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Die Reparaturwerkstatt

Ob Jobcenter die kaputten Biografien junger Langzeitarbeitsloser heilen können? Dazu müssten sie zuvor erst einmal selbst generalüberholt werden. Dann wären sie in der Lage, vielen den Weg ins Arbeitsleben zu öffnen. Wie eine Mannheimer Initiative gerade beispielhaft vorführt.




- Wenn sich Joachim Burg um jemanden kümmert, ist eigentlich alles schon zu spät. Sein Job sind die verkorksten Fälle. Der Abteilungsleiter des Jobcenters Junges Mannheim soll jene retten, die kein Arbeitgeber haben will: Jugendliche, die Arbeitslosengeld II beziehen - die meisten ohne Abschluss, Ausbildung, Perspektive. Eine undankbare, manchmal unlösbare Aufgabe. Burg hat eine Erfolgsgeschichte daraus gemacht.

Er ist ein schnörkelloser Typ, hoch konzentriert. In seinem kahlen Büro ist das Schwarz-Weiß-Foto seiner Tochter, das er mit einem Tesastreifen an den PC-Monitor geheftet hat, die einzige Ablenkung. Die Wände sind weiß, keine Bilder, kein Schnickschnack, nur Aktenordner. Das passende Ambiente für einen, der sich selbst als "Zahlenmensch" bezeichnet und seine Behörde immer noch effizienter machen will.

Morgen für Morgen tippt er in eine Excel-Tabelle, woran er und seine Kollegen gemessen werden: die Zahl der langzeitarbeitslosen Jugendlichen. Vor fünf Jahren, als Burg die Abteilung gerade übernommen hatte, lag diese Zahl bei 1200. Wenn der 49-Jährige heute auf den Bildschirm blickt und den aktuellen Stand eingibt, reichen zwei Ziffern: 54. Nur noch 54 Langzeitarbeitslose unter 25 Jahren gibt es in der 300 000-Einwohner-Kommune: eine Quote von 0,3 Prozent. In Offenbach liegt der Wert bei 5,9 Prozent, in Essen bei 7,0 und in Berlin bei 10,1 Prozent.

Acht Jahre sind vergangen, seit Gerhard Schröders rot-grüne Bundesregierung die Reformen des Arbeitsmarktes beschlossen hat; seit Politiker mit der Zauberformel "Fördern und Fordern" versprachen, sich intensiver um die Arbeitslosen zu bemühen. Acht Jahre. Und was ist passiert? Noch immer verliert in der sogenannten Bildungsrepublik jedes Jahr eine unerträglich große Zahl Jugendlicher den Anschluss. Allein im Sommer 2009 haben mehr als 58 000 Jungen und Mädchen die Schule ohne Abschluss verlassen. Sie landen in einem verschulten Übergangssystem. Statt Berufserfahrungen sammeln sie in Fortbildungsmaßnahmen an Berufsschulen und bei Bildungsträgern vor allem eines: Frust. Laut Arbeitsagentur leben derzeit 171 000 arbeitslose Jugendliche von ALG II, 170 000 weitere stecken in Fortbildung - Ende offen.

Es ist ein Desaster, auf das die Politik unentschlossen und zaghaft reagiert, aus Scheu vor grundlegenden Reformen. "Anstatt die Probleme anzugehen, verharren sie in einer institutionenegoistischen Sicht", kritisiert der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell. Bund, Länder und Gemeinden: Alle wollen mitreden, Einfluss nehmen, ihren Zugriff sichern auf riesige Budgets. "Auf der Strecke bleiben die Jugendlichen", bemängelt Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik an der Fachhochschule Koblenz. Deren Lage werde sich erst bessern, wenn das alte System abgeschafft worden sei (siehe Interview Seite 86).

So lange wollte Joachim Burg aber nicht warten. Er hat erkannt, dass es sinnlos ist, wenn junge Leute ausgerechnet in Klassenzimmern nachholen sollen, woran sie schon in ihrer Schulzeit gescheitert sind. Er weiß, was es bringt, in Fortbildungskursen Vogelhäuschen zu schreinern oder Mauern hochzuziehen, die kurz vor Feierabend wieder eingerissen werden. Burg wollte keine überflüssigen Trockenübungen.

Wer etwa gern Lagerist werden will, landet in Mannheim nicht auf der Schulbank, sondern in einer großen Industriehalle am Stadtrand. Äußerlich unterscheidet sich die gemeinnützige Ad Laborem GmbH nicht von anderen Lager- und Logistikbetrieben. Mitarbeiter verpacken Auspuffrohre, Kühlerwannen und andere Autoersatzteile in maßgeschneiderte Pappkartons; mit Paletten beladene Gabelstapler steuern durch die engen Gänge zwischen Regalwänden, und an einer Werkbank zählen Männer und Frauen konzentriert Schrauben und Muttern ab, die sie in durchsichtige Plastikbeutel verpacken. Ein Vorarbeiter durchstreift die Halle und hakt auf einer Liste ab, was schon erledigt ist.

Ad Laborem ist eigentlich ein gewöhnlicher Betrieb, der einem großen Autokonzern zuarbeitet - wäre da nicht das gläserne Büro am Rande der Halle. "Sozialdienst" steht über der Tür. Im Inneren sitzt Guido Leckenbusch, einer von drei Pädagogen, die das Unternehmen beschäftigt. Der kräftige Mann erklärt, dass in dem Integrationsbetrieb unbefristet angestellte Lageristen Seite an Seite mit jungen Arbeitslosen arbeiten. Die Jobsuchenden sollen sich an feste Arbeitsabläufe gewöhnen. Jeden Tag von 7.30 bis 16 Uhr müssen sie mit anpacken. "Viele Jugendliche", sagt Leckenbusch, "müssen erst mal ganz grundlegende Dinge lernen": pünktlich sein, Konflikte lösen, im Team arbeiten.

Bei der Arbeit und bei Gesprächen mit den Pädagogen kommt zutage, was die Jugendlichen daran hindert, ein geregeltes Arbeitsleben zu führen. "Alkoholprobleme, Faulheit, Missbrauchserfahrungen", zählt Leckenbusch auf. Daran arbeiten die Pädagogen mit den Jugendlichen. Jede Woche schicken sie einen Bericht an das Jobcenter. Wenn Pädagogen und Fallmanager überzeugt sind, dass sich die Jugendlichen gefangen haben, reif für die Arbeitswelt sind, schicken sie ihre Klienten in ein Praktikum. Häufig ist das die Brücke zu einem Ausbildungsplatz.

Die enge Zusammenarbeit mit sogenannten Beschäftigungsträgern, diese Mischung aus Arbeitsalltag und Sozialtherapie, ist das Herz des "Systems Mannheim". Burgs Jobcenter kooperiert mit acht Betrieben. Die Jugendlichen können zwischen 40 Berufsfeldern wählen, auf welchen sie sich erproben wollen. Die Stärke des Modells liegt darin, dass Jugendliche wie in der realen Arbeitswelt jobben - dabei aber ständig betreut werden. Experten loben diese "Verbetrieblichung" der Vermittlung.

Das Gehirn des Systems ist nach wie vor das Jobcenter. Es besteht aus den Fallmanagern, zu denen die Jugendlichen kommen, bevor sie in die Beschäftigungsträger weitervermittelt werden. Ihre Aufgabe reicht weit über die eines Jobvermittlers hinaus. Sie verlangt auch die Kompetenz und Sensibilität guter Lehrer. Die Fallmanager müssen frühzeitig erkennen, was den Jugendlichen im Weg steht und wo ihre Potenziale stecken. Sie müssen entscheiden, wann Druck nötig und wann Freiraum möglich ist. Sie müssen erkennen, wann sie veralbert werden sollen und wann ein Teenager an seine Grenzen stößt.

Zuerst bloß eine Akte, dann ein Schicksal

Diese Anforderung gibt es eigentlich in allen Jobcentern - aber die Fallmanager sind selten darauf vorbereitet. "Von einem Erzieher im Kindergarten wird bald ein Fachholschulabschluss erwartet, aber Betreuer in den Jobcentern bekommen oft nur ein paar Tagesfortbildungen und werden dann auf die Jugendlichen losgelassen. Von pädagogischer Ausbildung keine Spur", sagt der Ökonom Sell. Er kritisiert, dass verbindliche Vorgaben für Fallmanager von Jugendlichen fehlen.

In Mannheim ist das anders. 30 seiner Jobvermittler hat Joachim Burg berufsbegleitend einen 18-monatigen Studiengang absolvieren lassen. Sie sollten lernen, das anspruchsvolle Vermittlungskonzept mit Fingerspitzengefühl umzusetzen. "Ich brauche qualifizierte Vermittler, sonst funktioniert es nicht", sagt er. Denn bei den Mannheimer Fallmanagern laufen alle Fäden zusammen. Für jeden Jugendlichen gibt es nur eine Akte.

Marco Erndt ist einer der Fallmanager. Mit Akten kennt er sich aus, denn eigentlich ist er Rechtsanwalt. Als er während seiner Promotion jobbte, kam er zum ersten Mal in Burgs Jobcenter -und blieb. "Menschen wirklich helfen zu können, junge Schicksale zu beeinflussen, das gibt mir Erfüllung", sagt er. Seitdem bearbeitet er die Fälle so gründlich und zäh wie ein Anwalt.

Beispielsweise den von Ronny Sprengel. Der muskulöse Jugendliche mit dem kurz geschorenen Haar bekam beim ersten Treffen in Erndts Büro kaum den Mund auf, wollte nichts von sich preisgeben. Erndt begann zu recherchieren. In Behördenakten fand er, dass sein Klient eine Halbwaisenrente erhielt. Vom Einwohnermeldeamt erfuhr er, wann Ronnys Vater gestorben war - und genau in diesem Zeitraum hatten die Auffälligkeiten des Teenagers eingesetzt.

In mehr als 20 Gesprächen rückte Ronny nach und nach mit seinen Problemen heraus, berichtete von der Drogenkarriere und den Konflikten mit der Mutter. "Bei einem dieser Termine kamen Ronny plötzlich die Tränen. Das ging mir nahe. Da gehst du abends nicht einfach aus dem Büro und knipst das Licht aus", sagt Marco Erndt.

Der Fallmanager erkannte, dass der Junge vor allem Fürsorge und einen geregelten Tagesablauf brauchte. Er schickte ihn deshalb zur Caritas, einen der Beschäftigungsträger. Sozialpädagogen kümmerten sich dort um ihn und ein Dutzend weiterer Jugendlicher. "Ich habe die Sozialarbeiter mit ins Boot geholt", sagt der Fallmanager Marco Erndt, "damit Ronny seine Probleme erst einmal verarbeiten kann."

Der Plan ging auf. Durch Gesprächsrunden über Drogen, Schulden und Probleme in der Familie fand Ronny Vertrauen zu den Sozialarbeitern - und Stück für Stück auch wieder zu sich. Die Caritas vermittelte ihm schließlich einen Praktikumsplatz in einem evangelischen Kindergarten. Anschließend war klar: Hier konnte der inzwischen 23-Jährige eine Ausbildung beginnen. Erndt konnte wieder eine Akte schließen, der Abteilungsleiter Burg einen Fall aus der Statistik streichen.

Junge Leute wie Ronny Sprengel sollen selbst herausfinden, wo ihre Stärken liegen und was ihnen Spaß macht. Wenn ihnen ein Job nicht gefällt, dürfen sie wechseln, auch mehrmals. Nur aufgeben und hinwerfen, das lässt man ihnen in Mannheim nicht durchgehen. Wer einen Termin platzen lässt oder ein paar Tage abtaucht, dem schickt Burg zuerst einen Sozialarbeiter, bevor er ihm das Geld streicht. "Sanktionierungen sind für uns kein Gestaltungsinstrument", sagt der Abteilungsleiter. In seinem Jobcenter liegt die Sanktionierungsquote der Jugendlichen bei 2,6 Prozent, im Bundesdurchschnitt wird rund zehn Prozent der Jugendlichen das Geld gekürzt. Mit Kuschelpädagogik hat das nichts zu tun, mit effektiver Jobvermittlung allerdings schon.

Faulenzer haben bei Joachim Burg keine Chance. Wer es mit der Ausrede versucht, er wisse nicht, wie er zu einem Bewerbungstermin kommen soll, mit dem geht er in den Innenhof des Jobcenters. Dort stehen zehn Leihfahrräder. Keine alltägliche Investition, aber sie hat sich ausgezahlt. Das Beispiel Mannheim beweist auch, dass persönliche Betreuung nicht teuer sein muss. Weil Burgs Mitarbeiter im Jahr 2010 statt der in einer Zielvereinbarung fixierten 3000 Jugendlichen mehr als 4500 zu einem Job verhalfen, wurden gegenüber der Vorgabe der Arbeitsagentur fast fünf Millionen Euro eingespart.

Trotzdem nähert sich die Politik nur zaghaft den Problemen, die sich aus dem in Jahrzehnten entstandenen Wildwuchs bei der Arbeitsvermittlung ergeben. Immerhin wächst die Einsicht, dass die verschiedenen "Rechtsgebiete", die sich um jugendliche Arbeitslose kümmern, endlich näher zusammenrücken müssen.

Bislang sind die Zuständigen räumlich und organisatorisch voneinander getrennt. Häufig unzureichend qualifizierte Fallmanager betreuen in Jobcentern junge ALG-II-Empfänger und regeln ihre Transferzahlungen (nach Sozialgesetzbuch II). Oft besser ausgebildete Berufsberater (für eine Klientel nach dem Sozialgesetzbuch III) haben ihre Büros in Beratungszentren der Arbeitsagenturen, und die städtische Jugendhilfe (Sozialgesetzbuch VIII), die sich um soziale Probleme kümmert, sitzt in eigenen Ämtern.

Das Bundesministerium für Arbeit will jetzt gemeinsam mit der Arbeitsagentur die Betreuung reformieren. Unter dem Schlagwort "Schnittstellenverbesserung" sollen die aufgespaltenen Zuständigkeiten gebündelt werden. Das Ziel: Fallmanager, Berufsberater und Sozialarbeiter arbeiten künftig unter einem Dach zusammen.

Wie das am besten funktioniert, lässt das Ministerium gerade an sechs Standorten erproben: Düsseldorf, Darmstadt, Nürnberg, Bielefeld, Rhein-Hunsrück und im Kyffhäuser Kreis. Im Laufe des Jahres sollen die Erfahrungen ausgewertet und das Konzept auf 14 weitere Städte ausgeweitet werden, bevor die neue Arbeitsweise schließlich in ganz Deutschland gelten soll.

Ein typischer Schauplatz dieser überfälligen Bürokratiereform ist ein schmuckloser Flur in Darmstadt. Die Gänge sind eng, kaltes Licht spiegelt sich auf dem gebohnerten Linoleum. Maria Kuhn fühlt sich wohl hier. Den mintgrünen Wandanstrich findet sie erfrischend. "Grün ist die Farbe der Hoffnung", sagt sie, während sie durch das zweite Stockwerk führt. Die Fallmanagerin der Arge - einer gemeinnützigen Einrichtung von Agentur für Arbeit und Kommune - muss nur quer über den Flur, wenn sie sich mit Berufsberatern und Sozialarbeitern abstimmen will. Es gibt einen gemeinsamen Besprechungsraum, die Türen stehen offen. Wer zu welcher Behörde gehört, ist nur an den Türschildern ablesbar. Neben dem Fahrstuhl weist ein Schild auf die Jugendberufsagentur hin - "das sind wir alle", sagt Kuhn. "Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie das vorher funktioniert hat."

Wenn man sie fragt, was die räumliche Nähe konkret bringt, erzählt sie als Beispiel die Geschichte eines jungen Mannes, der kürzlich in der Berufsberatung saß. Er bemühte sich um einen Ausbildungsplatz, konnte sich die Suche allerdings nicht leisten, weil er komplett pleite war. Einen Antrag auf Arbeitslosengeld II wollte er nicht stellen - "auf Hartz IV sein" schreckt ab. Anstatt den Hilfebedürftigen wie früher mit dem nutzlosen Hinweis zu entlassen, er solle sich in der Arge melden und einen Antrag auf Unterstützung stellen, rief die Kollegin einfach ihre Fallmanagerin Kuhn hinzu. Die überzeugte den Bewerber davon, dass er sich für das Arbeitslosengeld II nicht schämen müsse. Nachdem die Geldprobleme gelöst waren, konnte die Berufsberaterin den Jugendlichen in einen Betrieb vermitteln. In anderen Fällen, wenn es Schwierigkeiten mit den Eltern, mit Gewalt oder Drogen gibt, beraten Jobvermittler auch gemeinsam mit Sozialarbeitern.

Herrchen mit Hund - ein Spiel fürs Leben

Sachbearbeiter wie Arbeitslose profitieren vom Zusammenrücken. Zwar waren die Behörden bereits vor der Reform nur wenige Häuser voneinander entfernt. "Aber man glaubt gar nicht", sagt Kuhn, "wie viele Jugendliche auf den paar Metern verloren gegangen sind."

Die Strukturreform ist eine Voraussetzung dafür, dass sich die Ergebnisse bessern. Das Problem lösen kann sie nicht. Da braucht es mehr: arbeitsmarktnahe Angebote und pädagogisches Einfühlungsvermögen. Das wissen sie auch in Darmstadt. Darum setzen die Verantwortlichen in der südhessischen Stadt nicht nur auf kurze Behördenwege. Sie haben auch neue Ideen für die Berufsvorbereitung: Bevor die Jugendlichen einen Job finden, müssen sie sich erst einmal selbst finden. Und besser als mintgrüne Behördenflure ist dafür eine Theaterbühne geeignet. Darum hat die Arge Theaterpädagogen und Bewerbungstrainer des Unternehmens Projektfabrik (brand eins 03/2011) engagiert, um Selbstbewusstsein und Motivation der Arbeitslosen zu stärken.

In einer Stuhlreihe sitzt der 20-jährige Kai Schuhmann mit einem Dutzend weiterer Jugendlicher vor einer leeren, mit roten Vorhängen gerahmten Bühne. Er trägt Schwarz, ein Piercing durch die rechte Augenbraue und an beiden Händen breite, silberfarbene Ringe. Einer mit dickem, schwarzem Stein am linken Mittelfinger fällt besonders auf. Nervös dreht der blasse junge Mann ihn hin und her. Nadine Libicher, die Theaterpädagogin, fordert ihn zu einer Improvisation auf - er soll aus sich herausgehen, jetzt sofort. Er erhebt sich langsam, stellt sich neben den arbeitslosen Sascha, der einen Hund spielt. Ein unbeholfener Griff nach der Hundeleine. "Ich bin das Herrchen", sagt er und muss bei der Vorstellung unwillkürlich lächeln.

Als die Pädagogin "freeze!" ruft, wird die Szene für Sekunden zur absurd wirkenden Pose, beinah ein wenig lächerlich. Doch keiner der Jugendlichen lacht. Ihre Gesichter blicken ernst und konzentriert. Sie spüren, dass es hier um eine Chance geht.

In solchen kleinen Szenen lernen sie etwas Entscheidendes: sich überwinden, sich zeigen, die Stimme einsetzen, sich nicht verstecken. Sie haben nur noch ein paar Wochen, dann werden Kai Schuhmann und die anderen arbeitslosen jungen Leute ein Stück auf die Bühne bringen. Es soll davon handeln, wie es ist, "anders zu sein", nicht richtig dazuzugehören, zur Arbeitswelt, zur Gesellschaft. Sie werden das Stück selbst schreiben, das Bühnenbild bauen, die Kostüme nähen, Plakate drucken. Zur Premiere sollen mehrere Hundert Zuschauer kommen.

Für viele von ihnen könnte es der Abend sein, an dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben Applaus und Anerkennung erfahren. Wer hier mitmacht, durchläuft neben den Proben ein individuelles Bewerbungstraining. Nach der Premiere wechseln alle für fünf Monate in einen Betrieb zum Praktikum. Zwei von drei Langzeitarbeitslosen haben dann einen Ausbildungsvertrag in Händen oder holen den Schulabschluss nach. Eine starke Quote.

Kai, seit drei Jahren ohne Festanstellung, weiß, wo er hinwill. Er möchte Bestatter werden. Das sei ein Beruf, sagt er, der ganz zu Unrecht einen schlechten Ruf habe. Eine Trauerfeier würdig zu gestalten, etwas, an das man sich noch lange erinnert, dafür kann er sich begeistern. -