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Zwischen allen Stühlen

Unabhängig bleiben - und dafür auch den Preis bezahlen. Nils Holger Moormann zeigt seit Jahrzehnten, wie das geht. Und seine Möbel zeigen es auch.




- Der "Stellvertreter" zum Beispiel. Eine Zementplatte mit zwei Stiefelabdrücken (Schuhgrößen 33 und 43), Besenborsten, ein sich gabelnder Stiel aus Esche, an dem man eine Jacke aufhängen könnte. Mancher sieht bei dem Anblick nur Zement, Holz, Besen. Nils Holger Moormann sieht eine Garderobe, die Stellvertreter heißt.

Wer kauft solch ein Möbel? "Kein Mensch", sagt Moormann und klingt allen Ernstes empört. "Dass etwas wahnsinnig gut läuft, darf nicht der alleinige Grund dafür sein, es herzustellen."

Moormann, schwere Lederstiefel, verwaschene Jeans, grauer Strickpulli, meint das ernst. In seinem Besprechungszimmer (Türaufschrift: "'s Ratschkammerl") ist es eiskalt. Über den Putz an der Wand ziehen sich Risse. Vom einst roten Lack der Dielen ist nicht mehr viel übrig. Moormann will es so. Er ist Patriarch in seiner Firma, und sie folgt seinen Regeln. Die eine heißt: Chaos. Die andere: Ordnung. Die eine kommt ohne die andere nicht aus.

"Man muss auch Dinge tun, weil sie Spaß machen, Humor haben, einfach genial sind. Und nicht immer an das Geld denken", sagt der Möbelmann. Er ist einer, der mit seinen Produkten nicht nach Trends schielt. Wichtiger ist ihm, konsequent bei der Gestaltung zu sein, Haltung zu zeigen. Für ihn zählt die Unabhängigkeit, nicht Ruhm. Seit bald 30 Jahren arbeitet er nach dieser Devise. Durchaus mit Erfolg. Doch er räumt ein: "Für solche Freiräume muss man erst die Voraussetzungen schaffen." Aber davon später.

Der 58-Jährige, geboren in Stuttgart, seit 35 Jahren im Chiemgau, schmeißt sein Jura-Studium, weil ihn Möbel und Gestaltung mehr interessieren als Paragrafen und Vorschriften. Mit 1200 Mark in der Tasche und vagen Ideen im Kopf gründet er 1982 eine Firma, die seinen Namen trägt. Bekannt wird sie für Kipp-Schuhschränke und ein schiefes Metallregal. Zwei Dekaden später ist Moormann ein gut beschäftigter Möbelbauer mit 25 Angestellten in einem alten Bauernhaus in Aschau im Chiemgau. Beliebt bei Kunden, die Ironie in der Gestaltung schätzen. Übersehen von jenen, die Kunst passend zu ihren Sofas kaufen. Ein Unternehmen für Leute, die es gediegen-anarchisch mögen - ein Image, das dem Schwaben ganz recht ist.

Aber Achtung: Moormann ist kein Aussteiger, der in der Idylle der bayerischen Berge die Zeit vorbeiziehen lässt. Vielmehr hat er sich eingerichtet in der Sparte der Edelmöbel. 182 Designpreise wurden ihm verliehen, und er verhehlt das nicht. Moormann ist ehrgeizig. Es ist ihm aber gelungen, ein Umfeld zu schaffen, in dem er Produkte entwerfen kann, die Charakter haben - und die sich verkaufen lassen. Moormann braucht Widersprüche. Die Zentrale in dem alten Bauernhaus wirkt wie der Gegenpol zu seinen Möbeln: Traditionelle grüne Fensterläden zieren die Fassade. Das Satteldach liegt schwer auf dem Gemäuer. Die Balkone sind mit Schnitzereien verziert, und drinnen bittet eine Wandaufschrift: "Unsern Eingang segne Gott."

In Anbetracht der Modellpolitik des Chefs hofft wohl auch so mancher Angestellte gelegentlich auf Beistand von ganz oben. Im früheren Pferdestall hat Moormann seine Objekte ausgestellt (Türaufschrift: "Showroom, 1rst section - :Mäbe"). Ein roter Teppich führt an den Boxen vorbei. Darin das FNP-Regal des Berliner Gestaltungsprofessors Axel Kufus, das selbst in der größten Version leicht wirkt, da seine Böden tiefer sind als die Wangen. Dahinter das Bett "Siebenschläfer", das aus vier Teilen Furnierplatte einfach nur zusammengesteckt wird.

Oder der Schreibtisch "Egon", frei nach dem berühmten Entwurf von Egon Eiermann, gestützt von zwei sich kreuzenden Holzstreben, die ganz ohne Schrauben halten. Zur Reihe gehören aber auch die beinah unverkäuflichen Exemplare.

Der Stellvertreter? Ein Ladenhüter. Die Allzweckwand "Walden"? Wurde zu Werbezwecken entwickelt, jedoch nie bestellt. Die Schubkästen gehen gut, nur ist mit ihnen nichts zu verdienen, weil sie "sauteuer sind in der Herstellung". Und wozu das alles? "Aus Freude am Tun", sagt er.

Was freilich nur die halbe Wahrheit ist. Moormann ist ein Mann, der genau weiß, wie aus einem Namen eine Marke wird. "Wir müssen auch Produkte ohne wirtschaftlichen Wert herstellen", sagt er. "Sie bringen vielleicht kein Geld, aber Ausstrahlung." So war es beim Stellvertreter, einer Arbeit von Stephan Schulz, für die der Chef viele bunte Worte findet. "Wunderbar eigensinnig", "keine trendmäßige Verfeinerung von etwas Bestehenden". Im Gegenteil: "Eine Erfindung, die mich in der Zusammensetzung der Werkstoffe und der Elemente schmunzeln ließ. Ich freute mich einfach darüber." Wenn ein Entwurf solche Reaktionen in ihm auslöse, passe er in die Kollektion. "Zu sagen: Hey, wir trauen uns mal was, funktioniert nicht."

Moormann hat immer die gesamte Kollektion im Blick: die Regale, die Tische, die Betten, die Schränke, die Garderoben und Schubkästen. Darunter müssen auch Produkte sein, die nicht viele Kunden finden. Wenn kaum einer den Stellvertreter will, macht der trotzdem auf ein Bett aufmerksam - und hat auf Umwegen Umsatz gebracht. Ihn herzustellen zahlt sich am Ende aus, selbst wenn das mit nackten Zahlen nicht zu belegen ist. "Man braucht eine ganze Palette und darf sich nicht nur auf ein Produkt beschränken. Am Anfang machten wir 60 Prozent unseres Umsatzes mit Klappschuhschränken. Das war brandgefährlich."

Inzwischen hängt die Firma nicht mehr von einzelnen Linien ab. Nach 30 Jahren Möbelbau hat Moormann erreicht, wovon viele träumen: Er macht sein Ding. Im Lager zeigt er auf die Querstreben des Egon-Schreibtisches. "Ein halbes Jahr lang hat ein Mann überlegt, wie man die so zusammenstecken kann, dass der Tisch hinterher auch stabil steht."

Dass er in Serie gehen würde, war da noch nicht sicher. Denn Moormann ist kein Kamikaze. Er kann es sich leisten zu spielen: mit einer Garderobe, einem wundersamen Sessel. Trotzdem muss sich die Entwicklung rechnen. Deswegen wird auf langen Sitzungen über Entwürfe gestritten und ausgerechnet, ob sie finanzierbar sind. Das Modell eines Designers ist wie das Rohmanuskript eines Romans - halb fertig. Die Entwicklungsabteilung (Türaufschrift: "d' Gspinnertn") muss es polieren und verfeinern und herausfinden, wie das Produkt so hergestellt werden kann, dass vom Erlös etwas übrig bleibt.

Ob das halbe Jahr Tüfteln die Mühe lohnt? Letztlich weiß auch Moormann vorher nicht, was sich verkauft und was nicht. Es bleibe eine "Lotterie", bei der er bemerkt hat: " Je forscher man vorangeht, desto mehr Glück hat man." In anderen Worten: Wer auf sich selbst vertraut, kommt weiter. Wobei man sich ruhig mehr trauen darf.

Es ist noch nicht lange her, da ließ er sich selbst einen Sessel bauen, der aussieht, als wäre er auf einen Schubkarren montiert. Zu Hause sitzt Moormann gern am Kamin und liest. Wenn es ihm zu warm wird, schiebt er den Sessel vom Feuer weg. Wird ihm kalt, rückt er ihn wieder etwas heran. Ein Sitzmöbel mit Rad - was lag näher? Dann brauchte es noch eine Lampe, Stauraum für Lesezeichen, Lupe und Bleistift. Den so entstandenen "Bookinist" nahm er mit auf die Mailänder Möbelmesse, um nicht den ganzen Tag am Stand stehen zu müssen. Dann kam der erste Kunde, der ihn kaufen wollte. Beim vierten hatte der Geschäftsführer Friedrich Damberg bereits heimlich ausgerechnet, was man dafür verlangen könnte. Am Ende hatten sie zwölf Sessel verkauft, Stückpreis 2200 Euro.

Und jetzt? Bloß nicht zu schnell wachsen!

Beachtlich für ein Sitzmöbel, das hart ist wie ein Baumstumpf und bei dem die Leselampe irritierenderweise rechts angeschraubt wurde. Ein Zufallstreffer, den Moormann sogleich für einen Marketing-Gag nutzte. Er kündigte eine limitierte Auflage an, begrenzt auf 228 000 Stück. Jeder Sessel hat ein Metallplättchen ("Not for Highway use"), in das eine Nummer eingraviert ist. Vor wenigen Tagen wurde Nummer 248 ausgeliefert.

Keine Frage, Moormann inszeniert sich. In den Werbebroschüren fehlt der große Kerl - mal mit Helm, mal mit Anorak, mal mit Zigarre - nur auf wenigen Bildern. Die Designer erscheinen bei ihm vergleichsweise selten. Wo andere Firmen mit Philippe Starck, Sir Norman Foster oder Zaha Hadid viel Wirbel machen, setzt Moormann auf Moormann.

Doch hinter der Inszenierung steckt ein Unternehmen, das hochprofessionell arbeitet. Moormann verzichtet auf Handelsvertreter, klappert dafür die 90 Geschäfte, die in Deutschland seine Produkte führen, selbst ab und schläft bei Dienstreisen am liebsten in seinem Kombi. In den vergangenen Krisenjahren entdeckten die Italiener und Südkoreaner die Möbel aus MDF und Multiplex-Platten vom Chiemsee. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat sich der Umsatz verdoppelt. "Ein blödes Thema", findet Moormann.

Denn Wachstum setzt ihn unter Druck. Er fürchtet sich nicht davor, härter arbeiten zu müssen. Aber: "Wenn so richtig Feuer unter dem Kessel ist, fliegt einem das Ding auch schnell auseinander", sagt er. Wird die Firma größer, braucht sie mehr Mitarbeiter, mehr Computer, mehr Platz - und alles kostet Geld, das dann fehlt, wenn es einmal nicht rund läuft. Schließlich will er sich weiter ums Gestalten kümmern, nicht zu lange über den Zahlen brüten. "Ein Steilflug ist schlecht. Besser ist es, langsam und kontinuierlich Höhe zu gewinnen", sagt er.

Deswegen hat sich der Schwabe eine Wachstumsverweigerungsstrategie ausgedacht: In Deutschland beliefert er nur Geschäfte, die seine Haltung teilen. Neuanfragen lehnt er meist ab. Dafür hat er in Aschau seine Verkaufsabteilung (Türaufschrift: "d' Gschafftign") aufgestockt, damit die Händler immer einen kompetenten Ansprechpartner in der Firma haben und alles schnell geliefert werden kann.

Und das bringt einen zur wichtigsten Voraussetzung für kreative Freiheit, die Moormann meint: generalstabsmäßige Organisation. Die Freude am Ausprobieren, der Spaß an der Ästhetik, das ist nur die eine Seite des Möbelmachers. Die andere ist eine streng unternehmerische Herangehensweise: Experimentiert wird mit Holz und Zement, nicht mit Zahlen.

Zwei Buchhaltungen hat Moormann installiert. Per Knopfdruck kann er herausfinden, ob er in diesem oder dem nächsten Monat Geld braucht. Lieferanten bezahlt er schnell, skontiert und spart so einige Prozent. Mit dieser kaufmännischen Art hat sich Moormann den Raum geschaffen, den er für seine Spielereien braucht. Die Garderobe Stellvertreter gibt es nur, weil er an anderer Stelle genau rechnet und die Prozesse straff durchorganisiert hat.

Etwa beim Wareneinkauf, der Achillesferse des kleinen Unternehmens. Auf diesem Feld muss der Geschäftsführer Damberg eine schwierige Aufgabe lösen: Lieferanten, für die der Kunde eigentlich unwichtig ist, dazu zu bringen, ihnen doch etwas zu verkaufen. In diesem Jahr wird er wohl 18 Lastwagenladungen Multiplex-Platten brauchen. Dieses Furnierholz benötigt die Firma für fast alle Möbel. Aber im Aufschwung haben kleine Unternehmen das Nachsehen. Damberg hat ausgerechnet, dass sie mit ihren 18 Lastwagenladungen etwa mit 0,0042 Prozent zum Umsatz des Herstellers beisteuern - also fast nichts.

Was tun? "Wir schließen Abkommen, um unsere Rohstoffe zu sichern", sagt er. Doch da auch Lastwagenbordwände aus diesem Material gefertigt werden und es auf dem Bau verwendet wird, ist der Aufschwung in Aschau keine gute Nachricht: Sie werden sich, wenn es knapp wird, ganz hinten anstellen müssen. Warum sie doch liefern? "Die haben Spaß an uns", sagt Damberg. "Und wir geben uns keine Blöße, bezahlen immer pünktlich."

Hinter dem wilden Gestalter Moormann steckt ein bodenständiger Geschäftsmann. Aus diesem Grund hat er alle Firmenimmobilien gekauft. Die Zentrale in dem alten Bauernhof gehört ihm. Im vergangenen Jahr hat er ein Lager erworben. Jetzt schläft er schlecht, wegen der Schulden. "Aber so redet mir keiner rein." Er führt das Geschäft auf seine Weise, was bedeutet: Er will tun und lassen können, was ihm gefällt. Nicht immer liegt darin rein ökonomische Vernunft. Der konservative Unternehmer und der freie Denker müssen sich ausgleichen.

Vor einigen Jahren kaufte er ein Grundstück samt Bauernhaus, um dort seine Zentrale zu errichten. Ein Nachbar ließ es ihm untersagen. Da er das Haus nun schon einmal hatte, machte er ein Hotel daraus: rein nach seinem Geschmack. Mehrfach ließ er ein Fenster von den Maurern vergrößern, dann verkleinern, wieder vergrößern - bis es ihm gefiel. Nach bald 30 Jahren Unternehmertum kann er es sich leisten, Kompromisse abzulehnen.

Das gilt auch für den Umgang mit dem Nachbarn. Nachdem der den Bau der Lagerhalle vermasselt hatte, hisste Moormann drei Fahnen vor der Firmenzentrale: Jede zeigte das Hinterteil einer Kuh. Inzwischen hat man sich ausgesprochen. Dorfnachbarn müssen miteinander auskommen. Und schließlich wurde am Ende mit dem Hotel eine gute Lösung gefunden, auch wenn Moormann nie vorhatte, Herbergsvater zu werden. Im richtigen Moment flexibel zu sein, auch das gehört dazu, wenn man unabhängig bleiben möchte. An der Einfahrt zu Moormanns Haus hängt ein Schild, das schon oft geklaut wurde und das er immer wieder neu anfertigen lässt. Darauf steht: "Freiheit aushalten." Offenbar gefällt das auch anderen. -