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SMS-Adler

Wenn Nathan Eagle von der Zahl seiner Angestellten spricht, hängt er gern Nullen an. Zehntausende sind es, ein paar Millionen will er haben, Milliarden könnten es werden: "There's no limit." Der Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston hat sich vorgenommen, die Arbeit auf der Welt neu zu verteilen. Wie er das anstellen will? Mit dem Mobiltelefon.




- Nathan Eagle, 34, möchte die größte Arbeiterschaft der Welt erschließen: die derzeit rund drei Milliarden Handy-Besitzer in der Dritten Welt. Brachliegendes kognitives Potenzial nennt er sie, ungenutzte Talente. Dabei so einfach zu erreichen im digitalen Zeitalter. "Unser System ist auf Billiarden von Aufgaben und Milliarden von Arbeitern ausgelegt", sagt der Chef einer Sechs-Mann-Firma, die er auf sich selbst getauft hat: Txteagle. SMS-Adler.

Welche Aufgaben? Ah, das ist eine lange Liste. Der leuchtendblonde Unternehmer hat sie schon oft aufgezählt, zuletzt auf Bill Clintons Global Initiative, wo sich Txteagle als Musterprojekt einer besseren Globalisierung präsentieren durfte: Umverteilung per Handy.

Zum Beispiel Nokia. Die Finnen haben die Begriffe ihrer Handy-Menüs in rund 60 lokale Sprachen Kenias übersetzen lassen: Was bedeutet "Netzwerk-Einstellungen" in Kikuyu, was "Flugmodus" in Luo? Früher wären dafür Linguisten über Land gezogen. Mit Txteagle ging es rasend schnell: Die Firma schickte die einzelnen Begriffe per SMS an rund 20 000 Mitarbeiter in Kenia, die ihre Übersetzungen per SMS zurücksandten. Lohn pro Wort: ein paar Cent. In wenigen Stunden konnte ein Text-Adler einen durchschnittlichen Tageslohn verdienen.

Eine als wichtigstes Geschäftsgeheimnis gehütete Software in Boston errechnete aus den SMS die brauchbarsten Antworten und schickte sie zu Nokia. Was früher Monate gedauert hätte, erledigte Txteagle innerhalb von Minuten. Ihren Lohn erhielten die Arbeiter ebenfalls per Telefon, entweder als Geldüberweisung oder in Gesprächsminuten für das Handy. Beides ist möglich in Kenia und vielen anderen Ländern, wo Mobiltelefone die Geldautomaten ersetzen. Txteagle-Zahltag: jeden Freitag. Weltweit.

"So einfach ist das", sagt Eagle. Was natürlich nicht stimmt. Die Technik von Txteagle ist ein Geniestreich.

Nur deshalb kann sie Firmen helfen, die weitaus umfangreichere Probleme haben als bloß 60 Sprachen. Zum Beispiel einen Datensatz von einigen Dutzend Millionen Einträgen um je ein Feld ergänzen oder 800 000 Bilder verschlagworten. Bislang werden solche Arbeiten überwiegend nach Indien ausgelagert, wo riesige, sogenannte Data-Entry-Firmen die Wissensbestände des Nordens aktualisieren.

Jetzt drängt Txteagle mit seinen Gelegenheitsarbeitern in dieses Geschäftsfeld: Die Datensätze werden so kunstvoll in kleinste Aufgaben, in einzelne Sätze, einzelne Wörter zerlegt, dass sie noch auf den matten Bildschirm eines zerschrammten Handys in Lagos oder Port-au-Prince passen.

Ebenso lukrativ ist die Transkription ärztlicher Dokumente. Der Chirurg, der in Houston oder London einen OP-Bericht ins Diktafon spricht, ahnt meist nicht, dass seine Aufzeichnung in Satzfetzen zerschnitten und nach Indien zur Verschriftlichung geschickt, anschließend zum Text montiert und in Texas oder England wieder ausgedruckt wird. Der weltweite Markt für medizinische Protokolle liegt bei rund 20 Milliarden Dollar jährlich.

Von diesem Markt will Txteagle ein Stückchen haben: Um 20 Prozent billiger als die indischen Schreiber kann Nathan Eagle seine SMS-Arbeiter anbieten, für die er keine Büros, keine Kantinen und kein Urlaubsgeld zu finanzieren hat. Weitere Vorteile sind die Geschwindigkeit und die Flexibilität, bei der sich die Zahl der Arbeiter immer der Aufgabe anpasst. Arbeit auf Bestellung.

Doch es gehe nicht darum, die billigen Arbeiter Indiens einfach nur durch noch billigere anderswo zu ersetzen, betont Eagle, sondern ganz neue Gruppen an der globalen Wirtschaft zu beteiligen. "Wir bringen die digitale Wissens-Ökonomie in die Dritte Welt", sagt er, "und zwar nicht nur zu den urbanen Eliten, sondern zu allen, die ein Handy besitzen."

Zu einem Massai-Hirten im westkenianischen Kisumu etwa, den Nathan Eagle gern anführt. Er hat eine Spracherkennungs-Software trainiert, die seinen Dialekt erlernen sollte. Sie hat ihm, während um ihn herum die Rinder weideten, Sätze vorgespielt, die er ins Handy nachgesprochen hat. 30 Minuten dauerte seine Übungseinheit, und mit ihr verdiente er den Wochenbedarf an mobilen Gesprächsminuten.

Eagle versteht seine Arbeit auch als Entwicklungshilfe in neuem Gewand. "Make money, do good", lautet sein Credo, das von digitalem Optimismus durchwirkt ist. "Wir sind bloß Mittelsmänner", sagt Eagle, die eine Technik bereitstellen, damit die größten Firmen der Welt endlich unmittelbaren Kontakt mit den Vergessenen dieser Erde aufnehmen.

Das Prinzip, gewaltige Aufgaben in winzige Jobs zu zerlegen, ist seit Jahren bekannt. Unternehmen wie Mechanical Turk, eine Amazon-Tochter, oder CrowdFlower verdienen damit viel Geld, aber ihre Arbeiter sind an Computer-Bildschirme gebunden. Von dieser Beschränkung löst sich Txteagle, was erlaubt, auch das Ausgangsmaterial von Tele-Arbeitern erstellen zu lassen.

Davon erzählt Jacob Kittiniya, Student in Kenias Hauptstadt Nairobi. Er ist einer der ersten SMS-Werker von Txteagle und einer der wenigen, die den Gründer persönlich kennen. Vor fünf Jahren unterrichtete Nathan Eagle an der Universität Nairobi Computerwissenschaft, Spezialgebiet: mobile Kommunikation. Kittiniya gehörte zu seinen besten Studenten. Er sitzt im " Java House", einem der wenigen ansehnlichen Cafés in Nairobi.

Afrika, das Wunderland mobiler Kommunikation

Sein Smartphone ist wie ein lebendes Wesen. Es meldet sich im Minutentakt mit den unterschiedlichsten Klingeltönen, mit einer Symphonie aus SMS-Alarmen und dem in Afrika so beliebten, weil kostenfreien flashing - das Telefon nur einmal klingeln lassen, ohne abzuheben, um vorher vereinbarte Botschaften zu übermitteln: Ich bin gleich da, ruf mich zurück, schick mir neue Gesprächsminuten. Nirgendwo habe sich eine so vielfältige Kultur ums Handy entwickelt wie in Afrika, sagt Kittiniya, während er, ohne hinzuschauen, Textbotschaften in das Telefon tippt.

Er spricht von einem Auftrag kurz nach der Gründung von Txteagle, der ihm wie kein anderer die weltumspannende Dimension der Firma vor Augen führte. Und ihn zu einem Experten für brasilianische Straßenschilder werden ließ. Sie sind das Erste und Einzige, was er je von Brasilien gesehen hat: Pfeile nach rechts, nach links, Einbahnstraße, Fahrbahnverengung.

Txteagle-Mitarbeiter in Brasilien, Passanten und Autofahrer hatten sie per Handy aufgenommen, nach Boston geschickt, von dort gingen sie an ein paar Tausend Kenianer: an Studenten, Hausfrauen, Straßenverkäufer, Bauern, Hirten, Arbeitslose. Sie versahen die Bilder mit Schlagworten, "beschädigt" oder "unleserlich", schickten sie zurück in die USA, wo die Ergebnisse ausgewertet wurden. So erfuhr die Verwaltung in Brasiliens Provinzen, welche Schilder auszubessern und welche zu ersetzen sind.

Eine Win-Win-Win-Win-Win-Situation nennt Nathan Eagle die Zusammenarbeit, einen Gewinn für die Brasilianer, die Kenianer, die Verwaltung, die Mobilfunkbetreiber und für sein Unternehmen. Wie Funksignale schießen seine Worte hervor, dem Zögern und Pausen unbekannt zu sein scheinen, und wenn die Anschlussfragen sich nicht mit der Hochgeschwindigkeitstaktung seines Hirns synchronisieren, trübt sofort Ungeduld seine Gesprächslaune. Es ist nicht immer ein Vergnügen, so viel Intelligenz und so viele Visionen in einem Leben unterbringen zu müssen.

Früher als die meisten anderen hat Eagle die Möglichkeiten der mobilen Kommunikation erkannt. Am berühmten Media Lab des MIT hat er zur Lernfähigkeit von Maschinen in komplexen sozialen Systemen promoviert. Und er gilt als einer der Pioniere des Reality Mining, also der Fähigkeit, sinnvolle Strukturen aus gigantischen Datenmengen herauszulesen.

Dass er neben seiner Firma gleich zwei Professuren innehat, neben der am MIT eine weitere an der Northeastern University in Boston, hält ihn nicht davon ab, in einer Schlagzahl wissenschaftliche Artikel zu veröffentlichen, die andere nicht einmal in Freisemestern erreichen.

Und so war auch die Lehrtätigkeit in Afrika kein Zufall, sondern Kalkül. Eagle hatte gesehen, dass sich der Mobilmarkt in Afrika dynamischer als irgendwo sonst entwickelt und von mehr Kreativität begleitet ist. Aber es kam dann doch einiges Unvorhersehbares hinzu, bis ihm die Idee für Txteagle einfiel. Kaum hatte der Fulbright-Stipendiat in der Küstenstadt Kisumu Quartier bezogen, erreichten ihn dringliche Anrufe aus dem lokalen Krankenhaus mit der Bitte, Blut zu spenden - meist nach einem Unfall auf der nahen Küstenstraße. So behalfen sich die Ärzte, weil sie nicht wussten, auf welcher Blutbank welche Blutgruppen in welchen Mengen vorrätig waren.

Eagle erdachte eine simple Lösung: Krankenschwestern übermitteln täglich per SMS die aktuellen Blutreserven, eine Software wertet die Eingaben aus. Doch da die Textbotschaften Geld kosten, stockte der Informationsfluss immer wieder. Bis Eagle auf die Idee kam, den Aufwand der Schwestern mit Gesprächsminuten zu kompensieren, was in Kenia per SMS möglich ist. Die Informationen trafen fortan regelmäßig ein, und das Geschäftsmodell war geboren.

Es beruht auf der Revolution der mobilen Kommunikation, die seit zehn Jahren die Dritte Welt erfasst. Nur 18 Prozent der Bewohner haben dort Zugang zu einem Computer, aber mehr als die Hälfte besitzen ein Handy, rund drei Milliarden Menschen. Tendenz so stark steigend, dass in vielen Ländern wohl niemals mehr Telefonkabel in der Erde verlegt werden.

Der Gehaltsscheck kommt per SMS

Das Mobiltelefon ist der Computer der Dritten Welt und längst unverzichtbar. Sogar Tagelöhner sind darauf angewiesen. Früher sammelten sie sich vor Lagerhallen oder an Straßenecken, um Jobs zu ergattern, heute sitzen sie zu Hause und warten auf eine SMS. Die Hälfte aller Handybesitzer der Dritten Welt ist arbeitslos, ihr Telefon die wichtigste Stellenbörse.

Und es empfängt den Gehaltsscheck. In Kenia ist das mobile Banking per Handy, M-PESA genannt, inzwischen so verbreitet, dass der Erfinder des Systems, die Telefongesellschaft Safaricom, innerhalb weniger Jahre zur größten Bank Ostafrikas heranwuchs. Überall im Land ist es längst selbstverständlich, Taxifahrer und Friseure, Garküchen und Gemüsehändler per SMS zu bezahlen.

Das ermöglicht Txteagle, seine Tele-Werker ohne umständliche Buchhaltung zu entlohnen. "Ich kann von meinem Laptop jedem unserer Mitarbeiter in der ganzen Welt Beträge ab einem Dollar überweisen", sagt Nathan Eagle.

Seine Firma hat Verträge mit 220 Mobilfunk-Betreibern in mehr als 80 Ländern, die am Datenverkehr und am Geldfluss für die Fernarbeiter verdienen. Genaue Zahlen verrät Txteagle nicht, mehr als ein paar Zehntausend Dollar pro Woche dürften es bislang allerdings nicht sein.

Doch schon jetzt stellt die Form von Firma, die Eagle vorschwebt, ganz neue Herausforderungen an das Management. Wie kontrolliert man die Arbeitsleistung von Hunderttausenden, womöglich Millionen von Menschen, die man nie gesehen, mit denen man nie gesprochen hat und deren Hintergrund man nur so genau kennt, wie es die wenigen Angaben verraten, die Txteagle zur Anmeldung verlangt: E-Mail-Adresse, Land, bevorzugte Sprache, Mobilfunkgesellschaft, Telefonnummer?

Eagles Antwort: Computerkraft. Aufwendige Algorithmen, die Ko-Gründer Ben Olding, 35, ein Statistiker der Harvard-Universität, programmiert, sortieren die Arbeiter im Millisekunden-Takt nach Arbeitsgeschwindigkeit und Akkuratesse. Jede Aufgabe wird an Hunderte Arbeiter zeitgleich verschickt, und der Computer prüft anschließend Übereinstimmungen und Abweichungen. Daraus errechnet er das sogenannte Konfidenzniveau, also den Grad der Wahrscheinlichkeit, dass eine Antwort richtig ist.

Dabei fallen sekundengenaue Auswertungen aller Arbeiter an, weltweit. Der Bauer in Ghana misst sich unmittelbar mit der Hausfrau in Kerala und dem Studenten in Lima. Die grenzüberschreitende Arbeiterschaft, dieser alte Traum der internationalen Linken - durch Txteagles Algorithmen wird sie Realität als unbegrenzter, ungehinderter Wettbewerb aller gegen alle.

Die Konsequenzen bekommen die Textverarbeiter mit digitaler Präzision zu spüren: Wer dauerhaft falsch liegt, erhält keinen Lohn und wird von der SMS-Liste gestrichen. Wer häufiger als andere richtige Antworten liefert, wird besser bezahlt. Das globale SMS-Proletariat - kaum ist es entstanden, wird es bereits sortiert, in Hierarchien geschichtet, in Stark- und Schwachleister unterteilt und dem digitalen Röntgenblick ausgesetzt. Die in Boston sehen alles, die in der Dritten Welt nur die wenigen Zeilen Text vor ihren Augen.

Jacob Kittinya stört das nicht. Das sei halt Teil des Geschäftes. Andere sind weniger nachsichtig. Einige Kritiker nennen Txteagle einen digitalen Sweatshop, eine Art Arbeitsknast für die Ausgestoßenen. Peter Lanzet vom Evangelischen Entwicklungshilfedienst beklagt die "Auslagerung minderwertiger Arbeiten" in die Dritte Welt, die keinen nachhaltigen Aufschwung erbringe. Außerdem handele es sich überwiegend um Schwarzarbeit, auf die keine Steuern und Abgaben geleistet würden.

Auf der Suche nach Arbeit für Milliarden

Jacob Kittinya runzelt die Stirn. Steuern? Abgaben? Von Massai-Hirten? Von Händlern in Kibera, Afrikas größtem Slum am Stadtrand von Nairobi, von denen einige bei Txteagle arbeiten? Und wie hoch sind die Steuern auf ein paar Dollar pro Monat?

Dann weicht sein Stirnrunzeln dem Ausdruck plötzlicher Erkenntnis: Wie weit doch die Arbeitswelten trotz Globalisierung auseinanderliegen! Die einen erwarten stabile Beschäftigungsverhältnisse, die anderen einfach nur ein paar Dollar zusätzlich. Die einen sehen Ausbeutung, die anderen sehnen sich nach ein wenig mehr davon.

Vermutlich beschreibt der Gründer den Nutzen von Txteagle am besten: "Wir ermöglichen Leuten in der Dritten Welt, ihre Downtime zu monetarisieren", ihre Arbeitslücken. Viele Slumbewohner üben ein halbes Dutzend verschiedener Tätigkeiten aus, um über die Runden zu kommen - Kleinsthandel, Lasten schleppen, Garküche. In dieses Potpourri fügen sich die Jobs für Txteagle, gerade weil keiner der Arbeiter weiß, wie viel dabei am Ende herausspringt. Denn so unsicher ist fast jede Arbeit in Nairobi, Jakarta oder Quito. Txteagle ist hier schlicht eine Aufgabe mehr. No big deal. Aber doch ein paar Dollar. Der Pausenfüller der globalen Unterbeschäftigung.

Darin liegt zugleich Nathan Eagles größte Herausforderung. Immer nur Lücken füllen, davon kann seine Firma nicht leben. Der Wissenschaftler sieht zudem die Konkurrenz der Maschinen aufziehen. Verschlagwortung von Bildern, automatische Texterkennung, Datensammeln im Netz - das werden demnächst Computer erledigen, überwacht von anderen Computern, die den Vertrauenskoeffizienten der Antworten ausrechnen. Daten, die Daten generieren, und zwar viel billiger, als dies selbst die billigsten Arbeitskräfte der Dritten Welt vermögen.

Nathan Eagle will daher seine Gelegenheitsarbeiter für anspruchsvollere Projekte mobilisieren. Eine große Werbeagentur etwa heuerte die SMS-Adler Ostafrikas kürzlich als Fernsehzuschauer an. Sie sollten prüfen, ob die Werbeclips der Agentur auch tatsächlich gesendet und nicht durch lokale Werbung ersetzt worden waren, ein ortsübliches Verfahren der Sender, ihre Einnahmen zu erhöhen.

Coca-Cola will wissen, wie seine Getränke in den Supermarkt-Regalen dieser Welt neben denen der Konkurrenten vertreten sind? Txteagle setzt mit einer SMS Hunderttausende von Handy-Fotografen für eine globale Bestandsaufnahme in Gang. Shell möchte täglich und weltweit erheben, welche Preise die Konkurrenten verlangen? Txteagle engagiert Pendler, die jeden Tag an der gleichen Tankstelle ein Bild schießen und es den Algorithmen zur Auswertung vorwerfen.

Und das sei erst der Anfang, schwärmt Eagle. Eine Bank misstraut der offiziellen Inflationsrate eines Landes? Fern-Arbeiter schicken jeden Tag die Preise eines Warenkorbes in die Zentrale zurück, in Echtzeit und ungeschönt. Eine Firma in Deutschland erwägt, einen chinesischen Konkurrenten zu kaufen - nur weiß sie so gut wie nichts über dessen Gepflogenheiten? Txteagle könnte einen besonders verlässlichen Mitarbeiter losschicken, um Fotos zu machen, mit Arbeitern zu sprechen, Kataster einzusehen - als eine Art ferngesteuerter Detektiv, bezahlt in Gesprächsminuten fürs Handy.

Das ist der Traum des Nathan Eagle: ein permanentes weltweites Feedback, ein globales Netz der Wahrheit. Ground Truth nennt er diese Marktforschung in Echtzeit und bewirbt seine Bodentruppen als allgegenwärtige Weisheit der Massen. "Multinationale Firmen geben pro Jahr rund 125 Milliarden Dollar für Markenpflege in den aufstrebenden Märkten aus", rechnet Eagle vor. "Ich behaupte: Ein wesentlicher Teil davon wird verschwendet." Weil die Unternehmen nicht einmal eine Ahnung davon haben, was sie alles nicht wissen.

Fehlen nur noch Firmen, die diesen Mangel beheben wollen. Die Handy-Arbeiter sind das Schüttgut der Globalisierung. Als eigentliches Problem erweist sich, einen steten Fluss von Projekten aus der Ersten Welt zu sichern, mit denen die digitale Arbeitskraft ausgeschöpft wird. Fehlt womöglich der Bedarf? Oder sind die Konzerne des Nordens bloß zu fantasielos?

Bei jeder der vielen Konferenzen, die Nathan Eagle besucht, um sein Projekt vorzustellen, bittet er um neue Ideen für Aufträge. Fast flehentlich preist er seinen Zuhörern die ungeheuren Möglichkeiten an. Und er gibt zu, dass er unterschätzt hat, wie mühsam die Akquise ist.

Es wäre eine traurige Ironie der Globalisierung: drei Milliarden unterbeschäftigte Arbeiter. Und trotz winziger Kosten keine Ideen, sie produktiv einzusetzen. -