Partner von
Partner von

Das Reich der Fantasie

Banken haben sich ihren schlechten Ruf systematisch erarbeitet. Dafür gibt es gute Gründe. Hier ein Überblick.




(1) Dieser Mann ist Geschichte

Kommt ein Mann in die Bank, sagt: "Ich brauch' einen Kredit." Ein gepflegter Herr mit Anzug und Brille bittet ihn, Platz zu nehmen, und hört geduldig zu. Es geht um ein Haus, das der Kunde kaufen möchte. Der Herr fragt nach Alter, Beruf, Familienstand, Einkommen, greift zum Taschenrechner, schaut sich den Mann an, sagt schließlich: "Der Kredit kostet Sie 150 Mark im Monat, allein an Zinsen. Ist das ein Risiko, das Sie sich leisten können?"

So war es einmal. Die Bank schaute genau hin, bevor sie einem Geld lieh. Darüber hinaus konnte sie wahre Wunder der Geldvermehrung bewirken. Jemand zahlte 100 Mark auf sein Konto ein. Jemand anderes hob 100 Mark ab. Beide hatten dann 100 Mark. Einer auf dem Sparbuch, einer in bar. Und sogar wer kein Geld hatte, konnte welches bekommen. Die Kunst lag darin, richtig zu kalkulieren. Solange nicht alle Kunden auf einmal ihr Geld abheben wollten, ging das gut.

Doch es gab einen Moment, in dem der Herr mit Anzug und Brille verschwand. Dessen Frage "Ist das ein Risiko, das Sie sich leisten können?" hörte der Kunde kaum noch. Der Bankkaufmann, den die Leute früher einen "Bankbeamten" nannten und dem sie genauso vertrauten, heißt jetzt Berater, was eine vornehme Umschreibung für Verkäufer ist. Der empfiehlt den Kunden, die wenig Verständnis für Finanzgeschäfte haben, Schiffsfonds oder andere riskante Anlagen. Dem Berater ist's wurscht, er geht ja kein eigenes Risiko ein. Es ist das Geld anderer Leute, das da im schlimmsten Fall verloren geht. Und das ist schon der erste Sündenfall: Banken gehen kaum noch Risiken ein. Sie vermitteln sie nur weiter.

(2) Das Reich der Fantasie

Im Jahr 1973 verkündeten die USA das Ende des Goldstandards. Bis dahin gab es feste Wechselkurse. Alle Währungen waren an den Dollar gebunden, und der war durch Gold gedeckt. Mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems wurde der Devisenhandel erschaffen. Es entstand ein Markt für Derivate.

Derivate sind keine Erfindung, auf die die Finanzwelt erst 1973 kam. Bereits 1848, als die Getreidebörse in Chicago öffnete, gab es derartige Produkte. Weizenfarmer kauften sie, um sich einen bestimmten Preis in der Zukunft zu sichern, für den Fall, dass bei einer Rekordernte ihre Ware weniger wert sein würde. Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts schafften es die Derivate aus dem Rohstoffhandel ins Herz der Geldgeschäfte. Seit die Wechselkurse zwischen den Währungen frei schwanken konnten, gab es teilweise heftige Ausschläge nach oben und unten. Investoren und Industrielle suchten nun nach Instrumenten, sich vor den Launen der Märkte zu schützen.

Ein Unternehmen, das etwa in den USA und Deutschland Geschäfte machte, wollte das Wechselkursrisiko verringern. Also kaufte es Derivate einer Bank, die einen bestimmten Devisenkurs zu einem bestimmten Datum garantierte.

Daneben entdeckten die Banken Tauschgeschäfte, sogenannte Swaps. Gillian Tett beschreibt in ihrem Buch* "Fool's Gold" ein einfaches Swap-Geschäft:

Zwei Hausbesitzer schulden ihrer Bank 500 000 Dollar. Der eine hat einen fixen Zinssatz von acht Prozent, der andere einen variablen Zinssatz. Wenn der Erste glaubt, die Zinsen könnten fallen, und der Zweite glaubt, sie könnten steigen, können beide einfach ihre Zinsverpflichtungen tauschen, statt eine neue Hypothek auszuhandeln. Die Kreditverträge wechseln dabei nicht den Besitzer.

Ähnliche Deals wickelte IBM mit der Weltbank ab. IBM brauchte US-Dollar, hatte aber zu viele Verbindlichkeiten in Schweizer Franken und D-Mark. Die Weltbank hatte genug Dollar und wollte in Schweizer Franken investieren. Sie tauschten jedoch nicht das Geld, sondern die Zinsen aus den Obligationsscheinen. 1981 gelang es der Investmentbank Salomon Brothers, den ersten IBM-Weltbank-Deal in Höhe von 210 Millionen Dollar zu platzieren. Einerseits konnten sich die Kunden mit diesen Derivaten wie die Weizenbauer gegen Risiken absichern. Sie konnten aber auch die Risiken erhöhen. "Es kam ganz darauf an, wie sie genutzt wurden", so Tett. Mehr dazu unter Punkt 4.

(3) Urknall mit Folgen

Am 27. Oktober 1986 wurde in Großbritannien unter Premierministerin Margaret Thatcher der Big Bang verkündet. Damit wurden die Finanzmärkte auf der Insel liberalisiert. Der Rest Europas musste sich anpassen.

Zu diesem lauten Knall gehörten die Einführung des Computerhandels und die Zulassung von ausländischen Firmen an der Börse. Die Börse selbst wurde eine Aktiengesellschaft. Banken, Broker, Fonds und Anwaltskanzleien wurden angezogen. Später folgten Hedgefonds, Private-Equity-Gesellschaften, Devisen-Experten. Die Regulierungsbehörden ließen sie gewähren, selbst bei Geschäften, bei denen sich die Investoren stark verschuldeten, wodurch enorme Risiken entstanden. Die Phase nach 1986 kann auch als die Ära des Kredithebels beschrieben werden genau dieser brachte die schöne Welt der Geldgeschäfte später zur Strecke.

(4) Fantasieprodukte

Zu den heißesten Produkten gehörten schon damals die Derivate (siehe Punkt 2). Bei J.P. Morgan sorgte diese Abteilung für mehr als die Hälfte der Einkünfte der Bank. Die Lektion, die die Derivatehändler damals lernten, hieß: Es ist noch mehr drin. Die Mitarbeiter dort umgab "ein Hauch von Mystik", wie Tett schreibt. Sie hatten "die Arroganz der Jugend", da sie glaubten, sie besäßen "das Geheimnis zur Transformierung der Finanzwelt".

Sie haben die Finanzwelt tatsächlich transformiert - nur anders als gedacht. Larry McDonald schaffte es bei Lehman Brothers bis zum Vizepräsidenten und wollte viele Dinge nicht sehen, die er später in seinen Erinnerungen** aufgeschrieben hat. Im Lehman-Hauptquartier, 745 Seventh Avenue in New York, gab es eine Elite-Einheit. Die beschäftigte sich mit Ninjas. Mit japanischer Kampfkunst hatte ihre Tätigkeit wenig zu tun. Mit dem schnellen Dollar schon viel mehr. Das Derivategeschäft war 2004 noch eine Lizenz zum Gelddrucken - für viele Beteiligte. Und Ninja stand für den Handel mit Immobilienkrediten von Personen, die über no income, no job, no assets verfügten.

Die Geschäfte begannen in Kalifornien, Florida und Nevada. Dort überzeugte ein Kreditmakler seine Kunden, sich ein Haus zu kaufen. Der Makler kümmerte sich um die Finanzierung, lieh den Käufern das Geld, das er sich ebenfalls erst leihen musste. "Hier haben wir einen Verleiher, der nicht wirklich ein Verleiher ist und der sich das Geld erst leihen muss, um einen Kredit zu vergeben. Huh?", erkannte McDonald einige Jahre zu spät.

Die windigen Geschäfte zogen all diejenigen an, die einen schnellen Dollar machen wollten. Die Kreditmakler steckten 1000 Kreditverträge in ein Paket. Jeder einzelne Vertrag lief über 300 000 Dollar. Das Geld wurde zu einem Zinssatz von ein bis zwei Prozent verliehen. Das fertige Paket mit einem Gesamtwert von 300 Millionen Dollar wurde dann an Lehman Brothers verkauft, die dafür wieder Geld aufnehmen mussten. Und Lehman Brothers verkaufte die Anteile an dem Paket Stück für Stück. Der Kreditmakler erkannte schnell: Alles, was er brauchte, war die Unterschrift unter einem Vertrag, um eine Provision zu kassieren. Ob seine Kunden sich den Vertrag leisten konnten, war ihm egal, er trug nicht das Risiko.

Lehman Brothers war es ebenfalls egal, ob die Hauskäufer irgendwann pleite gingen. Sie verkauften ihr Risiko genauso weiter. Am Ende landeten die Papiere irgendwo, von Rating-Agenturen als erstklassig ausgezeichnet, die für Immobilienkreditpakete gleich das dreifache Honorar kassierten. Die Deutsche Industriebank (IKB) erwischte es dann als eine der Ersten, als die Hauskäufer ihre Zinsen nicht mehr bezahlen konnten und sie auch keine neuen Kredite mehr bekamen, weil ihre Häuser inzwischen an Wert verloren hatten.

Eines der Probleme dieser Art Bankprodukte war: Sie wurden allein dafür hergestellt, um vertrieben zu werden. Ihre Erfinder dachten nicht im Traum daran, sie in die eigenen Bücher zu nehmen. Wie eine heiße Kartoffel wurden sie schnell weitergereicht. Der schnelle Weiterverkauf der Derivate, das war das Geschäft. Und damit war viel Geld zu machen.

(5) Fantasievolle Mitarbeiter

Warum zimmert jemand aus Krediten für Menschen, die keinen Job haben, ein Anlageprodukt? Weil er es kann. Und weil es Kunden gibt, die sich genau dieses Produkt andrehen lassen.

Warum aber hat Jérôme Kerviel, ein junger Händler der Société Générale in Paris, mit 50 Milliarden Euro spekuliert, obwohl sein Limit 125 Millionen Euro betrug? Bis zu 29 Milliarden Euro hätte die Bank dabei verlieren können. Ein solcher Verlust hätte ganz Europa finanziell in die Kernschmelze getrieben.

Für Kerviel glichen die Bildschirme einem Videospiel. "Die astronomischen Summen hatten für ihn keinerlei Bedeutung. Er bewegte sich in einer rein virtuellen Welt", schreibt Hugues Le Bret, der frühere Kommunikationsdirektor der Bank, in seinem Bericht.*** Schlimmer noch: "Sein Arbeitsumfeld scheint ihm zu verstehen gegeben zu haben, dass alles erlaubt sei, solange es nur ordentlich Kies bringt", so Le Bret, der das Risiko der Bad Banker in den eigenen Reihen auf die Formel brachte:

"Ein Junge

x Widersprüchlichkeit

x Wunsch nach Anerkennung

x Gier

x stressiges Arbeitsumfeld

x ehemaliger Controller

= systemisches Risiko"

(6) Der fantastische Computer

Die britische Pharmakologin und Hirnforscherin Susan Greenfield hat die Welt abgewandtheit vieler Banker in den Handelssälen untersucht. "Was ist, wenn die jüngste Welle von Rücksichtslosigkeit unter Bankern zum Teil damit zu tun hat, dass die jüngere Generation in zwei Dimensionen aufgewachsen ist - und zwar lange am Bildschirm, eingetaucht in eine Welt von Computerspielen?", fragte sie im Magazin "Wired". Wer als Kind zu lange vor Videospielen gesessen habe, so die Wissenschaftlerin, litte als Erwachsener an einer Unterfunktion der Hirnrinde. Hinzu komme, dass die Wirklichkeit nur verzerrt wiedergegeben werde, wenn man "das Spiel immer wieder spielen kann, wo es keine nicht mehr rückgängig zu machenden Konsequenzen gibt". Den Spielern gleich säßen die Händler vor ihren Schirmen und verlören lediglich das Geld ihrer Kunden.

Da die gegenwärtige Finanzkrise nicht die erste auf der Welt ist, das Platzen der Tulpenblase 1637 oder die Große Depression 1929 in der Lage waren, die Welt ohne Computer zu erschüttern, kann die These von den Videospielen nicht wirklich überzeugen. Aber sie weist in die richtige Richtung: Der Kunde ist dem Händler unbekannt. Die Zahlen auf dem Bildschirm sind irreal, so wie viele Finanzgeschäfte von der Wirklichkeit längst entkoppelt sind.

(7) Fantasielose Professoren

Die Sonne geht morgens auf und abends unter, die U-Bahn kommt alle vier Minuten, der Bäcker verkauft Brezeln und Kaffee. Gerade so viel von der Wirklichkeit nehmen viele Banker wahr. Während seiner Arbeit haben sie nur einen Freund: den Markt. Gesellschaft? "There is no such thing as a society", sagte einst Margaret Thatcher. Und stand damit Pate für den Lehrplan vieler Business Schools.

So scheint es jedenfalls, wenn man sich die Lebensläufe der Banker anschaut, die sich bei ihren Geschäften nicht gerade mit Ruhm überhäuft haben. Richard Fuld, der Chairman und CEO von Lehman Brothers, graduierte an der NYU Stern School of Business, Stanley O'Neal und John Thain, beide einstmals Chefs von Merrill Lynch, haben ihren Master of Business Administration (MBA) in Harvard gemacht. Eine Untersuchung der Harvard Business School kommt zu dem Ergebnis: "Führungsstile, die das Charisma des Vorgesetzten über deren eigentliches Wissen setzten, und eine unkritische Haltung gegenüber Laisser-faire-Modellen wurden den MBA-Studenten vorgeführt, ohne in Betracht zu ziehen, ob diese Ideen und Werkzeuge langfristig gut für die Firma sind oder ob sie die Legitimität des ganzen US-Systems infrage stellen."

Eine andere Studie der Rutgers Universität von New Jersey kommt zu dem Schluss, dass M BA-Studenten eher täuschen als andere. 56 Prozent der befragten MBA-Studenten gaben zu, dass sie schummeln würden. Nur 47 Prozent der Studenten aus anderen Fachbereichen gaben an, ebenfalls zu tricksen.

(8) Fantasiegehälter

Wer den MBA in der Tasche hat - ob mit Spickzettel erworben oder ehrenhaft - und bei einer Bank anfängt, darf sich freuen: Einmal im Jahr winkt der Bonus. Und so soll es sein. Wer Maler ist, mag die Farbe. Wer Schreiner ist, liebt das Holz. Wer Banker ist, denkt nur ans Geld. Dass hohe Boni zu größeren Risiken verleiten? Geschenkt. Im Jahr 2009 klagte Tim Geithner, Finanzminister der USA, vor dem Kongress, dass die jährlich ausgeschütteten Belohnungen "in einigen Institutionen zu der Verwundbarkeit geführt haben, die wir in der Finanzkrise sehen konnten".

Aber es ist nicht nur allein das viele Geld, das die Banker verdorben hat. Es sind auch "Verhaltensmuster und kulturelle Faktoren", denen sie in ihrer Branche ausgesetzt sind, wie es Aldair Turner in seinem Bericht für die britische Finanzmarktaufsichtsbehörde geschrieben hat. Viele lebten in ihrer eigenen Welt, seien verliebt in mathematische Modelle und überzeugt von der eigenen Überlegenheit. An sie gerichtet, schreibt Turner auch: Es sind nicht nur die Boni, die zur Krise führten. Es waren auch der "unangemessene Geschäftsansatz hinsichtlich Kapital, Bilanzierung und Liquidität".

Eigentlich die Kernaufgaben von Bankern. Gekümmert haben sie sich um etwas anderes. -

* Gillian Tett: Fool's Gold - How Unrestrained Greed Corrupted a Dream, Shattered Global Markets and Unleashed a Catastrophe. Abac u s , 2 010 ** Larry McDonald: A Colossal Failure of Common Sense - The Incredible Story of the Collapse of Lehman Brothers. Ebury, 2009 *** Hugues Le Bret: Die Woche, in der Jérôme Kerviel beinahe das Weltfinanzsystem gesprengt hätte - Ein Insiderbericht. Antje Kunstmann, 2010