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Die tun was

Sie wissen, was sie wollen. Gehen nicht den einfachen Weg. Machen ihr eigenes Ding. Vier Porträts aus einer neuen, bewegten Mitte.




Der Kunsthandwerker Das Motto des Malermeisters Michael Pauli heißt: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Text: Frank Dahlmann Foto: Sigrid Reinichs

- Der Beruf des Malers ist todlangweilig. Tag für Tag quadratmeterweise Wände weißen. Hätte Michael Pauli nicht einen Vater, der einen gut laufenden Malerbetrieb von dessen Vater geerbt hatte, wäre er wahrscheinlich etwas anderes geworden.

Nun ist er also Maler - allerdings ein besonderer. Und das kam so: Nach dem Fachabitur auf einer höheren Handelsschule in seiner Heimatstadt Hagen wusste er nicht, was er machen sollte. "Mein Vater hatte diesen Malerbetrieb. Ich bin damit groß geworden, und so hab ich dann mal reingeschnuppert", erinnert er sich. Der Malerberuf hat kein gutes Image, "eine ganz einfache Kiste", wie Pauli es nennt. "Selbst der Schreinerberuf ist anerkannter. Da kann man wenigstens Innenarchitekt werden."

Aber immerhin merkte Pauli, dass ihm körperliche Arbeit liegt und Spaß macht, wann immer der gestalterische Aspekt ins Spiel kommt. "So bin ich hängen geblieben." Er absolvierte eine Lehre zum Maler und Lackierer im väterlichen Betrieb. Danach sammelte er noch einmal zweieinhalb Jahre Berufspraxis.

"Der Betrieb war mit zehn bis 20 Leuten so groß, dass das Ganze nicht so sehr ans väterliche Thema gekoppelt war. Sonst hätte das nicht funktioniert. Mein Vater und ich zusammen auf der Baustelle, das hätten wir nicht hingekriegt", sagt Pauli. Aber er bekam die besten Einblicke und die interessantesten Aufträge, und nach den Praxisjahren war für ihn klar, dass er den Meisterbrief machen wollte. Und für seinen Vater war klar, dass sein Sohn den Betrieb übernehmen würde.

Da kam der erste Bruch. "Ich hatte keine Lust, die Meisterschule im Ruhrgebiet zu machen, und suchte eine Schule, die interessant war." So kam Michael Pauli nach München. Er blieb zwei Jahre, machte eine Ausbildung zum Farben- und Lacktechniker und lernte eine Frau kennen. "Und dann wurden wir ziemlich schnell schwanger." Pauli hängte noch ein halbes Jahr dran und absolvierte die Schulung "BWL im Handwerk". Die erste Tochter kam in München zur Welt, und sie packten die Koffer. Vaters Betrieb in Hagen wartete.

"Wir haben das tapfer ein halbes Jahr lang ausgehalten", sagt Pauli. "Meine Eltern haben uns noch eine schöne Wohnung besorgt." Nur leider in Hagen, das nun mal nicht München ist. "Wenn man sich einmal auf die Reise gemacht hat, dann ist es schwer, wieder zurückzukommen." Zweimal besuchten sie Freunde in der bayerischen Landeshauptstadt, saßen zusammen im Biergarten und fragten sich, was sie in Hagen eigentlich wollten.

Er mag die Sonne, die Alpen und das Skifahren. Seine Frau sowieso. Irgendwann stand ihr Entschluss fest: Sie wollten zurück nach München. Michael Pauli erzählt das seinen Eltern. Die sind geschockt. "Mein Vater kann wenig über seine Gefühle sprechen - ich auch nicht. Da sind wir halt verwandt. Aber ich habe viele Jahre lang gemerkt, dass er betroffen war. Er hat es tapfer runtergeschluckt und mich ziehen lassen."

Die Entscheidung war eine gegen die Sicherheit, gegen einen profitablen Betrieb und für ein Abenteuer. "Aber das haben wir damals noch nicht so empfunden. Erst mal haben wir eine bezahlbare Wohnung gesucht, dann habe ich mir einen alten Mercedes-Bus MB 100 gekauft, mit dem ich rumgefahren bin." Seine Werkstatt hatte Michael Pauli in der Garage, die ersten Aufträge kamen über einen Freund.

Er hatte es schwer als Preuße in München, ohne Wurzeln in der Stadt. Also musste er sich spezialisieren, auf bessere Ideen kommen als andere, und so stürzte er sich auf künstlerische Arbeiten. "Das war der Schlüssel, der die Tür aufgemacht hat zu diesem Job." Er hat Kurse belegt als Vergolder, hat Fachliteratur gewälzt, sich neue Techniken beigebracht. "Schließlich war ich der Einäugige unter den Blinden."

Aus dem Beruf des Wände-Weißers ist der des Kunsthandwerkers geworden. Der Münchner Taschenhersteller MCM ließ Pauli opulente Geschäfte gestalten in München, Paris, Madrid und London, mit ein bisschen Wisch- und Spachteltechnik und ganz viel Gold. Das Grand Hotel in Kitzbühel wurde sein größter Auftraggeber, und für einen Kristallleuchtenhersteller entwarf er Showrooms in Dubai und Manila und gestaltete die Firmenräume neu. "Dafür musste ich mir vorher sogar Schloss Neuschwanstein angucken." Der Firmenchef wollte es so.

Mit Prunk verdient man gut. "In einem entsprechenden Gewerk macht es auch Spaß, ein bisschen auf den Putz zu hauen. Aber man muss natürlich nicht immer alles ausschmücken und vergolden." Auch minimalistischer Kalkputz kann eine Wissenschaft für sich sein. In Venedig erlernte Pauli die Marmorino-Technik, hantierte mit Stuckseife, Barium, Ölen, Ziegelmehl und Vulkanasche. Das lässt die Farben kräftig leuchten. "Eine ganz tolle Stadt", schwärmt Pauli noch heute. "Das Institut war in einer umgebauten alten Irrenanstalt untergebracht. Gewohnt haben wir in den ehemaligen Zellen."

Jeder weitere Auftrag ist Werbung für ihn. Er selbst bleibt diskret, denn das größte Geschäft macht er mit betuchten Privatleuten. "Wir stehen da schon mal beim Kunden im Schlafzimmer auf dem Ehebett. Das sind intime Bereiche. Da müssen wir eine Atmosphäre schaffen, die Sicherheit und Vertrauen gibt. Im Prinzip könnten wir ja in jede Schublade gucken." Also spricht Michael Pauli lieber nicht über seine Kunden, sondern lässt die Kunden über ihn sprechen.

Neue Mitte? Gehört er dazu? " Ja, da könnte ich mich schon zuordnen. Auch wenn ich meine Kontakte im Handwerk oder im Handel so ansehe. Wir sind schon anders als die Generation vorher. Wir sind sehr individuell und gehen in unserem Job auf. Mein Vater hat seinen Betrieb aus rein wirtschaftlichen Gründen betreiben müssen. Aber es ist doch die Herausforderung, die einen kickt. Es ist doch spannend, wenn man mal die Nacht vor einem Job nicht richtig gut schlafen kann, weil man gefordert wird."

Schnelle Autos, teure Uhren, außergewöhnliche Kleidung interessieren ihn nicht. Reichtümer hat er noch keine angehäuft. Die Familie ist ihm wichtig, seine Freiheit und dass er alle Rechnungen pünktlich bezahlen kann. An Ruhestand oder Rente denkt er nicht. "Wenn es geht, werde ich arbeiten, bis ich umfalle. Das fände ich, glaub' ich, am schönsten." -

Die Freidenker Felix Hofmann und Martin Fröhlich gehören zur neuen Internet-Gründergeneration. Unabhängigkeit ist ihnen wichtiger als Geld. Text: Thomas Ramge Foto: Jens Passoth

- Eigentlich hatte Felix Hofmann nicht vor, seine Ausbildung zu beenden. Sein Plan: im Grundstudium etwas betriebswirtschaftliches Wissen mitnehmen, interessante Leute kennenlernen und Geschäftsideen sammeln. Spätestens nach vier Semestern wollte er sein BWL-Studium abbrechen, um ein Unternehmen zu gründen.

"Der Plan ist gescheitert. Die Idee zu unserem Unternehmen kam erst während der Diplomarbeit." Hofmann muss über sich selbst lachen, wenn er seinen Weg zum Gründer von PaperC erzählt. Der erste Impuls, sich irgendwann mal selbstständig zu machen, kam schon 1999, da war er 16. "Da hast du auch als Schüler die Start-up-Euphorie voll mitbekommen. Dass die Blase geplatzt ist, habe ich damals nicht so realisiert."

Diese eingeschränkte Wahrnehmung erweist sich aus heutiger Sicht für die deutsche Internet-Gründerszene als Segen: Zusammen mit seinem Partner Martin Fröhlich treibt der Betriebswirt gerade eines der originellsten und Erfolg versprechendsten E-Publishing-Geschäftsmodelle voran.

Ihre Webplattform ist so etwas wie ein digitaler Copyshop für Fachpublikationen. Verlage stellen auf PaperC ihre Bücher im Volltext ein, sodass Studenten und Wissenschaftler sich den Weg in die Bibliothek sparen können. Stattdessen durchstöbern sie die Fachliteratur im Netz und zahlen zehn Cent für jede Seite, die sie ausdrucken möchten, wie am Kopierer in der Bibliothek. Eine Software schützt vor Raubkopien.

Die Idee kam Hofmann, als er kiloweise Fachbücher für besagte Diplomarbeit durch die Gegend schleppte und dachte: "Wie schön wäre es, wenn ich auf die Inhalte einfach von überall online zugreifen könnte."

Hofmann sitzt in Fröhlichs kleiner Zwei-Raum-Wohnung in der Frankfurter Allee in Berlin-Friedrichshain. Er selbst hat die gleiche ein paar Stockwerke höher. Gut gelaunt erzählen die beiden Studienfreunde von der "Entwicklungsphase" in einem Internetcafé um die Ecke. Wie sie dort durch Zufall einen jungen Programmierer trafen, der auch gleich mitmachte und ohne viel Federlesens dritter Gründungspartner wurde.

Sie sind dankbar, dass ihnen das Exist-Gründerstipendium den Weg in die Selbstständigkeit erleichtert hat. Und stolz auf den renommierten Gründerpreis "Start-up des Jahres 2009". Den haben sie unter anderem deshalb bekommen, weil sie eine originäre Idee entwickelt und umgesetzt hatten - und nicht wie viele andere Internetgründer versuchten, eine amerikanische Internetseite zu kopieren. Sie scheinen selbst noch überrascht, wie leicht sie an "doch recht viel Wagniskapital" kamen.

Die beiden erwecken nach kurzem Zuhören den Eindruck: Hier sitzen zwei Überzeugungstäter, die gar nicht anders konnten, als eine tolle Idee ebenso locker wie zielstrebig zu verwirklichen. Zwei Internetunternehmer Ende 20, die sich wohltuend von ihrer Vorgängergeneration zur Jahrtausendwende unterscheiden, weil ihnen jede Form von Großspurigkeit fehlt.

Doch in mindestens einer Beziehung täuscht der Eindruck. Denn beide hätten auch etwas anderes machen können.

"Markteindringung von Siemens Wind Power in Osteuropa", das war der Titel von Martin Fröhlichs Diplomarbeit an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht. Er hat in Deutschland, Frankreich, England, China und Dänemark studiert - und parallel immer als Werkstudent bei den örtlichen Niederlassungen von Siemens im Marketing gejobbt. Nach Diplom mit Auszeichnung hatte er eine Trainee-Stelle im Konzern sicher.

Seine Großmutter in der Lausitz war begeistert: " Junge, was hast du für Möglichkeiten! Warum nutzt du sie nicht?"

Aber bereits die Einblicke als Student hatten Fröhlich gereicht, um zu der Erkenntnis zu kommen: "Da war mir zu viel Schubladendenken. Früher oder später wäre ich dem Champignon-Effekt zum Opfer gefallen. Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, bekommt den Kopf rasiert." Die Großmutter und der Enkel kamen bei der Definition des Begriffs Möglichkeiten nicht recht zusammen.

Möglichkeiten sind für Fröhlich "Multitasking" und "sich frei bewegen in der Marketingmaterie" und "vorn dabei sein, wenn sich ein Bereich wie die Verlagsbranche durch die Digitalisierung von Grund auf verändert". Und was ist Sicherheit? Der Schnell-und Dauersprecher Fröhlich ist für ein paar Sekunden still. Dann sagt er: "Da hast du mich jetzt auf dem falschen Fuß erwischt. Da habe ich so abstrakt noch nie drüber nachgedacht."

Nach ein paar weiteren Sekunden Pause findet er doch eine Antwort: "Sicherheit ist, wenn du Freunde und Familie hast, die zusammenhalten, wenn es mal schwierig wird." Sein Kompagnon Hofmann denkt in puncto Sicherheit politischer: "Eine Grundsicherung finde ich wichtig. Damit meine ich aber wirklich nur das Nötigste. Ein Dach über dem Kopf, was zu essen, eine Krankenversicherung. Alles darüber hinaus ist nicht wichtig."

Man einigt sich schnell darauf, dass ein Grundeinkommen für alle das "ideale Modell" wäre. Um zum eigentlichen Punkt zu kommen. "Freiheit würden wir wohl immer höher gewichten", sagt der Diplombetriebswirt Felix Hofmann. "Freiheit mit den Einschränkungen der Realität, des Marktes und der Umsetzbarkeit, versteht sich."

Und welche Rolle spielt das Geld in den Köpfen von Jungunternehmern? "Geld motiviert sowieso nicht", sagt Martin Fröhlich. Sein Geschäftspartner sieht das ähnlich: "Abstrakt ist doch Geld viel schöner, als wenn man es in der Tasche hat." Zum Leben bräuchten die beiden nicht viel, aber die Vorstellung, dass irgendwann einmal so etwas wie ein Lottogewinn auf einen Gründer zukommen könnte, sei durchaus reizvoll.

Ob PaperC die Gründer irgendwann reich macht, wissen die beiden natürlich nicht. Auch sie kennen die lange Liste der Inter-net-Start-ups, für die es einige Jahre gut läuft, die dann aber in der Versenkung verschwinden. Hofmann: "Natürlich wünscht sich ein Gründer, dass sein Unternehmen richtig groß wird. Aber wenn PaperC in einem Nischenmarkt erfolgreich agiert, ist das doch auch wunderbar."

Und wenn das Unternehmen pleitegeht? "Dann würde ich wohl wieder gründen", sagt Hofmann. Es ist ja oft so, dass Start-up-Gründer einmal scheitern. Und beim zweiten Versuch einen echten Treffer landen."

Einen Plan C hat Felix Hofmann übrigens auch noch. Nach dem Diplom in Berlin büffelte er für die schwere Aufnahmeprüfung für einen Masterstudiengang in St. Gallen. Er wurde an der Schweizer Elite-Universität angenommen. Und ist dort immer noch als Student eingeschrieben. -

Die Gestalterin Juli Gudehus macht am liebsten, was sie am besten kann: eigenwillige Projekte. Text: Peter Laudenbach Foto: Dawin Meckel

- Als Juli Gudehus im Januar ihr neues Buch an der Universität der Künste in Berlin vorstellte, meldete sich ein Student, über dessen Frage sie sich wunderte. Der Nachwuchsdesigner wollte wissen, ob sie mit ihrem Buch Ruhm habe ernten wollen. "Ich musste lachen. Die Vorstellung, sich mit etwas zu beschäftigen, weil es einen interessiert, an etwas zu arbeiten, weil es einen begeistert, scheint für viele Menschen ungewohnt zu sein."

Das ist es, was sie mag: eine Arbeit um ihrer selbst willen machen. Und darauf hoffen, dass sich diese Liebe zur Sache schon irgendwann rechnen wird. Die 43-Jährige sitzt in ihrem Berliner Wohnatelier, vor sich einen 3000-Seiten-Wälzer, ihr im Oktober erschienenes "Lesikon der visuellen Kommunikation". Neun Jahre lang hat Gudehus Zitate, Gedankensplitter, Querverweise zu Design und Grafik, aber auch zu Schlagworten wie "Wahrheit", "Sehgewohnheiten", "Risiken" oder "Etikettenschwindel" gesammelt. Sie hat Designer, Werber, Typografen, kluge Köpfe befragt, Lesefrüchte zusammengetragen und eigene Gedanken notiert. "Ich wusste nicht, wie umfangreich es am Ende werden würde. Solche Arbeiten sind wie eine Pflanze. Das ist erst ein Keim. Wie er wächst, ist nur begrenzt kontrollierbar."

Sie vertraute der Eigendynamik der Arbeit - "und das war wunderschön". Für ihr Buch hatte sie weder einen Auftraggeber noch Stipendien. Auch einen Verlag hat sie erst gesucht und gefunden, als die Recherche weit vorangeschritten war. Es war ein Projekt auf eigenes Risiko und zu eigenen Bedingungen, ein selbst erteilter Auftrag. Und nach gängigen Maßstäben der Verkäuflichkeit oder der Relation zwischen Aufwand und Ertrag eigentlich ein Unding. Gudehus: "Es musste getan werden."

Ein halbes Jahr nach Erscheinen des in winziger Schrift gesetzten und auf Dünndruckpapier gedruckten Monumentalwerkes (Ladenpreis: 100 Euro) ist gut die Hälfte der ersten Auflage von 3000 Exemplaren verkauft. Ihr "Lesikon" hat Gudehus jede Menge Einladungen zu Vorträgen an Museen, Kunsthochschulen und auf Kongressen eingebracht, eine Kunsthochschule hat ihr eine Vertretungsprofessur angeboten. Die Rezensionen von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bis zur "Zeit" waren hymnisch. Denis Scheck hielt das "Lesikon" in seiner ARD-Literatursendung in die Kamera und schwärmte, das sei das Schrillste und Skurrilste, was im vergangenen Jahr in Buchform erschienen sei.

Sie nimmt es entspannt: "Ich habe mal ausgerechnet, dass ich etwa 14 000 Stunden Arbeit in dieses Buchprojekt gesteckt habe. Nach vier Monaten bin ich durch die Verkäufe schon bei fast einem Euro Honorar pro Stunde. Ich bin zuversichtlich, dass das Lesikon das Zeug hat, meine Altersvorsorge zu werden."

Sie war nie fest angestellt. "Das hat sich nicht ergeben." Vielleicht auch, weil sie nie scharf darauf war, in einer Agentur als Kreativdienstleisterin Aufträge abzuarbeiten. Unter dem Stichwort "Unabhängigkeit", schön platziert im Kapitel "Revolution!", schreibt sie in ihrem "Lesikon": "Wer sich gedanklich damit auseinandergesetzt hat, worauf er notfalls verzichten würde, um sich selbst treu zu bleiben und um seinen eigenen Weg zu gehen, der kann sich vergleichsweise unabhängig machen von Forderungen und Arbeitsweisen, von Zielen und Auffassungen, die ihm nicht behagen." Es ist ihre persönliche Unabhängigkeitserklärung.

Irgendeinen Preis zahlt man immer. Entweder den der Freiheit oder den der Sicherheit. "Ich bin keine Künstlerin, ich bin Gestalterin", sagt sie über sich. "Ich bin gut darin, Konzepte zu entwickeln und zu gestalten. Meine Gestaltung ist nicht unbedingt irre hip. Ich habe keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen, was gerade der angesagte Stil ist."

Dafür verbindet sie in ihren Arbeiten elegant Ironie und Verspieltheit mit klassischer Nüchternheit in der Gestaltung. Eines ihrer Werke: ein Abrisskalender, dessen Blätter für jeden Tag nur aus fotografierten Haltbarkeitsstempeln auf den unterschiedlichsten Produkten bestanden. Ein Überraschungserfolg. Schon während des Studiums in Düsseldorf hatte sie die biblische Schöpfungsgeschichte mit minimalistischen, selbst entwickelten Piktogrammen nacherzählt. Vor zwei Jahren ist "Genesis" bei Carlsen neu aufgelegt worden. Gudehus' Arbeiten entsprechen nicht dem, was gerade angesagt ist, aber sie sind eigensinnig und deshalb haltbarer als die Saisonware.

Finanziert hat sie die Recherchen zum "Lesikon" mit Auftragsarbeiten unter anderem für die Berliner Akademie der Künste, Bayer, das Bundesministerium der Finanzen und den Zeitverlag Gerd Bucerius. Der wichtigste Kunde war lange die Kunstsammlung des Deutschen Bundestags, bis eine große Agentur mit dem gesamten Corporate Design des Parlaments beauftragt wurde.

Nun ist die Gestalterin "in einer Umbruchphase. Ich möchte vor allem meine eigenen Arbeiten machen. Das ist das, was ich am besten kann. Man weiß sowieso nicht, was kommt. Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich eine Arbeit mache, die ich liebe. Das heißt nicht, dass ich nicht ab und zu Sorgen und schlaflose Nächte habe."

Angst, dass ihr die Ideen ausgehen, hat sie nicht. In Schränken ("meine Saatgutkisten") hat sie die gesammelt - Material für Dutzende Bücher und Spiele. In einem Regal stapeln sich bis zur Decke große bunte Kartons mit Bucheinbandstoffen, Papiermustern, Fotos aus Zeitschriften oder aus dem Stadtbild - Rohstoff für neue Vorhaben. Sie sagt: "Meine Urgroßmutter ist fast hundert geworden, und ich müsste noch älter werden, um all die Projekte zu realisieren, für die ich Ideen habe." -

Der Macher Früh übt sich, wer Unternehmer werden will. Sebastian Majstorovic fing als 15-Jähriger damit an. Text: Frank Dahlmann Foto: Sandra Stein Mail vom 26. Dezember 2009. Betreff: Urheberrechtsverletzung "Sehr geehrter Herr Majstorovic, so schön ich es finde, wenn Leser meine Beiträge weiterempfehlen, so unangenehm stößt es mir auf, wenn jemand eigenmächtig seine Website mit meinen Texten füllt. Um es klar zu sagen: Urheberrechtlich ist das, was Sie machen, ein klarer Gesetzesverstoß ..."

Die Mail kommt von dem brand eins-Autor Ulf Froitzheim, und der Empfänger ist ein Schüler, der die Sache gelassen nimmt. Sebastian Majstorovic heißt er, und mit Urheberrechtsverletzungen kennt er sich bereits aus.

Er hat eine Website gebaut, auf der brand eins-Artikel zu sehen sind. Aber sie sind dort nicht gespeichert. Majstorovic hat ein Programm geschrieben, das diese Texte so umwandelt, dass sie auf dem iPhone lesbar sind. Clever, denkt die Redaktion. Den schauen wir uns mal näher an.

Im Informatikraum der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule, 3. März 2009, 14.01 Uhr

"Da stürzt ein Haus ein!" Beim Aufschrei der Mitschülerin rennt Sebastian Majstorovic zum Fenster und blickt in den Innenhof. Es rummst und staubt gewaltig, als das Historische Archiv der Stadt Köln in sich zusammenfällt. Während die Schüler sich noch fragen, ob das Haus gezielt gesprengt wurde, fahren Polizei und Feuerwehr vor. Sebastian hält sein Handy drauf und filmt. Es ist das einzige Augenzeugenvideo von diesem Unglück.

Abends stellt er das Video ins Netz. Am nächsten Morgen hat es bereits der Sender N24 auf seine Website übernommen - ungefragt. Kurz darauf meldet sich die Nachrichtenagentur Reuters via Twitter. Sie will das Video - exklusiv. "Aber irgendwie war das kompliziert mit denen", erinnert sich Majstorovic. Er ruft bei N-TV an. Die haben zwar kein Geld, aber den direkten Kontakt zum Mutterhaus RTL. "Dort waren sie supernett und haben mir ein gutes Angebot gemacht. Davon habe ich dann meinen Führerschein finanziert. Und N24 habe ich hinterher abgemahnt mit Erfolg."

Café Fonda, Kölner Südstadt

Seit er sein Abitur in der Tasche hat, ist das Café Fonda sein Büro. 100 Meter südlich wohnt er, 200 Meter nördlich hat sein Vater einen Computerladen. Viel bewegen muss er sich nicht. "Und ich brauch' ja nicht viel. Nur meinen Laptop."

Und ein gutes W-Lan-Netz. Das hat das Café leider nicht. So meckert Sebastian ein bisschen, als er zeigen will, wie alles begann. Auf seinem Laptop-Monitor baut sich schleppend langsam eine Grafik auf, eine Statistik über sein erstes Google-Gadget, das er 2006 programmiert hat. Das kostenlose Tool ist eine einfache Uhr, und die Statistik zeigt zu Höchstzeiten rund 150 000 Benutzer täglich. "Ich habe erst nach einem Jahr gemerkt, wie viele Leute das benutzen. Da dachte ich, das ist ja der Ham mer, warum nicht auch Werbung darauf machen?" Er integrierte Werbung von Amazon und bekam dafür Verkaufsprovision: zu Anfang waren es 700 Euro im Monat, später 200 bis 400 Euro. "Das war das erste Mal, dass ich Geld verdient habe mit Selbstprogrammiertem."

Zuvor hatte er bereits ein paar Web-Seiten und ein Schülerpraktikum in einer Internetagentur gemacht. Die boten dem 15-Jährigen auch gleich einen Job an. "Aber ich hab' schnell gemerkt, dass ich darauf keinen Bock hatte." Das Arbeiten für Kunden nervte ihn auch. "Es war super, diese Erfahrung gemacht zu haben. So wusste ich, was ich nicht wollte."

Er will sich lieber eigene Projekte ausdenken und sie verwirklichen. Und ihn faszinieren die kleinen iPhone-Zusatzprogramme - die Apps. Im Sommer 2008 lud er sich die Entwickler-Software dafür herunter. Drei Monate lang versuchte er sich einzulesen, verstand erst mal nichts. "Dann hat es klick gemacht." Er wartete auf den Tag, an dem er endlich 18 wurde. Denn erst dann kann man sich bei Apple als App-Entwickler registrieren. Im Mai 2009 war es so weit: "Dann habe ich innerhalb von zwei Tagen meine erste App gemacht." Mitten in den Abiturprüfungen.

Staufinder heißt das Programm - es meldet Staus auf Autobahnen. Die Idee ist nicht originell, es gibt bereits zwei ähnliche. "Aber das waren typische Programmierer-Apps. Viel zu überfrachtet und unübersichtlich und furchtbar schlecht zu bedienen." Sein Programm ist schlanker, einfacher, intuitiver. Er bietet es im App-Store an und wartet. Am ersten Tag verdient er 60 Euro. "Dann kamen die Sommerferien, und es ging ab." Der August bringt ihm 2000 Euro. "Das war schon klasse. Einmal was programmiert, ein bisschen Arbeitszeit investiert, und dann muss man nichts weiter machen - nur abwarten und Geld einnehmen."

Die App ist noch kein Jahr alt, da meldet sich die "Bild"-Zeitung. Aus dem Staufinder wird der "Bild"-Staumelder. "Die App gehört aber weiterhin mir", sagt Majstorovic. "Das ist mir ganz wichtig." Denn: "Wenn man etwas verkauft und später Erweiterungen machen soll, dann ist die Motivation am Boden. Es ist dann nicht mehr dein Baby." Deswegen hat er sich auch entschlossen, keine Aufträge anzunehmen. "Da hab' ich keine Lust drauf. Und das will ich auch so durchziehen."

Lapland Laptops, Kölner Südstadt

Als er acht Jahre alt war, eröffnete sein Vater ein Computergeschäft (siehe brand eins 04/2004). Dort lernte er, Festplatten zu formatieren und Betriebssysteme zu installieren, schrieb Rechnungen und Lieferscheine und suchte im Netz nach Lösungen für Software-Probleme. "Das war für mich wie ein Spiel. Ich durfte wirklich alles machen. Und wenn ich mal einen Fehler gemacht hatte, dann hab' ich das sofort abgespeichert", sagt Sebastian Majstorovic. Auch heute hilft er noch im Laden. Sein Vater ist sein bester Berater.

Seine Zukunftspläne? Vielleicht studieren, vielleicht in Richtung Film, auf keinen Fall Informatik und am besten in England. Lineare Lebensläufe findet er albern. "Die Menschen, die ich kenne, leben alle nicht so. Man muss Gelegenheiten ergreifen, Abschlüsse sind da nicht so wichtig."

Was will er erreichen im Leben? "Viele interessante Menschen treffen, tolle Dinge machen." Seine nächsten Projekte sind schon in Arbeit, Genaueres verrät er noch nicht. "Ein zweites Ebay zu erfinden ist schwer", sagt er. "Aber wir versuchen es." -

PS: Sebastian Majstorovic hat mittlerweile ganz offiziell für brand eins eine mobile Website geschrieben und die kostenlose App "Die Welt in Zahlen" programmiert.