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IBM und die ETH Zürich

Leicht ist das nie, wenn zwei selbstbewusste Partner zusammengehen. Aber wenn es gelingt, kann daraus Großes entstehen. Das wollen IBM und die ETH Zürich beweisen.




- Auf den Keller des Neubaus freut sich Paul Seidler wie ein Kind auf Weihnachten. Die Räume sind mit Metall ummantelt, der Boden besteht aus 45 Tonnen schweren Betonblöcken, die gründlich isoliert sind. Die Experimente, die Seidler und seine Kollegen hier machen wollen, sind sehr sensibel. "Ein Zug, der ein paar Kilometer entfernt durch einen Tunnel fährt, würde schon zu viele Erschütterungen verursachen." Seidler ist der Manager des futuristischen Labors. " Jeder Raum ist ein faradayscher Käfig."

Das Gebäude des neuen Nanotech-Centers auf dem Gelände der IBM Research in Rüschlikon bei Zürich kostet 60 Millionen Euro, die Ausstattung noch einmal etwa 30 Millionen Euro. Hier ist auf 6000 Quadratmetern ein Forscherparadies entstanden, in dem Seidler und seine Kollegen all jene Experimente machen können, bei denen es um irrsinnig kleine Dinge geht. Die Wissenschaftler beschäftigen sich mit Nanophotonik und Spintronik kurz: Es geht vor allem darum, neue Computerchips zu erfinden. Denn weil diese nach dem berühmten Moore'schen Gesetz etwa alle 18 Monate ihre Leistung verdoppeln sollen - man also immer mehr Transistoren auf immer weniger Raum unterbringen muss -, geht es um Einblicke in eine Welt, die dem menschlichen Auge schon lange nicht mehr zugänglich ist.

Das Spannendste an dem neuen Forschungszentrum aber sind die Beteiligten. Neben IBM - das die Baukosten komplett und die Ausstattung zu 50 Prozent finanziert hat - ist es die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich. Vier Professoren werden ihr Büro gleich ganz auf das Werksgelände des Konzerns verlegen. Auch wenn es mittlerweile viele Kooperationen zwischen Unternehmen und Universitäten gibt, ist diese Zusammenarbeit in Umfang und Konsequenz einmalig. Sie zeigt, wie sich Großorganisationen aus Wirtschaft und Wissenschaft verändern, indem sie sich öffnen, gegenseitig irritieren und so vielleicht wechselweise befruchten.

Unternehmen versuchten zunehmend, öffentliches Wissen für sich nutzbar zu machen und zu privatisieren, sagt Bennet van Well, Organisations- und Strategieberater bei Metaplan. "Ein Konzern hat es immer schwer, innovativ zu sein. Organisationen sind blind für das Neue. Also nutzen die Unternehmen Universitäten als verlängerte Werkbank, gerade weil die Wissenschaft anders tickt." Van Well weiß, wovon er spricht. Er war früher am Lehrstuhl für Unternehmenskooperation der Freien Universität Berlin tätig, hat über Unternehmensnetzwerke promoviert, danach Pharmaunternehmen beraten. Sicher habe ein Unternehmen wie IBM auch ohne externe Helfer gute Einfälle, sagt er. "Bei IT gehört Cutting Edge Knowledge zum Geschäftsmodell. Aber in Organisationen reproduzieren sich Prozesse. Man kann Innovation nur bedingt institutionalisieren, geht auf ausgetretenen Pfaden. Darum ist es gut, wenn Ideen aus der Uni dazukommen. "

Zwar stammen weltweit im Schnitt nur etwa sechs Prozent der universitären Forschungsetats aus dem privaten Sektor - und nur wenige Hochschulen und vor allem die Pharmakologie profitieren davon. Dennoch gibt es gerade im deutschsprachigen Raum zunehmend Beispiele für eine engere Zusammenarbeit. So sponsert etwa Eon am Energy Research Center in Aachen fünf Professuren. Das Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik der TU Braunschweig ist zum Teil auf dem Campus des Partners Volkswagen angesiedelt. Die Deutsche Telekom betreibt zusammen mit der TU Berlin das Forschungszentrum T-Labs und erhofft sich dabei "neuartige Innovationsmanagementansätze", wie es in einem Positionspapier des Konzerns heißt: "War es für Firmen in der Vergangenheit möglich, neuartige Produkte weitestgehend auf Basis eigenen Wissens und eigener Kapazitäten zu erstellen, so wird dieser Ansatz zunehmend durch moderne Kooperationsmodelle im Sinne einer offenen Innovation ersetzt."

Zu diesem Zweck geben Unternehmen Hochschulen Geld, sogenannte Drittmittel, für bestimmte Forschungsvorhaben. Finanzieren ganze Lehrstühle (Stiftungsprofessuren). Oder arbeiten wie im Fall von IBM und ETH Zürich konkret zusammen. Letzteres gilt als besonders sinnvoll, weil die unterschiedlichen Interessen von Wirtschaft und Wissenschaft so am besten unter einen Hut zu bekommen sind. Denn die spannende Frage ist: Was geschieht, wenn bei der Kooperation wirklich Bahnbrechendes herauskommt? Forscher möchten ihre Erkenntnisse veröffentlichen, um in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu glänzen. Unternehmen wollen Geld verdienen - also neues Wissen für sich nutzen.

Die wichtigste Frage: Wem gehören die Ideen?

Weil dies beiden Seiten klar ist, wird die Frage des geistigen Eigentums in Verträgen detailliert geregelt. Es gehe darum, einen Rahmen zu definieren, "der das Interesse der Unternehmen an den Schutzrechten und das Publikationsinteresse der Professoren gleichermaßen berücksichtigt", sagt Andrea Frank. Sie leitet den Programmbereich Dialog und Forschung beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, in dem sich rund 3000 Unternehmen, Unternehmensverbände, Stiftungen und Privatpersonen zusammengetan haben, "um Wissenschaft, Forschung und Bildung voranzubringen". Sie weiß: Kooperationen zwischen Industrie und Universitäten werden kritisch beäugt. Und sie räumt ein: " Je näher Forschungsprojekte an Produkten sind, desto höher ist natürlich das direkte Unternehmensinteresse an den Ergebnissen." Mit anderen Worten: Die Universitäten müssen aufpassen, nicht über den Tisch gezogen zu werden.

Und nicht jeder Forscher freut sich über Geld von Unternehmen. Anfang des Jahres kritisierten Bremer Wissenschaftler öffentlich, dass Lehrstühle an der Universität Bremen zunehmend von Wirtschaftsunternehmen finanziert werden. Darin sehen sie "einen Grund für die Außensteuerung der Universität und für die Gefährdung der Unabhängigkeit von Wissenschaft, Forschung und Lehre". Andrea Franks Verband hatte die zur Hälfte von der OHB-System AG - eine Firma, die groß im Rüstungsgeschäft ist, wie die Kritiker monierten - finanzierte Professur, die Stein des Anstoßes war, auf den Weg gebracht. Sie verteidigt das Prinzip: "Unternehmen stiften natürlich mit bestimmten Interessen. Aber mehr als die Hälfte der Hochschulen und mehr als zwei Drittel der Stiftungsprofessoren fühlen sich durch die Anliegen der Stifter nicht eingeschränkt", habe eine Studie zum Thema ergeben. Wichtig sei, dass man auf Augenhöhe kooperiere.

Roland Siegwart, Vizepräsident Forschung und Wirtschaftsbeziehungen der ETH Zürich, sieht das ähnlich. Er sagt über die Zusammenarbeit mit IBM: "Die Investitionen für solche Technologieplattformen sind größer gewor den. Das kann die Industrie nicht selbst stemmen, die Hochschule aber auch nicht. In einer Partnerschaft hat man ein Win-Win." Notwendig sei - wie im neuen Nanotech-Zentrum -, einen normalen Austausch zwischen den Partnern zu ermöglichen: "Dass man sich an der Kaffeemaschine trifft, vielleicht beim Sport nach der Arbeit, und man also eine sehr offene Interaktion hat. Sich da zu öffnen, das haben Hochschulen gelernt."

Dabei achte die ETH, das betont Siegwart, auf ihre Unabhängigkeit. So werden die Stiftungsprofessuren hier nicht von der Industrie definiert, sondern von der Hochschule. "Sie müssen in unsere Strategie passen, sonst hat die ETH kein Interesse daran." Das ist auch deshalb vernünftig, weil die Stifter nur die Anschubfinanzierung für einen Lehrstuhl übernehmen - die Hauptkosten der Professur trägt die Hochschule.

Grundsätzlich passten die Großorganisationen Universität und Konzern gut zusammen, sagt der Berater van Well. "Weil beide Bürokratien haben, die Verträge miteinander aushandeln können." Die ETH hat darin schon seit Jahren Erfahrung. Man forscht nicht nur gemeinsam mit IBM, sondern zum Beispiel auch mit dem Walt-Disney-Konzern. Im neuen Nanotech-Center dürfen beide Partner auch mit anderen Organisationen zusammenarbeiten, "aber schon aus Fairness würden wir das nicht mit einem direkten Mitbewerber der IBM tun", sagt Siegwart.

Es sind zwei selbstbewusste Größen, die sich im lauschigen Zürcher Vorort Rüschlikon zusammengetan haben. Das dortige, 1956 gegründete IBM-Labor, auf dessen Gelände das Nanotech-Zentrum steht, ist der europäische Zweig der globalen Forschung des Konzerns. Er verfügt weltweit über 3500 Mitarbeiter in acht Labors und damit über die größte industrielle IT-Forschungsinstitution überhaupt. In Zürich tüfteln rund 350 Mitarbeiter an Nanowissenschaften, Chiptech- und Servertechnologie, Supercomputing oder Datensicherheit. Ungewöhnlich für eine privatwirtschaftliche Forschungseinrichtung: IBM hat hier zwei Nobelpreise gewonnen, unter anderem für die Erfindung des Rastertunnelmikroskops. Die ETH wiederum hat bis heute 21 Nobelpreisträger hervorgebracht, sie meldet jährlich bis zu 100 Patente an und unterstützt die Gründung von bis zu 20 Unternehmen pro Jahr.

Ein Vorteil der Kooperation sind für Siegwart die Karrierechancen: "Die Industrie hat einen frühen Zugang zu Talenten, und die Studenten haben einen frühen Einblick ins Industrieleben." Im neuen Nanotech-Center arbeiten angehende Akademiker, Wissenschaftler und IBM-Forscher Seite an Seite. Man sieht auf den ersten Blick nicht, wer wohin gehört.

Viele ETH-Absolventen gingen zu IBM, sagt Matthias Kaiserswerth, Direktor des Zürcher Forschungslabors. Die Nähe zu einer sehr guten Hochschule sei einer der wichtigsten Gründe gewesen, warum das Unternehmen sein Labor an diesem Standort gegründet habe. Spätestens seit dem Jahr 2000 arbeite man intensiv mit der ETH auch an gemeinsamer Forschung. "Aber der Höhepunkt war sicherlich der Dezember 2007, als wir beschlossen haben, gemeinsam das neue Nanotechnologie-Labor zu errichten." Die Forscher beider Seiten hatten da bereits miteinander gesprochen und Interessensgebiete ausgelotet, auf denen sie zusammenarbeiten wollten. Bis dahin sei die Zusammenarbeit mit der ETH "nicht so strukturiert" gewesen. Dann aber wurde ein Rahmenvertrag ausgehandelt, der vor allem die Fragen des geistigen Eigentums regelt. "Das Schöne ist, dass diese Fragen jetzt für jeden Anwendungsfall geklärt und gelöst sind", so Kaiserswerth.

Die ETH Zürich hat sich für die kommenden zehn Jahre in das Gebäude eingemietet, zahlt die Hälfte der Infrastruktur und die Hälfte der Betriebskosten für den Reinraum. "Das ist ein enormes Commitment von beiden Seiten", sagt Kaiserswerth. Viele sprächen derzeit von Open Innovation. Die Schweizer praktizierten das seit Jahren: "Heute ist man bei vielen Themen und Entwicklungen, die anspruchsvoll, interdisziplinär und hochkomplex sind, darauf angewiesen, mit Partnern zusammenzuarbeiten. So entsteht mehr, als wenn ein einzelnes Unternehmen das allein machen würde."

Auch wenn die Forschungskooperation in Zürich bei IBM als Beispiel für Open Innovation gepriesen wird, ist unter Fachleuten durchaus strittig, ob Aktivitäten wie diese überhaupt darunterfallen. "So open ist das ja gar nicht, wenn die Professoren auf dem IBM-Gelände sitzen", sagt van Well ketzerisch. Und sieht eher die romantische "Hoffnung der schönen neuen bunten Welt" am Werk. Auch Frank Piller, Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Technologie- und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen und einer der Vordenker der Bewegung, kritisiert: "Ich würde sagen: Das ist genau das Gegenteil von Open Innovation." Für ihn ist die Kooperation von IBM und ETH lediglich "eine klassische Allianz bei Forschung und Entwicklung". Nach seiner Definition bedeutet Open Innovation, sich mit "nicht offensichtlichen Partnern kurzfristig und informell" zusammenzutun. Also: Finde ich für eine Fragestellung in meiner Firma keine Lösung, schreibe ich diese zum Beispiel auf meiner Website aus und schaue, wer sich meldet. So lassen sich allerdings keine neuen Chip-Generationen entwickeln, gibt auch Piller zu. Open Innovation sei eher gut für "kleine, granulare, gut definierte Aufgabenstellungen".

Die TUs wissen, wie Kooperation geht

Er hält es dennoch mit Steven Johnson, der in seinem aktuellen Buch "Where Good Ideas Come From" schreibt, radikale Innovation entstehe, wenn man viele zufällige Verbindungen geschaffen habe. Und - Modewort Open Innovation hin oder her - das könne bei IBM und ETH dank Personalaustausch und informeller Kultur durchaus passieren: "Es ist ja ganz selten, dass ein Unternehmen Nobelpreisträger hervorbringt. In den siebziger und achtziger Jahren war IBM die bessere Universität", so Piller, also ein klassisch vertikal integriertes Unternehmen bis in die Grundlagenforschung. "Damals hätten die so ein Nanozentrum allein gestemmt. Heute ist klar, dass sie es mit einer Hochschule zusammen machen."

Die Partnerschaft soll beiden Organisationen nützen. Der IBM-Mann Kaiserswerth drückt es so aus: "Die ETH verwandelt Geld in Erkenntnisse. Wir ebenfalls, dann aber auch Erkenntnisse in Geld." Ganz ohne ökonomisches Interesse agiert die Hochschule allerdings auch nicht, denn aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die in der gemeinsamen Forschung entstehen, sollen Startups hervorgehen. "Daher haben wir im Rahmenvertrag eine Regelung, die der ETH Möglichkeiten einräumt, Patente an Spinoffs zu überschreiben", so Kaiserswerth.

Er sagt, man habe im Unternehmen bei den Vertragsverhandlungen sehr darauf geachtet, dass niemand der ETH den Vorwurf machen könne, sie verbandele sich zu sehr mit dem Konzern. Ein Beispiel: Wer in Europa eine Erfindung patentieren lassen will, darf vorher darüber nichts veröffentlicht haben. Deshalb gibt es nun feste Fristen für eine Patentanmeldung - damit der Konzern die Universität nicht ewig davon abhalten kann, Forschungsergebnisse zu publizieren.

Was lässt sich aus den Erfahrungen in Zürich lernen? Dimos Poulikakos, Professor für Thermodynamik an der ETH und einer der Forscher, die im neuen Nano-Center arbeiten werden, nennt drei Punkte: "Erstens muss die Autonomie der Forschung gewährleistet sein. Zweitens darf das Thema kein nice to have sein, sondern muss als Bedürfnis der Forscher von unten kommen. Drittens muss man unbedingt die Erwartungen beider Seiten vorher ausdiskutieren." Und vermutlich nützt zunächst einmal die grundsätzliche Bereitschaft, überhaupt etwas zusammen zu machen: Da sind Ingenieure oft pragmatischer als Geisteswissenschaftler. "Die großen Technischen Universitäten sind nicht nur mit ihren fachlichen Themen näher an den Unternehmen, sondern auch in den Verhandlungen oft selbstbewusster und routinierter als kleinere Hochschulen", sagt Andrea Frank.

Paul Seidler steht vor dem Reinraum des Nanotech-Centers und blickt durch die Glasscheibe, hinter der Arbeiter in weißen Schutzanzügen zwischen chromblitzenden Rohren und Ventilen hantieren - es wirkt wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film. IBM will hier eine neue Generation von Computerchips entwickeln, die schneller, kleiner, energiesparender und billiger herzustellen sind. Wenn das in Zusammenarbeit mit der ETH gelingt, hat der Konzern einmal mehr bewiesen, dass er sich immer wieder neu erfinden kann und Teile der High-Tech-Branche gleich mit.

Annähernd eine Milliarde Dollar im Jahr verdient IBM schon jetzt mit geistigem Eigentum, also dem Handel mit Ideen. In der Pharmaindustrie wolle man alle Patente für sich behalten, sagt Seidler, in der IT-Industrie lizensiere man sie eher. Darum kann sein Konzern hier auch Grundlagenforschung betreiben, die nie zu Produkten führen wird, nur zu Patenten. Er weiß, dass das ein Privileg ist. Und dass Wissen wertvoller wird, wenn man es nicht für sich behält, sondern teilt. -