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Raum zum Leben

Städte schmücken sich gern. Mit ambitionierten Bauprojekten, visionärer Planung und großer Architektur. Bürger leben gern. In Häusern für Menschen, zu tragbaren Mieten und in lebendigen Vierteln. Wer gewinnt? Ein paar Antworten.




• Wer Großstadt erleben, schmecken, riechen will, geht ins Mutterland. Zwischen Hamburger Hauptbahnhof, dem Schauspielhaus und dem bunten Viertel St. Georg liegt dieser Lebensmittelladen mit angeschlossenem Bistro, und beide sehen aus, als baute man die Stellagen morgens auf und abends wieder ab. Hier isst man ökologisch korrekt, trinkt Latte macchiato und kann lernen, dass asiatische Rucksacktouristen eine Vorliebe für Brausepulver haben. Mutterland steht in jedem besseren Reiseführer und ist nebenbei Wartesaal für Berlin-Hamburg-Berlin-Pendler, womit deutlich wird: Stadt und Heimat sind überall und immer in Bewegung.

Dort wartet Rolf Kellner (40), wie fast immer mit Sakko und rotem Pullover, auf sein Interview. Er ist Teamleiter des Hamburger Planungsbüros Über-Normal-Null (ÜNN), das gern über den allgemein sanktionierten Stadtplanungsideen schwebt, die immer viel mit Kapital und weniger mit den Menschen zu tun haben.

Die Stadt lebt

Rolf Kellner steht für eine Generation von Stadtplanern, die nach dem Examen auf einen Einstellungsstopp in den Behörden trafen und heute genau davon profitieren. Denn in den Behörden fehlt inzwischen Wissen; Städte und Gemeinden müssen Planungskompetenz einkaufen. Zu tun sei genug, stellt Kellner fest, vor allem "als Reparaturbetrieb und beim Weiterbau unserer Städte".

Zu lange ging es dabei ums Bauen und weniger um das Woher und Wohin. "Also kümmern wir uns erst einmal um die Vergangenheit, machen das Alte sichtbar und zum Ausgangspunkt unserer Planung. Abriss verbietet sich dabei von selbst." Und das gilt auch für Regionen, auf die Baugesellschaften längst begehrliche Blicke gerichtet haben, für Hamburgs wilden Osten beispielsweise, der jenseits der glitzernden Hafencity liegt. In Hammerbrook oder Rothenburgsort, zwischen aufgegebenen Hafenbecken mit maroden Kaimauern und alten Eisenbahnschuppen, könnte entstehen, was ÜNN unter neuer Stadtkultur versteht. Noch wohnen Rolf Kellner und seine Lebensgefährtin in einer Wohngemeinschaft an der Elbchaussee, wollen aber sobald wie möglich in den Osten: "Dort sind die Räume und die Häuser deiner Freunde."

Kellner hat eine andere Stadt im Sinn als die Planer der Hafencity. Und das gilt auch für Klaus Overmeyer, 42, der Gärtner gelernt und dann Landschaftsplanung studiert hat und heute an der Bergischen Universität Wuppertal Landschaftsarchitektur lehrt. Vor allem aber ist Overmeyer schon seit einigen Jahren in Berlin als einer der urbanen Pioniere unterwegs, die auf den nicht genutzten Flächen der Hauptstadt ihr Ding und die Stadt zu ihrem ganz eigenen Schrebergarten des 21. Jahrhunderts machen: Skateparks in aufgelassenen Industriearealen, Ponyhaltung auf dem Mauerstreifen, Musik- und Mode-Labels in leer stehenden Ladenlokalen oder Kletter-Parcours in Baulücken – wie in kaum einer anderen europäischen Metropole bereichern temporäre Nutzungen das Stadtbild Berlins.

2009 lud Hamburgs Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Klaus Overmeyer und sein Büro Urban Catalysts ein, in einem Gutachten auf 143 Seiten "Kreative Milieus und offene Räume" für die Hansestadt zu erkunden. Im Planerdeutsch lautete das Ergebnis damals: "Die Studie proklamiert die ,Offene Stadt Hamburg', die Verzahnung von Offenheit und (Spiel-)Raum als wichtiges Handlungsfeld einer künftigen Stadtentwicklung, die kreative Räume und Milieus als Ressource für städtische Innovation integriert." Die Räume für neue Ideen ordnete Overmeyer in einer Art Wetterkarte an. Hoch- und Tiefdruckgebiete kennzeichnen unterschiedliche Stadtentwicklungspotenziale, und die Hochs liegen vor allem im wilden Osten.

Die Hafencity ist fest in der Hand der Spekulanten – aber es regt sich Widerstand

Was war da geschehen in der Stadt der Pfeffersäcke, die sich traditionell eher für Zahlen interessieren? "Dem vorwiegend ökonomisch motivierten Ansatz fehlte bisher eine stadträumliche und soziale Dimension", erklärt Overmeyer diplomatisch. Übersetzt: Ging es vorher vor allem ums Geld, kamen nach der Finanzkrise und dem Schock über die bundesweit für Schlagzeilen sorgenden Auseinandersetzungen rund um das Hamburger Gängeviertel auch andere Überlegungen zum Zug. Dort war ein denkmalschutzwürdiges, aber marodes Quartier einem Investorenkonsortium "anhand gegeben" worden, was bei der richtigen Lage eine Lizenz zum Gelddrucken sein kann. Die Krise allerdings machte so manchen Blütentraum zunichte, die Investitionsbereitschaft sank, alte Allianzen zerbrachen und neue entstanden: Künstler besetzten die kleine romantische Insel mit der einst durchgängigen Hamburger Altstadtbebauung. Literaten, Schauspieler und allein 150 Architekten stimmten per Unterschrift dafür, dass die Künstler in den historischen Fachwerkhäusern bleiben und die Altbauten im Gängeviertel nicht einer kühlen Investmentarchitektur weichen sollten – obwohl daran auch viele Architekten hätten verdienen können.

Inzwischen hat die Stadt das Gängeviertel zurückgekauft und denkt darüber nach, wie aus den Besetzern Eigentümer werden können. "Alle sind sensibler geworden", so Overmeyer.

Das gilt für viele der Städte, die bis vor Kurzem noch boomten, vielleicht auch wieder boomen werden, in denen aber gerade jetzt eine Chance zur Besinnung gegeben scheint. Denn die Debatte, wo Kreative leben wollen und vor allem leben können, ist keine Luxusdiskussion: Es geht um die Frage, ob die Städte auch für all jene Quartier machen wollen, die – gut ausgebildet und in Zukunftsberufen aktiv – Staat und Gesellschaft mitbestimmen, die aber in unsicheren, bisweilen prekären Verhältnissen leben. Müssen die alle aufs Land? Oder nimmt auch die Stadt sie auf – und wenn ja, wo?

Wohl kaum in der Hamburger Hafencity, Europas größtem Innenstadtentwicklungsprojekt mit am Ende 6000 neuen Wohnungen. Auch wenn sie ursprünglich für all die Fachleute aus den IT-, Medien- oder Forschungsbranchen mit ihren jungen Familien gedacht waren, die Hamburg als wachsende Metropole dringend braucht: Die wohnen nicht hier. Die können sich das schlicht nicht leisten.

Die schnell einsetzende Spekulation mit den schicken Neubauten ließ die Preise in kürzester Zeit explodieren. Das hat einige wenige reicher gemacht, die Behördenplaner zornig und die eigentliche Zielgruppe nachdenklich. Die potenziellen Bewohner stellten fest, dass sie Innenstadtquartiere nicht bezahlen können und die Designerbadewanne von Philippe Starck auch nicht brauchen. Der Städtebau der vergangenen 20 Jahre, hedonistisch und grell, schloss sie aus – nicht zuletzt, weil sie durchschauten, wie sie mit zielgruppengerechter Verpackung geködert werden sollten. Nach dem funktionalistischen Städtebau der Nachkriegszeit, so sagte Angelus Eisinger, Professor für Geschichte und Kultur der Metropolen an der Hafencity Universität, bei einem Städte-bau-Kongress 2009, hatten "Architektur- und Stadttheorie der Moderne nichts Richtiges mehr gegenzusetzen". Man überließ das Feld dem Design und dem schönen Schein.

Klaus Overmeyer sitzt mit seinem Büro in einem ehemaligen Busdepot in Treptow direkt an der Spree, das Badeschiff und das alternative Veranstaltungszentrum Arena zu Füßen. Sein Hamburger Kreativgutachten gammelt zwar seit einem Jahr auf Behördenschreibtischen herum – aber es hat sich trotzdem etwas getan. Der Masterplan für die Hafencity wurde in einem kleinen, aber wichtigen Teil geändert: Man will alte Bahnschuppen stehen lassen und kreativen Milieus zumindest zeitweise Raum bieten. Gleichzeitig geht es auch mit Overmeyers Planungsbüro UC voran. Die Chancen stehen gut, dass er bald das halbe Dutzend freier Mitarbeiter fest anstellen kann.

Klaus Overmeyer hat vier Kinder zwischen vier und fünfzehn Jahren, drei Söhne und eine Tochter. Seine Frau ist ebenfalls Landschaftsarchitektin, kümmert sich aber hauptsächlich um die Familie. Das klingt nach Einfamilienhausidylle mit Garten und Hecke irgendwo im Speckgürtel: völlig falsch. Die Familie lebt hinter einer unscheinbaren, eigentlich schäbigen Holztür direkt neben dem Büro im Busdepot. Um sechs Uhr abends kommen die beiden jüngsten Kinder und holen den Vater zum Abendessen, Ausreden gibt es nicht. "Man braucht feste Zeiten und Regeln", sagt seine Frau dazu.

Overmeyer hat kurz zuvor eine Geschichte erzählt vom Hoseneinkauf, irgendwo in Kreuzberg. Da hatte er sich eine Hose im Techno-Stil gekauft. Und daneben lagen so schöne flauschige Pullover, wie sie vor zig Jahren der Schauspieler Diether Krebs als Martin trug. "Kannste machen", hat der Verkäufer gesagt, "trägt man jetzt so, det ist crossdressing!" Das könnte das Lebensmodell für die neue Generation sein: crossliving.

Bei den Overmeyers sieht das so aus: Sie haben kein Auto, dafür hat der Vater eine Bahncard 100, von der auch die ganze Familie profitiert. Im Depot lebt man ohne Wohnzimmer, dafür haben die Kinder viel Platz für ihre eigenen Abenteuer. Kreuzberg und gute Schulen liegen in der Nähe. Aber da ist noch etwas: Zusammen mit anderen Familien und einem Mietanteil von 350 Euro monatlich hat man jetzt eine Datsche irgendwo im Brandenburgischen.

Die kreative Klasse will anders leben – denkt aber auch ans Alter

Crossliving praktiziert auch der Stadtplaner Rolf Kellner. Er will in den Hamburger wilden Osten ziehen – obwohl er eine Eigentumswohnung in der Hafencity hat. Auf die Frage "Armer Mensch, reicher Mensch?" antwortet er: "Ich achte darauf, dass ich nicht hungern muss." Und sein Baugemeinschafts-Projekt gehört zu seiner individuellen Absicherungsstrategie: "Als Projekte entwickelnder Planer komme ich schnell an Immobilien – und ermuntere auch alle meine jüngeren Kollegen dazu, Eigentum zu bilden."

Das geht am besten über Haus- und Baugemeinschaften, eine inzwischen populäre Form, bei der eine Gruppe von Familien selbst baut, investiert und organisiert. Für Berlin bietet eine Internet-Plattform dafür bereits eine Art Management der entsprechenden Baulücken an (www.stadtentwicklung.berlin.de/bauen/baugemeinschaft).

Inzwischen verfeinern sich die Konzepte immer mehr. Es entstehen Mehrgenerationen-Baugruppen und kombinierte Wohn-und Arbeitsmilieus, das nennt man heute hybride Nutzungen. Selbst der öffentlich geförderte Wohnungsbau erlebt solche neuen Impulse. Kellners ÜNN berät beispielsweise die Hamburger SPD, weil diese sich als positive Zukunftspartei profilieren will: "Dort geht es um einen zusätzlichen Bereich im Wohnungsangebot, der hybrid zu nutzen ist – als Arbeits-, Spiel- oder Sportraum – als Raum zum Leben!"

Neue Räume sucht und findet auch die Hamburger Innenarchitektin Anne Schulz, 34. Ihr Büro heißt Schwimmhaus-Architekten. Sie kümmert sich um Räume in der Stadt, die jenseits von Profit und Überalterung liegen. Und die schaukeln in Hamburg – wie auch in Berlin – auf dem Wasser. Schulz arbeitet in einem Kontor an der Deichstraße, hanseatisch, gediegen, mit altem Paternoster, und ärgert sich darüber, dass es wieder einmal in die falsche Richtung läuft: Der Wohnraum auf dem Wasser ist nicht unbedingt ein von der Stadt geliebtes Projekt.

Zwar hat Hamburg zwei, drei Vorzeigeprojekte im Hafen und auf dem Eilbek-Kanal gefördert, lässt nun aber 70 echte Wasserbewohner in der Grauzone verharren, fast illegal, nur geduldet und auf meist privaten Werftgrundstücken versteckt. Anne Schulz weiß, dass dort vernünftige Leute leben, die ihren Müll nicht einfach ins Wasser werfen. Und dass das genau die Menschen sind, die Hamburg eigentlich will und braucht. Aber weil sie anders leben wollen, leben sie im Nirgendwo. Das will das Ein-Frau-Büro Schulz ändern. Ihr Ziel: "Eine transparente Knotenstelle zwischen Behörde und Kreativität zu werden. Ich will die da auf dem Wasser legalisieren und ihre Wohnverhältnisse strukturieren."

Inzwischen gibt es immerhin schon einen Hausbootkoordinator im Bezirk Mitte der Hansestadt. Aber es bleibt ein langer Weg, die besonders hohen Vorschriftenhürden zu überwinden und zu verhindern, dass mit der Legalisierung auch die Bauvorschrift am Hafen Einzug hält. Denn das will keiner, sagt Schulz: "Häuser auf dem Wasser, die aussehen wie die auf dem Land."

Volker Pohlüke, 46, könnte sich vorstellen, auf dem Wasser zu leben oder auch ganz woanders. Er ist kein Planer, sondern Kaufmann in Dortmund und hat das meiste, was er weiß, "nicht auf Universitäten, sondern durch den Kontakt mit anderen Menschen gelernt". Ein Jahr in Chicago, später selbstständig als Juniorpartner eines kleinen Nano-Technologie-Start-ups in China. Damals beschäftigte er sich mit fernöstlichen Philosophien und Religionen, die ihn bis heute interessieren. "Die Volkswirtschaft ist viel zu abstrakt und macht Annahmen über den Homo oeconomicus, den es so nicht gibt und die überholt sind." Diese Erkenntnis hat ihn seine Firma gekostet, weil seine Partner das anders sahen. Für ihn war das eher ein Anfang denn ein Ende.

Neue Wohn- und Lebensmodelle muss man erfinden – und erproben

Inzwischen lebt Pohlüke nach einer Trennung allein in einer Dreiraumwohnung aus den zwanziger Jahren am Dortmunder Borsigplatz, wo die Borussia zu Hause ist, und arbeitet als freier Berater. Angelockt hatte ihn das Kunstprojekt "2-3-Straßen" des Konzeptkünstlers Jochen Gerz für die Kulturhauptstadt 2010. Dort wie auch in Mülheim an der Ruhr und in Duisburg wurden leer stehende Wohnungen an hundert Bewerber kostenlos abgegeben, die als Gegenleistung ihre Eindrücke eines Jahres in einem elektronischen Tagebuch festhalten sollten.

"Es war ein Experiment über Arbeiten und Leben", schwelgt Pohlücke. "Fremde Leute kamen zusammen und verschmolzen zur Gemeinschaft. Sie fanden Identifikation und Zusammenhalt. Plötzlich entstanden Freundschaften. Und ich lebe freiwillig an einem Ort, den ich sonst niemals aufgesucht hätte." Seine China-Geschäfte laufen wieder. Aus dem Kunstprojekt will er jetzt zusammen mit Gerz ein Modell auch für andere Städte entwickeln, um heruntergekommene Quartiere zu beleben: "Das geht nicht allein, sondern dazu muss man ein Netzwerk und eine kritische Masse anwerben." Das war am Borsigplatz gegeben, weil plötzlich 20, 30 Leute zwischen 18 und 76 Jahren die leer stehenden, aber renovierten Wohnungen bezogen hatten.

Volker Pohlüke steht für die Hoffnung, dass Stadtplanung nicht eine Disziplin der Profis bleibt, sondern der Interessierten. Die Stadt gehört allen. Und sie braucht neue Denkräume, neue Stadträume, neue Spielräume vielleicht auch.

Das Alte, das Etablierte muss sich davor nicht fürchten. Das Hamburger Mutterland zeigt, wie leicht Koexistenz geht: Im Haus befinden sich auch ein Finanzamt und demnächst das neue Ohnsorg-Theater. ---

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