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Stefan Sell im Interview

Nicht nur eine Reform - eine Revolution fordert der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell bei der Vermittlung jugendlicher Arbeitsloser - und sieht hierfür eine historisch einmalige Chance. Ein Gespräch über Fehler der Gegenwart und Chancen der Zukunft.




brand eins: "Fördern und Fordern" lautete die Zauberformel, als die Bundesregierung die Hartz-IV-Reform auf den Weg brachte. Sechs Jahre ist das her, und es stecken Hunderttausende Jugendliche in Arbeitslosengeld II und in Fördermaßnahmen fest. Was ist da schiefgelaufen?

Stefan Sell: Fördern und Fordern ist ein schönes Paar - wenn beide Partner gleichberechtigt sind. Bei uns ist vor allem die Fordern-Seite stark vertreten. Die Bundesagentur für Arbeit sanktioniert rund zehn Prozent der unter 25-Jährigen. Vielen von denen wird das Geld komplett entzogen. Na toll! Wo bleiben die denn? Was machen die ohne Geld? Das Ergebnis ist, dass diese Jugendlichen an anderer Stelle des Sozialstaats wieder aufschlagen - und sei es, dass sie in der Justizvollzugsanstalt landen.

Aber es wird doch auch intensiv gefördert. Immerhin investiert der Staat jedes Jahr Milliarden Euro in berufliche Fördermaßnahmen der jugendlichen ALG-II-Bezieher.

Das Geld fließt aber in die falsche Förderung. Und das liegt am derzeit praktizierten Übergangssystem: Nach der Schule stecken wir die Jugendlichen in weitere schulische Systeme. Das soll den Übergang erleichtern.

Viele der jugendlichen ALG-II-Empfänger sind aber Schulabbrecher oder haben einen hundsmiserablen Abschluss. Und was macht man mit ihnen? Man sperrt sie täglich acht Stunden lang in ein schlecht ausgestattetes Klassenzimmer, zusammen mit 25 weiteren Schulmüden, stellt ihnen einen befristet beschäftigten Fortbilder hin, der schlechter bezahlt ist als die normalen Lehrer, und wundert sich, dass der größte Erfolg dieser Maßnahme ist, wenn nicht die gesamte Klasseneinrichtung zerlegt wird. Die Schüler werden in das System gesteckt, an dem sie bereits gescheitert sind. Das kann nicht funktionieren.

Also besser keine Fortbildungen mehr?

Genau. Das jetzige Übergangssystem gehört abgeschafft. Ich plädiere für einen Paradigmenwechsel: Wir müssen weg von der schulischen Illusion. Sie könnten die Fördergelder in diesem Bereich verdoppeln, und es würde trotzdem nichts bewirken. Die Jugendlichen kommen mit dem Lern-Setting einfach nicht zurecht.

Womit kommen diese Jugendlichen denn zurecht?

Eine Lösung wäre die "Verbetrieblichung". Sie müssen diesen Jugendlichen so schnell wie möglich einen Zugang zur realen Arbeitswelt ermöglichen. Wenn das kein Arbeitgeber machen will, könnte ich mir vorstellen, dass Sozialbetriebe dafür staatlich gefördert werden, wenn sie die problematischen Jugendlichen ausbilden - im engen Kontakt mit Unternehmen.

Die Unternehmen werden sich freuen. Warum sollten sie ausbügeln, was Eltern, Lehrer, wir alle nicht hinbekommen haben?

Ganz einfach: aus ökonomischer Notwendigkeit. Vor drei Jahren hätten sich Unternehmer meinen Vorschlag nicht einmal angehört. Da herrschte ein Überangebot an potenziellen Auszubildenden. Inzwischen hat sich die Situation umgekehrt. Es herrscht Azubi-Mangel. Plötzlich stoße ich mit meiner Idee auf offene Ohren. Das ist eine historisch einmalige Chance. Jetzt müssen wir das bisherige Übergangssystem zerschlagen und Jugendliche in die Betriebe überführen, und sei es über geförderte Praktika. Wir dürfen die Jugendlichen nicht in sinnlose Fortbildungen stecken, in denen sie morgens ein Loch buddeln, das abends wieder zugeschüttet wird, nur damit sie keine regulären Arbeitsplätze gefährden.

So wie in Mannheim? Hier vermittelt das Jobcenter Jugendliche in Beschäftigungsträger, in denen sie Aufträge aus der Wirtschaft bearbeiten und gleichzeitig von Sozialarbeitern betreut werden.

Ich habe große Sympathie für das Mannheimer Modell. Die Jugendlichen können in einem geschützten Raum erste Berufserfahrungen sammeln. Wichtig ist, dass sie nicht zu lange in dem geschützten Raum bleiben, damit sie auf die Realität in der Arbeitswelt richtig vorbereitet werden.

Und was wird aus denen, die sich total verweigern, die auch keine Lust haben, in einem Betrieb zu arbeiten?

Wir müssen uns von einer Lebenslüge verabschieden. Bestimmte junge Menschen sind zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach nicht erreichbar. Die Gesellschaft muss die Stärke haben - genau wie Eltern übrigens -, sie ziehen zu lassen, mit der Überzeugung, dass sie nicht für immer scheitern, sondern die Kurve kriegen. Mir wurde das in Gesprächen mit Schweizern klar. Deren Erfahrung ist, dass man diese Totalverweigerer laufen lassen muss. Die müssen sich zur Not als Hilfsarbeiter durchschlagen oder von staatlichen Geldern leben. Häufig kommen sie mit Anfang 20 von allein wieder, oft, weil sie inzwischen eine Freundin haben, die höhere Ansprüche hat. Dann ist die nötige Eigenmotivation da. Dann aber müssen wir ihnen die passenden Angebote machen.

Wo muss man ansetzen, um die Vermittlung der Jugendlichen im bestehenden System zu verbessern?

Ein ganz wesentlicher Faktor wird viel zu sehr außer Acht gelassen: der Faktor Mensch. Denn in erster Linie ist die Betreuung der Jugendlichen ein pädagogisches Problem in einem ökonomischen Rahmen. Wir brauchen also auch eine pädagogische Lösung. Das heißt, wir brauchen in den Jobcentern pädagogisch geschultes Personal.

Die Fallmanager sind nicht qualifiziert genug?

Ohne die aufopfernde Arbeit der Betreuer diskreditieren zu wollen: Aus Systemsicht ist eine Qualifizierungsoffensive enorm wichtig. In Zukunft ist die Frage zentral, ob die Arbeitsagentur ein formales Berufsprofil von den Fallmanagern erwartet. Das vermisse ich. Es gibt kein Berufsprofil. Derzeit ist es so, dass Fallmanager oft nur ein paar Tagesfortbildungen bekommen und dann auf die Jugendlichen losgelassen werden. Sie genügen noch nicht einmal den Minimalstandards, geschweige denn, dass sie eine pädagogische oder sozialpädagogische Ausbildung haben. Das muss man sich mal klarmachen: Diese Leute entscheiden über existenziell wichtige Fragen des jugendlichen Lebens bis hin zum Entzug von Leistungen zur Existenzsicherung. Eigentlich müssten an diese Leute besonders hohe Anforderungen der Qualifikation gestellt werden.

Sind gut ausgebildete Fallmanager zu teuer?

Natürlich. Jedes Anforderungsprofil würde einen Aufwand der Personalrekrutierung bedeuten.

Warum geht die Politik die wahren Probleme nicht an? Viele Missstände sind doch schon seit Jahren bekannt.

Den Politikern geht es primär nicht um die Lösung des Problems. Sie denken viel zu sehr aus einer institutionenegoistischen Sicht. Da gibt es den Bund, der vor allem die Kosten der Grundsicherung trägt. Da gibt es die Kommunen, die den Großteil der Unterkunftskosten tragen. Und Bildung ist Sache der Länder. Wir sehen hier Folgen der Föderalismusfalle. Alle drei Ebenen versuchen, Zuständigkeit und Kosten von der einen zur anderen Stelle zu verschieben. Auf der Strecke bleiben die Jugendlichen. Auf ihre Probleme wird nicht wirklich eingegangen.

Die Politik setzt nicht auf besser ausgebildetes Personal, sondern auf eine "Schnittstellenverbesserung", die engere Zusammenarbeit zwischen Jobcentern und Jugendhilfen. Wie beurteilen Sie das?

Nach jahrelanger intensiver Beobachtung dieses Bereichs habe ich zunehmend den Verdacht, dass es sich bei diesen Geschichten um eine Selbstbeschäftigung des Systems handelt. Man richtet Modellregionen oder -versuche ein, um Aktivität zu simulieren. ---

Stefan Sell, 46,

ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik an der Fachhochschule Koblenz. Vor seiner wissenschaftlichen Karriere war er Referent für Arbeitsmarktpolitik im Bundeskanzleramt und Leiter des Arbeitsamtes Tübingen.