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Fair Trade

Wohin mit dem Vermögen? Viele Menschen fühlen sich von traditionellen Geldhäusern schlecht beraten. Für sie gibt es jetzt Alternativen.




- Wacken? Unmöglich! Wacken gab den Ausschlag? Holger Meyer, 42, grinst. Irgendwie ja. Nicht nur, aber auch. Doch von vorn: Es geht um Meyers Geld, genauer gesagt um die Anlage seines Geldes. Und um Kai Rohde, einen jungen, unabhängigen Hamburger Vermögensverwalter. Meyer kannte ihn schon länger. Verärgert über seine Bank, ein hanseatisches Privatinstitut, war Meyer auch schon länger. Wollte dort weg. Fand Rohde gut. Hatte aber mit einem Konkurrenten gesprochen, der auch ziemlich kompetent zu sein schien. Doch dann erzählte Rohde im Nebensatz, dass er mal wieder nach Wacken wolle - zum alljährlich dort stattfindenden größten Heavy-Metal-Festival der Welt, bei dem sich Musiker schon mal unter dem Gegröle der Fans mit Kunstblut überschütten. Auch Meyer ist Wacken-Fan. "Da dachte ich mir: Jemand, der Wacken mag, passt besser zu mir als der andere Berater, der vom Typ her eher zum Kirchentag geht."

Um Missverständnissen vorzubeugen: Meyer ist kein Rocker. Familienvater vielmehr und erfolgreicher Geschäftsmann. Der hochgewachsene Nordfriese war der allererste Mitarbeiter der Internet-Suchmaschine Google in Deutschland, baute das Geschäft hierzulande auf, wurde mit dem Börsengang vermögend und ist heute in Hamburg Geschäftsführer einer Online-Agentur. Man könnte ihn unkonventionell nennen - zumindest unkonventionell genug, um einer Bank mit großem Namen den Rücken zu kehren und sich einer jungen Vermögensverwaltung anzuvertrauen, die Leute wie Rohde beschäftigt.

Meyer und Rohde sind Stellvertreter zweier neuer Spezies: Der Ex-Google-Mann gehört zu einer stetig wachsenden Gemeinde von Anlegern, die sich von Namen und Größe klassischer Finanzhäuser nicht mehr beeindrucken lässt; Rohde zu einer Bewegung von Ex-Bankern, die Mut zum Verzicht auf Sicherheit und Privilegien hat und den Wunsch nach Aufrichtigkeit. Beides sind bislang keine Massenphänomene, aber spür- und auch beobachtbar in Form von Geldflüssen - hin zu Finanzunternehmen neuen Typs, konzernunabhängig, inhabergeführt -, die sich immerhin im zweistelligen Milliardenbereich bewegen.

Rohde ist gelernter Bankkaufmann, ein zurückhaltender, jungenhafter Typ. Fast 20 Jahre stand er in den Diensten der etablierten Finanzbranche, zuletzt als Berater für vermögende Kunden bei einer Großbank. 2008 wurde er zum ersten Mal Vater, nahm Elternzeit und begann nachzudenken - über eine tief sitzende Unzufriedenheit, die ihn schon länger quälte. Es war der Druck, bestimmte Produkte verkaufen zu müssen, der auf ihm lastete, und der damit verbundene Zwang, gegen die Interessen seiner Kunden zu verstoßen. Irgendwann, erinnert er sich, habe seine Frau, Oberärztin an einer Klinik, zu ihm gesagt: "Du gehst kaputt. Mach etwas anderes, ich halte dir den Rücken frei." Rohde blieb ein Jahr zu Hause. Er wollte Kunden keine Geschichten mehr erzählen, kein schlechtes Gewissen mehr haben. Die Frage war: Musste er dann nicht die Branche wechseln?

Es war Thomas Lange, der Rohde die Antwort lieferte. Auch er hat die Ochsentour im Finanzgewerbe hinter sich, zog die Reißleine und hatte das Glück, dass einige große Kunden mitzogen. Vor fünf Jahren gründete er mit 60 Millionen Euro an verwaltetem Vermögen Lange Assets & Consulting, um selbst bestimmen zu können, wie er Anleger betreut. "Klar will ich auch Geld verdienen", sagt er. "Aber mit dem Kunden und nicht gegen ihn."

In Jeans und Pullunder sitzt der schlanke Mittvierziger in seinem Büro unweit der Hamburger Außenalster, umrahmt von viel hellem Holz und Fotokunst. Mit Kunden trifft er sich hier, auf Wunsch aber auch anderswo - etwa bei seinem Lieblingsitaliener Cuneo in St. Pauli. Überall eben, wo man Zeit und Ruhe hat, gern mit einem guten Rotwein, in jedem Fall aber mit Gesprächen über die Kapitalmärkte, über die Lange mit Leidenschaft und oft im Widerspruch zur herrschenden Meinung referiert.

Mindestens sechs Stunden sitzen er und seine Mitarbeiter mit einem Anleger zusammen, bevor die Investmentstrategie steht. Der wird nicht kurzerhand in Depot-Typ "Chance" oder "Dynamik" einsortiert, versehen mit den entsprechenden Quoten für Aktien und festverzinsliche Wertpapiere. Lange verzichtet komplett auf die angestammten Anlageklassen. "Dass Aktien risikoreich und Renten sicher sind, stimmt heute nicht mehr. Es gibt Anleihen, Griechenland-Papiere etwa, die größere Risiken bergen als Anteile an gesunden Konzernen."

Wofür Kunden sich stattdessen bei ihm entscheiden müssen, sind zwei Dinge: eine Rendite, die sie innerhalb von zwölf Monaten erzielen möchten, und der Verlust, den sie maximal in Kauf zu nehmen bereit sind. Sie lernen dabei, dass hohe Renditen nicht drin sind, wenn man Sicherheit will. "Wer zehn Prozent anvisiert, muss damit leben, dass er im schlechtesten Fall fünf Prozent verlieren kann", sagt Lange.

Holger Meyer kann mit Verlusten nicht gut leben. Das haben ihn die Erfahrungen gelehrt, die er während der Finanzkrise bei seiner Bank machte. Er habe denen gesagt, er wolle sein Geld sicher anlegen, und trotzdem ein Depot der Kategorie "Chance" bekommen - also 40 Prozent Aktienquote, die erst im November 2008 reduziert wurde. Da waren die Börsen seit Monaten im freien Fall.

"Ich habe das nicht verstanden. Ich komme aus Schleswig-Holstein, vom Land. Wenn man da ein Gewitter heraufziehen sieht, holt man die Gartenmöbel unters Dach. Warum, habe ich gefragt, habt ihr das nicht gemacht?" Die Frage mag naiv klingen. Meyer wirkt ein bisschen wie ein großer Junge, wenn er erzählt offen und voll Unverständnis der Gesichtsausdruck, die Haare kurz und strubbelig. Andererseits: Der Mann war Google-Deutsch-land-Chef. Er ist nur kein Experte in Finanzfragen. Das sind die meisten Kunden nicht. Sonst bräuchten sie keine Bank.

Meyer hat das Problem seines damaligen Beraters bei dem Hamburger Geldinstitut inzwischen verstanden. Der hatte Meyers Vermögen in einen großen, hauseigenen Fonds gepackt. Ging es nicht individueller? Es ging nicht. Wer sich Millionär nennen darf, mag sich reich fühlen - für eine Bank sind eine Million Euro heutzutage zu wenig, um sie individuell zu verwalten. Meyer war, so absurd es klingen mag, eine kleine Nummer.

Bei Lange Assets hat er sich für fünf bis sechs Prozent Zielrendite entschieden. Das heißt: Er muss auch im schlechtesten Fall nicht mit Verlusten rechnen. Kai Rohde hält ihn ständig über den Kontostand auf dem Laufenden, persönlich. Er ist keine Nummer. Mit Rohde würde er sogar nach Wacken fahren.

Für derlei Ausflüge ist Martin Mack definitiv nicht der Typ. Sorgfältig abgestimmt die Blautöne von Anzug, Hemd und Krawatte, glatt rasiert das Gesicht, smart der Auftritt. Jede Privatbank nähme ihn mit Handkuss. Allein, das will er nicht, das wollte er noch nie. Deshalb sitzt Mack nicht in einem Glaspalast, sondern im fünften Stock eines renovierungsbedürftigen, schmalen Bürohauses in den Hamburger Colonnaden. Und deshalb gehört er in diese Geschichte über eine neue Finanzwelt jenseits frustrierter Anleger und fremdbestimmter Bankangestellter. Eine Welt, in der nicht mehr große Institute kleinen Kunden gegenüberstehen, sondern mittelständische Unternehmer gleichberechtigten Geschäftspartnern. Eine Welt, die sich nicht nur durch Transparenz auszeichnet, sondern auch durch Integrität - und zwar, darauf kommt es an, durch nachprüfbare Integrität.

1989 machte Mack sich noch als Student mit seinem Kommilitonen Herwig Weise und fünf Millionen Mark an verwaltetem Kapital selbstständig. Bis heute steckt ein wesentlicher Teil des privaten Vermögens der beiden in den von ihnen gemanagten Fonds. Verliert der Kunde, verlieren auch sie. Das gilt auch für die Gebühren: 1,4 Prozent Verwaltungsgebühr zahlt man, dazu zehn Prozent des Gewinns - wenn der Fonds Gewinn macht und nicht unterhalb seines historischen Höchststandes, der sogenannten High-Watermark, notiert. Das klingt simpel, ist aber bemerkenswert: Mack & Weise dürfen einen einmal erzielten Fondswert nie wieder unterschreiten, sonst bekommen sie von den Gewinnen so lange weniger ab, bis der Höchstwert wieder erreicht ist.

Und dann sind da noch die sogenannten Kick-backs, die vor gut drei Jahren für Wirbel in der Finanzbranche sorgten: Es ging um verdeckte Provisionen - von Fondshäusern oder Versicherern etwa -, die die Finanzindustrie bis zu dem Zeitpunkt stillschweigend eingesteckt hatte. Die mussten aufgrund eines neuen Gesetzes offengelegt werden und sorgten ob ihrer Höhe öffentlich für Entsetzen. Bei Mack & Weise liefen die Drähte heiß, weil die Kunden keine Post bekamen. "Warum wir die Kick-backs nicht offenlegen würden, fragten sie", erinnert sich Mack. "Die einfache Antwort: weil es bei uns nie versteckte Kick-backs gab." Die Provisionen wurden immer den Kunden gutgeschrieben.

Kein Wunder, dass Unternehmer wie Mack, Weise und Lange den etablierten Konkurrenten ein Dorn im Auge sind. "Ordern Kunden unseren Fonds, tun die Banken schon mal so, als könnten sie unser Produkt nicht finden", berichtet Mack amüsiert. Derlei Finten tun seinem Erfolg keinen Abbruch. Mack & Weise haben Anleger deutlich mehr als 200 Millionen Euro anvertraut, ebenso Lange Assets & Consulting. Vor allem 2010 haben sich bei vielen inhabergeführten Verwaltern die Mittelzuflüsse massiv erhöht. Vorreitern der Branche - das Familienunternehmen Carmignac Gestion in Luxemburg etwa oder DJE in Pullach bei München - flossen insgesamt zweistellige Milliardenbeträge zu. Branchenkenner schätzen den Marktanteil konzernunabhängiger Vermögensverwalter mittlerweile auf rund zehn Prozent - vor zehn Jahren agierte die Branche noch unterhalb der Wahrnehmungsgrenze.

Natürlich ist auch unter den Unabhängigen nicht alles Gold, was glänzt. Zwar wird die Branche von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht überwacht, der Behörde, die auch die Banken beaufsichtigt. Und doch gibt es schwarze Schafe, die Provisionen schinden. Auch die Renditen sind manchmal durchwachsen. Allerdings hat eine Studie des renommierten US-Analysehauses Lipper unter europäischen Investmentfonds jüngst erstmals empirisch nachgewiesen: Im Schnitt werfen die Anlagen unabhängiger Anbieter eine bessere Rendite ab.

Stichproben belegen das: Alle Fonds von Mack & Weise und Lange Assets schnitten seit ihrem Start deutlich besser ab als der Vergleichsmarkt. Vor allem in der Krise bewährten sich die Unternehmer: 2008 etwa, die Aktienmärkte verloren 40 Prozent und mehr, fuhren Mack & Weise mit ihren beiden Fonds knapp vier und neun Prozent Plus ein, Carmignacs Flaggschifffonds kam ohne Verluste raus, ebenso die Kunden von Langes individueller Vermögensverwaltung. Sein Aktienfonds indes fiel mit dem Markt. Er sagt: "Auch bei uns sind Kunden vor Verlusten nicht gefeit, aber nicht, weil wir sie systematisch ausnehmen. Sondern weil wir Fehlentscheidungen treffen. Das ist menschlich."

Es ist auch der Mangel an solcher Menschlichkeit, an der Bereitschaft, Fehler einzugestehen, der Anleger bei vielen Banken abstößt - und neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Das Internet und damit die Möglichkeit, sich auch über noch unbekannte Anbieter schnell zu informieren, fördert diese Entwicklung. Aber selbst in Rotary Clubs finden mittlerweile richtungsweisende Gespräche statt - so geschehen zwischen Andreas Burger, dem geschäftsführenden Gesellschafter des Mannheimer Bauunternehmens Sax + Klee, und Martin Weber, Professor für Bankbetriebslehre an der örtlichen Universität.

Man saß am selben Tisch, aß, trank, mochte sich und kam ins Gespräch. Burger suchte nach einer soliden Anlage für eine Schenkung, die er seinen Kindern machen wollte. Das war Webers Thema: Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Analyse des menschlichen Anlageverhaltens und den vielfach komplexen Modellen der Geldhäuser. Weber erläuterte Burger seine Erkenntnisse: Erstens seien nur wenige Fondsmanager besser als der Markt, und zweitens nähmen sie dafür auch noch hohe Gebühren, die sie erst mal wieder einfahren müssten, bevor der Anleger überhaupt Geld verdiene.

Seine Lösung, vereinfacht gesprochen: keine teuren, aktiv gemanagten Fonds kaufen. Stattdessen günstig passiv investieren in Papiere, die ganze Märkte abbilden. Auf diese Weise solle man global investieren, sodass das Risiko gestreut sei und man von Entwicklungen überall auf der Welt profitiere. Ein Weltportfolio sozusagen. Einen Fonds, der genau das mache, habe er selbst aufgelegt. "Das Konzept leuchtete mir sofort ein", erinnert sich Burger. "Ich empfehle es seitdem weiter." Außerdem investierte er das Geld seiner Kinder.

Anders als Burger nahmen die Banken Webers Arero-Fonds bei seinem Start im Oktober 2008 nicht ernst - ein Außenseiterprodukt, noch dazu viel zu billig. Nur 0,45 Prozent Managementgebühr zahlen Anleger pro Jahr, üblich ist mehr als das Doppelte. Einen Ausgabeaufschlag gibt es nicht. Das bedeutet: Vertriebler verdienen praktisch nichts am Verkauf. In der Branche war man sicher: kein Vertrieb, kein Erfolg.

Doch dann geschah das Unerwartete: Menschen wie Andreas Burger kauften den Fonds des unternehmungslustigen Professors. Es sprach sich herum, dass die Rendite gut war, seit Auflegung bis heute im Schnitt fast 15 Prozent pro Jahr; dass er transparent war und günstig. Die Medien berichteten. Martin Weber gab Interviews. Er ist ein sympathischer Typ, groß, kräftig, freundlich. Sein Arero-Fonds hat gerade ein neues Rekordvolumen erreicht: 157,57 Millionen Euro. -