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Hauptsache bequem

Robuste Marken halten auch Katastrophen aus. Gutes Beispiel: der Schuhhersteller Romika.




• Andreas Garnier, als Geschäftsführer der Josef Seibel Gruppe für die Marke Romika zuständig, schaut zufrieden aus dem Fenster seines Büros auf das Festzelt. Dort ist alles bereit für den "rosa Karneval" vom Schwul-lesbischen Zentrum in Trier. "Die Karten waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft", freut sich der 47-jährige Familienvater, der leger in Jeans, Hemd und Velourshalbschuhen daherkommt. Fastnacht ist ein großes Ding in der Stadt und Romika mit von der Partie. Neben dem Festzelt gibt es auf dem Firmengelände noch ein "Romikulum" genanntes Restaurant nebst Biergarten.

Warum macht Romika in Gastronomie? "Die Leute sollen sich hier wohlfühlen - genau wie in unseren Schuhen", lautet die originelle Antwort von Garnier. Geld verdiene man mit dem Nebengeschäft zwar nicht, aber: "Es geht uns um die Stärkung der Marke."

Mit der geht es wieder aufwärts, seitdem der ebenfalls traditionsreiche Familienbetrieb Josef Seibel sie 2005 aus der Insolvenz übernahm. 2010 war mit rund 41 Millionen Euro Umsatz ein gutes Jahr für Romika. 2011 sollen es mehr als 50 Millionen Euro werden. Garnier rattert die Zahlen nur so herunter. Erzählt vom neuen Romika-Werk, das gerade in Ungarn eröffnet wurde. Und freut sich über Platz 2 "im Segment Wellness- und Komfortschuhe". Die sind nichts für Fashion Victims, die gern auf hohen Absätzen leiden. Hauptsache bequem - dafür steht Romika. Rund ein Viertel des Umsatzes werden nach wie vor mit Hausschuhen gemacht, die Namen wie "Präsident" tragen.

Romika war mal sehr bekannt und hat immer noch einen guten Klang. "Die Marke ist toll", sagt Garnier. "Man muss sich nur um die Schuhe kümmern." Ein dezenter Hinweis auf seinen Vorgänger René Jäggi. Der hatte die Firma 1994 übernommen, um dort ein großes Rad zu drehen. Romika sollte mit Sportschuhen punkten wie einst in den Sechzigern, cool daherkommen und in die USA expandieren (vgl. brand eins 02/2000, "Der Pantoffelheld"). Doch der Pantoffel-Held Jäggi scheiterte, weil er, wie es heißt, kein Mann fürs Tagesgeschäft war.

Garnier sagt über sich, er kümmere sich "auch um die Länge der Schnürsenkel". Nach seiner Lehre bei Romika hat er es bis zum Exportleiter gebracht, bevor er Ende der Neunziger zur Konkurrenz wechselte. Dass er seinen alten Chef später beerbte, ist ein Triumph für ihn. Neben den kleinen Dingen kümmert er sich nun um große. Für alle Markenhersteller ist der Fachhändler-Schwund ein Problem. Deshalb stieg Seibel selbst in dieses Geschäft ein und hat sich mit 49 Prozent an der Leiser KG mit bundesweit 146 Filialen beteiligt.

Die, verspricht Garnier, werden nach wie vor viele Marken anbieten, nicht nur die hauseigenen (neben Romika Romikids, Josef Seibel und Westland). Trotzdem beäugen sowohl andere Hersteller als auch Einzelhändler den neuen Platzhirsch misstrauisch. Was Garnier aber offenbar wenig beeindruckt. Es gibt überhaupt nur eine Frage, die er nicht spontan parieren kann: die nach der Zahl seiner Schuhe daheim. "Ein paar Dutzend sind es bestimmt", sagt er schließlich und grinst. "Ich komme da günstig ran." •

Hans Rollmann, Carl Michael und Carl Kaufmann gründen 1921 eine Schuhfabrik, die sie – nach den ersten beiden Buchstaben ihrer Namen – Romika nennen. 1935 treiben die Nazis sie in den Konkurs; die beiden jüdischen Unternehmer Rollmann und Kaufmann müssen das Land verlassen. Dieser hässliche Teil der Firmengeschichte wird lange vertuscht. Hellmuth Lemm, der die Marke 1936 von den Banken kauft, stellt sich als Gründer dar. Der Arisierungsgewinner produziert mit Erfolg Gummistiefel und Hausschuhe. Nach der Zerstörung des Werkes im Jahr 1945 fängt Romika klein wieder an, um in den Wirtschaftswunderzeiten rasant zu wachsen. Die Firma macht sich später auch einen Namen als Sportschuhhersteller und expandiert ins Ausland. In den Achtzigern entwickelt man mit dem Membranhersteller Gore leichte, wasserdichte Schuhe. Allerdings gelingt es den Trierern nicht, sich diese Erfindung patentieren zu lassen, weshalb bald Konkurrenten nachziehen. Nach dem Rückzug der Familie Lemm übernimmt 1994 René Jäggi, ein Schweizer mit Charisma, alle Anteile. 2005 ist Romika insolvent und wird für den Konkurrenten Seibel erst zum Schnäppchen und dann zur Perle im Portfolio. Josef Seibel Holding GmbH Mitarbeiter weltweit: rund 3500; Umsatz 2010: 110 Millionen Euro, Jahresproduktion: etwa 6 Millionen Paar Schuhe