Partner von
Partner von

Die Überlebenskünstler

In New York geht es ruppig zu. Alles ist teuer und auf schnellen Gewinn aus. Da wirkt es wie ein Wunder, dass einige Betriebe seit Jahrzehnten mit altmodischen Produkten gedeihen. Wie schaffen die das?




- Das Buch ist fast ein Kilo schwer. Der Titel "Lost New York" sagt alles: In dem Werk finden sich Fotos der wichtigsten New Yorker Gebäude, die der Spekulation zum Opfer gefallen sind. Die Metropolitan Oper, der alte Bahnhof Pennsylvania Station - wunderbare Bauten, die es heute nicht mehr gibt. Doch ob schön oder nicht: Denkmalschutz hatte nie eine starke Lobby in New York, das Geschäft ging immer vor. Hier wird gehandelt, geschachert und verhökert, ständig steigen die Mieten, selbst nach der Finanzkrise legten sie nur eine kurze Verschnaufpause ein. Da lohnt sich jedes zusätzliche Stockwerk, jede Ecke, jeder Quadratmeter.

Überraschender als ein Buch über verlorene Bauten wäre deshalb eines, das beschreibt, welche Gebäude der Abrissbirne entgangen sind. Denn auch die gibt es in New York: Orte, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Uralte Geschäfte und Betriebe, die mit altmodisch anmutenden Produkten gedeihen, Holztreppen etwa, Spielzeugsoldaten oder Pastrami-Sandwiches.

Wie sie es geschafft haben, zu überleben? Darauf gibt es viele Antworten. Und eine Gemeinsamkeit: Sie glauben an ihr Produkt, gehen keine Kompromisse bei der Qualität ein und erreichen damit einen Zustand, der im modegetriebenen New York selten geworden ist - Authentizität.

Das sorgt für treue Kunden und einen guten Ruf. Und der breitet sich aus und dringt - da ist New York eben New York - rasch zu den Promis vor, die in ihrer Kunstwelt ständig auf der Suche nach etwas Echtem sind. Erwirbt Yoko Ono dann eine Bibliothekstreppe, isst Leonardo DiCaprio einen Thunfisch-Salat oder kauft Bruce Springsteen einen Spielzeugsoldaten, stellen sie damit ein Gütesiegel aus. Aus Qualitätsbewusstsein und der Verweigerung der Moderne wird Kult. Es entsteht eine lokale Marke, die von den Inhabern eher unbewusst aufgebaut wurde und die sich über die Jahrzehnte als erstaunlich widerstandsfähig erweist.

Schauen wir uns also mal drei Betriebe an, die es eigentlich nicht mehr geben dürfte. Sie lassen sich nicht über einen Kamm scheren, sind sich doch irgendwie ähnlich - und ließen das schon aus eigenem Anspruch so nicht gelten: Wir sind wir, scheinen sie zu sagen. Und so wird es bleiben, solange sie wollen.

Die Leiter zum Erfolg

Früher war Soho eine Industrie- und Lagerzone von New York. Heute ist der Stadtteil ein schickes Einkaufsrevier, in dem sich Touristen vom Kaufhaus Bloomingdale's bis zum Prada-Schuhgeschäft drängeln. Kaum einer verschwendet einen Blick auf die Eingangstür in 32 Howard Street, über der ein altes Pferdekutschenschild mit der Aufschrift "Putnam Rolling Ladder Co., Inc." hängt. Die Rollläden sind fast immer halb heruntergezogen. Wer sich darunter duckt, betritt eine längst vergessene Welt.

Es riecht nach Sägespänen und Holz. Die Wände sind fünf Meter hoch, überall stehen fast ebenso hohe Leitern. Sonnenstrahlen fallen durch einen Lastzugschacht in die Halle und lassen die Staubflusen tanzen. Ein Mann im Blaumann dreht an der Handkurbel einer altertümlichen gusseisernen Apparatur mit Zahnrädern. Oben schiebt er eine Metallstange hinein, um sie zu einem Winkel zu biegen - das wird die Führungsstange für die Rollleiter. "Wenn wir die Maschine nicht mehr hätten, könnten wir dichtmachen", sagt Gregg Monsees, Teilhaber und Geschäftsführer von Putnam Rolling Ladder, nur halb im Spaß.

Die No. 1 Rolling Ladder ist das Prunkstück, das der Firma ihren Namen gab. Seit mehr als hundert Jahren wird sie hergestellt, früher nur aus Eiche, seit ein paar Jahrzehnten kann man auch andere Hölzer bestellen: Ahorn, Esche, Mahagoni, Birke, Kirschholz, Walnuss, Teak. Oben halten sie zwei übereinander fixierte Räder auf einer Führungsstange, unten sind die Rollen mit einem violinförmigen Kasten je nach Kundenwunsch aus Messing, Bronze oder Zinn verdeckt. Monsees erkennt jede Leiter an ihrem Geruch. Für alle anderen ist ein kleines rotgoldenes Schild in der Mitte zwischen die Stufen geschraubt, das Kenner anerkennend nicken lässt: Putnam Rolling Ladder.

Die handgearbeiteten Holzstiegen für 1000 bis 2000 Dollar das Stück verkaufen sich in der ganzen Welt, und daran wird auch das E-Book so schnell nichts ändern. Zu einem repräsentativen Haus gehört auch eine Bibliothek. Und eine No. 1. Yoko Ono oder George W. Bush gehören zu den Kunden. Auch Ketten wie Schuhverkäufer Foot+Locker oder die New Yorker U-Bahngesellschaft MTA bestellten bei Putnam. In Deutschland haben eine Handvoll Rechtsanwälte oder Galerien die Leiter gekauft.

Ihr Einsatz ist nicht nur auf die Welt der Bücher beschränkt. Weinkeller, Loftbett, es gibt viele Möglichkeiten, wie Monsees betont. So nutzt der deutsche Zahnarzt Karl-Rudolf Birk die Putnam Ladder, um vom Wohnzimmer in die Dachstube zu gelangen. Er liebt das Knarren des Holzes, die altertümlichen Rollen. Trotzdem sei die Leiter handlich, leicht zu bewegen. Und ein Hingucker: "Alle Besucher fragen, woher ich die habe", sagt Birk, der in der Kleinstadt Staudt in Rheinland-Pfalz wohnt und das Schmuckstück vor sechs Jahren per Post aus Amerika bestellte.

Vor 80 Jahren zog Putnam Ladder in das fünfgeschossige Gebäude in Soho, und seither hat sich dort nicht viel geändert. Im ersten Stock herrscht eine Bullenhitze, ein Ventilator dröhnt ohrenbetäubend laut. Ein Arbeiter schraubt, schleift und schweißt Metallstücke für die Leitern. Der zweite Stock ist ein handballfeldgroßer Lagerraum für zurückgegebene oder unfertige Stücke. Im dritten Stock werden jene historischen oder alten Putnam-Leitern gelagert, die Monsees mit an Fanatismus grenzender Geduld aufspürt und zurückkauft. Ganz oben im vierten Stock steht Krempel. Oft kommen Bühnenbildner oder Fotografen vorbei, um sich etwas auszuleihen. Beim Rundgang entdeckt Monsees ein Telegramm, das sein Vater 1957 nach Minnesota schickte. "Ich kann einfach nichts wegwerfen", sagt der Firmenchef.

Das sieht man auch seinem Schreibtisch im Büro an. Darauf stapeln sich Papiere und Kataloge in waghalsige Höhen. Bleibt irgendwann kein Platz mehr, wechselt der 60-Jährige zu einem neuen Tisch. "Vier Stück habe ich schon durch", sagt Monsees.

Putnam Ladder mag noch so verstaubt und anachronistisch wirken: Die Geschäftsführer fällten im Laufe der Jahrzehnte einige clevere Entscheidungen. Bereits 1996 eröffnete Monsees eine Website für Putnam Ladder, über die viel Geschäft hereinkommt. "Das war das einzige Mal, dass mich mein Vater in fast 30 Jahren in der Firma gelobt hat", erinnert sich der Sohn.

Sein Vater Warren Monsees verbrachte sein ganzes Leben bei Putnam Ladder, fast wäre er 2009 am Schreibtisch gestorben. Sohn Gregg beschreibt ihn als einen knorrigen und prinzipientreuen Mann, der eine überlebenswichtige Entscheidung für die Firma traf: Als guter Geschäftsmann hasste er Schulden und Mietzahlungen und kaufte deshalb in den fünfziger Jahren die beiden Firmengebäude in Soho. Damals wollte sie niemand haben. Die Gegend galt als gefährlich. Gern erzählte man die Geschichte von der Sekretärinnensuche - viele Bewerberinnen seien aus Angst vor Überfällen nicht aufgetaucht.

Heute sind die Häuser zig Millionen Dollar wert. Die Miete wäre für Putnam Ladder unbezahlbar. Stattdessen kassiert die Firma nun selbst Miete. Vor drei Jahren räumte Monsees das Gebäude nebenan, das als Lager gedient hatte, und vermietete es an die Nachfolger der deutschen Designerin Jil Sander. Zum Entsetzen von Gregg Monsees schlugen die neuen Mieter im Inneren alles heraus, was nicht niet- und nagelfest war. Noch heute trauert Monsees der Holztreppe nach, die einem marmornen Klotz weichen musste. Von außen sieht das denkmalgeschützte Gebäude schöner aus denn je, aber in dem Laden mit Spiegeln und weißen Böden gibt es nicht mehr viel, was die Herkunft verrät.

In den vergangenen drei Jahren wuchsen die Papierberge nicht mehr schnell nach oben. Nach der Immobilienkrise baute keiner mehr Häuser, die Bestellungen für die Leitern brachen ein. 2008 schrieb Putnam Ladder erstmals einen Verlust, auch 2009 endete in roten Zahlen. Doch Monsees weigerte sich standhaft, auch nur einen seiner 17 Mitarbeiter zu entlassen. "Sie geben uns ihr Leben", sagt er dazu. Gleichzeitig schrauben sich aber auch die Kosten für die Gesundheitsversicherung in die Höhe oder für den Rechtsschutz, auf den Monsees keinesfalls verzichten kann. " Jedes Jahr haben wir mindestens eine Klage", sagt er. Zuletzt klagte ein Arbeiter einer Telekomfirma, der von einer Putnam-Leiter fiel, als seine Kollegen sie zur Seite rückten. Der Vorwurf: Auf der Leiter habe kein Hinweis gestanden, dass man sie nicht bewegen dürfe, wenn jemand daraufstehe. Der Prozess läuft noch.

Langsam kommt wieder Schwung ins Geschäft, 2010 wird man wohl etwas mehr als zwei Millionen Dollar umsetzen und einen kleinen Profit ausweisen. Darüber hinaus will Monsees das Vermietungsgeschäft ausweiten. Die Werkstatt und das Büro sollen in einem der oberen Stockwerke untergebracht werden, die restlichen Etagen wären dann frei. Die Leitern sollen zum großen Teil wie bisher in Fabrikhallen in Brooklyn hergestellt und dort auch gelagert werden.

Peter, der Sohn von Gregg Monsees, steht für die Zukunft. Eher widerwillig fing er im vergangenen Frühjahr in der Firma an. "Das war eigentlich nicht vorgesehen", erzählt der 23-Jährige, der Angst hatte, "mein Leben zu versauen". Zu lange hat er mitansehen müssen, wie sein Vater unter dem strengen Regime des Großvaters litt. Aber nach einem Abschluss in Rechnungswesen fand Peter Monsees keinen Job. Jetzt gefällt ihm, wie viel Verantwortung ihm sein Vater überträgt. Er bezieht ihn in jede wichtige Entscheidung mit ein, vertraut ihm die Buchhaltung an. "Ich will es anders als mein Vater machen", sagt Gregg Monsees, der sein Leben lang vergeblich um die Anerkennung des 2009 verstorbenen Patriarchen kämpfte. Eines aber soll bleiben - die altmodischen, ewig haltbaren Leitern.

Der Zinnsoldatenkeller

Die Madison Avenue an der Upper East Side ist eine der teuersten Einkaufsstraßen der Welt. Dennoch findet man zwischen Pelzboutiquen und Juwelieren ein unerwartet unspektakuläres Geschäft: Crawford Doyle Booksellers, ein kleines Antiquariat, gegründet in den dreißiger Jahren. Noch überraschender ist, was sich hinter dem letzten Buchregal von Crawford Doyle verbirgt. Nirgendwo vorn angekündigt, nur hinten hängt ein Schild "Burlington Toys" über einer kleinen Treppe. Wer der Holztafel folgt, tritt in eine Art Kindertraum ein. An jeder Wand stehen Glasvitrinen, in denen Heere aller Art marschieren, grüßen oder schießen. Auf handgeschriebenen Zetteln steht: "The Kaiser + his men", "Knight" oder "The Queen's Men".

Geschrieben hat sie Steve Balkin, ein Mann im schmuddeligen Holzfällerhemd, Inhaber des letzten Spielzeugsoldatengeschäftes von New York. Seit mehr als 30 Jahren hockt er hier, raucht Pfeife, schwatzt mit Kunden und verkauft nebenbei Zinnfiguren wie den 100 Jahre alten Lucotte-Napoleon-Soldaten für 1800 Dollar oder die in viktorianischen Zeiten angefertigten Rettungsschwimmer für 200 Dollar das Stück.

"Am liebsten würde ich sie gar nicht hergeben", sagt Balkin, der selbst Tausende von Figuren besitzt. Der 72-Jährige zelebriert die höchste Kunst des Verkaufens: Nur widerwillig rückt er seine besten Stücke heraus. Wer sie haben will, muss sich zuerst als loyaler Kunde beweisen. "Die Leckerbissen sind bei ihm zu Hause", sagt Jim, der selbst 25 000 Stück besitzt und seinen Nachnamen nicht preisgeben möchte.

Ein großer Kreis von Sammlern - so gut wie alle Männer zwischen 50 und 70 Jahren - verehren Balkin als Doyen, als Spielzeugsoldaten-Enzyklopädisten und liebenswerten Menschen. Jeden Tag kommen neben einer Vielzahl von Freunden vielleicht drei oder vier Kunden, die nach Geschenken oder Sammlerstücken schauen und immer kaufen. Darunter Berühmtheiten wie der Schauspieler Robin Williams oder der Rockmusiker Bruce Springsteen. Trotz Ebay, Videospielen und New-York-Miete: Mit Burlington Toys verdient der verhinderte Künstler seit 1978 genug Geld, um gut zu leben und seine Malerei zu finanzieren. "Dieser Ort ist ein Wunder", sagt er über das Geschäft.

Balkin geht es nicht um Gewinnmaximierung. Vor zehn Jahren hatte er jeden Monat Tausende Bestellungen. Das schrumpft mit der zunehmenden Verbreitung des Internets deutlich, heute sind es nur noch Hunderte, aber es reicht. Eine Website einrichten oder auf Ebay verkaufen - das würde ihm nicht im Traum einfallen. Der New Yorker misstraut Computern, er verkauft nur in seinem Laden oder bei alten Kunden über das Telefon. Er kennt sich so gut mit Spielzeugsoldaten aus - vor allem in der Epoche von 1890 bis zum Ersten Weltkrieg -, dass er trotzdem genügend Geschäft macht.

Anders als Monsees bei Putnam hat Balkin keinen Sohn, der den Laden übernehmen will. Der Vermieter spielt mit dem Gedanken, sich einen neuen Mieter zu suchen. Balkins Mietvertrag ist schon seit zwei Jahren ausgelaufen. Er könnte von einem Monat auf den nächsten gekündigt werden. Aber das stört ihn nicht. Er könnte sich überall in New York wieder einen preiswerten Laden mieten, die Sammler würden ihn finden. Ihn reizt die Idee, sich zur Ruhe zu setzen: Er will wieder mehr malen. Schließlich hat er sich schon als Siebenjähriger mit dem Tragen von Einkaufstüten Geld verdient, um davon Spielzeugsoldaten zu kaufen. "65 Jahre Arbeit", findet Balkin, "sind genug."

Einfach essen

Gegenüber vom Flat-Iron-Hochhaus am Madison Square Park findet man mit etwas Mühe den Eisenberg Sandwich Shop. Ohne das alte Neonschild ginge man leicht an dem schmalen Restaurant vorbei. Die Geschäfte daneben sind beliebig wie ihre Namen. Das war früher anders. Wo beispielsweise die Kette Lucky Brand Jeans verkauft, war früher Mom's Cigars, das vorn Süßigkeiten und hinten Zigarren verkaufte (und ganz hinten die verbotenen Kubaner).

Alles verschwunden, Vergangenheit, von der nur noch die Alten erzählen. Und das tun sie an der langen Theke des Eisenberg. Dort krümmen sie sich auf einen Hocker, halten sich an der Metallfläche fest und bestellen die gleichen Pastrami-Sandwiches oder Reuben wie seit 81 Jahren. Dabei ist der Laden kein Rentnerparadies. Junge, Alte, Männer, Frauen, Geschäftsleute, arme Schlucker, alle kommen sie, stehen sich mittags die Beine in den Bauch. Hinter der Theke wirbelt eine Armee von Mexikanern, wirft Teller mit Hamburgern oder Thunfischbroten vor die Leute. "Der beste Diner von New York", sagt Christian Langworthy, der seit Jahren hierherkommt. Dass bei seiner Suppe die Nudeln über den Tellerrand hängen, stört ihn wenig. "Hier fühle ich die Energie, die Eile der Stadt", sagt der 42-jährige Designer.

Josh Konecky schmeißt diesen Laden seit vier Jahren. Der Mann mag aussehen wie ein Riese, im Herzen ist er ein Kind. Das erkennt man nicht nur am kurzärmeligen Hemd, auf dem heute Baby-Astronauten auf Raketen und Sternen reiten. "Das Eisenberg ist wie früher, als ich als Junge Restaurant spielte", sagt er, wenn er über seine Arbeit spricht. Der 56-Jährige liebt es hier. So gut wie jeden Tag steht er vorn neben der Kassiererin, die gerade mal halb so groß ist wie er, schreibt Bestellungen auf braune Verpackungstüten und brüllt sie zeitgleich seiner Küchenmannschaft zu.

Amerikaner trinken gern fettfreie Milch, schmieren Ersatzbutter aufs Brot und trinken zuckerlose Cola. Für all das hat man bei Eisenberg keinen Sinn. Hier quellen Mayonnaise und Thunfisch aus dem Sandwich, und die Fritten triefen vor Fett. Der Gegenentwurf bewährt sich, der Rubel rollt.

Konecky mag verspielt sein - naiv ist er nicht. Jahrzehntelang hatte er eine Druckerei für Broschüren geführt, "aber ich konnte den Niedergang der Branche gut vorhersehen". Als Stammgast des Eisenberg kannte er den Diner, der sich seit 1929 kaum verändert hatte. Als er den Laden 2006 übernahm, wimmelte es vor Mäusen, die Kunden meckerten über mäßiges Essen. Der Mann mit der Rudi-Völler-Frisur und Tränensäcken unter den Augen brachte alles auf Vordermann, putzte und reparierte, kaufte wieder die zwar teure, aber bessere Mayonnaise von Hellman's. Um Geld beim Einkauf zu sparen, fährt er jeden Samstag zum Großhändler nach Brooklyn, statt die Ware liefern zu lassen. "100 bis 200 Dollar gespart", rechnet er vor.

Eine Sache änderte er, die bei Stammkunden einer Revolution nahe kam: Konecky installierte einen Grill, heute kann man Hamburger haben. Vor Kurzem besorgte er sich eine Alkohol-Lizenz, schon bald will er auch Bier anbieten. "Eisenberg darf sich aber auf keinen Fall in eine Kneipe verwandeln", sagt er. Daher suche er nach einer altmodischen Biermarke wie Pabst Blue Ribbon, "die zu Eisenberg passt".

Als Anfänger im Restaurantgeschäft musste er einiges lernen. Beispielsweise brauchte es zwei Jahre, bis er merkte, dass seine Kassiererin ihn beklaute. Bei Eisenberg läuft alles auf Vertrauensbasis. Kunden kriegen an der Theke keine Rechnung, sondern sagen vorn an der Kasse nur, was sie gegessen und getrunken haben. Dabei ließ die Frau hin und wieder einen 20-Dollar-Schein mitgehen. Insgesamt kostete ihn das 60 000 Dollar, wie Josh Konecky schätzt. Der Diebstahl fiel auf, als die Angestellte im August 2008 Urlaub machte und die Umsätze nach oben schnellten. Danach installierte er eine Kamera und erwischte sie gleich am ersten Tag.

Eine überwältigende Zahl seiner Kunden sind Stammgäste. Wie beispielsweise der Mann mit Hut, Anzug und Weste, den alle Professor nennen, weil er am nahe gelegenen Touro College Englisch unterrichtet. "Schönes Hemd", sagt er beim Reinkommen zum Wirt. Eingeweihte wissen, dass Konecky 72 solch bunter Herausforderungen besitzt - Folge eines Deals mit einem Stammkunden, der im dritten Stock des Hauses eine Näherei besitzt. Konecky gibt ihm den Stoff und lässt ihn ohne Bezahlung im Eisenberg essen - dafür bekommt er so viele Hemden, wie er will.

"Das Geschäft lohnt sich", sagt der Hemden-Fan. Als er den Professor sieht, verdreht er die Augen, brüllt "Noodge" zur Küche, was so viel wie "Nörgeln" bedeutet und der Name für ein Sandwich ist, das nur der Professor bekommt: Hühnchensalat auf Schwarzbrot mit Tomaten, die aber extra verpackt. "Er hat so viele Sonderwünsche wie sonst kaum einer", erklärt Konecky den Sandwich-Namen.

Der ungeschliffene Ton, die kleinen Späßchen am Rande, das Gewühl und der viele Thunfisch auf dem Brot: Eisenberg hat Charakter. Schauspieler wie Jodie Foster oder Philip Seymour Hoffman kommen regelmäßig her, die Wände hängen voll mit Fotos von Berühmtheiten. Vor wenigen Wochen plauderte Josh Konecky mit einem Typen mit Sonnenbrille. Erst als der wieder rausging, platzte seine Kassiererin heraus: "Das war Leonardo DiCaprio." Der Wirt macht sich nicht viel aus dem Rummel, aber er weiß, wie wichtig er fürs Geschäft ist. Regelmäßig checkt er bei Twitter, ob Eisenberg wie immer drei- bis viermal am Tag erwähnt wird.

Der Diner war eine gute Investition. Eine halbe Million Dollar zahlte Konecky als "Schlüsselgebühr" an den Vorbesitzer. Der Kredit dafür ist fast abgezahlt, und der Mietvertrag läuft noch bis 2022. "Ich hätte genug Geld, um ein Haus in Connecticut zu kaufen und gut zu leben", sagt Konecky. Was ihn aber am meisten befriedigt: "Ich erhalte ein Stück Geschichte - ohne mich würden hier nur ein paar Geldautomaten stehen."-