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Was kostet die Welt?

Für die Folgen von Katastrophen wie in Fukushima oder bei der Bohrinsel Deepwater Horizon kommen Verursacher, Versicherer und notfalls der Staat auf. Wer zahlt eigentlich für die ganz alltäglichen Schäden?




• Ronald Harry Coase ist mittlerweile 100 Jahre alt und längst in Rente, aber seine Botschaft ist immer noch brandaktuell. Sie geht an alle, die gerade wegen einer geplanten Biogasanlage, einem neuen Bahnhof oder Autobahnprojekt in ihrer Nachbarschaft auf den Barrikaden stehen, und sie lautet: Tun Sie selbst etwas! Spendieren Sie der Biogasanlage einen Filter, investieren Sie in eine Lärmschutzwand, statt sich den Planierraupen entgegenzustellen! Und sollte Sie der Bahnhofsneubau stören, schließen Sie sich mit Ihren Nachbarn zusammen und errichten auf eigene Kosten einen Sichtschutzwall.

Das klingt unfair? Widerspricht Verursacherprinzip und Gerechtigkeitsempfinden? Mag sein, würde der Nobelpreisträger für Wirtschaft entgegnen, gesamtwirtschaftlich aber wäre es sinnvoll. Denn nach dem "Coase-Theorem" des britischen Ökonomen spielt es volkswirtschaftlich keine Rolle, wie die Kosten für Umweltschäden zwischen Verursacher und Geschädigtem aufgeteilt werden. Statt beispielsweise einen Anlagenbetreiber zu zwingen, seinen Schadstoffausstoß zu verringern (was die Wettbewerbsfähigkeit und damit den volkswirtschaftlichen Nutzen schmälern würde), könnten die Anwohner die Kosten einer Abgasfilteranlage übernehmen. Schließlich seien sie ja die direkten Nutznießer des Allgemeinguts saubere Luft. Theoretisch jedenfalls.

In der Realität scheitert das Coase'sche Modell an einigen praktischen Hürden. Während bei einer Biogasanlage Verursacher und Geschädigte noch leicht zu benennen wären, gibt es im Straßenverkehr, bei der Energieerzeugung und in der Landwirtschaft Millionen Täter und Opfer, die einander nie persönlich begegnen und daher auch keine Verhandlungen über Ausgleichszahlungen aufnehmen könnten. Alle drei Sektoren verursachen aber enorme "externe Kosten", wie Ökonomen jene Sorte von Schäden bezeichnen, die zwar irgendjemand irgendwann bezahlen muss - der Verursacher aber nur selten.

So produziert die deutsche Landwirtschaft einer Studie der Technischen Universität München zufolge externe Kosten durch nitratverseuchtes Grundwasser, Pestizidrückstände im Boden und andere Schäden in Höhe von rund 55 Milliarden Euro pro Jahr – etwa dreimal so viel wie die Bruttowertschöpfung der Branche.

Müssten deutsche Energieversorger für die von ihren Braun- und Steinkohlekraftwerken verursachten Schäden an Luftqualität und Klima aufkommen, würden sich die Herstellungskosten für Strom aus diesen Energieträgern verdoppeln.

Und die Pkw-Nutzung erscheint im Vergleich zur Bahnfahrkarte auch deswegen relativ günstig, weil kein Autofahrer je fürchten muss, für ungedeckte Unfallschäden, Gesundheitskosten oder sinkende Immobilienwerte durch Straßenlärm zu haften. Bei Lichte betrachtet, sind Externalitäten eine Art gesamtgesellschaftliche "Bad Bank", in der man all jene Bilanzposten parkt, die einem bei ehrlichem Durchrechnen das Geschäft verdürben. Und verdrängt, dass sie irgendjemand früher oder später doch begleichen muss.

"Der Preis für die Umweltnutzung ist viel zu gering", sagt Johann Eekhoff, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln. "Nur wenn die Kosten der Umweltschädigung in den Preis einfließen, kann die Effizienz der Märkte voll genutzt werden. Dann werden Umweltschäden und Ressourcenverbrauch automatisch dort verringert, wo es mit den geringsten Kosten verbunden ist." Dummerweise gibt es für Güter, die allen und damit niemandem gehören, weder einen Preis noch einen Markt, an dem sich ein solcher Preis bilden könnte.

Die Kalkulation externer Kosten ist daher ein höchst hypothetisches und umstrittenes Unterfangen , wie die Einführung des CO2-Emissionshandels vor sechs Jahren zeigte. Damals schuf die Europäische Union einen Regionalmarkt für saubere Luft und verhalf so den Coase'schen Ideen zu einem späten Revival. Allerdings wurden die Verschmutzungsrechte unter dem Druck von Industrievertretern und Lobbyisten derart freizügig verteilt, dass ihr Preis bis heute viel zu niedrig liegt, um eine Vermeidung von Emissionen lohnenswert erscheinen zu lassen (siehe brand eins 04/2011: "Wie umweltfreundlich sind erneuerbare Energien?")

"Preiserhöhungen spüren Industrie und Verbraucher sofort, deswegen schreckt die Politik meist vor direkten Einpreisungen zurück", sagt Professor Eekhoff. "Lieber nehmen Regierungen Umwege über allerlei Subventionen, Produktionsvorgaben und Vorschriften. Die sind zwar häufig ineffektiv und müssen letztlich genauso von den Bürgern bezahlt werden, aber eben nicht sofort und direkt."

Ein Beispiel dafür sind die neuen EU-Vorschriften zur Wärmedämmung von Gebäuden. Die hehre Absicht – Senkung von Energieverbrauch und CO2-Ausstoß des Immobilienbestands – wird gekoppelt mit einem Wust an Ausnahmeregelungen, Durchführungsbestimmungen, Kontrollen und Strafandrohungen. So sieht das Erneuerbare-Energie-Wärmegesetz Geldbußen von bis zu 50 000 Euro für "unrichtige oder unvollständige Angaben" vor. Hausbesitzern, die Rechnungsunterlagen zur Gebäudesanierung nicht mindestens fünf Jahre aufbewahren, drohen bis zu 20 000 Euro Strafe. Da die Pflicht zur Wärmedämmung nur bei "offiziellen" Modernisierungen greift, sind in nächster Zeit viele "inoffizielle" Gebäudeüberholungen zu erwarten – Schwarzarbeit. Und weil sich Dämmtechnik und Gebäudestandards ständig ändern, dürfte es nicht lange dauern, bis eine Novelle fällig wird.

Für Johann Eekhoff ist das ärgerlich, aber wenig überraschend. "Nach dem sogenannten Ölflecktheorem lösen staatliche Eingriffe immer wieder neue Interventionsspiralen aus", sagt er. Weitaus effektiver wäre es, die "Strafe" gleich in die Energiekosten einzupreisen und es Bürgern und Unternehmen selbst zu überlassen, wo, wie viel und auf welche Weise sie Energie einsparen wollen.

Geschickt angelegt, könne sich die Berücksichtigung externer Kosten sogar für die Verursacher selbst auszahlen, wie Ulrich Petschow vom Berliner Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung sagt: "Ein gutes Beispiel sind die Stickstoffemissionen, die in der Landwirtschaft und bei Verbrennungsprozessen freigesetzt werden. Sie verursachen, je nach Berechnungsmethode und Kalkulationsgrundlage, in der Europäischen Union jedes Jahr Schäden zwischen 70 und 320 Milliarden Euro. Britische Studien haben gezeigt, dass etwa eine Stickstoffsteuer diese Summe deutlich verringern würde, und zwar zu niedrigen Vermeidungskosten. In einigen Fällen dürften die Verursacher von der Vermeidung unterm Strich sogar profitieren."

Erst einmal aber gäbe es wohl einen Aufschrei, denn für natürliche Ressourcen gilt das Gleiche wie für Inhalte im Internet: Was gestern noch gratis war, mag man heute nur ungern bezahlen. Weshalb es kurzfristig jedem als sinnvoll erscheint, sich an Allgemeingütern zu bedienen wie Pauschaltouristen am All-inclusive-Büfett. Doch auf lange Sicht ist das ebenso so sinnlos, wie Tag für Tag auf Pump einzukaufen und zu verdrängen, dass früher oder später eine Tilgung fällig wird. Zuzüglich Zinsen.

1) Gilt auch für die in unserer Grafik verwendeten externen Kosten
2) Mark A. Sutton et al.: The European Nitrogen Assessment. Cambridge University Press 2011