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Großbanken

Wäre die Welt ohne Großbanken eine bessere? Ein Feindbild auf dem Prüfstand.




Sind normale Kunden nicht bei Sparkassen, Volksbanken, unabhängigen Vermögensberatern oder Direktbanken besser aufgehoben?

Vorweg: Die marktführenden Direktbanken hierzulande - ING-Diba, DKB, Cortal Consors, Comdirect und DAB - sind allesamt Töchter von Großbanken, wenn sie auch ihren Kunden gegenüber versuchen, ein anderes Image zu verkörpern. Sparkassen, Volksbanken und unabhängige Berater indes bieten tatsächlich mehr als nur eine persönlichere, wärmere Atmosphäre: Sie sind lokal verwurzelt und unabhängig. Als Kunde eines solchen Instituts zu glauben, man käme ohne Großbanken aus, ist jedoch eine Illusion.

"Ohne die Großen können und wollen wir nicht", sagt Günter Schlösser, Vorsitzender des Verbands unabhängiger Vermögensverwalter. Jeder freie Berater braucht Banken, die für seine Kunden die Konten führen und verwalten. Unter den Depotbanken sind die großen Institute überproportional vertreten. "Ein renommierter Name hilft im Kundengespräch", argumentiert Schlösser. Volksbanken und Sparkassen führen ihre Depots zwar selbst. In dem Moment aber, in dem ein Kunde in Wertpapiere investiert, etwa einen Fonds kauft - und sei es ein hauseigenes Produkt -, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits mit einem Großinstitut im Geschäft. Und das bringt ihm sogar einen Vorteil, auf den viele Anleger großen Wert legen: geringe Kosten.

In den vergangenen gut zehn Jahren seit der Einführung des computergestützten Wertpapierhandels hat an den Börsen ein dramatischer Wandel stattgefunden. Der Umschlag wurde immer schneller. Heute werden die Orders an der Frankfurter Wertpapierbörse in Mikrosekunden ausgeführt, also in millionstel Bruchteilen einer Sekunde. Immer höher steigen dadurch und durch die zunehmende Regulierung die technischen Anforderungen an die Banken. Auf Druck großer Anleger, aber auch aggressiver Internetbroker sanken gleichzeitig die Gebühren für Klein- und Großanleger dramatisch - und damit die Margen für die Geldhäuser.

Uto Baader, Inhaber der Baader Wertpapierbank, mit rund 400 Mitarbeitern einer der kleineren Spieler im globalen Geschäft, kommt noch zurecht, weil er sich spezialisiert hat, "auf die Betreuung mittelständischer Unternehmen am Kapitalmarkt", wie er sagt. Baader muss jedes Jahr einen hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Millionenbetrag in Technik investieren. Im Geschäft mit den großen Konzernaktien, den sogenannten Blue Chips, werden jährlich mindestens hohe zweistellige Millionenbeträge fällig - so haben nur noch die Großbanken eine Chance. Sie dominieren den Handel, halten laut dem Markit-MSA-Index-Report derzeit bei europäischen Standardwerten etwa einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent.

Das bedeutet: Wenn ein Anleger einen Sparkassenfonds kauft, der in Siemens oder Nokia investiert, macht ihm - indirekt - beispielsweise die US-Bank Goldman Sachs oder die Deutsche Bank den Preis. Und er profitiert davon. Denn billiger als die Großen macht es niemand. Ein ähnlicher Mechanismus gilt für den Handel mit Devisen und teilweise auch mit Rohstoffen. Man kann als Kunde Großbanken unsympathisch finden und sein Konto oder Depot woanders führen - aber auf sie verzichten kann man nicht.

Selbst wenn man Großbanken für den Börsenhandel braucht, ist nicht der Rest dessen, was sie an den Kapitalmärkten machen, das sogenannte Investmentbanking, pure Spekulation?

Der reine Eigenhandel, bei dem die Banken auf eigene Rechnung an den internationalen Kapitalmärkten auf Wertpapiere, Derivate, Devisen oder Rohstoffe wetten, wurde bei deutschen Instituten eingestellt - eine Lehre aus der Finanzkrise. Die internationale Konkurrenz verfährt ähnlich. Sie hat das Proprietary Trading entweder gänzlich beendet oder deutlich zurückgefahren. Vereinzelt halten die Institute Beteiligungen an Hedgefonds, die von ihren ehemaligen Händlern gegründet wurden. Das Volumen dieser Aktivitäten ist aber nicht mehr vergleichbar mit dem aus Vorkrisenzeiten.

Was im Investmentbanking seither geschieht, ist weitestgehend das Resultat von Kundenaufträgen: Unternehmen wollen etwa an der Börse eine Anleihe platzieren oder eine Kapitalerhöhung durchführen. Andere sichern sich durch Kapitalmarktprodukte ab: International agierende Firmen schützen sich gegen Währungsschwankungen, Speditionen gegen einen Anstieg des Dieselpreises, Landwirte, um die volatile Wertentwicklung beim Weizen abzufedern. Großanleger - also zum Beispiel Fondsgesellschaften, Pensionskassen oder Versicherungen - wickeln Wertpapierkäufe und -verkäufe ab. Zu dieser Kategorie gehören auch Transaktionen wie die unlängst bekannt gewordene der Deutschen Bank mit dem Hedgefondsmanager John Paulson, der die Subprime-Krise vorhersah und im Jahr 2007 dank dieser Erkenntnis 3,7 Milliarden Dollar verdiente. Jetzt konstruierte ihm die Deutsche Bank ein Papier, um auf einen steigenden Öl- und gleichzeitig weiter zulegenden Goldpreis zu setzen. Das mag nach Zockerei klingen. Tatsächlich kreierte das Geldhaus dabei lediglich ein spezielles Wertpapier und verdient an dessen Vermittlung eine Provision.

Längst sind aber nicht mehr nur Großunternehmen Kunden des Investmentbankings. Allein bei der Deutschen Bank werden schätzungsweise 15 000 Mittelständler in diesem Bereich betreut. Auch sie sichern sich ab; auch für sie platzieren die Geldhäuser mittlerweile Anleihen - allerdings nicht unbedingt an der Börse, sondern auch in kleinerem Stil bei gezielt ausgesuchten Investoren. Auf diese Weise wollen viele Firmen die Abhängigkeit von Krediten verringern. Stefan Fuchs, Mitinhaber und Vorstandschef des Mannheimer Schmierstoffhändlers Fuchs Petrolub, der seine Bankverbindlichkeiten auf null zurückgefahren hat, hat dazu eine klare Meinung: "Die Angebote des Investmentbankings sind für uns sehr wichtig, nicht weniger als klassische Kredite."

Bekommen Mittelständler abgesehen von solchen Spezialprodukten nicht bei lokalen Instituten alles, was sie brauchen?

In dem Moment, in dem Firmen international agieren - und das tun laut einer aktuellen Studie der KfW Bankengruppe 52 Prozent der deutschen Mittelständler -, wird es schwierig. Sparkassen oder Volksbanken sind in der Regel nur regional tätig. Auch Landesbanken verfügen selten über ein Netz, das mit dem internationaler Privatbanken vergleichbar ist.

"Wenn wir ein Land neu erschließen, entsenden wir zunächst einen Geschäftsführer dorthin. Der sucht dann als Erstes einen Wirtschaftsprüfer, einen Anwalt und eine Bank", erläutert Fuchs. "In diesem Prozess von einem internationalen Institut begleitet zu werden ist enorm hilfreich. Und es ist auch der übliche Weg." Dabei geht es um weit mehr, als nur einen Kredit zu einem günstigen Zins für ein bestimmtes Projekt zu bekommen. "Eine Bank, die bereits vor Ort ist und einen guten Namen hat, schafft Vertrauen, öffnet Türen. Und man profitiert von den Erfahrungen des jeweiligen Instituts. Das ist mindestens ebenso entscheidend wie die reine Finanzierungsfunktion."

Könnten sich für größere Finanzierungen nicht viele kleine Banken zusammenschließen?

Alexander Stuhlmann, Ex-Vorstandschef der HSH Nordbank und der WestLB, hat in seinem Leben reichlich Erfahrungen mit Verbundlösungen gemacht. Sein Fazit: Je weniger Banken an einer Finanzierung beteiligt sind, desto besser. Stuhlmann sagt: "Schon wenn alles glatt läuft, ist der Koordinierungsaufwand hoch. Aber wenn es Probleme gibt, wird es extrem schwierig, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen."

Beim Baukonzern Heidelbergcement kann man ein Lied davon singen. Im Sommer 2009 stand die einst mehrheitlich zum Imperium des verstorbenen Unternehmers Adolf Merckle gehörende Firma vor dem Zusammenbruch. Nicht weil sie kurz vor der Pleite war. Die Umsätze waren eingebrochen, die Schulden hoch, aber der Cashflow noch ansehnlich. Das Problem war die Anzahl der Gläubigerbanken: Sage und schreibe 60 Institute, die der Firma insgesamt 16 Milliarden Euro geliehen hatten, gestückelt in Pakete von jeweils 50 bis 500 Millionen. "Sie brauchen von jedem einzelnen Institut die Zustimmung, und jedes einzelne kann alles zum Scheitern bringen. Man ist quasi in einer Erpressungssituation", sagt Bernd Scheifele, Vorstandschef von Heidelbergcement. Die beiden großen Konsortialführer Deutsche Bank und Morgan Stanley seien "Schrittmacher" gewesen, die viele andere Banken mitgezogen und am Ende maßgeblich zur Lösung beigetragen hätten. Sein Fazit: "Eine derartige Anzahl von finanzierenden Banken würde ich nie wieder akzeptieren." Heidelbergcement hat mittlerweile noch 17 Partnerbanken, eine Größenordnung, die Scheifele aus Sicht eines Konzerns für angemessen und handhabbar hält. Die Umschuldung gelang, das Unternehmen floriert wieder.

Nun geht es nicht für alle Firmen um Milliardenkredite. Aber schon bei zweistelligen Millionenbeträgen sind regionale Institute aufgrund ihres begrenzten Eigenkapitals oft überfordert. Das verdeutlichen folgende Zahlen: Von den 429 Sparkassen hierzulande haben mehr als 300 eine Bilanzsumme von weniger als einer Milliarde Euro. Geht man großzügig von einer Eigenkapitalquote von rund zehn Prozent aus, so verfügen diese Häuser über weniger als 100 Millionen Euro an haftenden Mitteln. Laut Kreditwesengesetz darf eine Bank aber keinem Kunden Darlehen gewähren, die zehn Prozent ihres Eigenkapitals übersteigen. Das bedeutet: Zehn Millionen Euro Finanzierungsvolumen sind für das Gros der Sparkassen schon deutlich zu viel. Bei den Volksbanken stellt sich die Lage ähnlich dar. Für größere Mittelständler und Konzerne sind damit Zusammenschlüsse vieler kleiner Banken zum Zwecke einer großen Finanzierung schlicht nicht machbar.

Immerhin brauchten die Sparkassen nicht mit Steuergeldern gerettet zu werden. Wirtschaften sie vielleicht solider?

Die Sparkassen befinden sich in öffentlicher Hand, werden also ohnehin von - zumeist kommunalen - Steuergeldern finanziert. Und sie sind Miteigentümer der Landesbanken, von denen immerhin drei gerettet werden mussten: WestLB, SachsenLB und HSH Nordbank. Insofern kann man nicht wirklich behaupten, dass die öffentlichen Institute besser wirtschaften als private.

Zudem ist der hohe Marktanteil der Sparkassen - im Firmenwie im Privatkundengeschäft liegt er bei rund 40 Prozent - mitverantwortlich für die Ertragsschwäche mancher großen Banken. Als öffentliche Institute verfolgen sie teilweise geringere Renditeziele. Ein Vorteil für die Kundschaft - auf den ersten Blick.

In keinem europäischen Land sind die Zinsmargen derart niedrig wie in Deutschland, im Schnitt liegen sie rund 60 Prozent über dem Niveau hierzulande. Das belegt die Studie eines Expertenrats unter der Leitung des Bonner Wirtschaftsrechtlers Daniel Zimmer für die Bundesregierung vom Januar dieses Jahres. Ursächlich dafür, so die Untersuchung, sei die Zersplitterung des deutschen Marktes durch den hohen Anteil vor allem öffentlicher Institute und die daraus resultierende Wettbewerbsintensität. Dies wiederum habe einige Banken dazu verleitet, ihre Profitabilität zu erhöhen, sogenannte Kreditersatzgeschäfte zu tätigen - die verhängnisvollen Investments in US-Immobilienpapiere.

Natürlich sind die Sparkassen nicht allein verantwortlich für die Misere: Es hätte intelligentere Lösungen für das Problem der Ertragsschwäche gegeben als den massenhaften Kauf verbriefter US-Hypotheken. Tatsache bleibt: Die Größe des öffentlichen Sektors im Bankgewerbe ist im internationalen Vergleich ungewöhnlich hoch. Sie vermindert die Profitabilität des Geschäfts und damit die Möglichkeit der Institute, Risikopuffer zu bilden. Wenn in einer Krise Steuergelder fließen, zahlt auch der Sparkassenkunde.

Es dürfen nicht wieder Steuergelder in die Rettung von Großbanken fließen. Sollte man also Commerzbank und Deutsche Bank nicht doch verkleinern, etwa das Investmentbanking abspalten?

Die Commerzbank ist nicht zu groß, sondern in einigen Geschäftsfeldern eher zu klein. Ihr Marktanteil, und damit das Volumen ihrer Geschäfte, reicht heute schon kaum aus, um den aktuellen Kostenapparat zu rechtfertigen. So erwirtschaften die Frankfurter mit ihren rund 45 000 inländischen Mitarbeitern gerade mal ein Ergebnis von 150 Millionen Euro. Würde die Commerzbank in mehrere kleinere Einheiten aufgespalten, müssten diese massiv investieren, um unabhängig arbeiten zu können, vor allem in Technik. Die Folge: höhere Kosten, noch weniger Gewinn.

Trennte man das Investmentbanking ab, wäre das Ergebnis nicht besser. Man würde die Commerzbank einer wichtigen Gewinnquelle berauben: Im Segment Corporates & Markets fuhr die Bank 786 Millionen Euro ein. Das liegt nicht an wilden Spekulationen, sondern daran, dass Banken aufgrund geringer Margen bei der Kreditvergabe im Kapitalmarktgeschäft deutlich besser verdienen. Die Erträge mit großen Firmenkunden, das bestätigen deren Finanzvorstände unter der Hand, stammen mehrheitlich aus Kapitalmarkttransaktionen - Provisionen für die Abwicklung von Börsengängen, für die Platzierung von Anleihen und für Absicherungsgeschäfte. Auch die Zahlen der Deutschen Bank belegen dieses Phänomen: Mit der Kreditvergabe an größere Firmen erlöste sie 2010 nicht mal die Hälfte dessen, was sie im Investmentbanking allein am Börsenhandel und Aktienverkauf verdiente. Ohne Kapitalmarktgeschäft wird eine Großbank also in der heutigen Zeit tendenziell nicht stärker, sondern schwächer.

Hinzu kommt: Die Bank Lehman Brothers, deren Pleite die Wirtschaftswelt an den Rand des Abgrunds führte, war eine reine Investmentbank. Aus heutiger Sicht halten die meisten Experten die damalige Entscheidung der US-Regierung für einen Fehler man hätte die Amerikaner retten sollen. Zu groß war der Vertrauensverlust, der die Kapitalströme weltweit fast zum Erliegen brachte. Das Beispiel zeigt, dass eine Aufspaltung großer Banken in einen Privat- und Firmenkunden-Teil und in einen Investment-Teil nicht vor neuen Unterstützungsaktionen schützen würde.

Wenn Zerschlagung keine Lösung ist - was dann?

Der Studienautor Zimmer befürwortet einen "Dreiklang von Maßnahmen", der in dieser oder ähnlicher Form von vielen Branchenkennern unterstützt wird: 1. Das Eigenkapital der Banken muss erhöht werden, damit sie im Falle einer Schieflage einen größeren Risikopuffer haben. Dieser Prozess ist bereits im Gange; 2. Jedes Institut sollte einen "living will" erstellen, eine Art Testament, in dem die eigene Abwicklung vorgedacht und damit im Ernstfall erleichtert wird; 3. Sollte ein Institut wieder in eine Schieflage geraten, müssten die Aktionäre tatsächlich bluten: Ihr Geld ginge verloren und würde - nach der bereits in Gang getretenen Erhöhung der Eigenkapitalquoten - hoffentlich ausreichen, um die Kunden zu schützen und eine geordnete Abwicklung sicherzustellen. -