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Kernkompetenz: Zukunft

Fortschritt kann man nicht kaufen. Aber ermöglichen. Das zeigen zwei Technologiezentren, die außer dem Anfangsbuchstaben wenig gemein haben: Aachen und Adlershof.




• Alles fing in einer alten Fabrik in Aachen an. Dort wurde 1984 eines der ersten Technologiezentren der Bundesrepublik gegründet. Heute arbeiten im später errichteten Technologiezentrum Aachen (TZA) in fünf Büro- und Laborriegeln etwa 100 Unternehmen mit insgesamt rund 1000 Mitarbeitern. Darunter viele Ausgründungen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH), die bei den Ingenieurswissenschaften in Hochschul-Rankings regelmäßig auf den vordersten Plätzen landet.

Helmut Greif, der Geschäftsführer der TZA-Betreibergesellschaft, kann schöne Erfolgszahlen referieren – zum Beispiel eine Überlebensrate der Unternehmen von mehr als 90 Prozent. „Was im Kohlerevier in der Aachener Region an Arbeitsplätzen weggefallen ist – das sind etwa 30 000 -, ist im Prinzip durch neue Technologieunternehmen kompensiert worden.“

Der Niedergang der alten Industrie war der Auslöser für die Gründung des Zentrums. Es sollte Absolventen der RWTH in der Region halten. „Lange hat die Stadt Aachen die Chance nicht verstanden, die darin liegt, diese Hochschule zu haben“, erinnert sich der Unternehmer Klaus Genuit, einst Student an der RWTH und vor 25 Jahren einer der Pioniere im ersten Aachener Gründerzentrum. Die Stadtväter störte es offenbar wenig, dass jedes Jahr einige Tausend gut ausgebildete Ingenieure die Gegend verließen und anderswo das Bruttosozialprodukt steigerten. „Treiber bei der TZA-Gründung waren die RWTH, die IHK, die Sparkasse. Die Politik ist auf den Zug aufgesprungen, aber sie war nicht die Lokomotive“, erinnert sich Genuit.

Solche Zentren können den Wandel fördern. Oder sich als Millionengräber entpuppen

Möglicherweise ist das, neben der exzellenten, schon früh sehr industrienahen Hochschule, ein Grund für den Erfolg. Das TZA ist keine Kopfgeburt der Politik, es wurde von unternehmerisch denkenden Fachleuten auf die Welt gebracht. Inzwischen unterstützen in der Aachener Region 13 Technologiezentren Gründer beim Weg in die Selbstständigkeit.

Von der Kohle- zur Technologieregion, von der alten, künstlich mit staatlichem Geld am Leben erhaltenen Großindustrie hin zu mittelständischen, wissensgetriebenen Unternehmen – das war ein Paradigmenwechsel. Statt eine alte, nicht mehr überlebensfähige Branche mit Subventionen zu füttern, unterstützte die öffentliche Hand Firmen, die sich entweder nach einigen Jahren selbst tragen oder vom Markt verschwinden. Nach spätestens acht Jahren laufen, gesetzlich vorgeschrieben, die Förderungen in den Zentren aus. Wer bleibt, zahlt die ortsübliche Miete.

Die Betriebswirtin Havva Coskun und ihre Mitarbeiter beraten im TZA Aachen die Gründer: vom Businessplan über die Vermittlung von Venture Capital und Business Angels bis zu Patentschutz und Vermarktung. Und, sehr wichtig: Es gibt auch Hilfe beim Einwerben von Bundes-, Landes- und EU-Mitteln. Aber diese Unterstützung hat Grenzen: Sie ersetzt kein tragfähiges Geschäftsmodell.

„Die peripheren Sorgen sind uns im Technologiezentrum abgenommen worden: Räumlichkeiten, Hilfe beim Businessplan“, sagt Michael Schreiber, Miteigentümer von EU Tech Scientific Engineering. „Der Erfahrungsaustausch mit anderen Unternehmensgründern war vor allem auf einer menschlichen Ebene wichtig“, so der Rheinländer. Aber: „Wir hätten auch ohne das TZA gegründet. Dass ein Technologiezentrum vor Ort ist, kann nicht das Hauptmotiv für eine Unternehmensgründung sein. Wenn die RWTH nicht so exzellent wäre, hätte uns auch das TZA nicht geholfen.“

Schön aufgeräumt: So sieht es in Schreibers Hightech-Firma aus

Sein 1995 gegründetes 60-Mann-Unternehmen entwickelt Werkzeuge zur thermodynamischen Prozesssimulation. Damit lässt sich zum Beispiel die Effizienz von Kohlekraftwerken erhöhen. RWE ist ein wichtiger Kunde. Und weil überall auf der Welt Kohlekraftwerke Energie und Abgase produzieren, ist der potenzielle Markt riesig. EU Tech hat Kunden in Südkorea, Indien und den USA. Eine Aachener Erfolgsgeschichte von vielen.

Wenn ein Technologiezentrum funktioniert und erfolgreiche Gründungen ermöglicht, lohnt es sich, öffentliche Mittel für Infrastruktur, subventionierte Mieten und Beratungsservice auszugeben. Anders als bei Kohle- oder Agrarsubventionen machen die neu entstandenen Unternehmen und Arbeitsplätze dank Gewerbe- und Einkommenssteuer aus der Anschubfinanzierung eine Investition, die sich nach einigen Jahren rechnet.

Wie bei Klaus Genuit, dem Aachener Gründer der ersten Generation. Sein Unternehmen Head Acoustics macht heute mit 150 Angestellten und Tochterunternehmen in den USA, Japan und Frankreich einen Umsatz von mehr als 20 Millionen Euro. Er sagt: „Ich habe bei der Finanzierung stark von der Unterstützung profitiert, bei Darlehen, bei all den Anträgen zu TU-Förderung.“ (Das sind Bundesmittel für technologieorientierte Unternehmensgründungen.) Letztere habe 900 000 D-Mark ausgemacht, die nicht zurückgezahlt werden mussten. Hinzu seien Darlehen mit Landesbürgschaften gekommen. „Durch unsere Steuern hat der Staat inzwischen ein Vielfaches dieser Anschubfinanzierung eingenommen.“

Das gilt nicht nur für Genuits Firma. Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Schwartz hat am Institut für Wirtschaftsforschung Halle fünf ostdeutsche Technologie- und Gründerzentren untersucht. „Verschiedene Studien kommen übereinstimmend zum Ergebnis, dass sich bei funktionierenden Technologiezentren nach 16 bis 18 Jahren die öffentlichen Investitionen amortisiert haben“, sagt der Ökonom. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte: Das gilt nur für gut funktionierende Einrichtungen. Und die lassen sich nicht beliebig auf die grüne Wiese setzen. Mit mehr als 400 Technologiezentren hat Deutschland europaweit die meisten. Dass sie alle auf dem Niveau von Aachen arbeiten, darf bezweifelt werden. In Wahrheit dürfte es sich häufig um bessere Gewerbegebiete handeln. Eine neutrale Untersuchung aller Einrichtungen findet nicht statt. „Es gab Zentren, die uns ihre Daten nicht zur Verfügung stellen wollten", sagt Schwartz. Aber auch Verschleiern hilft nur begrenzt: "Von Ende 2006 bis Anfang 2010 mussten etwa 20 Zentren schließen. Das sind Zentren, die im Regelfall nicht ausgelastet waren“, sagt Michael Schwartz.

Professor Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und Mitglied der Spitzencluster-Initiative des Bundesforschungsministeriums, sagt: „Ein Technologiezentrum braucht ein passendes Milieu in der regionalen Wirtschaft und bei den vorhandenen Forschungseinrichtungen.“ In der Wissenschaft ist das seit Langem bekannt. Aber nicht jedem Kommunalpolitiker. Blum wird deutlich: „Es hat keinen Sinn, wenn sich jedes kleine Kaff ein Technologiezentrum hinstellt.“

Bei denen, die funktionieren, gibt es neben neuen Firmen und dort geschaffenen Jobs noch weitere positive Effekte. „Am Weinbergcampus und seinem Technologiezentrum in Halle ist derzeit noch nicht der industrielle Arbeitsplatzeffekt das Interessanteste sondern dass hier ein Zentrum der Spitzenforschung in einigen Materialforschungs- und Life-Science-Bereichen entstanden ist, das weltweit ausstrahlt“, so Blum.

Interessant wird es, wenn Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen sich gegenseitig befruchten. So ist in Aachen und auch in Berlin-Adlershof, ein ebenfalls geförderter Hightech-Standort, Wissen entstanden, das eine Vielzahl von potenziellen Anwendungen ermöglicht. Was laut Blum den entscheidenden Vorteil hat, dass die Unternehmen dort „sich in der Regel nicht gegenseitig Konkurrenz machen und trotzdem im Umgang mit der Technologie voneinander lernen können“.

Im Idealfall entstehen Cluster mit vielen Nischenanbietern, einer breiten Produktpalette und einer gemeinsamen Kompetenz. Sie können ganze Regionen verändern. „In Aachen, in Jena oder Dresden hat der Technologieumbau auch zu einer Reindustrialisierung geführt“, sagt Ulrich Blum. Dieser Effekt sei in Berlin-Adlershof viel geringer. Das liege an der Stadt: „Berlin ist als Wirtschaftsstandort wesentlich unattraktiver als als Wissenschaftsstandort. Aber unabhängig davon hat Adlershof einen unglaublichen Milieu-Effekt. Forschungstechnisch ist das einer der Leckerbissen in Europa.“

Hier tut sich was:
Impressionen aus dem Technologiepark Berlin-Adlershof

Adlershof ist in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Mit einer Fläche von mehr als vier Quadratkilometern, fünf Technologiezentren, elf hochkarätigen Forschungseinrichtungen, den naturwissenschaftlichen Instituten der Humboldt-Universität, zwei Fotovoltaik-Werken und 420 Hightech-Firmen im Kerngebiet ist es eine der größten Einrichtungen dieser Art in Europa. Mit der Gründung im Jahr 1991 unternahm die Berliner Politik den Versuch, der Deindustrialisierung nach der Wiedervereinigung etwas entgegenzusetzen. Und das Potenzial der 5000 Naturwissenschaftler der abgewickelten Akademie der Wissenschaften der DDR – der ostdeutschen Wissenschaftselite – zu nutzen.

Adlershof ist heute eine Erfolgsgeschichte. Selbstverständlich war das nicht.

Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Zum Beispiel, wenn die Politik – wie eigentlich typisch in Berlin – kurzatmiger gewesen wäre oder übergriffiger. Denn es dauerte mehrere Legislaturperioden, bis sich herausstellte, dass Adlershof tatsächlich ein Standort mit einer eigenen, stabilen, relevanten Wirtschaftsentwicklung werden würde. Diese Zeit ließ man Adlershof.

Aus guten DDR-Wissenschaftlern wurden gute Unternehmer

Als zu Beginn eine rasche Entscheidung gefragt war, reagierte die Politik schnell. Damals sei es darauf angekommen, wertvolles Wissen der ehemaligen DDR-Wissenschaftler zu retten, sagt Hardy Schmitz, Geschäftsführer der Adlershof-Betreibergesellschaft Wista. „Die DNA ist immer noch von den Disziplinen geprägt, in denen die alte Akademie der Wissenschaften stark war, Optik und Analytik etwa. Zwischen 60 und 80 Firmen haben dort ihre unmittelbare Quelle.“

Als klug erwies es sich, dass die Verantwortlichen im Berliner Senat auf Fachkompetenz setzten – erfahrene Leute aus der Wirtschaft und nicht aus der Verwaltung sollten federführend sein. Im Aufsichtsrat der Wista saßen gestandene Industriekapitäne wie Lothar Späth oder Hans Peter Stihl.

"In den Gründungstatuten steht, dass die Wirtschaft im Aufsichtsrat eine Mehrheit hat. Das war von Anfang an klar definiert", sagt Schmitz. Die Politik habe sich also zum Teil selbst entmachtet. „Das war sehr intelligent. Heute würde das die Berliner Politik wahrscheinlich so nicht mehr tun.“

Auch Schmitz kommt aus der Wirtschaft. Er war Berater bei Boston Cosulting und hat sich später mit einem IT-Unternehmen innerhalb der Compunet-Gruppe selbstständig gemacht. Seit dem Verkauf seiner Anteile ist er wirtschaftlich unabhängig. Sein Vorgänger in Adlershof, Professor Rolf Scharwächter, war als früherer Mercedes-Benz-Bereichsvorstand für Planung und Produktion ein Mann der Industrie. Diese starken Persönlichkeiten, alte DDR-Wissenschaftler und neue Gründer, prägen Adlershof.

Hier, im Südosten Berlins, gibt es noch genug Platz für viele kleine und auch ein paar große Firmen

Schmitz sagt, dass er keine Behörde führen will, sondern ein Non-Profit-Unternehmen mit öffentlichem Auftrag. „Wir haben Eigenkapital, wir können wie ein Unternehmen arbeiten. Sonst hätte ich das auch nicht gemacht.“ Die Politik habe, rein theoretisch, Zugriff auf die Überschüsse. Aber es gebe eine Übereinkunft, die es der Wista erlaube, erwirtschaftete Mittel zu reinvestieren. „Was wir aus Grundstücksverkäufen erlösen, investieren wir in neue Gebäude, die spezifisch auf die Bedürfnisse forschungslastiger kleiner Unternehmenskunden ausgerichtet sind.“

Adlershof war teuer. Aber die Investitionen haben sich gelohnt

Diese Infrastruktur für Wissenschaft und Wirtschaft aufzubauen war nicht billig. Rund 1,3 Milliarden Euro hat die öffentliche Hand aus den unterschiedlichsten Töpfen, vom Land Berlin bis zu Bundes- und GRW-Mitteln („Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“), seit der Gründung vor 20 Jahren in den Technologiepark gepumpt. Allein der Abriss der alten Gebäude der Akademie der Wissenschaften der DDR schlug mit 45 Millionen Euro zu Buche.

Dass das öffentliche Geld gut angelegt ist, rechnet Schmitz gern vor. Eine aktuelle, von der Wista in Auftrag gegebene Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat die volkswirtschaftlichen Effekte des Technologieparks durchgerechnet. Seit 2006 sind die öffentlichen Investitionen auf durchschnittlich 30,4 Millionen Euro pro Jahr gesunken. Allein in den vergangenen sechs Jahren führten laut DIW-Untersuchung die Unternehmen in Adlershof Steuern in Höhe von 1,8 Milliarden Euro ab.

2010 waren es 344 Millionen Euro an Lohn-, Mehrwert- und Körperschaftsteuer – also gut das Elffache der jährlichen Fördersumme. Die DIW-Studie berücksichtigt auch indirekte Effekte, etwa die zusätzliche Nachfrage, für die die 14 639 in Adlershof Beschäftigten sorgen.

Einige Träume haben sich nicht erfüllt. Zum Beispiel, dass große Industrieunternehmen hier ihre Forschungsabteilungen ansiedeln. General Electric ging mit seiner Forschung lieber nach München.

„Es war ein Lernprozess, nicht primär auf große Industrieansiedlungen zu setzen“, sagt Hardy Schmitz heute. Adlershof wachse aus sich selbst heraus. Das gehe langsam, aber das Wachstum sei stabil.

Trotzdem hat Schmitz den Traum noch nicht aufgegeben, dass irgendwann doch ein Großer kommt. „Um Wunschdenken zu formulieren: Wenn ein Weltunternehmen in Sachen Analytik wie Thermo Fischer sich für Adlershof entscheiden würde, oder wenn Fresenius hier ein großes Labor aufmachen würde – das wäre ein Paradigmenwechsel, durch den der Standort in eine andere Kampfklasse kommen würde.“

Ein paar Hundert Meter von seinem Büro entfernt warten riesige Brachflächen auf Unternehmer mit Ideen. ---

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