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Hans Rinecker - Proton Therapy Center

Hans Rinecker war ein erfolgreicher Chirurg, Chef seiner Privatklinik, die prima läuft. Und dann setzte er alles aufs Spiel, um Tumoren künftig nicht mehr mit dem Skalpell, sondern mit Protonen zu bekämpfen. Die Geschichte eines Getriebenen.




Der Durchmesser eines Protons beträgt etwa 1,7 x 10-15 Meter. Es besteht aus zwei Up-Quarks und einem Down-Quark.

- Protonen sind winzige Teilchen. Zusammen mit den Neutronen für 99 Prozent der Masse des sichtbaren Universums zuständig, kann man sie auf 60 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, zu einem Protonenstrahl bündeln und in die fünf Behandlungsräume einer Münchner Privatklinik verschießen. Die Mediziner lenken sie dort äußerst präzise auf komplizierte Tumoren. Die energiereichen Winzlinge zerstören das bösartige Gewebe mit protonenpunktgenauen Explosionen. Der dafür nötige Teilchenbeschleuniger steht im Erdgeschoss der Klinik. Jeder der futuristisch anmutenden Behandlungsplätze wiegt 150 Tonnen.

Ein Proton wiegt 1,67265 x 10(-24) Gramm.

Der tonnenschwere Aufwand hinter der Beschleunigung solcher Leichtgewichte deutet auf einen Vorgang von gewisser Komplexität hin. Nicht von ungefähr hantieren für gewöhnlich große Forschungszentren mit derart rasenden Teilchen, vom Kaliber der Harvard Universität oder der ETH Zürich. In München ließ ein gewisser Hans Rinecker so ein Ding bauen, auf einer Wiese an der Isar. Er ganz allein. Eine der größten Anlagen zur Protonentherapie weltweit und die erste vollklinische in Europa, das Rinecker Proton Therapy Center, und zwar ganz ohne Subventionen oder Förderung, wie er sagt. Er - Dr. Rinecker - ein Name mit gewissem Nachklang im Münchner Gesundheitswesen.

Der Chirurg glaubt, einen Leuchtturm der Hochleistungsmedizin errichtet zu haben - nur scheint man diesen weiträumig zu umschiffen, statt begeistert auf ihn zuzusteuern. Rinecker hat sich mit dem Establishment angelegt, den Krankenkassen, der Politik und vor allem den großen Universitätskliniken, die nach eigenem Verständnis die eigentlich Zuständigen für Leuchttürme und rasende Teilchen aller Art sind.

Hans Rinecker gefällt sich in dieser Rolle gut.

Mehr als 150 Millionen Euro investierte er in Hunderte Tonnen Hightech, eine moderne Klinik und ein gediegenes Gästehaus. 65 Millionen davon bezahlte er aus eigener Tasche. Mit dem Rest steht er bei Banken und dem Hersteller der Anlage in der Kreide.

Er nimmt in seinem geräumigen Büro im obersten Stockwerk seines Protonentherapiezentrums Platz. Ein lichter und moderner Bau aus Glas und Stahl, der nach feschem Bürogebäude, nicht nach Krebstherapie aussieht. Die Flure sind hell - und etwas verlassen. Nebenan das schmucke Gästehaus, ursprünglich wollte Rinecker solvente Patienten aus aller Welt hierherschaffen, Transfer per Helikopter oder Limousinen-Service. Heute ist er schon froh darüber, dass die AOK Bayern bei ihren Kassenpatienten die Kosten für die Protonentherapie übernimmt.

Auf die Frage, warum er im Rentenalter einen solchen Kraftakt wagte, sagt er mürrisch: "Um den Menschen zu helfen." Er dachte dabei an zirka 4000 Patienten pro Jahr, eingesammelt in aller Welt. Dann würde sich das ganze Teilchenbeschleunigen tatsächlich rechnen. Diese Behandlungszahlen finden sich im Businessplan, geschafft hat das noch niemand in der Welt. Harvard nicht, die ETH Zürich nicht - und Rinecker auch nicht. Seit März 2009 wurden in seinem Hause etwas mehr als 700 Patienten behandelt, angereist aus 35 Ländern.

Eine Protonentherapie kostet mindestens 19 000 Euro.

Der Doktor ist auf den ersten Blick ein höflicher, kleiner Mann, die Kleidung akkurat, das Haar grau, die Gestalt gedrungen, die Augen sehr wach, auch wenn er aufgrund einer Erkrankung nicht mehr viel sieht. Die Manschettenknöpfe sind golden, der Humor bissig. Er kann aus den Weiten der Chirurgie und Physik gleichermaßen aus dem Stand referieren. Wenn es sein muss, belehrt er auch Strahlenmediziner über die Strahlenmedizin, gern vor Publikum aus dem Kreise der Politik. So hört man es zumindest von genervten Strahlenmedizinern aus Universitätskreisen. Aus dem Umfeld des Doktor Rinecker heißt es, er sei nicht eben das, "was man einen geborenen Netzwerker nennt".

Wie sollte er auch.

Dr. Rinecker ist der Sohn des Dr. Franz Rinecker. Auch ein bekannter Münchner Chirurg, der sich während der Nazizeit um den angepeilten Chefarztposten an einer Hochschule redete, weil er - wie es der Junior ausdrückt - "etwas zu laut seine Meinung kundtat". Rinecker nennt diese Aufmüpfigkeit eine "gute Münchner Tradition". Der fühlt er sich selbstredend verpflichtet.

Da er an keiner Universität der Nationalsozialisten eine Karrierechance hatte, gründete Rineckers Vater seine eigene Klinik. Und wurde dort sein eigener Chefarzt. Als er starb, war Sohn Hans gerade 15 Jahre alt.

Den angegriffenen Gesundheitszustand der Mutter vor Augen, hetzte Rinecker junior durch seine Jugend und das Medizinstudium, ein Wettlauf zwischen seinem Abschluss und der Krankheit der Mutter, begleitet vom frühen Gefühl der Verantwortung für die Klinik, in der das gesamte Familienvermögen steckte. So gesehen hat sich bis heute nicht viel geändert.

Im Alter von 25 Jahren unterschrieb Rinecker erstmals mit Dr. med., wenige Tage später starb die Mutter. Er wurde Inhaber der Rinecker-Klinik und wenig später auch Chefarzt. Kaum richtiger Arzt, aber schon Chef einer Privatklinik. Einer stark sanierungsbedürftigen Privatklinik. Rinecker erzählt dies mit gewissem Pathos. "Sie kennen doch die Studien zu Waisenkindern?", fragt er rhetorisch und erklärt, ohne die Antwort des Gegenübers abzuwarten: "Sie werden entweder überdurchschnittlich erfolgreich - oder scheitern gleichsam grandios."

Bei ihm selbst, sagt Rinecker, sei das Pendel noch nicht endgültig ausgeschlagen.

Beschleunigung ohne Ziel

Das vom Vater gegründete Krankenhaus ist heute modernisiert, floriert und besitzt einen guten Leumund. Das Pendel ist zum Erfolg hin ausgeschlagen. Beim Protonenzentrum nebenan ist die Lage ungewiss: Gut möglich, dass der Ausschlag zum erfolgreichen Waisenkind Rinecker ausgerechnet an der Person Hans Rinecker scheitert.

Sein Talent scheint gleichsam seine größte Schwäche. Das Durchsetzungsvermögen und die Unbeirrtheit stehen ihm als Projektentwickler gut zu Gesicht, im laufenden Betrieb aber ebenso im Weg. So wie es zur Beschleunigung der Protonen zunächst gewaltiger Energie bedarf, verlangt der letztliche Einsatz dann aber Fingerspitzengefühl. Teilchen mit großem Aufwand anzutreiben hat nur Sinn, wenn sie am Ende auch ein Ziel finden.

Im Fall der Rinecker-Klinik sind das zunächst Patienten. Die werden nicht mit Hubschraubern aus der arabischen Sonne kommen, sondern, wenn überhaupt, vor allem aus der Nachbarschaft. Von den Münchner Universitätskliniken vor allem, mit denen Rinecker eine offene Feindschaft pflegt.

Angewiesen wäre er auf Kooperation. Denn Tumorpatienten klingeln nur selten von sich aus an der Tür einer privaten Strahlenklinik, sie werden dahin überwiesen. Darauf braucht Rinecker derzeit seitens der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) oder der TU München nicht zu hoffen. Dort zieht man schnell die Vorhänge zu, sobald der Name Rinecker fällt.

Beide Seiten machen sich gegenseitig Vorhaltungen. Aus der Anonymität heraus heißt es, Rinecker sei "nur ein Unternehmer, kein authentischer Mediziner". Der wiederum mosert, mit der trägen universitären Verwaltung sei kein Teilchen zu beschleunigen. In der Universität echauffieren sich die Wissenschaftler über Rineckers doppelseitige Anzeigen mit Heilsversprechen. Titel und Status werden gewogen: Der Rinecker sei nur Privatdozent, ein Chirurg - und man selbst arbeite doch bereits an Verfahren, die Rineckers Protonen schon bald überflügeln würden, und generell sei es doch schwer vorstellbar, eine derart komplexe Technologie ohne die akademische Schwungmasse einer Universität zu betreiben. Rinecker wiederum sagt, die Unikliniken wollten ihr letztes Monopol bewahren: die Krebstherapie mit ihren milliardenschweren Budgets. Rinecker ist sich auch sicher, dass die Universitäten nur auf sein Scheitern warten: "Es gibt zahlreiche Stimmen in der Staatskanzlei, im Wissenschaftsministerium und an den beiden Universitäten selbst, die diese privat initiierte und privat finanzierte Anlage verstaatlichen wollen."

Es gab im Jahr 2007 noch Gespräche, um die Möglichkeiten einer Kooperation auszuloten. Aus dem Kreise der Universitäten heißt es, Rinecker wolle nur, dass man Patienten bei ihm abliefere, die Wissenschaftler sagen, sie wollten vor allem forschen. Man konnte sich auf kein gemeinsames Ziel einigen. Genau genommen kann eine Universität kaum ein Interesse daran haben, Patienten zu Rinecker zu schicken, damit der an ihnen verdient. Es sei denn, die Kooperation wäre so prestigeträchtig, dass Patienten deswegen in diese Uniklinik gingen, weil sie dort auch die Protonentherapie von Dr. Rinecker bekämen. Kalkuliert man weiterhin ein, dass mit der Protonentherapie vornehmlich - wie die Mediziner sagen "komische" Fälle behandelt werden, an die sich mit großer Wahrscheinlichkeit eine Operation anschließt, könnte es für eine Uniklinik interessant werden, solche Patienten in andere Budgets zu überweisen.

Wie so oft in der Medizin liegt die Faszination darüber, was heute alles möglich ist nämlich in einer Klinik mit Protonen auf Tumoren zu zielen -, im Widerstreit mit der Relation: tonnenweise Hightech und mehr als 150 Millionen Euro, nur um ein Teilchen in Bewegung zu bringen, dessen Gewicht erst bei der 24. Stelle nach dem Komma beginnt und für das wissenschaftlich noch längst nicht hinreichend belegt ist, ob es für den Einsatz gegen Tumoren tatsächlich bessere Dienste leistet? Manche Ärzte sagen, Schwerionen von Helium, Kohlen- oder Sauerstoff eigneten sich viel besser.

Nicht unwichtig ist auch die Frage, ob Hochleistungsmedizin nach Geschäftsplänen funktioniert und ob alles, nur weil es möglich ist, auch ermöglicht, sprich: bezahlt werden sollte. Bislang zeigen Studien, dass die Behandlung mit Protonen weniger Nebenwirkungen hervorruft. Ob sie tatsächlich besser wirkt, ist weniger eindeutig. Ob reduzierte Nebenwirkungen aber den vielfach höheren Preis rechtfertigen, ist für die Gesellschaft eine ethische Grundsatzfrage. Für Rinecker in München hängt daran die Existenz, für die Hersteller der Beschleunigungsanlagen geht es um ein großes Geschäft und für viele Patienten um neue Hoffnung.

Alle scheinen ihrer Sache sicher

Verwirrend ist an dieser Diskussion, dass man nach jedem Gespräch das Gefühl hat, zu all diesen Fragen nun endlich die Wahrheit gehört zu haben. An jedem Tisch sitzen überaus kluge Leute, die sich allesamt sehr gut auskennen mit dem, was sie tun. Vielleicht ist gerade das auch das Problem: Die Behandlungsmethode ist so komplex, dass man sich auf Fachleute verlassen muss.

Die Krankenkassen aber müssen all diese Fragen tatsächlich mit allen Konsequenzen beantworten: Die ambulante Protonentherapie ist keine gesetzlich vorgeschriebene Leistung, die Versicherer müssen die Kostenübernahme prüfen.

Fragen die Kassen Rinecker, erzählt der ihnen, die Protonentherapie sei präziser, vor allem bei komplizierten Tumoren. Sie rufe weniger Nebenwirkungen hervor und vermindere die Strahlenbelastung. Die Teilchen geben auf dem Weg zu ihrem Ziel nur wenig Energie ab und explodieren im Tumor, während die Partikel der konventionellen Röntgen- oder Photonenbestrahlung auch gesundes Gewebe schädigen. Rinecker betont, dass die Hälfte der in Deutschland messbaren Radioaktivität von bestrahlten Krebspatienten herrühre. Sein Anwalt hat diese Art der Behandlung als "Körperverletzung" tituliert. Die Strahlenschutzverordnung von 2001 schreibt auch für die Medizin den Einsatz von Therapien mit der geringsten Strahlenbelastung vor - das wären für Rinecker seine Protonen. Die sind zwar um ein Vielfaches teurer als die konventionelle Bestrahlung, kosten aber nur den Bruchteil einer Chemotherapie.

Wissenschaftler an Unikliniken halten dagegen, das solle er doch alles erst einmal belegen. Sie fragen, wie er denn mit Protonen auf etwas schießen will, das sich auch im fixierten Körper ständig bewegt; eine Prostata etwa verändere permanent ihre Position mit einem Spielraum von zwei Zentimetern.

Entsprechend variantenreich geraten die Entscheidungen der Kassen. Die AOK Bayern listet die Protonentherapie in ihrem Leistungskatalog auf, der Bundesverband hingegen äußert sich eher ablehnend. Der Verband der Ersatzkassen lehnt die Protonentherapie im Fall der Rinecker-Klinik ab, übernimmt sie aber am Universitätsklinikum Heidelberg.

Martin Kluxen vom Verband der Ersatzkassen (VdEK) begegnet diesem Durcheinander mit dem Machtwort Evidenz. Sein Posten trägt den schönen Beipackzettel "Leiter des Kompetenzzentrums Medizin - Abteilung Gesundheit". Im Jahr 2010 landete ein Vertragsentwurf zur Kostenübernahme der Protonentherapie auf seinem Schreibtisch, versendet vom Rinecker-Zentrum. Bei mehreren Treffen diskutierten er und seine Mitarbeiter vom VdEK mit dem Arzt die Möglichkeiten einer Kostenübernahme. Kluxen weiß, dass an ihr für private Investoren sehr viel hängt, weil sie für Banken das schlagende Argument ist. Die langwierigen Verhandlungen begründet er so: "Das Rinecker-Zentrum nimmt an keiner Studie zur Protonentherapie teil, die klinische Studienbegleitung ist für uns aber eine wichtige Voraussetzung für jeden Vertrag zur Protonentherapie." In der Uniklinik Heidelberg gebe es diese wissenschaftliche Begleitung, daher würden die Kosten dort übernommen. Die Verhandlungen mit Rinecker werden derzeit fortgeführt.

Proton statt Skalpell

Rinecker schüttelt beim Thema Studien unwirsch den Kopf: "Patienten sind keine Versuchskaninchen." Für eine aussagekräftige Studie müsste er Patienten mit Protonentherapie behandeln und eine Vergleichsgruppe mit der konventionellen Therapie wie Röntgenstrahlen. "Wer soll sich denn dafür hergeben?", fragt er. "Mit einer bis zu fünfmal so hohen Strahlungsdosis?" Außerdem sei sein Zentrum ohne Subvention und Förderung auf klinische Behandlungen ausgelegt, für Studien fehlten die Ressourcen.

Dass das Proton sein Schicksal würde, sei absehbar gewesen, sagt Rinecker nüchtern. Schon damals, Ende der neunziger Jahre, als er wegen einer Augenerkrankung das Skalpell aus den Händen legen musste. Fast vier Jahrzehnte hatten diese Hände operiert, und obwohl er überdurchschnittliches Geschick zeigte, musste er erleben, dass er einigen Patienten nicht mehr helfen konnte. Tumoren können teuflisch kompliziert sitzen - auch die geschicktesten Hände manche Blutung nicht mehr stoppen.

Dann setzte die medizinische Forschung auf die Physik. Teilchen wurden beschleunigt, Tumoren beschossen, so präzise, wie es kein Chirurg der Welt vermochte. Rinecker besuchte Kliniken in den USA, die diese Therapie seit Jahrzehnten anwandten. Dass das die Zukunft ist, war ihm schnell klar. Dass er diese Teilchen ebenfalls beschleunigen wollte, auch. "Eigentlich", hebt er etwas mürrisch an, "ist die einzige Frage, warum es so lange gedauert hat."

Die Baugenehmigung, die Finanzierung - alles dauerte Jahre, und immer waren mehr Leute gegen statt für ihn. Doch so kann er wohl am besten arbeiten. Rinecker gibt sich gern störrisch. Seine Kratzbürstigkeit scheint ihm ein Genuss. Er ist es gewohnt, Anweisungen zu geben, nicht Antworten. Seinen Führungsstil als einstiger Chefarzt nennt er selbst "zaristisch-diktatorisch". Einmal soll er seiner Sekretärin noch während der Visite die Abmahnung an einen Assistenzarzt diktiert haben. Er scheint es manchmal wirklich leid, alles erklären zu müssen. Es wird mit den Protonen schon alles seine Richtigkeit haben, schließlich hat er das so entschieden.

Manchmal blitzt der Schalk in seinen Augen auf. Wenn er wie beiläufig eine kleine Ausbuchtung auf seiner Hand inspiziert, er von den Millionen und den Protonen kurz abschweift, um an sich selbst "ach, dieses Ganglion" zu diagnostizieren. "Das müsste man auch mal operieren", murmelt er und leitet zu einer Anekdote über, in der er sich ein solches Überbein entfernen ließ, an der anderen Hand. Als er noch Chefarzt der Rinecker-Klinik war und keiner seiner Ärzte den Mumm hatte, ihm, dem Chef, die Geschwulst zu entfernen. "Da habe ich bei meiner eigenen OP assistiert und die Haken selbst gehalten", erzählt er genüsslich.

Dann greift er in sein Sakko und nestelt ein Smartphone aus der Innentasche, tippt ein paarmal darauf herum und reicht das Gerät über den Schreibtisch. Das Display zeigt einen Chart mit steil nach oben kletternder Kurve. "Varian Medical Systems", sagt er bedeutungsvoll. "Der Aktienkurs des Konzerns, seit er in die Produktion von Protonentherapie-Anlagen eingestiegen ist."

Das US-Unternehmen vollendete die Anlage in München, die einst von der deutschen Firma Accel Instruments geplant und in Bau genommen wurde. Accel lieferte auch Magnete für den weltweit größten Teilchenbeschleuniger LHC am Cern in Genf. Während des Rinecker-Projektes ging das Unternehmen dann pleite. Varian übernahm und kam so zu seiner ersten Praxisanwendung. "Wir sind fast der Showcase von Varian", sagt Hans Rinecker stolz.

Jan Timmer ist Marketingchef bei Varian Particle Therapy in Bergisch Gladbach. Mit dem Kunden Rinecker ist Verschwiegenheit vereinbart, zu diesem speziellen Fall erteile man keine Auskünfte. Timmer bestätigt aber, dass der Markt für die Protonentherapie "weltweit ziemlich schnell wachse". Auch wenn ihm diese Formulierung hörbares Unbehagen bereitet, denn man befinde sich noch immer "in einem sehr kleinen Markt".

Die Nachfrage auf dem Weltmarkt schätzt Timmer derzeit auf jährlich zehn Geräte - und um die konkurrieren eine Handvoll Anbieter: neben Varian Medical Systems auch Hitachi aus Japan, IBA Group aus Belgien und Elekta aus Schweden. Außerdem kleinere Start-ups aus den USA.

Varian ist einer der Weltmarktführer für Strahlungstechnologie. Der Umsatz lag 2010 bei 2,4 Milliarden Dollar, die Hauptgeschäftsfelder sind Röntgen- und Photonenstrahlung, zirka tausend solcher Anlagen werden jährlich verkauft. Für die Protonentherapie sind es zwei bis drei Geräte pro Jahr. "Die Kapazität liegt bei sechs bis acht Anlagen per anno", sagt Timmer. Warum sich die Firma mit diesen marginal wirkenden Größenordnungen überhaupt abgibt, beantwortet er sehr simpel: "Weil es dafür einen Markt gibt." Auch wenn es derzeit nur wenige Anlagen sind, man kann sie verkaufen - für Stückpreise von 30 bis 70 Millionen Euro, dazu kommen noch Wartungsverträge. Die wichtigsten Kunden des Konzerns, so berichtet Timmer, seien an dieser Technologie sehr interessiert. Die Industrie hofft, dass die Protonentherapie mit der Entwicklung und Verbreitung etwa der Röntgenbestrahlung gleichzieht. Für Deutschland hege man diesbezüglich auch große Erwartungen, konkrete Projekte zu nennen sei aber noch zu früh.

Das Versagen der Betriebswirte

Der Einstieg der Industrie in die Protonentherapie liegt nun ein gutes Jahrzehnt zurück. Bis dahin wurde die Technologie in den Forschungslabors der Universitäten weiterentwickelt, mitunter nutzten die Mediziner am Wochenende einfach die Teilchenbeschleuniger der Physiker.

Mit Beginn des neuen Jahrtausends entzündete sich eine gewisse Euphorie an den Partikeln. Die Betriebswirte und Marketingexperten der Konzerne versprachen den Kunden - und auch ein bisschen sich selbst - standardisierte Geräte, mit denen sich schon bald große Patientenzahlen ökonomisch rentabel behandeln ließen. Die Mediziner erwarteten eine Beschleunigung der Entwicklung. Betriebswirte schrieben Businesspläne, die dann zum Beispiel auch errechneten, der Münchner Arzt Rinecker könnte in seiner Klinik 4000 Patienten pro Jahr behandeln.

"Aus heutiger Sicht muss man sagen, das Elend begann mit dem Auftauchen dieser Betriebswirte", sagt Jürgen Debus. Der Mediziner besitzt als Strahlenexperte einiges Gewicht. Er leitet seit Jahren das Ionenstrahl-Therapiezentrum am Universitätsklinikum Heidelberg, eine von Deutschlands renommiertesten Forschungsanlagen. Neben Protonen werden auch Ionen von Sauerstoff, Wasserstoff oder Helium verschossen. "Wir wollen herausfinden, welches Teilchen am besten wirkt", sagt Debus.

Damals, vor zehn Jahren, hatte auch er gehofft, dass sich die Antworten schneller finden ließen. "Wir alle glaubten, nun, da die Industrie mit im Boot saß, würde es so richtig losgehen. Heute wissen wir, dass dies aber nie passierte", beschreibt er eine gewisse Ernüchterung. Die Geschäftspläne funktionierten nicht. Die Industrie konnte nicht halten, was sie versprach. "Die Wirtschaft musste erkennen, dass es ein schwieriger Weg hin zu einer standardisierten Produktion ist", sagt Debus. "Auch die größten Anlagen in den USA, die seit mehr als einem Jahrzehnt arbeiten, schaffen nicht mehr als 1500 Patienten im Jahr."

Bislang gelang es keinem Konzern, ein Gerät in Serie zu produzieren. Keine Anlage auf der Welt gleicht einer anderen. Die Hersteller bauen Prototypen, einen nach dem anderen.

Siemens und die Rhön-Klinikum AG mussten kürzlich eingestehen, dass ihr Versuch des Teilchenverschießens sogar sämtliche Geschäftspläne sprengte. Für das privatisierte Universitätsklinikum Gießen und Marburg baute Siemens eine Anlage mit den Ausmaßen eines Fußballfeldes, in der Protonen und Kohlenstoff-Ionen beschleunigt werden sollten. Der Partikelbeschleuniger war eines der Versprechen, mit dem die Rhön AG vor sechs Jahren die Landesregierung für die Privatisierung der Uniklinik gewann Jährlich 2500 Krebspatienten wollten die Mediziner dort behandeln, so der Plan. Mindestens 1200 hätten es sein müssen, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu gewährleisten. Gerade noch 500 Erkrankte galten zuletzt als realistisch für diesen Prototyp, mit dem Siemens in den Markt eintreten wolle.

Im Juli wurde der Marktaustritt besiegelt: Statt in Betrieb ging die Anlage zurück an Siemens. Ein Sprecher des Unternehmens sagt: "Wir haben die Komplexität der 40 hoch komplizierten Subsysteme unterschätzt." Die Kosten einer Behandlung hätten sich nach letzten Schätzungen auf 50 000 Euro belaufen, ursprünglich war man von rund 16 000 ausgegangen.

Ziel: die schwarze Null

Es ist seither mehr als fraglich, ob die Protonentherapie unter betriebswirtschaftlicher Prämisse praktikabel ist. Das Beschleunigen winziger Teilchen in fußballfeldgroßen Bauten erfordert neben der imposanten Hardware auch hochkomplexe Software. Außerdem Fachleute, die die Technik beherrschen und sich auch in Biologie und Medizin auskennen. Weil solche Experten nicht an Universitäten ausgebildet werden, ist es übliche Praxis, dass die Anwender dieser Anlagen in diesen zunächst ausgebildet werden.

Trotz der Fehlplanung in Marburg-Gießen versucht derzeit auch das Universitätsklinikum Kiel eine Teilchentherapie aufzubauen. Mit von der Partie: Roland Koch, der als Ministerpräsident in Hessen den Ärzten in Marburg und Gießen die "Patienten aus aller Welt" versprach und nun Vorstandsvorsitzender von Bilfinger Berger ist. Der Baukonzern hat sich mit einem Millionen-Investment an dem Teilchenbeschleuniger beteiligt.

Für die Universität Essen fertigt und finanziert der Konkurrent Strabag ebenfalls eine Protonentherapieanlage. Zusammen mit dem belgischen Medizintechnik-Unternehmen IBA verwirklichen die Beteiligten ein Modell in Public Private Partnership. Eine hundertprozentige Tochter-GmbH der Universität soll die Einrichtung in Kürze übernehmen und mieten.

Eigenes Kapital besitzt diese GmbH nicht, die Finanzierung der Mietzahlungen soll allein durch Erlöse aus der Behandlung von Patienten gelingen. Im Businessplan wird mit 1500 Patienten jährlich kalkuliert. Die Herausforderung ist eine schwarze Null.

Die Chancen der Protonentherapie sind vor allem deshalb schwer einzuschätzen, weil unklar ist, wer langfristig die Kosten dafür trägt. Derzeit laufen an den verschiedenen Universitäten Studien, anhand derer in vielleicht fünf Jahren entschieden wird, ob die Krankenkassen diese Behandlungsmethode eines Tages in ihren Leistungskatalog aufnehmen werden. Bislang gelang es nicht, eine sogenannte Hochvolumen-Indikation zu finden, für die Studien einen eindeutigen Behandlungsvorteil mit den Protonen beweisen. Also eine Erkrankung wie Prostatakrebs, an der jährlich Millionen von Patienten erkranken.

Fest steht: Für einen wirtschaftlichen, also preiswerteren Einsatz muss sie effizienter und kleiner, vor allem aber auch für eine breitere Anwendung konzipiert werden. Ungewiss ist nach den bisherigen Erfahrungen aber, wer das machen wird. Baukonzerne und Medizintechnikunternehmen haben sich in der Bewältigung dieser Aufgabe bislang nicht hervorgetan.

Dass die Technologie zumindest aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist, lassen die mehr als 60 000 Patienten vermuten, die mittlerweile mit der Protonentherapie behandelt wurden. Einen weiteren Anstieg dieser Zahl, prophezeit Harald Paganetti. Der Radioonkologe arbeitet am Teilchenbeschleuniger in Boston, eine seit den sieb ziger Jahren etablierte Einrichtung in Kooperation mit der Harvard Medical School. Er schreibt gerade ein Buch über die Geschichte der Protonentherapie.

"Die Zahl der Zentren steigt und damit auch die Zahl der Patienten und die Menge der Daten", sagt Paganetti. Die Methode werde sich seiner Meinung nach durchsetzen. So werden Kinder in Boston mittlerweile ausschließlich mit Protonen bestrahlt, da die Nebenwirkungen geringer sind. In der Kinderheilkunde seien die Protonen daher die Zukunft.

In den USA sieht er private Investoren als die großen Treiber der Entwicklung: "Viele der neuen Zentren entstehen als betriebswirtschaftliche Unternehmungen." Universitäten wären zwar noch immer oft Kooperationspartner, "aber eigentlich braucht es die heute für die Protonentherapie nicht mehr". Es sei mittlerweile eher umgekehrt, dass die Universitäten für ihre Forschungen und Behandlungen der privaten Zentren bedürften.

Diese Worte wird ein Mann in München sicher mit gewissem Behagen vernehmen. Was sie für den Ausschlag des Pendels zwischen Erfolg und Scheitern des Dr. Rinecker bedeuten werden, bleibt abzuwarten. Es heißt, mittlerweile verhandle er wieder mit den Universitätskliniken in München. Zum Moderator wird ihn das Proton aber nicht mehr machen. Hans Rinecker setzt weiter auf sein Talent als Beschleuniger: Er sagt, er könne sich noch eine weitere Anlage vorstellen.

Er habe bereits eine Baugenehmigung dafür in Köln. -

Proton, das: (Plural: Protonen; von altgriechisch tó proton' das Erste) ist ein langlebiges, elektrisch positiv geladenes Hadron mit dem Formelzeichen p. Es gehört neben dem Neutron und dem Elektron zu den Bausteinen, aus denen die dem Menschen alltäglich vertraute Materie besteht. Die drei Valenzquarks eines Protons werden von einem "See" aus Gluonen und Quark-Antiquark-Paaren umgeben. Weniger als fünf Prozent der Masse des Protons kommen von den Valenzquarks, der Rest stammt von der Bewegungs- und Bindungsenergie zwischen Quarks und den Gluonen, wobei Letztere als Kraft-Austauschteilchen die starke Kraft zwischen den Quarks vermitteln. Das Proton ist wie das Neutron ein Baryon. Baryonen sind stark wechselwirkende Elementarteilchen, die darüber hinaus der schwachen Wechselwirkung, der Gravitation und, sofern sie geladen sind, auch der elektromagnetischen Kraft unterliegen. (Quelle: Wikipedia)