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Wie umweltfreundlich sind erneuerbare Energien?

In kaum einem Land wird Ökostrom so kräftig gefördert wie in Deutschland. Das freut Anlagenhersteller und -betreiber. Doch der Nutzen ist umstritten.




• Glückwunsch! Nach immer neuen Spitzenleistungen haben Wind, Sonne, Wasser und Biomasse im vergangenen Jahr erneut eine Rekordernte eingefahren. Mehr als 17 Prozent des Stroms und 10,5 Prozent des deutschen Energieverbrauchs stammten aus erneuerbaren Quellen, was der Atmosphäre gut 116 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) ersparte. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte: Der Umwelt bringt das auf den ersten Blick gar nichts. Denn Deutschlands Run auf die Regenerativen, befeuert durch die garantierten Abnahmepreise des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), wird durch den EU-Emissionshandel konterkariert. Der legt in mehrjährigen Handelsperioden sogenannte Caps für den CO2-Ausstoß fest, der den Energieversorgern und der Industrie insgesamt erlaubt ist.

Unterhalb dieser Grenzen dürfen Kraftwerksbetreiber und Unternehmer ihre CO2-Emissionsrechte frei handeln, was den marktwirtschaftlichen Vorteil hat, dass Kohlendioxid immer dort vermieden wird, wo der Einspareffekt am günstigsten zu haben ist. Nach dieser Cap-&-Trade-Logik darf aber auch jede Tonne CO2, die eine saubere deutsche Fotovoltaik- oder Windkraftanlage einspart, von einem altersschwachen Kohlekraftwerk anderswo zusätzlich in die Luft geblasen werden. Der Einspareffekt: null.

In Wirklichkeit, sagt Joachim Weimann, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Magdeburg, sei es sogar noch schlimmer. Denn der Zuwachs an grünem Strom dämpfe die Nachfrage nach Verschmutzungsrechten und damit auch deren Preis. Für Stromproduzenten ergäben sich in der Folge weniger Anreize, über Techniken der CO2-Vermeidung nachzudenken. "Der Ausbau von Wind- und Solarenergie ist eine ausgesprochen schlechte Klimapolitik", ist Weimann überzeugt. Um möglichst effizient und in großem Maßstab CO2 einzusparen, sei der Emissionsrechtehandel das Instrument der Wahl, denn es zwinge die Energieversorger, CO2zu reduzieren - auch durch regenerative Energie, allerdings auf eigene Kosten.

Ökonomisch gesehen mag Weimanns Analyse schlüssig sein. Politisch jedoch ist sie naiv. Denn die von Brüssel festgelegten Caps sind nicht etwa wissenschaftlich begründete oder umweltpolitisch sinnvolle Limits, sondern nur das, was übrig bleibt, nachdem Lobbyisten und nationale Interessenvertreter ihre Arbeit getan haben: eine laxe Mischung aus "komplexen Regelungen, verzerrten Anreizen und ,großzügigen' Obergrenzen", wie die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kritisiert.

Entsprechend billig sind die Verschmutzungsrechte für durchschnittlich nur 15 Euro pro Tonne CO2 – im besten Fall ein Drittel jener Marke, von der an sich etwa der Bau von Windrädern rechnete (40 bis 60 Euro pro Tonne). Um Investitionen in die teure Solarenergie auszulösen, müsste ihr Preis dauerhaft auf mehr als 350 Euro steigen.

Fritz Vahrenholt, Geschäftsführer der RWE Innogy, setzt deshalb lieber auf das EEG. Er war mal Vorstandsvorsitzender des Windanlagenherstellers REpower und soll heute bei Deutschlands größtem Kohlendioxidemittenten für eine Verbesserung der CO2-Bilanz sorgen. "Ohne die Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz", sagt er, "wären wir technisch und wirtschaftlich immer noch auf dem Stand von vor zehn Jahren. 95 Prozent der regenerativen Kraftwerke hierzulande wären nie errichtet worden."

Dank des subventionierten Booms der Erneuerbaren aber sei genau jener Reformdruck entstanden, den Europas überaltertes Energiesystem dringend braucht. Weil im windreichen Norden immer größere Windparks ans Netz gehen, werden jetzt leistungsstarke Übertragungsnetze geplant, mit denen sich die Stromernte vom Erzeuger zum Verbraucher transportieren lässt.

Für die Elektroindustrie lohnt sich plötzlich die Entwicklung leistungsfähiger Speichertechniken, die Energie aus schwankungsanfälligen Sonnen- und Windstromanlagen horten können. Während mehr als 21 600 Windräder und rund 14 Millionen Quadratmeter Kollektorfläche in Deutschland ans Netz gingen, haben 21 der 27 EU-Mitgliedsstaaten feste Einspeisevergütungen nach deutschem Vorbild eingeführt.

Das EEG hat also einen Markt geschaffen, den es mit dem Emissionshandel allein noch nicht gegeben hätte.

In den kommenden Jahren soll dieser Markt weiter wachsen. Schließlich will die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis 2020 verdoppeln. Und vielleicht lassen sich mit einem größerem Potenzial an Ökostrom in künftigen Perioden des EU-Emissionshandels auch ehrgeizigere Einsparziele durchsetzen. "Die CO2-Obergrenzen werden immer auch mit Blick auf das festgelegt, was an Emissionsreduktionen erreicht oder zu erwarten ist. Dazu sind die Mitgliedsstaaten laut EU-Richtlinie angehalten", sagt Roland Geres, der für die Münchner Future-Camp Climate GmbH Industrieunternehmen und Energieversorger beim Emissionshandel berät.

Paradoxerweise hat der Erfolg des deutschen Subventionssystems aber auch dessen Schwächen offenbart. Weil die Fördersätze nicht den sinkenden Marktpreisen angepasst wurden, vermehrten sich auf deutschen Dächern und Äckern die Solarzellen rasant. Die Folge: In diesem Jahr werden mehr als 50 Prozent der gesamten Ökostromförderung in den Taschen von Solaranlagenbetreibern landen, und das, obwohl sie nur zwei Prozent zur Stromerzeugung beitragen. "Wir versenken Milliarden in eine Technik, die am wenigsten bringt", sagt der RWE-Manager Vahrenholt. "Diese Fehlinvestition wird uns noch sehr leid tun, weil sie extrem teuer, ineffizient und schädlich für die Akzeptanz der Erneuerbaren insgesamt ist." Nötig sei eine europaweit abgestimmte und den Marktbedingungen angepasste Förderung, die zeitlich zu begrenzen sei.

Ob es sich lohnt? Nach Berechnungen des DIW senkt die Förderung der Ökoenergien nicht nur Umweltbelastung und Abhängigkeit von Rohstoffimporten, sondern langfristig auch die Kosten für deutsche Stromkunden. Die Fördersätze für neue Anlagen sinken stetig, während das zusätzliche Stromangebot gleichzeitig die Marktpreise drückt. Deshalb wird der Preis an den Strombörsen bis 2020 nach DIW-Kalkulationen um 4,9 Cent pro Kilowattstunde klettern, inklusive EEG-Umlage. Würden aber die Fördermittel gestoppt und statt weiterer Öko-Kapazitäten zusätzliche Kohlekraftwerke gebaut, stiege der Preis um 5,3 Cent pro Kilowattstunde.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000 garantiert die vorrangige Abnahme von Ökostrom sowie eine auf 15 bis 20 Jahre festgelegte Vergütung pro Kilowattstunde. Die Mehrkosten werden auf die Stromkunden abgewälzt. Das sind in Deutschland derzeit 3,53 Cent pro Kilowattstunde als EEG-Zuschlag. Der Emissionsrechtehandel erfasst rund 12 000 Industrieanlagen (etwa 50 Prozent der europäischen CO2-Emissionen). Verkehr, Landwirtschaft, Privathaushalte sowie einige Branchen sind vom Handel befreit. Die Luftfahrt wird von 2012 an erstmals einbezogen. In der Emissions-Handelsperiode bis 2020 soll dann die Grenze erlaubter CO2-Emissionen schrittweise auf 1,72 Milliarden Tonnen sinken: 79 Prozent des Standes von 2005. Deutschlands Top-Fünf-Emittenten (Kohlendioxid-Emissionen 2009, in Millionen Tonnen)
RWE Power 101,7
Vattenfall Europe Generation & Wärme 71,7
Eon Kraftwerke 30,4
Evonik Steag & Power Saar 12,6
ThyssenKrupp Steel 10,3 Betreiberangaben laut Europäischem Emissionshandelsregister (CITL) 
Quelle: CITL, Future Camp