Meinung zu bilden, und das ist in diesem Fall nicht einfach. Die Opfer haben ihren Anteil an ihrem Schicksal. Sie haben Verträge unterschrieben und weit über ihre Verhältnisse gelebt. In den Kategorien Gut und Böse kann man das nicht fassen. Jeder ist zwangsläufig ein Teil der kapitalistischen Gesellschaft, spielt ihr Spiel jeden Tag mit und profitiert auch davon. Niemand kann sich davon ausnehmen.

Was halten Sie von dem Urteil der Geschworenen?

Ich fand es faszinierend, wie ernst sie ihre Aufgabe genommen haben, wie sehr sie um ein gerechtes Urteil gerungen und gestritten haben. Ich habe eigentlich erst in diesem Moment richtig verstanden, wie sehr sie persönlich mit dem Fall verbunden sind. Als Filmemacher gefällt mir, dass das Urteil nicht unbedingt dasjenige ist, das man nach dem Verlauf des Prozesses erwarten konnte. Eine der Geschworenen kam vor der Abstimmung zu mir und sagte: Du bist doch der Regisseur! Du kannst die Entscheidung ändern! Du kannst dieser Geschworenen doch sagen, dass sie sich anders entscheiden muss! Ich habe das natürlich nicht getan. Sie war wahnsinnig sauer auf mich.

DAS URTEIL.

Es braucht in diesem Zivilprozess eine Mehrheit von sechs der acht Stimmen. Fünf der acht Geschworenen plädieren für schuldig, drei für unschuldig. Die Stadt Cleveland hat somit keinen Anspruch auf Schadenersatz gegen die Banken.-