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Ein Steuereintreiber im Kongo

Sein Haushalt

Alexis Tshimanga verdient netto 40 Euro im Monat, plus einer Erfolgsprämie, die oft höher ist als sein Gehalt. Steuern, Kranken- und Rentenversicherung werden direkt vom Arbeitgeber einbehalten. Die Sozialversicherung existiert jedoch nur auf dem Papier. Tshimanga glaubt nicht, dass er einmal eine Rente erhalten wird. Für seinen Drei-Zimmer-Bungalow bezahlt er monatlich 60 Euro Miete, plus 11 Euro für Wasser und Strom. Des Weiteren gibt er etwa 70 Euro für Benzin, 50 Euro für Handygebühren und 110 Euro Schulgeld für die beiden älteren Kinder aus. Zudem hilft er seinem Vater mit monatlich 35 Euro. Die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben ist so groß, dass er zwischen Not und Bestechlichkeit wählen kann. Geschäftsleute, bei denen er Steuern eintreibt, stecken ihm Geld zu, damit er ihnen Ratenzahlungen einräumt oder Termine herauszögert.




Was bedeutet Ihnen Arbeit?

In der Bibel steht: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Man arbeitet, um sich zu ernähren, aber auch, um ein Ziel im Leben zu haben. Normalerweise verschafft Arbeit Glück. Aber ich bin nicht zufrieden mit dem, was ich tue. Ich besorge dem kongolesischen Staat viel Geld. Dieses Geld sollte investiert werden, um das Land aufzubauen. Aber die Regierung tut nichts für die Infrastruktur, sondern steckt alles in die eigene Tasche. Deshalb ist es mir peinlich, von den Leuten Steuern zu verlangen. Finanzbeamte werden nicht respektiert und sind auch noch schlecht bezahlt. Aber das ist nun mal mein Beruf. Von irgendetwas muss ich ja leben.

Was möchten Sie verändern?

Ich hätte gern ein Haus. Aber das kostet mindestens 7000 Dollar, was einfach zu viel für mich ist. Denn bei mir bleibt nichts übrig.

Was sind Ihre größten Probleme, und wie gehen Sie damit um?

Mein größtes Problem sind Krankheiten in der Familie. Mein Vater hat Diabetes und braucht teure Medikamente. Krankenhausaufenthalte sind noch teurer. Wenn in der Familie eine Geburt ansteht, gebe ich Geld. Auch wenn ein Freund krank wird, leihe ich ihm was.

Was erwarten Sie von der Zukunft, und was tun Sie dafür?

Die Zukunft sieht finster aus. Ich wünsche mir eine funktionierende Regierung, die sich ums Soziale kümmert. Aber die wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Deshalb will ich das Land verlassen, sobald es geht.

Was würden Sie tun, wenn Sie sich ein Jahr nicht um Ihren Unterhalt kümmern müssten?

Ich würde ein kleines Unternehmen aufbauen. Irgendetwas Rentables, einen Laden oder einen Taxi-Service. Jedenfalls würde ich nicht mit verschränkten Armen dasitzen, das ist nicht meine Art. Ich muss jeden Tag arbeiten. Na gut, einen Monat würde ich vielleicht Urlaub machen und meinen Bruder in Deutschland besuchen.

Der Kongo ist seit 50 Jahren unabhängig von Belgien. Welche Bilanz ziehen Sie?

Was heißt schon Unabhängigkeit? Politisch sind wir unabhängig. Aber die ganze Wirtschaft hängt vom Ausland ab. Es gibt nichts, was hier produziert wird. Um wirklich unabhängig zu sein, bräuchten wir eine funktionierende Wirtschaft. ---
Demokratische Republik Kongo:
Einwohner: 70 Millionen
Währung: Kongo-Franc (FC), 1157 FC = 1 Euro
BIP pro Kopf: 143 Euro
Human Development Index: Platz 168 (Deutschland: Platz 10 von 169 Ländern) Aktuelle Durchschnittskosten:
1 Kilo Maniokmehl: 0,34 Euro
1 Staude Koch-Bananen: 2,55 Euro
1,5 Liter Mineralwasser: 0,68 Euro
1,5 Liter gekühltes Mineralwasser: 0,85 Euro
1 Fahrt im Sammeltaxi: 0,59 Euro
1 Packung Zigaretten: 0,85 Euro
1 Minute Handy-Telefonat: 0,13 Euro