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Professor Unrat

Tausende Tonnen Lebensmittel landen jeden Tag im Abfall. Dieser Wegwerfwahn ist zum Verzweifeln. Der Italiener Andrea Segrè bietet ihm lieber Paroli.




- Der Mann, der sich anschickt, sein Land zu verändern, hält sich im Gang mit den Milchprodukten auf. Mit Trekking-Schuhen und über der Hose hängendem Hemd sieht er nicht aus wie der Dekan einer italienischen Universitätsfakultät. Er nimmt einen Joghurtbecher aus dem Regal in dem großen Supermarkt am Rande Bolognas und fängt an zu dozieren. "Bevor es die Kühlschränke der Konsumenten erreicht, legt dieses Produkt, das in 95 Prozent der Fälle in unökologischen Einweg-Plastikbehältern aufbewahrt wird, eine Strecke von 1200 bis 1500 Kilometern zurück."

Andrea Segrè spricht schnell, aber nicht aufgeregt. Er ist keiner, der sich ereifert. Der Professor für Agrarökonomie befindet sich im E. Leclerc Conad in der Via Larga. Besucher, die sich für sein Anti-Abfall-Projekt interessieren, trifft er gern dort, wo vor zwölf Jahren alles anfing. "Unmengen von Joghurt", fährt er fort, "werden gar nicht verzehrt." Stattdessen wanderten sie, durch das fast erreichte Haltbarkeitsdatum unattraktiv geworden, vom Supermarktregal direkt in den Abfall. "Eine Absurdität auf Kosten der Umwelt."

Der Professor erregt Aufsehen. Vor wenigen Monaten hat er seinen Landsleuten klargemacht, in welch wahnwitziger Menge einwandfreie Nahrung in der Mülltonne landet. Er veröffentlichte das "Schwarzbuch zur Lebensmittelverschwendung in Italien", ein kleines Werk mit vielen Tabellen und Zahlen. Von der landwirtschaftlichen Produktion bis zu den Haushalten sind dort die Übeltäter aufgeführt, die brauchbares Essen verrotten lassen oder wegwerfen. Insgesamt landen in Italien fast 21 Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich auf dem Müll.

Der Löwenanteil entsteht laut Schwarzbuch schon in der Produktion: Mehr als 17 Millionen Tonnen Getreide, Obst und Gemüse verrotten ungeerntet - sie entsprechen nicht dem Standard oder sind nicht mit Gewinn zu verkaufen. Man könnte mit dieser Menge den Obst- und Gemüsebedarf von 48 Millionen Menschen decken, rechnet Segrè vor. Zudem fallen rund zwei Millionen Tonnen Abfall bei der Weiterverarbeitung in der Nahrungsmittelindustrie an, 245 000 Tonnen im Handel und noch einmal 1,5 Millionen Tonnen in den privaten Haushalten.

Die Leute lauschen ihm staunend, wenn er ihnen erzählt, dass das nicht nur unmoralisch ist, sondern die Umwelt stark belastet. Den meisten Italienern fehlt dafür das Bewusstsein.

Fest steht, dass die Verschwendung von Lebensmitteln ebenso unsinnig ist wie das Heizen bei offenem Fenster. Allerdings ist es nicht ganz einfach für Forscher, die Umweltschäden zu beziffern, die der allgemeine Wegwerfwahn verursacht. Die einen führen bei Produzenten, Händlern und Konsumenten Befragungen durch. Andere zählen in Supermärkten die unverkauften Obstkisten. Wieder andere wühlen in Mülltonnen, um herauszufinden, welche Lebensmittel in welcher Menge weggeworfen werden. Segrè hat auf der Basis bereits vorliegender Daten und eigener Fallstudien alle Akteure des Nahrungsmittelsektors berücksichtigt - und seine Landsleute aufgeschreckt. "In der Geringschätzung für die Früchte des Planeten liegt die Saat der Barbarei", schrieb nach der Veröffentlichung des Schwarzbuchs die Schriftstellerin Susanna Tamaro im sonst so spröden "Corriere della Sera".

Segrè will es bei der Analyse allein nicht belassen, sondern etwas tun. Er hat sich den kleinsten unter den Verschwendern ausgesucht, den Einzelhandel. Supermärkte sorgen zwar für den geringsten Anteil am Müll, doch bei ihnen wird die Absurdität der Verschwendung besonders deutlich. Deshalb gründete der 50-Jährige den Last Minute Market, ein Unternehmen, das aus Überflüssigem Kapital schlägt.

Das Prinzip ist einfach: Die Firma sorgt dafür, dass einwandfreie, aber als unverkäuflich geltende Lebensmittel bedürftigen Menschen zur Verfügung gestellt werden - so, wie man es von den deutschen Tafeln kennt. Segrè aber hat daraus eine professionelle Dienstleistung gemacht und die Idee so weiterentwickelt, dass der Nutzen maximiert wird. "Transportwege vermeiden und Abfälle reduzieren", lautet die Maxime.

"Wir wollten die Fehler der Tafeln nicht wiederholen", sagt Segrè. Diese Initiativen haben eigene Lkw, die zum Teil weit fahren, um die Lebensmittel einzusammeln. Diese bringen sie dann in große Kühl- und Lagerhäuser, wo die Waren sortiert und weitertransportiert werden - meist in eigene Läden oder Ausgabestellen. "Ein Riesenaufwand, der die Umwelt unnötig belastet."

Gut für die Menschen, die Umwelt, das Image

Das will er verhindern. Deswegen sammelt der Last Minute Market die Überschüsse, die im Einzelhandel und in der Gastronomie anfallen, nicht selbst ein, sondern sorgt dafür, dass sich Geber und Nehmer finden. Den Supermarkt in Bologna hat das Team um Segrè unter anderem mit einer Einrichtung für ehemals Drogenabhängige zusammengebracht, die gerade mal 800 Meter entfernt liegt. Ein Mitarbeiter dieser Einrichtung holt nun dreimal pro Woche mehrere Kartons voller Lebensmittel ab. Meistens kommt er zu Fuß, mit einem Bollerwagen im Schlepptau.

Außerdem missfällt dem Professor an den Tafeln, dass sie die Verschwendung von Lebensmitteln nicht verhindern, sondern nach dem Motto legitimierten: "Werft nur immer weiter weg, denn euer Abfall erfüllt einen guten Zweck!"

Für den Kampf gegen Armut, sagt er, müssten andere Methoden her. Darum gibt er sich nicht damit zufrieden, die überschüssigen Waren weiterzuverwerten. Er zeigt den Einzelhändlern auch, wie sie besser kalkulieren können. In Bologna führt ein Mitarbeiter jetzt akribisch Buch über jedes Produkt, das nicht verkauft werden kann. Der Aufwand lohnt sich: Der Supermarkt konnte binnen weniger Jahren seinen Ausschuss fast halbieren.

Jetzt steht Segrè in der Obstabteilung. Er inspiziert die mit Mandarinen bestückten Netze, pickt eines heraus. "Eine davon, nämlich die hier vorne, hat eine kleine braune Stelle auf der Schale. Ein Schönheitsmakel, mehr nicht. Doch allein das hätte früher gereicht, um das Schicksal aller zehn Mandarinen zu besiegeln." Gäbe es den Last Minute Market nicht, würden sie auch heute noch alle weggeworfen.

Der Käufer ist penibel, besonders beim Haltbarkeitsdatum. "Bei der Jagd nach dem Produkt mit der längsten Haltbarkeit ist sich der Kunde nicht zu schade, das gesamte Kühlregal zu durchsuchen." Dabei habe er vermutlich gar nicht vor, mit dem Verzehr ein oder zwei Wochen zu warten. Die Folge: "Viele Produkte wandern wegen Unverkäuflichkeit schon Tage vor Ablauf ihrer offiziellen Haltbarkeit in die Mülltonne."

Das erste Mal wurde ihm der Wahnsinn Ende der Neunziger bewusst. Einer seiner ehemaligen Studenten, der als Verkaufsleiter in dem Markt in Bologna arbeitete, hatte ihn zu einem Blick hinter die Kulissen eingeladen. "Berge unverdorbener Lebensmittel sah ich da, alle für die Tonne bestimmt." Segrè hatte sein Thema gefunden. Der Supermarktbetreiber bot ihm seine Verkaufsstelle als Forschungsobjekt an.

Ein Jahr lang dokumentierten Segrès Studenten, wann welche Waren geliefert wurden und was davon unverkauft im Müllcontainer landete. Ergebnis: 150 Tonnen im Wert von 570 000 Euro waren aussortiert worden. Zwei Drittel der Lebensmittel waren tadellos. Etwas weniger als ein Drittel eignete sich immerhin noch als Tierfutter. Lediglich 0,17 Prozent waren tatsächlich ungenießbar.

Zehn Jahre später ist sein Last Minute Market in mehr als 40 italienischen Städten aktiv. Und in Argentinien und Brasilien stehen Projekte kurz vor dem Start. Drei feste und acht freie Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen mit Sitz in einem kleinen Raum im Gebäude der Agrarwissenschaftlichen Fakultät. Segrè zufolge wirtschaftet es profitabel.

Denn die Kundschaft, zu der auch Kommunen und Provinzen gehören, kauft die Dienstleistungen für die ortsansässigen Händler ein, entlastet so die Müllabfuhr und unterstützt soziale Einrichtungen vor Ort. Die Kunden zahlen einmalig rund 15 000 Euro und dann jährlich 1000 bis 2000 Euro. Für diesen Betrag sucht Segrès Team geeignete Empfänger, stellt die Logistik auf die Beine und schult die Supermarktbetreiber.

Der Supermarktbetreiber reduziert den Ausschuss, die Entsorgungskosten und kann die Warenspenden von der Steuer absetzen. Außerdem verbessert er sein Image. "Wir freuen uns natürlich, dass wir bedürftigen Menschen helfen können. Man muss aber auch ganz klar sagen: Wir sparen viel Geld", sagt Stefano Cavagna, Leiter des Supermarktes in der Via Larga.

Was der Kampf gegen Verschwendung bewirken kann, lässt sich in der 140 000-Einwohner-Stadt Ferrara beobachten. 80 Tonnen Lebensmittel und 40 000 fertig zubereitete Gerichte wurden 2009 vor der Mülltonne bewahrt. Es beteiligen sich vor allem kleinere Geschäfte, aber auch Kliniken und Schulkantinen. Wenn dort das Mittagessen aufgetischt wird, wartet draußen schon ein Kurier darauf, die übrig gebliebenen Portionen an soziale Einrichtungen in der Nachbarschaft weiterzuverteilen. Seit Kurzem sind auch elf Apotheken mit von der Partie. Sie spenden all jene nicht rezeptpflichtigen Medikamente, deren offizielle Haltbarkeit sich dem Ende zuneigt. "Der Last Minute Market hat Ferrara nachhaltig verändert", sagt die Stadträtin Rossella Zadro.

Er hat auch der Karriere des Professors einen Schub verpasst. Er ist seit 2005 Dekan, einer der jüngsten Italiens - und heute so populär, dass ihn kürzlich gleich mehrere Parteien aus dem Mitte-Links-Spektrum als Kandidaten für die Bürgermeisterwahlen in Bologna aufstellen wollten.

Doch Segrè lehnte ab. "Der Last Minute Market", sagt er, zurück in seinem Arbeitszimmer im obersten Stock der Agrarwissenschaftlichen Fakultät, "hat mich nicht verändert. Er hat mir aber erneut gezeigt, dass man Missstände bekämpfen kann wenn man es wirklich will." -