„Europa aktiv nutzen“

Brüssel verteilt viel Geld. An Leute, die gute Fördermittelanträge schreiben. Eine Akademie in Berlin lehrt, wie das geht.




- Das Tortendiagramm an der Wand des Seminarraums hat einen Durchmesser von mindestens einem Meter. Die Zahl darüber macht seine eigentliche Dimension deutlich: 974 Milliarden Euro. Diesen Betrag verteilt die Europäische Union in der siebenjährigen Förderperiode 2007 bis 2013.

Der Trainer sagt: "Das macht im Schnitt 140 Milliarden im Jahr." Die Stimmung der angehenden Fördermittelmanager und -Berater in der Kaffeepause ist aufgekratzt.

Sechs Teilnehmer hat die Pilotklasse für künftige Förderantrag-Profis der privaten Weiterbildungsakademie Emcra in Berlin. Vier von ihnen sind selbstständig und wollen künftig als Lotsen durch den deutsch-europäischen Subventions-Dschungel Geld verdienen. Zwei arbeiten in Festanstellung. Ihre Arbeitgeber stellen sie für 15 Tage frei und investieren jeweils 8400 Euro Kursgebühr. Die Unternehmen werden ihre interne Kosten-Nutzen-Rechnung angestellt haben.

Siegfried Ritter gehört zur Fraktion der Selbstständigen. Der stämmige Schwabe weiß: "Es gibt doch heute keine Metzgerei mehr, die ohne Fördermittel umbaut oder erweitert." Sein Businessplan als Förderberater steht: "Wir werden uns auf den Bereich Energie-Effizienz von produzierenden Unternehmen konzentrieren. Da betragen die nicht rückzahlbaren Förderzuschüsse in der Regel 30 Prozent der Investition." 30 Kunden will Ritter mit Partnern pro Jahr betreuen. Die durchschnittliche Fördersumme betrage in diesem Bereich "so um die 500 000 Euro". Wer jährlich 15 Millionen Euro Subventionen vermittelt, da ist der Gründer sicher, "dürfte davon gut leben können". Er lehnt sich zurück. Das Beratungsunternehmen sei bereits gegründet, das Geschäft laufe "wunderbar an".

Sein Rechenbeispiel bringt auch die anderen zum Plaudern. Fabian Kopp erzählt, wie er sich auf Fördermöglichkeiten für technische Innovationen spezialisieren möchte. Ein Teilnehmer aus Augsburg berichtet, wie er bereits heute bei Kunden "mit Förderthemen in Nachfolgesituationen und beim Verkauf von Unternehmen" punktet. Die Akkreditierung zum Förderberater der KfW Bankengruppe hat er gerade hinter sich gebracht.

Ein wichtiges Lernziel: Man sollte nicht versuchen, aus allen Töpfen zu schöpfen. "Die europäische Förderlandschaft ist zu komplex, als dass ein Berater jeden Kunden in jedem Land und jeder Branche kompetent beraten könnte", sagt Heike Kraack-Tichy, geschäftsführende Gesellschafterin der Weiterbildungsakademie. "Halbwissen schadet oft mehr, als es nützt." Sie versteht es als ihren Auftrag, "Fördermittelberatung in Deutschland auf ein höheres Niveau zu heben".

Ein krisensicheres Geschäft, denn: Subventioniert wird in guten wie in schlechten Zeiten

Allerdings hat die Branche nicht den besten Ruf. Manch einer denkt an windige Anwälte oder Steuerberater, die den Unternehmen nebenbei Steuergelder aus Brüssel beschaffen und dafür ein schönes Honorar kassieren. "In Deutschland darf sich jeder Fördermittelberater nennen", ärgert sich die 43-jährige Trainerin.

Ihr Ehemann und Emcra-Gründungspartner Michael Kraack ergänzt: "Mit überzogenen Versprechen auf geschenktes Geld ist den meisten Antragstellern nicht geholfen. Die verschwenden dann nur Zeit und Ressourcen, die sie an anderer Stelle besser einsetzen könnten." Die Frustration bei Ablehnung sei mindestens so hoch wie die Fehlerquote bei der Antragsstellung. Um Letztere zu senken, hätten die Kraacks 2002 die Akademie gegründet.

Das Paar betreute damals in Deutschland das EU-Förderprogramm für die Verbesserung von Öffentlichkeitsarbeit namens "Prince". Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Anträge zu begutachten. Dabei fiel ihnen auf: "Hier werden viele gute Ideen vernichtet, weil die Leute die Logik des Programms nicht verstehen und deshalb schlechte Anträge schreiben."

Sie wussten, wie es geht. Die Professionalisierung der Förderberatung wurde zu ihrem eigenen Geschäftsmodell. Für die Kraacks scheint es sich zu lohnen, Herrschaftswissen über die Funktionsweise des Brüsseler Subventionsapparates zu teilen. 15 Mitarbeiter plus freie Trainer beschäftigt die Emcra nach eigenen Angaben heute an den drei Standorten Berlin, München und Chemnitz.

Auf dem Wandkalender hinter Heike Kraack-Tichys Schreibtisch markieren bunte Balken die Lehraktivitäten. Es findet sich kaum ein Tag im Jahr 2011, an dem nicht schon Workshops mit Titeln wie "Europäische Sozialfonds - ESF-Projekte kalkulieren, umsetzen und abrechnen" oder "Qualifizierung zum zertifizierten EU-Fundraiser für Non-Profit-Organisationen" eingetragen sind.

In den Broschüren der Emcra Akademie tauchen oft die Formulierungen "praxisorientiert" und "mit praktischen Übungen" auf. Und nach einem Vormittag in der Akademie verfestigt sich der Eindruck: Hier sind in der Tat kompetente Praktiker der Erwachsenenbildung am Werk. Die zudem eine sehr pragmatische Antwort auf die politische Grundsatzfrage haben, die da lautet: Ist es eigentlich sinnvoll, dass die Europäische Union pro Förderperiode knapp eine Billarde Euro einsammelt, um sie dann - in alle Himmelsrichtungen mit allseits bekannten und anekdotisch vielfach beschriebenen Streuverlusten - umzuverteilen?

"Europa aktiv nutzen", lautet der Werbe-Slogan der Emcra. Die beiden Gründer lächeln verschmitzt, wenn man sie auf den Subtext ihrer Botschaft anspricht. Der könnte frei übersetzt lauten: Der Kuchen ist gebacken, und wir haben als Steuerzahler ordentlich Mehl, Eier und Zucker beigesteuert. Also lasst uns wenigstens ein möglichst großes Stück davon sichern!

Widerspruch kommt nicht. Mit den Subventionen ist es wie mit Steuergeschenken: Sie sind immer dann gut und gerechtfertigt, wenn man selbst profitiert.

Um ihre Zukunft und die ihrer Studenten macht sich das Paar keine Sorgen. "Aus Sicht eines Politikers ist Förderung ein politisches Steuerungsinstrument", sagt er. "Auf dieses Instrument werden Politiker nie verzichten wollen. Es ist systemimmanent."

Wenig wahrscheinlich erscheint den beiden, dass der europäische Subventions-Dschungel mit seinen zahllosen Verflechtungen in nationale und regionale Programme in absehbarer Zeit so einfach zu durchschauen sein wird, dass Unternehmen nicht mehr auf professionelle Hilfe bei der Beantragung von Fördermitteln angewiesen sind. "Die Frage aus Sicht eines Geschäftsführers ist ja immer: Lohnt es sich für uns, dass sich da ein Mitarbeiter richtig einarbeitet?", sagt Kraack-Tichy. Zumindest bei kleineren und mittleren Unternehmen laute die Antwort fast immer: nein.

Auch die politische Entwicklung stimmt die Emcra-Leute optimistisch. Öffentlich sei es eine verbreitete Wahrnehmung, dass immer und überall Fördermittel gestrichen würden. "De facto steigt bei der EU die Gesamtfördersumme stetig", sagt Kraack. Steuerzahler mögen sich darüber ärgern, aber das Subventionswesen ist sowohl zyklisch als auch antizyklisch. Das heißt: Fördern hat immer Konjunktur. Denn in Krisenzeiten legen Politiker Konjunkturprogramme auf. Und wenn es wieder gut läuft, sind sie bei der Haushaltskonsolidierung wenig konsequent, aber umso erfreuter, Geld für die Finanzierung ihrer Herzensanliegen zu haben.

Toll: Auch die Ausbildung zum Fördermanager wird in vielen Fällen gefördert

Die Emcra GmbH selbst erhält übrigens keine Fördermittel weder vom Land Berlin noch vom Bund noch aus europäischen Töpfen. Zumindest keine direkten. In der Broschüre zum Workshop Europäischer Sozialfonds (ESF) findet sich der praktische Hinweis: "ESF-gefördert - 50 Prozent der Workshop-Gebühr sparen!" Heike Kraack-Tichy fügt hinzu: "Es gibt wunderbare Programme auf Landesebene, die berufliche Weiterbildungsangebote wie unsere umfangreich fördern." In den Qualifizierungsklassen zum EU-Fundraiser sitzen viele Teilnehmer, "die arbeitslos, von Arbeitslosigkeit bedroht oder über 45 Jahre alt sind". Ihre Kursgebühr übernimmt unter bestimmten Bedingungen die Bundesagentur für Arbeit.

Nebenan im Seminarraum, bei den angehenden Fördermittel-Managern und -beratern, sitzen fast ausschließlich Teilnehmer, die die Kursgebühr selbst bezahlt haben. Alle wirken sicher, dass sich ihre Investition alsbald rentieren wird. Der Trainer hat eine neue Powerpoint-Folie an die Wand projiziert. Nach dem Überblick über die Struktur der EU-Förderung geht es in die Antrags-Details einzelner Programme. Ganz oben steht das Competitiveness and Innovation Framework Programme, kurz CIP.

Der Trainer sagt: "Das CIP ist der Porsche unter den Förderprogrammen. Da sollten wir sehr genau hinschauen." -