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Weißrussland, Europas letzte Planwirtschaft, meldet an allen Fronten Wachstum. Ganz wie einst das Vorbild, die Sowjetunion. Es war also Zeit für eine Besichtigung.




- Worauf ist Verlass in einer Planwirtschaft? Darauf, dass Pläne eingehalten, erfüllt oder übertroffen werden? Nicht, wenn man als Journalist aus dem Westen anreist. "Guten Tag", ruft Grigorij Tschujko, Generaldirektor des staatlichen Agrokombinats "Schdanowitschi" bei Minsk, den Besuchern zu. "Und auf Wiedersehen!" Tschujko hat nämlich kein bisschen Zeit. Er muss ins Bezirksexekutivkomitee. "Dringend", sagt er und grinst grimmig. Eine Mitarbeiterin schiebt sich mit einem Stapel Akten an uns vorbei in sein Büro und zuckt zusammen, als der Chef sie anbrüllt: "Und du, setz dich hin!"

Stress im Agrokombinat. Eine Sorte Stress, die längst überwunden schien, beseitigt zusammen mit den Bezirksexekutivkomitees und dem Wirtschaftssystem, das sie hervorgebracht hatte. Planwirtschaft hieß es, treffender wohl administrative Kommandowirtschaft. Unter Mao und Ulbricht hatte sie Weltgeltung beansprucht, erlag dann aber kläglich dem Kapitalismus. Nur ein paar Restflecken hat sie auf dem Globus hinterlassen: die nordkoreanische Stacheldrahtdiktatur, das karibisch-sozialistische Freilichtmuseum Kuba und mitten in Europa die Republik Weißrussland. Nach wie vor erlassen dort die Ministerien im Voraus die Produktionszahlen der Betriebe ebenso wie deren Ausgaben für Kindererziehung und die Körperertüchtigung der Belegschaft. Es gibt Stress, weil Staatschef Alexander Lukaschenko soeben den alljährlichen Erntefeldzug ausgerufen hat. Erntefeldzug, noch so eine Vokabel aus dem Wirtschaftswörterbuch der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken.

Damals verhieß der Erntefeldzug großes Drama. Auf den Leinwänden der Kinowochenschauen wie später auf den TV-Bildschirmen stürzten sich Geschwader von Mähdreschern in Weizenmeere, Schostakowitsch dröhnte, Traktoristen blickten entschlossen. Die Zeitungen meldeten Ernteerträge mit dem gleichen Tremolo wie im Krieg versenkte Feindtonnage. Kolchosvorsitzende aber, die das Plansoll nicht erfüllten, riskierten unter Stalin Straflager.

In Weißrussland wird der Erntefeldzug bis heute als Nationalereignis zelebriert. "Wir sind Weißrussland!", jubeln auf Plakaten weizenblonde Mädchen in weißen Festtrachten vor reifen Kornfeldern. Versagen in der Ernteschlacht kann immer noch die Karriere jedes Landwirtschaftsmanagers knicken. Zumal Lukaschenko selbst seine wirtschaftliche Sozialisierung als Direktor einer Sowchose durchlebte, einer "Sowjetwirtschaft", wie die staatlichen Agrarbetriebe in der UdSS R hießen. Dort, so geht die Legende, soll Lukaschenko betrunkene Traktoristen eigenhändig verprügelt haben. Später, schon als Präsident, sei er tagelang verschwunden, wenn zu Hause in seinem Heimatdorf eine Kuh kalbte. Ein leidenschaftlicher Bauer.

Einmal habe ich Lukaschenko interviewt. Sein Händedruck war kraftvoll, sein Lächeln arglos. Ein jovialer Hüne, keiner der Apparatschiks, denen die Machtgier ins Gesicht geschrieben steht. Er redete viel und forsch. "Ich springe ja auch nicht bis in den Kosmos, wenn in Amerika ein Neger beleidigt wird", sagte er etwa zu einer US-Kritik am Umgang mit den Menschenrechten unter seinem Regime.

Vor und nach diesem Interview verschwanden Oppositionspolitiker spurlos, andere wurden ermordet aufgefunden. Es wird vermutet, der Präsident habe dahintergesteckt. Die Auslandspresse nennt ihn den "letzten Diktator Europas". Unlängst gewann er seine vierten Präsidentschaftswahlen mit 79 Prozent Ja-Stimmen. Zur Feier des Sieges ließ er eine Protestdemonstration niederknüppeln und mehrere Gegenkandidaten ins Gefängnis werfen. Den sogenannten Unruhestiftern drohen langjährige Haftstrafen. Aus diesem Grund schuf der russische Publizist Jurij Bogomolow den Namen "Alexander-Lukaschenko-Sowchose Belarus". Denn in Sowchosen sind freie Wahlen nicht vorgesehen. Tatsächlich kommandiert Lukaschenko seit 1994 im sowjetischen Stil. Und das nicht nur dann, wenn er alljährlich die Fronten der Ernteschlacht per Hubschrauber inspiziert.

Sowchosen galten traditionell als industrielle Vorhut der sowjetischen Agrarbranche, im Gegensatz zu den zahlreicheren und simpleren Kolchosen ("Kollektivwirtschaften"), die formal den Bauern gehörten. Sowchosen produzierten Saatgut und Zuchtvieh oder führten landwirtschaftliche Versuche durch, erhielten teure Maschinen, ihre Arbeiter wurden besser bezahlt als Kolchosbauern. Die Sowchose unterhielt Kindergärten, Schulen, Erholungsheime, die sogenannte Sozialka. Der Sowchosdirektor leitete all das. Für die Ausgaben kam der Staat auf.

Propaganda soll die Volksseele wärmen: In der Ernteschlacht siegt immer Belarus

Weißrussland hat eine Fläche von knapp 208 Millionen Quadratkilometern (Deutschland: 357 Millionen Quadratkilometer), dabei aber nur 9,5 Millionen Einwohner. Sein Bruttoinlandsprodukt von 38 Milliarden Euro entspricht nur einem Bruchteil der deutschen Wirtschaftsleistung. Wer aus dem Westen kommt, dem erscheint die Landschaft weit und menschenleer. Wer aus dem Osten, aus Russland einreist, der staunt.

Zwar zeigen sich rund um die Hauptstadt Minsk einige grünliche, unreife Flecken auf den goldgelben Weizenfeldern. Aber die werden weder von bunt blühendem Unkraut überlagert noch von den Ruinen früherer Kuhställe überragt wie in den benachbarten russischen Regionen. Russland durchlebte eine kapitalistische Schocktherapie unter der Regierung Boris Jelzins, der Kolchosen und Sowchosen die Subventionen strich. Die gingen zu Hunderten pleite, Tausende russische Dörfer wurden aufgegeben. Unter Putin kauften Großkonzerne Ackerflächen auf, häufig ohne eine Vorstellung, was sie mit dem Grundeigentum anstellen sollten.

Während sich Russland dem freien Markt aussetzte, legte Lukaschenko den Rückwärtsgang ein: Er wollte die Vergangenheit, Sowchosen und Fabriken retten, koste es, was es wolle.

Auf den Feldern von Schdanowitschi kurven Traktoren von Claas oder John Deere. Teures Gerät. Zwischen flachen Hügeln reihen sich zweistöckige Wohnhäuser mit flaschengrünen Dächern. Solche Konfektionssiedlungen würde man im privatisierten Umland Moskaus "Klein-Schottland" oder "Vita Verde" taufen, drei Meter hohe Mauern darum ziehen und die Häuschen als "Cottages" feilbieten - ab einer Viertelmillion Dollar. Hier aber müsste man hinter den Jägerzäunen nur Gartenzwerge aufstellen, und es sähe aus, als hätte der DDR-Sozialismus doch gesiegt.

Der Staat baue diese Einfamilienhäuser, sagt Dschana Montschik, die Chefökonomin des Agrokombinats. Die Arbeiter könnten sie kaufen, für rund 150 Millionen weißrussische Rubel, umgerechnet knapp 40 000 Euro. "Dafür erhalten sie Kredite, ein Prozent, 40 Jahre Laufzeit." Sie selbst wohne auch in solch einem Haus.

Schdanowitschi ist ein Paradebetrieb, nicht nur wegen seiner Eigenheime. "Schauen Sie, was für hübsche Mädchen bei uns arbeiten. Auch das ist wichtig für die Tomaten! Bei uns gibt es keine Gastarbeiter wie in Holland." Vera Trintowa, die Leiterin der Treibhäuser des Kombinats, trägt wie Montschik eine hennarote Kurzhaarfrisur. Sie führt uns auf peinlich sauberen Betonböden durch schnurgerade ausgerichtete Tomatenalleen. Deren Stauden wuchern aus schlauchvernetzten Substratoren - Hightech aus den Niederlanden. Nur die Hummeln, die in Kartons zwischen den Zweigen hausen, stammen aus Weißrussland. Die sollen die Pflanzen durch Bestäubung kräftigen. Tatsächlich schmecken die Tomaten echt holländisch.

Montschik und Trintowa berichten stolz, ihr Kombinat züchte seit Neuestem auch Rosen. Sie haben ein Papier mit Produktionszahlen dabei: Immer mehr Milch, Korn und Gemüse, der Umsatz des Kombinats hat sich demnach in den vergangenen acht Jahren auf beinahe 20 Millionen Euro versechsfacht.

Nicht das Paradekombinat Schdanowitschi allein - die ganze Sowchose Weißrussland produziert Rekorde. Zwar fuhr man im Hitzesommer 2010 statt geplanter 8 Millionen nur 7,1 Millionen Tonnen Getreide ein. Doch Lukaschenko strahlte und feierte den vaterländischen Ackerbau als "unsere Brennstoffindustrie". Denn das Land meisterte die große Dürre viel besser als Russland. Dort gingen die Erträge um ein Drittel zurück. Der Kreml stoppte alle Getreideexporte. In Weißrussland aber fiel die pflanzliche Produktion in den ersten neun Monaten 2010 nur um 3,9 Prozent, die Agrarproduktion insgesamt stieg um 1,6 Prozent. Weißrussland exportierte Lebensmittel im Wert von 865 Millionen Dollar, 49 Prozent mehr als im Vorjahr - vor allem nach Russland. Siegreiche Ernteschlacht.

Doch selbst die Weißrussen nehmen staatliche Zahlen nicht für bare Münze. Auf Dschana Montschiks Papier heißt es, der Durchschnittslohn in Schdanowitschi betrage mehr als 300 Euro, hauchdünn über dem offiziellen nationalen Durchschnittseinkommen. Lukaschenko hat angekündigt, in fünf Jahren werde man 1000 Dollar zahlen. Tatsächlich verdient eine Mathematiklehrerin in Minsk 190 Euro im Monat. Und die Jungarbeiterin einer Nähfabrik in der Provinzstadt Grodno ist stolz, dass sie auf umgerechnet 100 Euro im Monat kommt. "Ich vertraue Lukaschenko 300-prozentig", sagt sie. Der Staat habe ihr eine Wohnung verschafft und halte die Preise stabil. Mit 100 Euro komme sie aus. "Natürlich leben wir im Sozialismus", sagen die Frauen von Schdanowitschi. "Es gibt in den Geschäften alles. Und wir haben das Geld, es zu kaufen."

Das sind subjektive Wahrheiten. "Ich komme mit dem Geld nur hin, weil ich bei meinen Eltern wohne", sagt eine Informatikerin und Citroën-3-Fahrerin aus Minsk. Sie verdient umgerechnet 380 Euro im Monat, allein 130 Euro gehen für Benzin drauf. Parfüm und Schuhe kaufe sie nur im Westen. "Weil die Marken dort billiger sind und echt." In Polen, argwöhnt sie, werde Parfüm minderer Qualität speziell für den G US-Markt produziert.

Die Sowchose ist kein Gefängnis. Und in den Einkaufszentren zwischen Grodno und Gomel stehen die gleichen Weltmarken zur Auswahl wie in Astana oder Augsburg. Hunderttausende Weißrussen reisen nach Russland, in die Ukraine und in die EU-Staaten. Die Informatikerin, die zwei mehrmonatige Praktika in Belgien hinter sich hat, will aber nicht auf Dauer in den Westen. "Dort hatte ich immer das Gefühl, eine Fremde zu sein. Hier sind die Leute offener, hier ist es interessanter." Inzwischen könne man auch gute Damenwäsche "made in Belarus" kaufen.

Alexej Kowezkij scheint sich ausschließlich in weißrussische Stoffe zu kleiden. Seine gestreifte Krawatte passt auf altmodische Art zum beigefarbenen Kurzärmelhemd. Dazu macht der junge Konstruktionsingenieur ein so optimistisches Gesicht, als wäre er aus einem Kinofilm der Breschnew-Ära gestiegen, in dem das hübscheste Mädchen Komsomolzin ist und darauf pfeift, ob der Ingenieur eine Markenhose trägt, sich aber in ihn verliebt, weil seine technische Idee die Produktion steigert.

Kowezkij führt uns durch die Hallen des Staatlichen Einheitsproduktionsbetriebs Belkommunmasch in Minsk. Er erzählt von Knorr-Bremsen, Skoda-Getrieben und EU-Normen. "Aber die Fahrzeuge entwickeln wir selbst." Sowjetischer Backstein spiegelt sich in den getönten Fenster knallroter Buskarossen. Neben Firmenlogos italienischer Maschinenhersteller droht eine Wandtafel mit einem Wodka trinkenden Zigarettenraucher und der Überschrift: "Sie blamieren unser Kollektiv." Aber kein Missetäter wird mehr namentlich angeprangert.

Zu Sowjetzeiten war Belkommunmasch eine zu groß geratene Reparaturwerkstatt für Oberleitungsbusse und Straßenbahnen, die in anderen Republiken hergestellt worden waren. Dann zerfiel die UdSSR. Überall wurden Fahrzeuge und Ersatzteile knapp. Weißrussland übernahm die Initiative.

Manchmal hat Planwirtschaft auch Vorzüge. In Russland gingen Dutzende Fahrzeugfabriken Bankrott, während sie darauf warteten, dass sich frühere Bruderländer an sie erinnerten. In Russland stürmt die Jugend seit Jahrzehnten Jura- und Wirtschaftsfakultäten, um danach als Banker, Börsianer oder Bürokraten mit Rohstoffen reich zu werden. An der Minsker Staatsuniversität aber wurde Mitte der neunziger Jahre eigens ein neuer Studiengang eingeführt, für die Produktion von öffentlichen elektrischen Nahverkehrsmitteln. Dort studierten auch Kowezkij und etliche seiner Werkskollegen. Jetzt kauft Russland seine Trolleybusse. Lukaschenkos Sowchose zeigt sich als konkurrenzfähiges Gegenmodell zum russischen Schmiergeldkapitalismus, wo korrupte Beamte Staatsinvestitionen abgreifen und bestimmen, wer welchen Markt beherrschen darf.

"In Russland sind Gewinnspannen von 100, 200 Prozent normal", beklagt sich ein junger Russe, der in Belarus japanische Klimaanlagen vertreibt. "Hier sind mehr als 30 Prozent verboten." In Russland gibt man an roten Ampeln gern Vollgas, auf der Straße aus Minsk ins litauische Vilnius aber fährt ein weißrussischer BMW vor uns genau die 90 km/h, die erlaubt sind. "Da steht Airbag", sagt ein Minsker Taxifahrer und klopft auf sein Armaturenbrett. "Das ist ein Sicherheitskissen. Das unterscheidet uns von Russland." Das Selbstbild vieler Weißrussen lebt aus dem Kontrast zu den Russen. Sie sind überzeugt, vorsichtiger zu sein, rationaler, arbeitsamer, nüchterner.

Schon die Weißrussische Sowjetrepublik war eine Musterwirtschaft. Ihre Spezialisten und Arbeiter galten als diszipliniert. In Belarus konzentrierte sich die Fernseher-, Kühlschrank- und Computerproduktion der UdSSR. "Die Weißrussen sind die Deutschen unter den Slawen", sagt ein Minsker Soziologe. Wirtschaftliche Erfolge sind manchmal auch Mentalitätssache.

Heute exportiert der Betrieb seine Trolleys in die Mongolei, nach Lettland und Serbien. "Es gibt Konkurrenten, die ihr Angebot zurückziehen, wenn sie erfahren, dass wir mitbieten", sagt Kowezkij. "Weil wir preiswerter sind."

"Weißrussland ist billiger als Europa und besser als China", sagt eine Moskauer Kofferhändlerin. Zwar kaufen auch Gärtner in Kanada preisgünstige Traktoren aus Minsk. Aber Russland saugt die Produkte des Nachbarn förmlich auf. 58 Prozent der weißrussischen Exporte gehen nach Osten. "Quark aus Weißrussland", "weißrussisches Leinen", "Mähdrescher aus Weißrussland", mehr muss die Reklame nicht versprechen. Die Sowchose läuft auf Hochtouren. Das Bruttoinlandsprodukt stieg seit 1996 (offiziellen Zahlen zufolge) um 350 Prozent, für die ersten elf Monate 2010 werden weitere 7,2 Prozent Plus gemeldet.

Doch das weißrussische Planwunder hat einen Haken. Es rentiert sich nicht. Zu teure Produktion, zu hohe Löhne, zu viel Sozialka. Nach Schätzung von Fachleuten subventioniert der Staat allein die Agrarwirtschaft mit drei Milliarden Euro jährlich. Auch ein Großteil der Industrie schreibt rote Zahlen.

Die Gesamtverschuldung der weißrussischen Unternehmen erreichte schon zum 1. Oktober 2010 mehr als 12,1 Milliarden Euro, fast ein Viertel mehr als 2009. Lange Zeit hatte Russland großzügig Beistand geleistet: Der Nachbar lieferte zollfrei Gas und Öl. Einen Großteil verkauften die cleveren Weißrussen in den Westen weiter und steckten etwa 100 Prozent Zollerträge ein. "So haben wir Weißrussland in 15 Jahren mit 52 Milliarden Dollar subventioniert", schimpft der Moskauer Ökonomieprofessor Andrej Susdalzew. "Ohne unsere Hilfe überlebt ihre Wirtschaft nicht."

Inzwischen hat Russland seine Gaspreise auf Weltmarktniveau angehoben und beansprucht den Zoll für weiterexportiertes Öl. Weißrussland droht ein Milliarden-Loch bei den Einnahmen.

Und wieder droht Bankrott. Von April bis Dezember 2010 schrumpften die Devisenreserven von 5,3 Milliarden auf 3,4 Milliarden Dollar. Ende März erweiterte die Staatsbank den Korridor für den Wechselkurs der Landeswährung von zwei auf zehn Prozent - eine verschämte Abwertung um zehn Prozent. Aber viele Banken verlangen schon jetzt für Dollar und Euro 20 Prozent mehr weißrussische Rubel. Mehr Hartwährung muss her. Außer Russland und der Weltbank versucht Lukaschenko, auch den Iran und Venezuela anzupumpen. Zudem veranstaltet Minsk Konferenzen für westliche Investoren. Obwohl private Unternehmer in Sowchosen eigentlich nicht vorgesehen sind.

Parteibeamte laden alle Automechaniker vor: zur Belehrung darüber, wie man Autos repariert

M. ist Generaldirektor. Aber über seinem Schreibtisch in der Ecke der Halle fehlt der sinnende Lukaschenko, der sonst über den Chefsesseln der Staatsbetriebe hängt. M. ist Inhaber der Minsker Vertragswerkstatt eines japanischen Autoherstellers und Chef von 14 Angestellten. Wie viele Unternehmer, ob Einheimische oder Ausländer, will er seinen Namen nicht gedruckt sehen. Er traut dem Staat nicht. Der hat unlängst ein Moratorium verkündet, das die Kontrollen aussetzt, mit denen Behörden die Unternehmer schikanieren. "Dieses Moratorium ist", sagt er, "als hätte man dir früher jeden Tag einen Schemel auf dem Kopf zertrümmert. Jetzt zertrümmern sie dort nur noch jeden zweiten Tag einen Schemel."

M. hat das kantige Gesicht eines jungen Eishockeytrainers. Aber er hat keine Zeit für Sport. Er hat in 13 Jahren vier Tage Urlaub gemacht, aus Sorge, in seiner Abwesenheit könnte ihm der Staat das Geschäft ruinieren. "Ich bin Autoexperte, kein Feuerwehrmann. Aber die Brandschutzbeamten kommen nicht, um Ratschläge zu geben oder zu warnen. Sie kommen, um Bußgeld zu kassieren."

Er und andere Unternehmer sagen, in Weißrussland fließe weniger Schmiergeld als in Russland. Dafür gebe es umso mehr Strafen. Allen Moratorien zum Trotz meldet das Komitee für Staatskontrolle auf seiner Website: "Die Finanzfahndungsbehörden haben in den vergangenen zwei Wochen 99 Kontrollen durchgeführt, bei denen 99 Rechtsverletzungen entdeckt wurden." Im Ergebnis habe man Waren und Geld im Wert von umgerechnet 780 000 Euro eingezogen und 54 Strafverfahren eingeleitet. "Wie zu Sowjet-Zeiten", sagt M., "als zweimal die Woche die Arbeiter- und Bauerninspektion auftauchte."

Staatsbetrieben werden Vorzugskredite verlängert. Privatunternehmer aber, die 30 Prozent der Wirtschaft betreiben, vor allem Handel und Service, gelten als verdächtig. Eine Geschäftsfrau in der Provinzstadt Nowopolozk, bei der die Steuer Kreditschulden in Höhe von 78 000 Euro entdeckte, landete als vermeintliche Betrügerin drei Jahre hinter Gittern.

Andere beutet der Staat frei nach Lenin als "nützliche Idioten" aus: 1995 nötigte der Staat für symbolische neun Dollar einer Reihe Geschäftsleute marode Agrarbetriebe auf, mit der Verpflichtung zu investieren, um sie wieder flottzumachen. Eine Sowchose ging gar an einen Stripteaseklub-Besitzer. Aber weder dessen Investitionen noch sein Know-how brachten Erfolg. Auf Druck der Behörden gab er den Betrieb zurück - kostenlos.

Ausländischen Investoren droht Ähnliches. "Wenn Sie in Weißrussland etwas produzieren wollen, bauen Sie zuerst Ihr eigenes Fabrikgebäude", rät ein Schweizer Geschäftsmann. "Sonst kann jeden Tag ein Beamter auftauchen, der erklärt, Ihre Pacht werde ab morgen verdoppelt."

Der Staat verlangt, dass Ausländer weder das Produktionsprofil ändern noch Arbeitsplätze oder Sozialeinrichtungen des Betriebs antasten, den sie kaufen wollen. Sonst können sie enteignet werden. Der weißrussische Wirtschaftsfachmann Leonid Slotnikow vergleicht Investoren mit Pinocchio: Dummköpfe, die man nachts auf den Acker schickt, wo schon die Löcher warten, in denen sie ihr Geld vergraben sollen. Es sei kein Wunder, sagt Slotnikow, dass ausländische Direktinvestitionen 2008 ein bis zwei Prozent des Investitionskapitals in Weißrussland ausgemacht hätten. In Russland lag diese Zahl derweil bei 16 Prozent.

Eine Sowchose lässt sich so wenig teilprivatisieren wie eine Diktatur teildemokratisieren. Daran ändert die Finanznot nichts. "Wer denkt", sagt Lukaschenko, "wir stopfen die Löcher, indem wir Staatseigentum verkaufen, irrt sich gewaltig." Man wird weiter ernten, melken, produzieren, auf Teufel komm raus. Verluste, die dabei entstehen, deckt er mit gepumptem Geld.

Weißrussland droht das Schicksal des toten sowjetischen Mutterlandes. Aber Lukaschenkos Untertanen sind nicht nur, was Disziplin und Arbeitseifer angeht, europäischer als die Russen. Während in Moskau nach getürkten Wahlen kaum ein Dutzend Leute protestiert, musste die Polizei in Minsk nach Lukaschenkos Sieg Zehntausende vertreiben. Es könnten mehr werden.

M. ist für den Nachmittag ins Bezirksexekutivkomitee einbestellt worden. Was die Beamten von ihm wollten? "Sie haben eine Besprechung abgehalten", erzählt er am Telefon, "wie wir das Niveau unserer Dienstleistungen steigern können. Dabei weiß ich selbst, wie man Autos repariert." Zwei Stunden leeres Gerede, das nur Zeit und Nerven gekostet habe. Die ganz gewöhnliche administrative Kommandowirtschaft also. -