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Das Gute und die Bösen

Kapitalismus böse? Markt schlecht? Welt sowieso? Und selber? Alles gut? Warum Wirtschaft und Ethik zusammengehören.




Ist das Hirn zu kurz gekommen, wird sehr gern Moral genommen. Wiglaf Droste 1. Böser Schweinekapitalismus

Niemand kann hellsehen. Aber es gibt so etwas wie sichere Prognosen. Dazu gehört die Antwort, die die Bürger reicher westlicher Staaten heute auf die folgende Frage geben: Wie werden unsere Urenkel uns und die Welt, in der wir leben, sehen? Werden sie uns gut finden oder böse? Mensch, wie kann man so was nur fragen?! Das Urteil der Nachwelt über uns kann überhaupt nicht gut ausfallen! Spätestens seit wir vom Kapitalismus industrieller Prägung befallen sind, also seit ungefähr 200 Jahren, läuft alles falsch. Wir beuten die Erde aus, wir kämpfen gegen die Natur. Alles dreht sich überall nur ums Geld, der Mensch hingegen ist nichts wert. Für ein bisschen mehr Konsum bei uns verschließen wir die Augen vor den Zuständen in der Dritten Welt. Wir machen uns zu Komplizen von Ausbeutern und Spekulanten. Frauen und Kinder werden nicht geschont. Wir sind bereit, Kriege zu führen, um weiterhin dem grenzenlosen Vergnügen und der eitlen Selbstsucht huldigen zu können. Wir verspielen die Zukunft unserer Erde, unserer Enkel, der gesamten Menschheit. Wir sind schlecht. Wir liegen falsch.

Ob an dieser Selbstanklage irgendetwas stimmt, spielt keine Rolle. Das Mantra, dass wir böse sind, gehört zu unserem Glaubensbekenntnis. Es wird vom Kindergarten an gesungen und an jeder Ecke der entwickelten Welt gepfiffen: Der Markt ist schuld. Er sorgt für Probleme. Medien und Politik gehen mit dieser "Gewissheit" so um, als ob ihr ein Naturgesetz zugrunde läge.

Nun hat es immer Leute gegeben, die ihre völlige Ahnungslosigkeit in ökonomischen Fragen mit politischen Phrasen zu vernebeln versuchten.

_____ Heute engagieren sich alle und jeder - vor dem Guten gibt es kein Entrinnen.

Doch warum empören sich dann die, die es besser wissen, nicht gegen den alltäglichen antikapitalistischen Blödsinn, der uns aus Funk, Fernsehen und Funktionärsreihen entgegentritt? Was ist los mit Managern, Unternehmern, Selbstständigen, Kapitalisten? Die waren immer schon maulfaul, aber seit der Finanz krise hat es ihnen offenbar völlig die Sprache verschlagen.

Die Gesprächsverweigerung mit der Öffentlichkeit wurde früher damit begründet, dass Geschäft und Politik, sprich: Öffentlichkeit, nicht zusammenpassen. Ein bisschen Public Relations machen, ein bisschen was stiften, ein wenig spenden - und gut isses. Aus allem anderen haben sich die in der Wirtschaft Tätigen herausgehalten, denn sie waren verantwortlich für Zahlen und Fakten, nicht für Politik und Moral. Wirtschaft sei eben keine Glaubensfrage, hieß es.

Doch mit dieser Art Zurückhaltung kommt man heute, da die besser gestellten Teile der Menschheit ihre moralische Überlegenheit demonstrieren, nicht durch. Was? All das Gute kann nur getan werden, weil Leute ihre Arbeit machen? Nützliches tun? Werte und Mehrwerte schaffen? Wer so etwas sagt, gilt als herzlos. Und das wiederum zeigt, wo wir im 21. Jahrhundert stehen: mitten im Aberglauben, der sich in einer Gesellschaft breitmacht, die, wenngleich aus Versehen, schon mal als aufgeklärt galt.

2. Ich bin so betroffen

Früher wurde man Unternehmer, weil man zu einem vernünftigen Preis ein Problem für andere Leute lösen konnte. Heute wäre das eine halbe Sache. Die meisten wollen nichts verkaufen - sie wollen etwas bewirken oder gar bewegen.

So kommt es, dass Energiekonzerne keinen Strom verkaufen, sondern Energiewenden und Nachhaltigkeit. Fastfood-Ketten, Möbelhäuser, Supermärkte und Bekleidungsketten setzen sich für Wale, Waisen, Wälder oder gegen Welthunger ein, stets ausdrücklich. Selbst in Münztoiletten gibt es kein Entrinnen - der traditionelle Geschäftszweck reicht nicht mehr: Man spült umweltschonend. Man "engagiert" sich. Noch vor einer Generation bezeichnete das Wort Engagement die vorübergehende Anstellung von Schauspielern am Theater, beispielsweise für eine Saison. Heutzutage ist Engagement zum festen moralischen Begriff geworden. Man nimmt an Online-Petitionen teil, unterstützt irgendwas und irgendwen in der Fußgängerzone, schreibt beherzte Kommentare zu Blogs und hält sich strikt an die zeitgeistigen moralischen Verhaltenskodizes - Umwelt schützen, Amis kritisieren und Kapitalismus ablehnen.

Dieses Engagieren basiert in aller Regel auf Gefühl und praktisch nie auf Informationen, kritischem Prüfen und Nachdenken. Es ist ein moralisches Angebot, das man annimmt, weil es wohlfeil ist und weil es so einfach ist, sich auf diese Art gut zu fühlen. Moral fühlt, was richtig ist. Moral muss nicht nachdenken. Moral rechtfertigt sich nicht. Moral weiß schon.

Dieses Engagement ist ethikfrei. Denn Ethik fragt. Sie ist kritisch, selbstkritisch, unparteiisch, nicht ideologisch - und dementsprechend unbeliebt. Das ist nicht neu. Aber das Problem wird brisant, wenn die voraufklärerische Moral auf eine moderne, globale, pragmatische Ökonomie trifft. Dann werden Ursache und Wirkung umgekehrt, dann kann man den Men schen alles erzählen. Politiker und Parteien "retten" ganze Nationen vor dem - selbst verschuldeten - Untergang und schieben der Ökonomie die Schuld zu. Die Märkte sind unser Unglück! Das Böse ist zurück. Es will unser Bestes.

3. Der amputierte Markt

Da regen sich die Leute über die Frage auf, ob Intelligenz erblich sein kann, statt zu fragen, wie es diesbezüglich um die Blödheit bestellt ist. Hoffen wir, dass unsere Enkel sich auch geistig weiterentwickelt haben, wieder zur Aufklärung zurückfinden und einfache, aber sinnvolle Instrumente der Wahrheitsfindung anwenden, das Rechnen beispielsweise. Sie stellten Folgendes fest: Es ging ihren Großeltern sehr gut, abgesehen von diesem Rückfall in die alte Moral zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die ein wenig an die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert, als, im schönsten Frieden und in wirtschaftlich geordneten Verhältnissen nach Krieg gerufen wurde, aus moralischen Gründen, versteht sich.

Man soll die Zeiten nicht miteinander vergleichen? Richtig. Man muss. Wer den Kapitalismus durch Moral ersetzen will, hasst die Menschheit abgrundtief. Unter welchen Bedingungen lebten Großeltern und Urgroßeltern? Waren sie wohlhabend, glücklich, gesund? Was hat sich in ihrem Leben - verglichen mit dem unseren - ereignet? Wie alt sind sie geworden und unter welchen Bedingungen?

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt die Lebenserwartung der Menschen in kapitalistischen Ländern zu. Allein zwischen 1960 und 2008, in weniger als einem halben Jahrhundert, hat der Durchschnittsbürger in Deutschland mehr als ein Jahrzehnt Lebenszeit gewonnen - von 69,7 Jahren auf 80,1. Im weltweiten Vergleich fällt die Bilanz noch besser aus: fast 69 Jahre statt 52,5 das heißt plus vier Monate pro Jahr -, so der aktuelle Stand. Vielleicht ist das für manche keine gute Nachricht, die meisten Menschen aber hängen an ihrem Leben.

_____ In der Alten Welt, dem Abendland, steckt uns der Widerspruch zwischen Material und Moral fest in den Knochen.

Eine höhere Lebenserwartung ist nicht nur ein Zeichen für eine bessere Gesundheit. Sie besagt auch: Die Leute leiden weniger und haben mehr. Denn die materiellen Grundlagen sind es, die Medizin, Ernährung und Lebensumstände verbessern. Der Wohlstand der Nationen und der Siegeszug des Marktes haben eindeutig miteinander zu tun. Man könnte das beliebig fortsetzen. Fast überall gab es Fortschritte. Geld allein macht zwar nicht glücklich, vor allem auch, wenn man nicht weiß, was man will. Aber Armut macht garantiert unglücklich. In den westlichen Industrieländern wird der Gegensatz zwischen Geld und Glück jedoch immer wieder neu konstruiert.

Die Irritation der Europäer kann man ganz gut in der Volksrepublik China beobachten. Dort regiert seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kommunistische Partei, deren Geschäftszweck eigentlich der Antikapi talismus sein sollte. Doch bekanntlich fördert die Partei seit den 1970er Jahren eine Form freier Marktwirtschaft. Ist das Verrat an Marx und Engels? Oder ist es vernünftig und kompatibel mit einer Kultur, in der das materiell Gute auch das Gute sein kann? Das gilt übrigens auch für andere asiatische Kulturen. Doch in der Alten Welt, im Abendland, steckt auch im 21. Jahrhundert der Widerspruch zwischen Material und Moral tief im kollektiven Bewusstsein, in der Kultur. Wer ein Geschäft machen will, kann kein Guter sein. Das ist eingebrannt und die Grundlage dafür, dass wir uns mit unseren Erfolgen nicht wohlfühlen. Wir haben zwar den Kapitalismus erfunden. Aber wir können nicht mit ihm umgehen.

4. Antikapitalismus _____ Der alte Kapitalismus war Privatsache. Der neue Kapitalismus aber ist öffentlich.

Früher gab es Kapitalisten aus Fleisch und Blut, mit Namen und Adresse. Ihr Unternehmen war ihre persönliche Angelegenheit. Solche Kapitalisten gibt es heute kaum noch. Im 20. Jahrhundert übernahmen Konzerne ihr Geschäft. Die Großorganisation verlangte ständig nach frischem Kapital, das in der Regel an der Börse besorgt wird. In der Aktiengesellschaft sind Eigentum und Führung fast immer getrennt. Wer das Geld anderer Leute braucht, ist nicht mehr privat. Der Kapitalismus wurde öffentlich, er musste um Vertrauen werben, wenn auch nur unter jenen, deren Kapital er zu seinem Betrieb benötigte. Dabei blieb es nicht. Der Erfolg des industriellen Kapitalismus, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, führte sehr schnell zu Ansprüchen - von Mitarbeitern, aber auch von Bürgern und Einrichtungen, die von ortsansässigen Unternehmen mehr erwarteten als solide Produkte und Dienstleistungen.

Es ging nun nicht mehr allein um bessere Löhne und soziale Sicherungssysteme. Es ging um größere Fragen: Ist ein Unternehmen ein wertvolles Glied der Gesellschaft? Tut es Gutes? Und wie verhält es sich zu den ethischen Regeln und aktuellen moralischen Ansichten? In den USA, wo die Nachkriegswirtschaft früher und stärker boomte als anderswo, fanden sich die Vorstände großer Aktiengesellschaften sehr schnell in öffentlichen politischen Diskussionen wieder.

Sind Sie für oder gegen den Vietnam-Krieg?

Was tun Sie für oder gegen die Gleichberechtigung von Bürgern unterschiedlicher Hautfarbe? Unterstützt Ihr Unternehmen die Emanzipation? Hat das Unternehmen Respekt vor der Umwelt? Wie geht es mit Tieren um? Einige Manager ahnten, dass sich etwas Grundlegendes geändert hatte. Sie selbst hatten als Organisatoren eines immer erfolgreicheren Kapitalismus die Grundlagen für all die neuen Ansprüche der Menschen geschaffen. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral - Brechts Reihenfolge stimmt, nur seine ideologische Deutung nicht. Der Kapitalismus lernt dazu.

Im Jahr 1967 veröffentlicht der New Yorker Wirtschaftsprofessor Clarence Cyril Walton ein Buch mit dem Titel "Corporate Social Responsibilities" (CSR), die "soziale Verantwortung von Unternehmen". Walton beschreibt klarsichtig den Wandel in der kapitalistischen Organisation - von einer Privatsache, bei der persönliche Interessen im Vordergrund standen, zu einem System, das immer stärker öffentlich wird. Es kommen Spieler dazu. Die Spielregeln müssen neu verhandelt werden. Und gleichzeitig endet die kapitalistische Privatheit und der Rückzug auf die persönliche Ebene.

Adam Smith und die Praxis lehrten stets, dass die "unsichtbare Hand" des Eigeninteresses weitaus mehr Gutes bewirkte als jede Form moralischer Lippenbekenntnisse. Das heißt: Ethik ist eine persönliche Angelegenheit - das heißt aber nicht, dass sie andere nichts angeht. Und sie ist zu unterscheiden von jener kollektiven Moral, die mit Vorurteilen statt Differenzierungen arbeitet, oder anders gesagt: von der Ideologie. Was in den sechziger Jahren begann und die Debatte um Ethik und Unternehmen, um Gut und Böse anheizt, ist ein Konflikt zwischen alter Moral und neuem Kapitalismus. Kollektivisten hassen Adam Smith für die Beschreibung einer unleugbaren Tatsache: Nicht Moral lässt die Gesellschaft funktionieren, sondern Eigeninteresse. Das Ganze funktioniert, weil - und nicht obwohl - jeder sein Ding macht. Doch das stört nun mal, Ideologen wissen es, die Moral der Truppe. Zur Machtausübung gehört es, die Freiheit immer nur in Aussicht zu stellen.

Für Smith aber kam es darauf an, sie konkret umzusetzen. Oder, wie es Erich Kästner aufschrieb: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Es braucht keine Wunder, es braucht keine Fürsten, keine Revolutionsführer und keine Partei. Es braucht nur Menschen, die daran interessiert sind, voranzukommen. Das nun geht gegen jedes Geschäftsmodell von Mächtigen, und die Eliten haben das dem Kapitalismus nie verziehen.

Clarence Walton ist das sehr klar, als er in den 1960er Jahren sein Buch zur CSR schreibt. Als Kronzeugen lässt er den angesehenen französischen Soziologen Raymond Aron sprechen, für den feststand, dass "die europäischen Intellektuellen ihren Antikapitalismus als Glaubensbekenntnis angenommen haben". Sie hätten keine Lust festzustellen, was man mit dem Kapitalismus gesellschaftlich anfangen könnte, denn das, so Aron, zwänge sie, "die emotionale wie auch die philosophische Basis ihres Glaubens aufzugeben".

Doch so weit lassen es hauptamtliche Demagogen nicht kommen, wusste Aron: "Nichts irritiert die Intellektuellen mehr, als ihre Grundannahmen infrage zu stellen; niemand sieht es gern, wenn er aufgefordert wird, mit seinem Denken noch mal ganz von vorn anzufangen. Ihre Grundannahme lautet, dass der Kapitalismus schlecht ist; nehmen Sie ihnen das weg, und sie wissen nicht mehr weiter. Deshalb weigern sie sich vorsorglich, diese Frage überhaupt zu debattieren."

_____ Der europäische Intellektuelle ist Antikapitalist aus religiöser Überzeugung, Machtgier und geistiger Bequemlichkeit.

So war es, und so ist es. Nur mit antikapitalistischem Genörgel gewinnt man in Talkshows Freunde. Die Vertreter des Marktes schweigen oder, kaum besser, versuchen es mit Anbiederung an die Kritiker. Manager und Ökonomen in Fernseh-Talkshows nähern sich langsam den berüchtigten Selbstanklagen der chinesischen Kulturrevolution an. Immer noch gelingt nicht, was Walton vor mehr als vier Jahrzehnten forderte, dass nämlich dem allgemeinen Vorurteil, die Marktwirtschaft sei gesichtslos, "das Mitgefühl mit den Menschen, die das System am Laufen halten", entgegengestellt werden müsse.

Unternehmen sollten sich nicht nur als Teil der Gesellschaft verstehen und das Private hinter sich lassen, sie müssten sogar politisch werden im umfassenden Sinne, handelnd, agierend und, falls nötig, auch agitierend.

Gegen die massiven und uralten Vorurteile, so Clarence Walton, müsse immer wieder bewiesen werden, dass der Kapitalismus und der Markt nicht auf "Hass, Selbstsucht und Gier" gebaut sei, sondern auf "Fair Play" und "Wohlwollen". Doch für ein solches Verständnis braucht man nicht nur viel guten Willen und die Fähigkeit zum kritischen Zweifel. Man sollte auch wissen, mit wem man sich da anlegt: mit Mythen, die in drei Jahrtausenden abendländischer Geschichte angedickt wurden.

5. Albtraum Aristoteles

Das Abendland baue, so hat es der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss gesagt, auf "drei Hügeln": der Athener Akropolis, dem römischen Kapitol und Golgatha, dem Ort, an dem Jesus hingerichtet wurde. Über diesen drei Hügeln thront der Geist eines griechischen Philosophen, dessen Einfluss auf das Denken der Europäer bis heute enorm ist: Aristoteles. Er kategorisierte die Physik und die Metaphysik, er formte die Vorstellung von Staat und Staatsform, er definierte den Menschen als zoon politicon, als gesellschaftliches Wesen, und degradierte damit gleichzeitig das Individuum zum Egoisten, zum moralisch Minderwertigen.

Der Staat war ihm heilig - man müsse ein Tier oder ein Gott sein, um ohne ihn leben zu können. So denkt der Europäer - in Schubladen, Kategorien, die eine komplexe Welt einfach erklären und bestehende Macht legitimieren. Bei Aristoteles heiligt der gute Zweck die übelsten Mittel. Scheinheilig, wie ein strafender Vater, bedauert der Philosoph die Tracht Prügel, die er seinen Kindern verpasst. In den Worten des Philosophen heißt das: "Wenn auf der Erde die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich." Nun herrscht die Liebe aber nicht, ein Jammer, und deshalb muss man Gesetze machen und durchsetzen. Dieses Meisterwerk abendländischen Gedankenguts ermöglicht seither unzähligen Tyrannen und Freiheitsräubern die moralisch integre Ausübung ihres Handwerks.

Dazu passt die aristotelische Vorstellung von Wirtschaft. Die zu seiner Zeit bereits florierende Geldwirtschaft war dem Denker suspekt. Er war ein Freund des Tausches, ein ökonomischer Hinterwäldler. Zinsen? Ein Unding. Wer welche nahm, erschien dem Griechen "hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur", wettert er in seiner staatspolitischen Schrift "Politik".

Die Moral, die Aristoteles der Wirtschaft gibt, entspricht seinem restlichen Weltbild: Es geht um Erhalt, um die Aufrechterhaltung des Status quo. Gerechtigkeit herrscht für Aristoteles, wenn alles so bleibt, wie es ist, nichts wächst, sich nichts verändert. Die Welt als Nullsummenspiel.

Nun war vieles davon schon zu Lebzeiten des Denkers, also im vierten vorchristlichen Jahrhundert, recht umstritten. Händler, die ihren Gewinn machen wollten, waren Anhänger der von Aristoteles so genannten und tief verachteten Chrematistik - aus einer Verballhornung wird später das deutsche Wort Krämer entstehen. Die antike Krämerseele, der Urkapitalist sozusagen, strebt nach Wachstum. Aristoteles' Ökonomik hingegen ist eine Verwaltungswirtschaft, bei der Vorhandenes hin- und hergeschoben wird.

Das Mehr-haben-Wollen, die Pleonexie, ist für ihn eine Krankheit, schlimmer als Gier und Neid. Die christlichen Denker der Spätantike und des Mittelalters integrieren Aristoteles' Logik und Moral in ihre Religion. Zwischen Kapitol, Golgatha und Akropolis herrschte letztlich Einigkeit. Ein Zinsverbot wurde bereits im Alten Testament ausgesprochen, und Jesus Christus startete, so erzählen es die Evangelien, seine Karriere als Antikapitalist. Der Religionsgründer warf den Geldwechslern im Jerusalemer Tempel vor, sie hätten aus dem Gotteshaus eine "Räuberhöhle" gemacht. "Macht meines Vaters Haus nicht zum Kaufhaus!", soll er laut Johannes gerufen haben.

Die Beschreibungen der sogenannten Tempelreinigung sind bemerkenswert. Der Messias, der auch die andere Wange hinhält, totalen Gewaltverzicht predigt und nicht einmal der römischen Staatsgewalt etwas entgegensetzt, wird dort handgreiflich. Dieser Teil des Neuen Testaments wird für die Juden weitreichende historische Folgen haben. Antisemitismus und Antikapitalismus sind über weite Strecken der Geschichte nicht voneinander zu trennen. Materialisten wird sogar der Eintritt ins Paradies verwehrt: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt", sagt Jesus im Markus-Evangelium. Und im Matthäus-Evangelium stellt Jesus seine Anhänger nochmals vor die Wahl: Geld oder ewiges Leben. "Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon."

6. Kapitalismus ist die beste Karitas

All das hat seine Wirkung getan und wirkt bis heute nach. Gut und Böse - das heißt auf gut Abendländisch stets Moral gegen Materialismus. Die Beispiele von oben sind nur Fußnoten, die Geschichte ist bis in die Gegenwart voll mit mehr oder weniger subtilen, immer aber eindeutigen Abgrenzungen zum bösen Markt.

Der bekannte deutsche Wirtschaftsethiker, der Münchner Professor Karl Homann, hat vor einigen Jahren in seinem Essay "Wirtschaft und Moral eine Neubestimmung ihres Verhältnisses" eine brillante Abrechnung mit der These vorgelegt, dass Ethik und Marktwirtschaft ein Widerspruch sein müssen. "Das Verhältnis von Wirtschaft und Moral", schreibt er darin, "ist bis in die Grundlagen hinein ungeklärt." Man gehe grundsätzlich davon aus, "Ethik und Unternehmenserfolg würden in einem Widerspruch zueinander stehen, besonders in Zeiten des globalen Wettbewerbs und der Doktrin des Shareholder Value. Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften", so Homann weiter, würden "ebenfalls von dieser Auffassung angekränkelt, deswegen vermögen sie auf solche Vorwürfe nur defensiv zu antworten, mit Hinweisen auf ,Sachzwänge' und Wettbewerb etwa ...".

Das ist die ängstliche Haltung, die schon Walton auffiel. Wer die Prinzipien des Marktes vertritt, hält sich, ganz anders als dessen Gegner, öffentlich zurück. Man schämt sich offenbar für das, was man weiß, man duckt sich weg. Warum? Weil man etwas Böses tut oder befürwortet? Nein, weil die Kultur, die wir noch immer haben, einfach nicht zu dem passt, wie sich die Welt entwickelt hat. Manager und Kaufmann ducken sich weg, auch dann, wenn sich die Argumente der Gegner faktisch leicht widerlegen lassen.

Doch nicht ein fairer Diskurs herrscht, sondern alte Moral. "Die moderne Marktwirtschaft hat (...) einen Pro-Kopf-Wohlstand hervorgebracht, wie sich das vormoderne Utopisten nicht vorstellen konnten - auf der Grundlage einer Verfolgung der Eigeninteressen des Einzelnen unter einer klug geschnittenen Rahmenordnung mit forciertem Wettbewerb", schreibt Homann. "Das Streben nach individueller Besserstellung wird damit zum Motor der Solidaritätsmoral des Abendlandes. Marktwirtschaft mit Wettbewerb löst die alte Mildtätigkeit ab, sie wird zur effizientesten Form der Karitas, die die Weltgeschichte bisher gesehen hat." Unsere Gesellschaft müsse den konstruierten Widerspruch zwischen Ethik und Unternehmenserfolg "sauber auflösen", fordert Homann, "weil wir nur so unsere überkommene Kultur zukunftsfähig machen können."

Bei Gut und Böse geht es immer auch um Richtig und Falsch.

7. Die Launen der Laien

Das klingt einfach - ist es aber nicht. Denn dazu müsste man grundlegende Kenntnisse dessen haben, was man beurteilt. Und als ob das nicht schon genug Arbeit wäre, muss man auch noch die wechselnden Verhältnisse auf dieser Welt mit berücksichtigen. Denn was früher richtig war, kann heute selbstverständlich falsch sein. Karl Homann verweist darauf, dass die alte Moral, der das Zinsverbot entsprang, und die Beschwörung des Status quo zu ihrer Zeit auch ihr Gutes - also Richtiges - hatten.

Denn die vormoderne Gesellschaft war eine, in der es kaum Wachstum gab. Entsprechend zäh verliefen alle gesellschaftlichen, technischen und kulturellen Entwicklungen. Es gab keine "Sprünge", es gab nur ein allmähliches Vorantasten. Das durchschnittliche Einkommen eines Menschen, der in dieser wachstumsarmen Zeit bis etwa Ende des 17. Jahrhunderts lebte, betrug jährlich rund 1000 US-Dollar nach heutiger Kaufkraft. Die Welt war bitterarm. Und sie wirkte wie ein Sandkasten, in dem ein paar Kinder mit Eimerchen und Schaufel spielten.

Baut sich ein Kind eine Sandburg, muss es zwangsläufig die Ressourcen anderer Kinder anbaggern. In einer geschlossenen Welt vermehrt sich nichts. Alles ist fest, statisch, auf ewig festgelegt. Das ist die Grundlage dessen, was bis vor wenigen Jahrhunderten als Normalfall galt. In einer Welt ohne nennenswertes Wachstum war die Ungerechtigkeit normal. Wer mehr wollte, als er hatte, konnte es nur anderen rauben. Das erklärt übrigens auch die ungeheure Brutalität der früheren Welt, in der Krieg, Mord und Raub an der Tagesordnung waren.

Es war also ethisch durchaus richtig, zur Mäßigung aufzurufen. Dann aber sorgte der industrielle Kapitalismus für Wachstum und Überschüsse, und diese Ergebnisse wurden ganz überwiegend auch verteilt. Das ist die Grundlage für den enormen Wohlstand, der heute herrscht.

Was ist hier geschehen? Ein Wunder? Professor Detlef Fetchenhauer lächelt - er wundert sich ja auch, aber über anderes. Etwa wenn er in Talkshows und bei anderen medialen Gelegenheiten hört, dass Wachstum Schwierigkeiten macht, aber nie, was es für Wohlstand und Entwicklung bedeutet. In Talkshows treffen wir aber nun einmal jene Spezies, die den Forscher am Wirtschafts- und Sozialpsychologischen Institut der Universität zu Köln besonders beschäftigt: den ökonomischen Laien. Der hat immer eine Meinung, selten eine Ahnung und ist enorm einflussreich, denn Politik, Werbung, Marketing, Konzerne - sie alle hören auf ihn. Ökonomische Profis interessieren weniger.

In einer Studie, die im Jahr 2010 für das Roman Herzog Institut durchgeführt wurde, hat sich Fetchenhauer das Image der Ökonomen angesehen. Nur ein Siebtel der Bundesbürger vertraut der Expertise dieser Fachleute. Das liegt daran, dass völlig unterschiedliche Auffassungen darüber existieren, was ökonomisch richtig und falsch ist: "Der Durchschnittsbürger vertritt als ökonomischer Laie oft komplett andere Meinungen als die ökonomischen Experten", stellt Fetchenhauer fest. Merkwürdig. Denn üblicherweise genießen in Deutschland Experten ein sehr hohes Ansehen, man glaubt ihnen, traut ihnen zu, Fachfragen richtig beurteilen zu können. Aber nur 14 Prozent sprechen Wirtschaftsexperten eine hohe Glaubwürdigkeit zu, und ein hohes Ansehen genießen sie nur bei 15 Prozent der Befragten. Wirtschaftsweise gelten als Gaukler oder Nerds. Irgendwie ist es wie mit dem Fußball: In jeder Kneipe finden sich mindestens 20 Mann, die den Job besser machen könnten als der Trainer.

Beim Kapitalismus kommt hinzu, dass die, die es vermeintlich besser wissen, noch nicht einmal die Spielregeln verstanden haben. Der ökonomische Analphabetismus ist in Deutschland flächendeckend und auch sozial gerecht verteilt. Er kennt keine Klassenschranken: "Die Angehörigen der Bildungseliten, also Menschen, die wenigstens Abitur haben, wissen nicht mehr als andere, die einen nicht so tollen Bildungshintergrund haben", stellt Fetchenhauer fest.

Nun gibt es Berufe, in denen man dafür bezahlt wird, dass man Informationen und Wissen verständlich aufbereitet. Journalisten und Lehrer zum Beispiel. Doch die meinen, wenn es um Ökonomie geht, fast immer etwas anderes als die Experten - so lehrt uns Fetchenhauers Studie. Dabei befragten die Kölner Forscher keineswegs Studienrätinnen der Fächer Deutsch und Musik, sondern ausschließlich Lehrer an Berufsschulen und Gymnasien, die Wirtschaft oder Sozialwissenschaften unterrichten. Bei den Medienvertretern wurden nur Politik- und Wirtschaftsredakteure befragt. Aber auch sie verbreiten die unter Laien eherne Auffassung, dass die Welt und ihre Güter und Ressourcen unveränderlich, quasi gottgegeben sind - und damit "der Gewinn des einen notwendigerweise der Verlust des anderen" sein muss -, und das kollidiert massiv mit der Vorstellung von Gerechtigkeit. Die Forscher nennen das Fixed-Pie-Theorie, ein Kuchen, der einmal auf die Erde fiel und dessen Stücke seither verteilt werden. Aber immer dann, wenn jemand ein Stück kriegt, muss es jemand anderem weggenommen worden sein. Wachstum, das durch Denken, Wissen und Verbesserung von Methoden entsteht, durch die Optimierung des Kapital- und Arbeitseinsatzes wie durch technischen Fortschritt, gibt es demnach nicht.

Wachstum ist aber nicht nur ein anderes Wort für Entwicklung. Es ist auch der wichtigste Streitpunkt in der Ökonomie: "Ökonomische Experten verfolgen Wachstumsziele", so Fetchenhauer, "ökonomische Laien sind sich noch nicht einmal der Möglichkeit von Wachstum bewusst." Und dann gibt es natürlich auch Interessen, Politik, Ideologie. Für ihre Vertreter ist das wirtschaftliche Analphabetentum die wichtigste Grundlage ihrer Macht. Problemlos können alle, die sich für Wachstum starkmachen, als "naive Fortschrittsgläubige" plattgemacht werden.

8. Alles wird gut? Vieles wird besser

Hofiert werden in Medien und von der Politik naturgemäß all jene, die die Grenzen des Wachstums beschwören. Fakten spielen dabei keine Rolle. Gut ist und recht hat, wer der Leitkultur folgt. Ökonomen wie der 1998 verstorbene Julian L. Simon gelten als Außenseiter, weil sie es wagten, gegen die vorherrschende Moral anzutreten. Simon zeigte, dass Wachstum wie auch Ressourcen praktisch unendlich sind, abhängig vom technischen Fortschritt. Mit dem besonders pessimistischen Wachstumskritiker Paul R. Ehrlich, dessen apokalyptische Aussagen ihn zum Medienstar gemacht hatten, schloss Simon 1980 eine Wette ab: Ehrlich sollte fünf beliebige Metallmengen nennen, die zum Zeitpunkt des Wettabschlusses für 1000 Dollar gehandelt wurden. Simon wettete, dass sie in zehn Jahren im Schnitt billiger sein würden.

Er sollte recht behalten. Weil die von Ehrlich gewählten Metalle Chrom, Kupfer, Nickel, Wolfram und Zinn bis 1990 billiger geworden waren, musste er an Julian L. Simon im Jahr 1990 fast 580 Dollar auszahlen. Die simple Vorstellung, dass alles immer knapper werde, ist nur Propaganda. Die Moral rechnet falsch. Und befördert so eine Kultur des Misstrauens und der Depression.

Wollen das unsere Enkel? Wird ihnen das Erbe des Migräne-Kontinents, den wir ihnen hinterlassen, genügen? Sehen wir doch mal klar: Das Böse ist die Ausnahme. Das Allermeiste, was Menschen tun, basiert auf Vertrauensvorschüssen. Das Allermeiste geht gut. Manchmal klaut uns zwar jemand die Brieftasche, zuweilen drehen Verrückte durch. Im Großen und Ganzen aber handeln die meisten Menschen anständig, sind zuverlässig und vertragstreu. Schließlich wollen sie etwas voneinander.

Das ist nicht neu. Und auch wenn ein neuer Kapitalismus eine neue Ethik braucht, für die es kein Vorbild gibt - Vertrauen war schon lange vor der Industrialisierung ein Stoff, ohne den in der praktischen Ökonomie nichts ging.

Daniel Klink, Betriebswirt am Institut für Management der Humboldt-Universität zu Berlin, forscht zum Thema "Ehrbarer Kaufmann", ein Begriff, der untrennbar mit der Hanse verbunden ist. Schon damals, sagt Klink, "war das Leben komplex - und die Leute haben nicht immer vollständig alle Prozesse der Ökonomie überblickt. Umso wichtiger werden Vertrauen und die Regeln der Ehrbarkeit, Treu und Glauben, wie man das früher nannte. Man muss wissen, dass bestimmte Unternehmen, Kaufleute, Verfahren verlässlich sind." Wer wirtschaftlich erfolgreich sei, der wisse das ohnehin, sagt Klink: "Wer unzuverlässig ist und andere über den Tisch zieht, macht vielleicht einmal ein gutes Geschäft - aber sicher nicht lange. Der faire Umgang mit anderen, Verantwortung und Handschlagqualität gehörten einmal fest zur Ausbildung eines jeden Kaufmanns - und wer dagegen verstieß, war aus dem Spiel."

Die Rede ist nicht von moralischen Tugenden, sondern von handfesten Fähigkeiten, Techniken und Umgangsformen, die man lehren und lernen kann. Anstand braucht Persönlichkeit, und damit ist nicht Egozentrik gemeint.

Anstand ist wie Wirtschaft eine öffentliche Sache.

Der ehrbare Kaufmann, sagt Daniel Klink, sei kein Mensch des Privaten gewesen, kein Pfennigfuchser, der sich einsam in sein Kontor verkroch: "Das waren hochpolitische Menschen, die Gesellschaft gestalteten, sich einmischten und Neues gestalteten - und sich nicht an den Rand stellten." Sie brauchten kein Engagement, um etwas zu bewegen; sie bewirkten etwas.

Gut ist, dass es solche selbstbewussten, einer Ethik verpflichteten Unternehmer und Manager immer noch gibt. Gut wäre, wenn sie sich weniger auf ihre PR- und CSR-Abteilungen verließen und sich mehr einmischten. Zugegeben: Auch das wäre keine Welt, in der alles gut ist.

Aber vieles besser. -