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Leben nach dem Gau

Vor fast einem Jahr verursachte der britische Mineralölkonzern BP die Katastrophe im Golf von Mexiko, verlor dadurch mehr als 40 Milliarden Dollar und zerstörte sein Image - das ist das Ende, sollte man denken. Doch BP zahlt schon wieder Dividende. Wie ist das möglich?




BP kann froh sein über den Anstieg der Öl- und Gaspreise, im Schnitt um die 30 Prozent im Jahr 2010 - sie sind vor allem der Grund dafür, dass der Konzern trotz Förderverlusten durch den Unfall ein Umsatz-Plus von 24 Prozent einfuhr. Wobei allein die Höhe der Erlöse über die Lage wenig aussagt. Verdient doch BP den Großteil seines Betriebsgewinns vor Zinsen und Steuern fast 31 Milliarden Dollar - mit einem Geschäftsbereich, der nur knapp zehn Prozent des Umsatzes ausmacht: mit dem Fördern und Herstellen von Öl und Gas. Der Geschäftsbereich Raffinerien und Marketing hingegen, zu dem unter anderem das Tankstellennetz gehört, setzte zwar 265 Milliarden Dollar um, steuerte aber nur 5,6 Milliarden zum Betriebsergebnis bei. Dieses Verhältnis erklärt, warum der Image-Schaden sich nicht ökonomisch stärker niederschlug. Zwar gab es Verbraucherboykotte von BP-Tankstellen, vor allem in den USA. Doch beim Gewinn machen sich Umsatzeinbußen in diesem Geschäft kaum bemerkbar. Ganz anders der Ölpreis: Ein Anstieg von einem Dollar pro Barrel bringt laut BP-Schätzungen rund 380 Millionen Dollar mehr Verdienst.

Dennoch hat die Öl-Katastrophe BP in Bedrängnis gebracht. Um das Geld für das Verschließen des Bohrlochs und die Beseitigung der Umweltschäden zusammenzubekommen, entschloss sich der Konzern zu einer groß angelegten Verkaufsaktion, vor allem von Förderanlagen. Mit Erfolg. BP erzielte Preise, die weit über den Buchwerten lagen. Das zeigt sich an zwei Zahlen: zum einen an den Gewinnen von gut sechs Milliarden Dollar. Zum anderen daran, dass die Aktiva - das Anlagevermögen - trotz der Verkäufe anstiegen. Zwar verschwand die jeweilige Produktionsstätte aus den Büchern; dafür aber kam eine Summe Bares herein, die höher war als deren Buchwert. So erklärt sich zum großen Teil der hohe Kassenbestand.

Mehr als 40 Milliarden Dollar hat die Ölkatastrophe die Briten bisher gekostet. Sie stecken in den enorm angestiegenen Produktionskosten. Rund 20 Milliarden Dollar wurden laut BP bereits ausgegeben, der Rest steckt in den Rückstellungen. Sie werden aufgelöst, wenn das Geld in den kommenden Monaten und Jahren zur Schadensregulierung benötigt wird. Durch diese Kosten hat der Konzern erstmals seit 20 Jahren einen Verlust gemacht. Paradox: Glaubt man Branchenkritikern, dann ist es der Versuch von BP, Kosten einzusparen, etwa bei Sicherheitsvorkehrungen, der erst zu diesem Resultat geführt hat. Tatsächlich reduziert der Konzern seit Jahren seine Belegschaft; unstrittig ist zudem, dass die Branche unter Druck steht. Da neue Öl- und auch Gasvorkommen technisch zunehmend schwerer zu erschließen sind, wird die Förderung immer teurer: Musste man 2005 knapp sechs Dollar aufwenden, um ein Barrel Öl zu fördern, waren es 2009 bereits gut 16 Dollar.

Am Ende des ersten Quartals 2011 zahlt BP wieder eine Dividende - sieben Cent pro Aktie, obwohl 2010 pro Anteil ein Verlust von fast 20 Dollar entstand. Warum? Zum einen, weil trotz der Ölkatastrophe mehr als genug freie Liquidität für eine Dividendenzahlung (Fachbegriff: Free Cash Flow) vorhanden ist nämlich satte neun Milliarden Dollar. Die Firma hat das dem gestiegenen Ölpreis, hohen Verkaufserlösen und der Tatsache zu verdanken, dass nur 20 von 40 Milliarden Dollar im Jahr 2010 fällig wurden. Hinzu kommt, dass Dividenden in der Ölbranche als ein Muss gelten. Denn Wachstum hat die Industrie angesichts schwindender Ölreserven allenfalls im niedrigen, einstelligen Prozentbereich zu bieten. So versucht sie, ihre Investoren mit Ausschüttungen bei Laune zu halten. Fraglich, ob das der richtige Weg für BP ist. Der Unfall im Golf von Mexiko war nicht der erste, der den Briten unterlief. Zwar betont BP, dass Sicherheit nun höchste Priorität habe. Doch Analysten der Schweizer UBS gaben sich in einem Anlegerreport skeptisch: "Das Management wird Investoren davon überzeugen müssen, warum es dieses Mal anders sein soll."

Gemessen an Umsatz (297 Milliarden Dollar) und Mitarbeiterzahl (79 700) ist die BP der drittgrößte Ölkonzern nach Exxon Mobil und Royal Dutch Shell. Hierzulande ist BP unter der Marke Aral mit 1300 Tankstellen vertreten. Im April 2010 verursachte ein Unfall auf einer BP-Bohrinsel im Golf von Mexiko die bisher größte Ölpest. Der Börsenwert halbierte sich, hat mittlerweile aber wieder gut 80 Prozent des Wertes vor dem Unfall erreicht.