Partner von
Partner von

Nokia Geschäftsbericht

Der Mobilfunkriese Nokia erlebt derzeit einen dramatischen Niedergang. Ist der einstige Weltmarktführer am Ende? Nicht ganz. Eine Chance haben die Finnen noch.




Nokias Umsatz (net sales) war schon einmal ungefähr da, wo er heute ist: 2006 verkauften die Finnen Mobiltelefone und Dienstleistungen für rund 41 Milliarden Euro. In dieser Größenordnung bewegten sich die Erträge auch 2010. Doch 2006 galt die Firma als Star, heute als Niete. Warum? Das Betriebsergebnis (operating profit) fiel 2010 mehr als 60 Prozent geringer aus, die Bilanzsumme hingegen fast doppelt so hoch. Kurz: Nokia wurde größer und schlechter. Beflügelt von der bis 2006 ungebrochenen Erfolgsstory, war das Management auf Einkaufstour gegangen und hatte zudem großzügig in Forschung und Entwicklung investiert, alles in allem laut Analystenberechnungen für rund 20 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Apple steckte im gleichen Zeitraum in diese Bereiche lediglich gut ein Viertel der Summe - und rollte dennoch mit iPhone und iPad den Markt auf. Nokia brachten die Milliardenausgaben kein einziges vergleichbares Gerät, stattdessen zwei defizitäre Töchter, Nokia Siemens Networks und Navteq, die Verluste schreiben.

Beide Geschäftsbereiche haben massive Probleme. Navteq ist ein Anbieter von Karten-, Verkehrs- und Positionsdaten, teuer erworben und mit einer Viertelmilliarde Euro Umsatz im zweiten Quartal deutlich zu klein, um Nokia selbst im Erfolgsfall eine nennenswerte Perspektive zu eröffnen. Hinzu kommt: Anbieter wie Google Maps liefern einschlägige Daten mittlerweile kostenlos. Das ganze Geschäftsmodell steht infrage. Bei Nokia Siemens Networks, einem Joint Venture mit Siemens, das Netzwerke betreibt, sieht es nicht besser aus: Quartal für Quartal hohe Verluste, massiver Wettbewerbsdruck, Sanierungsbedarf. Am liebsten würden sowohl Nokia als auch Siemens die Firma loswerden, fanden aber bislang keinen Käufer.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als habe sich der Niedergang im zweiten Quartal 2011 beschleunigt. Die Verkäufe von Mobiltelefonen brachen zweistellig ein; bei Smartphones sank der Marktanteil von 24 auf 15 Prozent; der durchschnittliche Verkaufspreis (Average Selling Price, AS P) für normale Handys musste aufgrund des Wettbewerbsdrucks gesenkt werden; Nokia fuhr einen dreistelligen Millionenverlust ein. Doch dieser Tiefpunkt ist so etwas wie der Preis für eine neue Perspektive. Im April gingen die Finnen eine Partnerschaft mit Microsoft ein. Der US-Software-Riese ist seither für das Betriebssystem der Nokia-Handys - das Herzstück also - verantwortlich. Mit verbesserter Qualität will man ab Herbst endlich Apple ein- oder besser überholen und die verlorene Position des Weltmarktführers beim Umsatz zurückerobern. Allein: Nun warten viele Kunden mit dem Kauf lieber bis zum Herbst, statt jetzt ein Telefon mit alter Software zu erwerben. Auch wenn diese Strategie zunächst Umsatz kostet, sie ist klug. Kreative Software zu entwickeln war nie die Sache der Finnen. Deswegen stehen sie bei Smartphones so schlecht da. Nun kann sich Nokia nach Jahren wieder weitgehend auf das konzentrieren, was es kann - nämlich formschöne und funktionale Handys bauen.

Gelingt die Offensive nicht und sind bis Ende 2012 nicht in allen Preissegmenten Handys mit Microsoft-Betriebssystem erfolgreich auf dem Markt, wird es eng für Nokia - zumindest in seiner heutigen eigenständigen Form. Schon jetzt schauen die Märkte angstvoll auf den Cashflow, die flüssigen Mittel also, die das Unternehmen verdient, um daraus etwa Investitionen oder Dividenden zu zahlen. Er war zuletzt negativ. Das heißt: Nokia verbrennt Geld. Das zeigt sich auch am Bestand von Barem und anderen liquiden Mitteln. Er sank von mehr als 12 Milliarden Euro Ende 2010 auf knapp vier Milliarden Anfang August dieses Jahres. Kein Wunder, dass auch der Börsenkurs abstürzte: Die Marktkapitalisierung betrug Mitte August gerade noch 13 Milliarden Euro - ein Minus von 95 Prozent seit 2007. Setzte sich diese Entwicklung fort, könnten die Aktionäre auf eine Zerschlagung dringen und die Einzelteile verkaufen. So erging es bereits einem anderen Traditionskonzern, dem US-Unternehmen Motorola, das 1930 das erste kommerziell erfolgreiche Autoradio baute. 2008 stand der Konzern vor der Insolvenz und wurde aufgespalten in eine Netzwerk- und Funksparte und einen Handyhersteller. Ermutigend ist das Beispiel nicht. Letzterer wurde Mitte August an Google verkauft.

Nokia wurde 1865 von dem Ingenieur Fredrik Idestam in Finnland als Hersteller von Papier-Erzeugnissen gegründet. Erst 1967 enstand durch den Zusammenschluss mit Finnish Cable Works und Finnish Rubber Works der Technologiekonzern, 20 Jahre später wurde das erste Mobiltelefon ausgeliefert. Nokia stieg zum Weltmarktführer auf. Mittlerweile indes macht Apple mit dem erst 2007 eingeführten iPhone mehr Umsatz, während die Finnen weiter Marktanteile verlieren. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 130 000 Mitarbeiter.