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Sophie Rosentreter Ilses weite Welt

An Demenz erkrankte Menschen leben in ihrer eigenen Welt. Eine Tür dorthin öffnet nun eine junge Filmemacherin.




- Sophie Rosentreter macht langweilige Filme, und zwar mit Absicht. Die erzählen keine Geschichte, kommen ohne Stars und Dialoge aus, haben keinen durch Schnitte bestimmten Rhythmus. Sie haben rein gar nichts von dem, was moderne Filme sonst ausmacht. Genau das macht sie zu guten Filmen - für demenzkranke Menschen.

Das erste Werk, das sie für diese Zuschauer produziert hat, heißt "Ein Tag im Tierpark". Es zeigt eine Mutter, die mit ihren beiden kleinen Töchtern durch ein Wildgehege schlendert. Szenen in langen Einstellungen, nur eine Kameraeinstellung, ohne Fahrten und Zoom. Die Kinder streicheln eine halbe Ewigkeit lang ein Hängebauchschwein. Dann schauen sie sich Rehe und Ziegen an. Dazwischen lange Blicke in den Himmel. So geht das eine Dreiviertelstunde: Tiere, blonde Mädchen, sanfte Musik, Wolken.

"Demente Menschen verstehen gewöhnliche Filme nicht", sagt Rosentreter. "Sie können einer Handlung nicht folgen. Schnelle Schnitte und Dialoge verwirren sie. Unsere Filme sollen daher keine Geschichten erzählen, sie sollen Gefühle erzeugen. Nur so kann man mit Dementen in Verbindung treten."

Die Filme bewirken bei ihnen, sich an etwas zu erinnern, was durch kein Gespräch mehr möglich wäre. Unruhige Patienten werden still, andere, die sich sonst kaum rühren, fangen an, sich zur Musik zu wiegen. Und eine alte Frau steht plötzlich auf und streichelt den Monitor, als die Ziege im Bild erscheint. Ihre Verwandten konnten das erklären: Als Kind hatte sie schwere Zeiten dank der Milch einer Ziege überstanden.

Die Filmemacherin weiß noch genau, wann es bei ihr "klick gemacht hat". Als sie einmal ihre an Demenz erkrankte Großmutter Ilse im Pflegeheim besuchte, sah sie eine Patientin, die seit Wochen nicht mehr gesprochen hatte. Die saß vor dem Fernsehapparat, und als ein Werbespot für Bier lief, stand die Frau aus ihrem Sessel auf und sagte: "Krombacher!"

Von der Beobachtung über die Idee bis zum ersten Film verging eine Weile. Lässt sich damit aber auch Geld verdienen? Ja, sagt die 35-jährige ehemalige MTV-Moderatorin und Fernsehjournalistin, die ihr Start-up zur Erinnerung an die im Jahr 2009 verstorbene Großmutter "Ilses weite Welt" getauft hat. Über ihren Online-Shop hat sie bereits mehr als 800 DVDs verkauft, teils mit Begleitmaterial, Bildern zum Ausmalen, Gedichten, Liedern oder ungewöhnlichen Kissen, die die Patienten gern streicheln. Ein Film kostet 29,90 Euro, das komplette Set 119,90 Euro. Seit Gründung im November 2010 hat Rosentreter 45 000 Euro umgesetzt.

Fernsehgeräte werden bislang bei Demenzkranken als elektronische Babysitter genutzt. Dabei können sie wertvolle Hilfe in der Pflege leisten.

"Das Buch soll Angehörigen und professionellen Pflegern Hilfestellungen geben, um mit den Demenzkranken ins Gespräch zu kommen, wenn sie sich den Film gemeinsam anschauen", sagt Rosentreter. Das Medium Bewegtbild wird in der Therapie bislang nicht genutzt. Die Fachwelt setzt vor allem auf Ergo- und Musiktherapie, um die kranken und meist alten Menschen aus ihrer Welt zu locken. In der Pflegebranche ist das Fernsehgerät verpönt und wird als elektronischer Babysitter betrachtet, vor dem die Patienten geparkt werden. Das könnten Rosentreters Filme ändern.

Der Markt für Demenz-Produkte abseits der Pharmazie ist riesig und noch wenig erschlossen. Zurzeit leben in Deutschland 1,3 Millionen Patienten. Einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge wird sich ihre Zahl bis zum Jahr 2050 deutlich mehr als verdoppeln. Die Wirtschaft hat darauf bisher kaum reagiert. Es gibt nur wenige Produkte, die eigens für Demenzkranke entwickelt worden sind.

Mit ihren Filmen macht Sophie Rosentreter auf diesen Mangel aufmerksam. Es ist wohl bezeichnend, dass sie es als Laiin und Außenseiterin tat. Sie hat namhafte Experten zur Unterstützung gewonnen, die sie fachlich beraten. Jens Bruder etwa, einen Neurologen und Gerontologen, der Vorstandsvorsitzender und Mitbegründer der Deutschen Alzheimer Gesellschaft war. Ständig besucht sie Kurse und Fortbildungen zum Thema und hält inzwischen selbst Vo r träge bei Pflegekongressen. "Hätte mir vor fünf Jahren jemand gesagt, dass ich das heute machen würde, ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt", sagt sie.

Inzwischen führt sie ein kleines Unternehmen, das zwar noch kein Firmenschild an der Tür hat, dafür aber den in vielen Start-ups unvermeidlichen Kickertisch auf dem Gang. Noch kann sie von den Erträgen nicht leben. Doch sie hat Business Angels gefunden, die von ihrer Geschäftsidee überzeugt sind und mit dem Startkapital halfen, etwa der Münchner Unternehmer Florian Langenscheidt. Und sie hat große Pläne. Die Reaktionen aus der Branche seien überwältigend. Sophie Rosentreter will künftig pro Monat einen Film drehen. Mehr als 50 Entwürfe und Konzepte liegen bereits in ihrer Schublade. Und sie ist ganz sicher: "Bis Ende des Jahres schreiben wir schwarze Zahlen." -