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Das Wachstumsrätsel

Die wirtschaftliche Gesundheit eines Landes ist immer auch eine Frage der Formel. Die einen sehen in Deutschland einen kranken Mann, die anderen einen quicklebendigen Burschen.




- Das britische Magazin "The Economist" hat das neue deutsche Wirtschaftswunder ausgerufen. Nicht nur für das wirklich ausgezeichnete Jahr 2010, sondern für die komplette vergangene Dekade. Und wir reiben uns verwundert die Augen. Hieß es nicht bis zur Finanzkrise, Deutschland sei der kranke Mann Europas? Schlusslicht beim Wachstum, das Land des Reformstaus, der unflexiblen Arbeitnehmer, ideenloser Erfinder und ängstlicher Manager? Doch der "Economist" verkündet: Kein anderes der größten Industrieländer hat sich seit 2001 so gut entwickelt.

Die Erklärung sei ganz einfach: Zwar sei die deutsche Wirtschaft mit durchschnittlich 0,9 Prozent pro Jahr nur halb so stark gewachsen wie etwa die der USA. Übersehen worden sei dabei allerdings: Nur in Deutschland sei die Bevölkerung zurückgegangen. Pro Kopf habe die Wirtschaft um fast ein Prozent jährlich zugelegt - einsame Spitze.

Doch so leicht will der Ökonom Hans-Werner Sinn - einer der Hauptuntergangspropheten des Landes - sich nicht geschlagen geben. Der Chef des Münchner Ifo Instituts sagt: Der "Economist" habe sich verrechnet. In Wirklichkeit sei die Bundesrepublik Klassenletzter beim Pro-Kopf-Wachstum sämtlicher Euro-Staaten gewesen. Die falsche Schlussfolgerung, so Sinn, sei beim Versuch entstanden, aus den Wachstumszahlen die Geldentwertung herauszurechnen. Statt die Inflationsrate jedes einzelnen Landes zu betrachten, hätten die Briten eine einzige, nämlich eurozonenweit harmonisierte Rate zugrunde legen müssen.

Sagt Sinn. Seine Argumentation muss man weder durchdringen noch teilen. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Auch bei Statistiken entscheidet am Ende das Kleingedruckte. Vielleicht einigen wir uns, um des lieben Friedens willen, künftig auf die Aussage, dass Krankgesagte ganz schön munter sein können. -