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Beppes Welt

Viele Bürgermeister in Süditalien stehen der Mafia nahe. Per Gesetz können sie ihres Amtes enthoben werden. Das klingt vernünftig. Doch ist es das?




- Es war einmal ein Bürgermeister, der hatte große Pläne. Er liebte seinen Heimatort in den Hügeln bei Neapel und träumte von einem florierenden Industriegebiet, das seinen verarmten Bürgern wieder Arbeit geben würde. Die Menschen verehrten ihren Bürgermeister, er machte ihnen Hoffnung. Doch dann kam der böse Präfekt der Provinz mit einer hinterhältigen Waffe in der Hand: einem Gesetz, mit dem er den Bürgermeister von heute auf morgen seines Amtes enthob.

So könnte es sich anhören, das Märchen des tapferen Bürgermeisters, und es wäre natürlich noch nicht zu Ende, denn Märchen müssen gut ausgehen: Bei den nächsten Wahlen trotzten die Bürger dem gemeinen Präfekten und hievten den Verstoßenen mit ihren Stimmen wieder auf den Thron. Das Gute hatte am Ende gesiegt.

Doch hat es das wirklich? Im Märchen sind die Rollen einfach verteilt. Auf der einen Seite sind die Guten, auf der anderen die Bösen. Sie sind stets leicht voneinander zu unterscheiden. In Kampanien ist das anders. Kaum ein Landstrich eignet sich so wenig für eine solche Rollenverteilung wie diese Region im Süden Italiens mit ihren fünf Provinzen Neapel, Caserta, Benevento, Avellino und Salerno. Wer hier im alltäglichen Kampf um Geld und Macht die Guten sind und wer die Bösen, das ist kaum zu beantworten. Die Trennlinie ist hier genauso unscharf wie jene zwischen Mafia und Staat.

Was tun gegen den Filz aus Verbrechen und Politik?

Der Bürgermeister, von dem anfangs die Rede war, heißt Giuseppe Corcione und das 2000-Seelen-Dorf, das er regiert, Pago del Vallo di Lauro. Es befindet sich in Avellino - nur etwa 55 Kilometer entfernt von dem in der Provinz Caserta gelegenen Örtchen Camigliano, dessen Bürgermeister Vincenzo Cenname heißt. Genauso wie Corcione wurde er vom Präfekten seiner Provinz entmachtet, obwohl er in seiner Gemeinde sehr beliebt war.

In ganz Kampanien steht das Verhältnis zwischen den Amtsträgern der verschiedenen Verwaltungsebenen unter keinem guten Stern. Aber die Präfekten für die Entmachtung der Bürgermeister zu verurteilen wäre verkehrt - sie tun doch nur ihre Pflicht; sie sorgen im Namen des Volkes für Recht und Ordnung. Das Gesetz, mit dem Corcione vom Präfekten aus dem Amt vertrieben wurde, ist in Wahrheit auch keine hinterhältige Waffe, sondern ein Gesetz gegen das Böse. Ein Gesetz, das geschaffen wurde, um der Mafia das Leben schwer zu machen. 1991 vom italienischen Parlament verabschiedet, sollte es helfen, die engen Bündnisse zwischen Politikern und den Clans der Camorra, wie die Mafia in Kampanien heißt, in den Kommunen zu durchbrechen. Es verleiht dem Präfekten einer Provinz die Macht, gewählte Gemeindevertreter ihres Amtes zu entheben, sobald es eindeutige Hinweise gibt, dass eine Kommune von der organisierten Kriminalität unterwandert ist. Nur das Innenministerium muss noch zustimmen. Drei Kommissare übernehmen dann für anderthalb Jahre die Verwaltung der Kommune. In dieser Zeit sollen Klarheit und ordentliche Verhältnisse geschaffen werden. Corcione und Cenname waren bei Weitem nicht die einzigen Bürgermeister, die das Gesetz zu spüren bekamen. 200 Verwaltungen samt Bürgermeister wurden in Italien bisher abgesetzt, knapp 90 davon allein in Kampanien.

"Das hat uns Jahre zurückgeworfen", sagt Corcione, 56, mit unaufgeregter Stimme. Von seinem großen Stuhl hinter seinem großen Schreibtisch blickt er auf das kleine Porträt des Staatspräsidenten, das jede italienische Amtsstube Italiens ziert. Im März 2009 musste er seinen Stuhl räumen, aber seit den Wahlen im Mai sitzt er wieder drauf. "Die haben mir meine Gemeinde weggenommen, weil ich die Stadtentwicklung vorantreiben wollte", stammelt er. "Und was haben sie damit erreicht? Niente. Der Gemeinde geht es dreckig wie nie."

Wie bestellt kommt genau in diesem Moment eine Frau herein und flüstert dem Bürgermeister mit belegter Stimme zu: "Beppe, ich brauche dringend Arbeit." Sein Gesicht bleibt ausdrucksleer. "Da sieht man es doch. Die Leute suchen Arbeit. Aber die gibt es hier nicht. 30 bis 40 Prozent der Einwohner von Pago haben keine. Weil die uns hier nichts entwickeln lassen", sagt er. Dann wendet er sich der Frau zu. "Ich kümmere mich drum."

Corcione braucht jetzt erst mal einen Espresso. Er setzt seine Sonnenbrille auf, streift sein blumengemustertes Hemd glatt, steigt in seinen Mercedes-Benz, fährt 500 Meter, steigt aus und lässt sich in seiner Stammbar auf einen Stuhl fallen. In Pago kennt man sich. "Ciao Beppe", tönt es von allen Seiten.

Der Bürgermeister genießt hier Respekt. "Die Corciones sind eine alteingesessene Familie, eine der wenigen reichen im Ort", sagt Vincenzo Troisi, einer der drei Kommissare, die nach der Auflösung des Gemeinderats nach Pago entsandt wurden. Der Ort, sagt er, sei sozial und ökonomisch rückständig - "eine Folge der mafiösen Machenschaften, unter denen der Landstrich Vallo di Lauro seit Jahrzehnten leidet". Der Präfekt Ennio Blasco, der Troisi entsandt hat, ist ein autoritär auftretender Mann mit langjähriger Erfahrung im Kampf gegen die Camorra. Er formuliert seine Meinung noch deutlicher: "Pago wurde nicht von den gewählten Vertretern regiert, sondern von einer kriminellen Gruppierung."

Cava heißt der Camorra-Clan, der hier das Sagen hat. Dessen Boss, Biagio Cava, sitzt derzeit im Gefängnis. Wucherei und Schutzgelderpressungen stehen im Zentrum der Aktivitäten, mit denen der Clan die Bewohner des Landstrichs auspresst. Die Corciones scheinen von diesen Machenschaften unberührt. Giuseppe Corciones Vater war in Pago 30 Jahre lang Vize-Bürgermeister, in seiner Familie wimmelt es von Anwälten und Apothekern. "Nur ich habe nicht studiert", sagt er. "Mit 14 war Schluss mit Schule. Danach hatte ich eine Bar, einen Obstladen und eine Haselnussfabrik. Jetzt bin ich Bürgermeister, zum zweiten Mal schon." Er kippt seinen Espresso runter und gibt das Zeichen zum Aufbruch.

Zurück in seiner Amtsstube setzt sich Corcione wieder auf seinen Stuhl und starrt vor sich hin. "Gino", brüllt er plötzlich und wartet, bis der zur Stelle ist. "Mach den Computer an und zeig unserem Besuch mal, in welchem Zustand die Kommissare uns die Gemeinde hinterlassen haben." Auf dem Bildschirm erscheinen Fotos von vermüllten Straßen und ungepflegten Grünflächen. "Dreck haben sie uns hinterlassen, nichts als Dreck", schimpft er.

Welche Rolle Corcione hier wirklich spielt, ist nicht zu durchschauen. Die Atmosphäre in der Gemeindeverwaltung ist merkwürdig indifferent. Nicht einmal die Homepage wurde seit dem Abzug der drei Kommissare im Mai geändert: Unter der Rubrik Regierungsorgane stehen immer noch deren Namen.

Der Mafia-Jäger Troisi glaubt nicht, dass Corcione direkt der organisierten Kriminalität zuzurechnen ist. "Aber er tut nichts, was dem Clan missfallen könnte." Eine Marionette also, die garantieren soll, dass die Verhältnisse in Pago bleiben, wie sie sind. Was für Verhältnisse das sind, darüber gibt das Dekret des Präfekten, das zu Corciones Amtsenthebung führte, reichlich Auskunft. Von "Aggressionen" gegenüber Ratsmitgliedern, die sich den "Interessen der organisierten Kriminalität" widersetzten, ist darin die Rede. So sei ein Gemeinderatsmitglied verprügelt worden, weil er nicht zulassen wollte, dass der Sohn eines mehrfach vorbestraften Clan-Mitglieds eine Stelle in der Gemeindeverwaltung bekommt. Was Corcione selbst mit dieser handfesten Einschüchterung zu tun hatte, weiß man nicht. Klar ist nur: Der Sohn des Camorrista hat seinen Job in der Gemeinde bekommen.

Gangster und Verwaltungsleute profitieren gemeinsam

Vor allem aber moniert das Dekret den Stadtentwicklungsplan, den die Verwaltung durchsetzen konnte - "zum unzweifelhaften Vorteil einiger Vertreter der örtlichen Kriminalität". Dieser Plan sollte Corciones Traum von einem Industriegebiet verwirklichen. Ein paar der riesigen Flächen Ackerland, die das Dorf umgeben, sollten hierfür in Bauland umgewandelt werden. Nicht nur, dass unbebaubare Flächen laut Dekret ungerechtfertigter Weise für bebaubar erklärt wurden. Was die Alarmglocken bei den Aufpassern in der Präfektur läuten ließ, waren vor allem die plötzlichen Grundstücksverkäufe. Unmittelbar vor ihrer enormen Aufwertung wechselten viele Hektar Ackerfläche in Pago den Besitzer. Die Käufer waren zumeist Mitglieder der Verwaltung sowie Vertraute des Cava-Clans. Auch Corcione selbst hat billiges Ackerland gekauft, das wenige Wochen später mit seiner Bürgermeis-ter-Unterschrift zu wertvollem Bauland wurde.

Er will von den Vorwürfen nichts wissen: "Wir brauchen das Industriegebiet, sonst ist Pago am Ende. Und wir brauchen den Anschluss an die A 30. Sechs Kilometer von hier haben sie aufgehört zu bauen. Sechs Kilometer. Angeblich sind sie unter der Erde auf illegal entsorgten Giftmüll gestoßen. Sechs Kilometer."

In den vor Hitze flimmernden Straßen Pagos ist die Depression förmlich zu spüren. Nichts tut sich. Die Männer und ihre Söhne lungern in den Bars herum. Sie warten darauf, dass sich irgendwann etwas ändert. Aber es ändert sich nichts. Seit sie denken können, gibt die Camorra hier den Ton an. Und irgendwie scheint man sich daran gewöhnt zu haben. Schon einmal, Anfang der neunziger Jahre, kamen die Kommissare nach Pago, um dem Einfluss der Camorra-Clans auf die Gemeindeverwaltung Einhalt zu gebieten. Gelungen ist es nicht.

"Es gelingt fast nie", sagt Nello Trocchia. Der Journalist, nur wenige Kilometer von Pago entfernt aufgewachsen, hat ein Buch über die 200 Kommunen mit Mafia-Verbindungen geschrieben. Es heißt "Federalismo Criminale" und liest sich wie ein Polizeibericht. "Die Kommissare kommen und gehen", sagt Trocchia, "aber die Camorra bleibt." Das Gesetz zur Auflösung der Kommunen unterstreiche einmal mehr die Unfähigkeit der politischen Klasse, sich gegen die Mafia angemessen zu organisieren.

Es geht nicht anders? Geht es doch!

Schlimmer noch: Der Versuch, die Macht der organisierten Kriminalität in den Gemeinden zu unterdrücken, richtet wirtschaftlichen Schaden an. Das legt zumindest eine Untersuchung eines Ökonomieprofessors der Universität Neapel nahe. Antonio Acconcia ist Experte für Fiskalpolitik. Mit der Auflösung der 200 Kommunen hat er Daten wie aus einer groß angelegten Feldstudie auf dem silbernen Tablett serviert bekommen. Die entsandten Kommissare legen nämlich in aller Regel als eine ihrer ersten Amtshandlungen alle öffentlichen Aufträge auf Eis - so lässt sich der Effekt von öffentlichen Ausgaben auf das Volkseinkommen messen. Acconcias Ergebnis: Im Schnitt sinkt das Einkommen mit jedem nicht investierten Euro aufgrund des dadurch ausgelösten Nachfragerückgangs am Ende um zwei Euro.

Ob das der Grund ist, warum im kleinen Pago viele Menschen froh sind, dass Corcione wieder am Ruder ist, weiß man nicht. Der Barbesitzer Alberto Amoroso wünscht sich jedenfalls nur eines: "Der Präfekt und seine Kommissare sollen uns in Ruhe lassen."

Ähnliches sagt auch der Bürgermeister von Camigliano, Vincenzo Cenname. Die Gemeinde des 38-Jährigen ist so klein wie Pago und doch ganz anders, wie man sofort spürt, sobald man das Rathaus betritt. Hier herrscht ein völlig anderer Geist. Es wird gearbeitet, organisiert, diskutiert. Cenname selbst ist ein Wirbelwind, der gar nicht weiß, wovon er zuerst berichten soll: dem Theaterkurs, den Sonnenkollektoren auf dem Schuldach oder dem Straßenfest mit traditioneller Musik. Der Bürgermeister, der hier aufgewachsen ist und später nach Neapel ging, um Umweltingenieurwesen zu studieren, hat aus Camigliano eine Vorzeigegemeinde gemacht, eine ökologische Oase in einer Region, die als Mülltonne des ganzen Landes gilt.

Die Abfallentsorgung ist hier in einer für Italien beispiellosen Art und Weise geregelt. Es wird getrennt, und zwar penibel. Sogar das Frittieröl aus den Haushalten wird in Containern gesammelt, damit es nicht mehr über die Abflüsse ins Meer gelangt. Um den Plastikmüll zu reduzieren, soll bald auf der Piazza ein "Haus des Wassers" stehen, wo alle Bewohner sowohl stilles als auch mit Kohlensäure versetztes Wasser in Glasflaschen abholen können - für fünf Cent pro Liter. In der Gemeinde sind vier Leute mit der Müllabfuhr beschäftigt und die Abfallgebühren für die Bürger 30 Prozent niedriger als anderswo. "Ich mache Politik", sagt Cenname, "um in meiner Heimat etwas zu bewegen."

Trotzdem wurde er im vergangenen Jahr vom zuständigen Präfekten aus dem Rathaus verbannt.

Dieser Präfekt heißt Ezio Monaco, ein kleiner, runder, freundlicher Mann, der mit Caserta eine der problematischsten Provinzen Italiens verwaltet. Er trägt es mit Humor, erzählt belustigt, dass die Leute hier mit all ihren Sorgen zu ihm kommen, und wenn es der kaputte Aufzug ist. "Die halten mich für den Assistenten von Jesus Christus." Vielen Menschen hier fehle jegliches Rechtsempfinden, gerade sei zum Beispiel der Diebstahl von Strom zum Volkssport geworden. "Es gibt sogar ein Hotel, das seinen kompletten Bedarf über längere Zeit irgendwo illegal abgezapft hat."

Monaco hat es sich im braunen Ledersofa bequem gemacht. Antike Holzmöbel und große Gemälde in goldfarbenen Bilderrahmen lassen sein Arbeitszimmer im alten Fürstenpalast von Caserta wie ein Museum erscheinen. Er erzählt jetzt erst mal von der Camorra. Dass die hier besonders aktiv ist, weiß man spätestens seit Erscheinen des aufsehenerregenden Buchs "Gomorrha" von Roberto Saviano. Die Camorristi der Provinz Caserta beschreibt der unter strengem Polizeischutz lebende Autor als "einen Clan brutaler Betriebswirte, blutrünstiger Manager, Bauunternehmer und Grundbesitzer".

Wie niemand zuvor hat Saviano die Praktiken der Camorra beschrieben und dabei deutlich gemacht, dass die Clans längst nicht mehr nur Schutzgelder von Geschäftsleuten kassieren, sondern selbst unternehmerisch tätig sind - vor allem im Bauwesen und in der Müllentsorgung. Ihr Erfolg basiert auf den günstigen Preisen, zu denen ihre Firmen Waren und Dienstleistungen anbieten - nur möglich, weil sie etwa Zement durch den Handel mit Drogen querfinanzieren und hochgiftigen Müll einfach verbrennen oder verbuddeln. "Und um an öffentliche Aufträge zu kommen", sagt Präfekt Monaco, "sehen die Camorristi zu, dass die Bürgermeister in den Kommunen nach ihrer Pfeife tanzen -und zwar, indem sie sie unter Druck setzen oder ihnen im Gegenzug bei Wahlen die nötigen Stimmen verschaffen."

Ein Bürgermeister als Gesetzesbrecher - und das aus tiefster Überzeugung

Und warum musste Vincenzo Cenname gehen? "Das hat mit der Mafia nichts zu tun. Cenname ist ein tüchtiger Junge. Aber er hat sich nicht an das Gesetz gehalten. Darum blieb mir keine andere Wahl, als ihn abzusetzen."

"Stimmt", sagt der Bürgermeister von Camigliano, "ich habe gegen das Gesetz verstoßen. Aus Überzeugung." Zum besseren Verständnis lädt er zu einem Trip durch die Provinz ein, ins Reich der Camorra.

Das erste Etappenziel ist Castel Volturno, ein Küstenort, der viele Touristen anzog - bis 1980 ein schweres Erdbeben Kampanien erschütterte und 300 000 Menschen ihr Heim verloren. Drei Milliarden Euro für den Wiederaufbau flossen aus Rom und dem Ausland in die Region - Geld, dessen Verteilung einen Bandenkrieg mit Hunderten Toten innerhalb der Camorra auslöste. Castel Volturno hat sich davon nie erholt.

Cenname steuert sein Auto auf ein abgezäuntes Gelände, auf dem neben ein paar alten Baracken zwei restaurierte Hallen und ein paar Zelte stehen, umgeben von mehreren Hektar Ackerland. "Konfisziertes Gut: Hier hat die Camorra verloren" ist riesengroß auf einer Plane zu lesen. "Ciao, Bürgermeister", wird Cenname von einigen Männern begrüßt, die hier arbeiten. Das Gelände gehörte einst den Casalesi, einem der stärksten Camorra-Clans. Schon vor Jahren beschlagnahmt, entsteht hier jetzt eine Kooperative für die Produktion von Bio-Mozzarella. Beim Aufbau helfen Freiwillige aus ganz Italien. Cenname koordiniert die Arbeit. Er tut dies in öffentlichem Auftrag, aber auch mit innerer Überzeugung. "Das Projekt hat starke symbolische Kraft. Es ist eine Demütigung für die Camorra."

Das sei das gute Beispiel, sagt er, während er ins Auto steigt, "jetzt folgt das schlechte". Es liegt nur wenige Kilometer entfernt, in Ferrandelle. Wieder ein großes umzäuntes Gelände. Auch dieses gehörte dem Clan, genauer gesagt, dessen Chef Francesco Schiavone. Der lebt wie sein Kollege Cava aus der Nachbarprovinz Avellino schon seit Jahren hinter Gittern. Währenddessen türmt sich auf seinem ehemaligen Grund und Boden der Müll aus den Provinzen Neapel und Caserta - unter der strengen Bewachung italienischer Soldaten. "Das Gebiet wurde zum nationalen Interessengebiet erklärt", sagt Cenname. Eigentlich sollte auch hier eine soziale Kooperative entstehen. Doch als Neapel vor mehr als drei Jahren unter Abfallbergen zu ersticken drohte, musste Regierungschef Silvio Berlusconi eine schnelle Lösung finden.

Der Name Ferrandelle steht seitdem für die Deckel-drüber-Politik des Ministerpräsidenten. Denn auf der eilig geschaffenen Mülldeponie wurde einfach alles abgeladen - Lebensmittelreste, Plastikflaschen, Waschmaschinen, Autoreifen, Ölfässer und Alteisen. Hunderttausende Kubikmeter Müll. Weil der so nicht verbrannt werden kann, bleibt er einfach liegen, ohne jegliche Kontrollen. Schon seit drei Jahren. Auf den Feldern nebenan grasen Büffel und wächst Gemüse.

Cenname hat kaum angehalten, da kommt jenseits des Gittertores ein Jeep mit bewaffneten Soldaten angebraust. Wütende Bürger blockierten vor einiger Zeit den Mülltransportern die Zufahrt, seitdem ist man hier äußerst sensibel. "Die fatale Botschaft dieser Deponie lautet: Der Staat handelt wie die Mafia", sagt Cenname und fährt los.

Dass Orte in Kampanien nicht zwangsläufig im Müll versinken müssen, hat der Ökopionier Vincenzo Cenname in seinem Heimatort eindrucksvoll bewiesen. Doch dann machte ihm ein 2010 im Eilverfahren erlassenes Gesetz einen Strich durch die Rechnung. Ein Gesetz, das ebenfalls den Machenschaften der Mafia Einhalt gebieten sollte. In diesem Gesetz steht festgeschrieben, dass die Kommunen in Kampanien die Abfallentsorgung auf ein Konsortium auf Provinzebene übertragen müssen. Ein Handstreich, der der Camorra die lukrative Einnahmequelle Müll entziehen sollte.

Das Problem ist: Das Gesetz hätte Cennames jahrelangen Einsatz für ein umweltfreundliches Camigliano mit einem Schlag zunichte gemacht. "Wenn ein und dasselbe Unternehmen für Abfuhr und Entsorgung zuständig ist, fehlt der Anreiz für Mülltrennung. Um unser Konzept aufrechtzuerhalten, musste ich mich gegen das Gesetz stellen." Nachdem ihn der Präfekt aus diesem Grund aus dem Amt vertrieben hatte, gingen die Bewohner Camiglianos für ihn auf die Straße. Und bei den Wahlen im Mai gaben sie ihm knapp 80 Prozent der Stimmen. Jetzt ist er wieder im Amt und zudem, spätestens seit "Gomorrha"-Autor Saviano über den Fall Cenname im Fernsehen berichtete, in ganz Italien bekannt.

Wen stört schon die Camorra, wenn man gut schläft und auch der Wein schmeckt?

Abgesehen von Cennames Aufstieg zu einem kleinen Medienstar, ist alles wieder beim Alten. In Camigliano genauso wie in Pago. Die Bürger haben erreicht, was sie wollten. Aber ist das ein Happy End? Oder haben die Einwohner von Pago ihre finanzielle Misere selbst zu verantworten, weil sie immer wieder einen Bürgermeister wählen, der zumindest beide Augen verschließt, wenn es um die Geschäfte der Mafia geht? Wie ist die Rolle der Politik zu bewerten? Musste Cenname nur als armes Bauernopfer im aufrichtigen Kampf gegen die Camorra herhalten? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht.

Corcione ist das egal. Von Cenname, sagt er, habe er noch nie gehört. Er ist mittlerweile zum Mittagessen nach Hause gefahren, holt eine Flasche Vino bianco aus dem Kühlschrank. "Edilio", brüllt er und wartet, bis sein Sohn sich vom Sofa vor dem schultafelgroßen Fernseher erhebt. "Mach die Flasche auf!" Corciones Mutter und seine Frau decken unterdessen den Tisch. Später wird er beim Essen stumpf auf den Bildschirm starren, auf dem die Bilder der Überwachungskameras flimmern, die er zu seiner Sicherheit rund um sein Haus hat aufstellen lassen. Vor dem Essen will der Bürgermeister noch schnell eine Führung geben. "350 Quadratmeter Wohnfläche plus 150 Quadratmeter Terrasse", sagt er. Dann zeigt er stolz den Whirlpool im Bad und die Fenster aus Kastanienholz. Schließlich steht er im oberen Stock auf einer riesigen Terrasse, von der er über Pago und die anderen Orte des Vallo di Lauro hinweg auf den Vesuv blickt.

" Ja", sagt er, "die Camorra gibt es hier natürlich. Wie überall in Kampanien. Aber es ist nicht meine Aufgabe, sie zu bekämpfen. Das muss das Gesetz machen, nicht ich. Ich muss nachts in Ruhe schlafen." Sein Blick wandert zu dem Vulkan hinüber, der manchmal ein bisschen Qualm ausstößt, sonst aber seit Jahrzehnten einfach nur still daliegt. Corcione mag diesen Anblick. -