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Rainald Grebe im Interview

Der Kabarettist und Musiker Rainald Grebe seziert das Bionade-Bürgertum. Er weiß, wovon er redet. Schließlich gehört er selbst dazu.




Wir wollten nie wie unsre Eltern werden und sind es ja auch nicht geworden. Unsre Eltern sind ja älter und ziemlich provinziell. Roher Fisch auf kaltem Reis mit Algen tun die doch in den Müll.
Irgendwann werden die sterben, wenn sie nicht schon gestorben sind. Wir werden ihre Häuser erben, aber keine neuen bauen.
aus: Dreißigjährige Pärchen

brand eins: Herr Grebe, in Ihrem Lied "Prenzlauer Berg" singen Sie von den Volvos vor den Bioläden. Yoga ist populärer als Fußball, und "die Menschen sehen alle gleich aus, irgendwie individuell". Ist dieses Porträt des Bionade-Biedermeiers autobiografisch?

Rainald Grebe: Es ging eigentlich darum, die Veränderungen in diesem Stadtteil zu beschreiben. Ich lebe seit 20 Jahren in dieser Gegend, ich bin teilnehmender Beobachter. Die Menschen, die vor 20 Jahren hergezogen sind, sind älter und arrivierter geworden, sie haben Jobs und Familie, die Brachen sind verschwunden.

Für welchen Lebensstil steht dieses Milieu?

Vielleicht für den Freiburger Lebensstil, schwarz-grün, selbstverständlich ökologisch bewusst und nach außen hermetisch abgeschlossen.

Ist man in diesen Kreisen desinteressiert an altmodischen Themen wie Geld und Karriere?

Ich glaube schon, dass es auch um Karriere geht. Man will vielleicht halbwegs locker damit umgehen, zumindest nach außen. Eigentlich geht es dauernd um Geld, gerade weil diese flexiblen Arbeitnehmer immer schauen müssen, wo das Geld herkommt. Ich glaube, in der Generation unserer Eltern oder in anderen Milieus ist Geld weniger ein Thema als bei uns. Ein Freund von mir arbeitet in so einem superschicken Erdgeschoss-Laptop-Grafik-Büro, alles toll und kreativ. Diese Firma ist wohl international sehr gut vernetzt, sie statten Messestände mit irgendwelchen Installationen aus. Er verdient 1000 Euro im Monat. Die Personalpolitik ist simpel: hire and fire. Wie man es halt so kennt, es gibt keine Sicherheit.

Wenn die Arbeit schlecht bezahlt ist, muss sie wenigstens hip sein?

Ja, vielleicht. Ich komme aus dem Bildungsbürgertum, das ist eigentlich eine aussterbende Gattung aus dem 19. Jahrhundert. Mein Vater ist Professor für Buchkunde, Bibliografie. Was wird aus den Kindern dieser Bildungsbürger? Wie garniert sich dieses neue schwarz-grüne Bürgertum? Mit welchen Statussymbolen schmücken die sich? Das ist eigentlich mein Thema.

Ist der Einkauf im Bioladen ein solches, neues Statussymbol?

Das Essen spielt eine immer größere Rolle. Sich über Ökologie zu definieren war früher eher links und schrullig, genau wie der Hang zu vegetarischem Essen. In den achtziger Jahren galt das als eine Sache für Spinner. Öko-Interessierte erkannte man an handgestrickten, etwas formlosen Pullovern. Die Verkäuferin im Bioladen war aus Prinzip unfreundlich, hatte kurze Haare und eine lila Latzhose. Heute ist Ökologie Lifestyle, der Bioladen ist in der Marktwirtschaft angekommen und hat auch Tiefkühlpizza. 20-Jährige diskutieren darüber, ob vegetarische oder vegane Ernährung besser ist. Sogar Schauspieler, was ich nie gedacht hätte, fangen an, auf ihre Ernährung zu achten. Sie trinken nicht mehr so viel, gehen früh ins Bett und machen Yoga. Das gehört auch dazu: fernöstliche Körperübungen. Ich verweigere mich dem konsequent.

Dient dieser Lebensstil auch dazu, sich von der Unterschicht abzugrenzen?

Bürgertum hat viel mit Angst und Abgrenzung zu tun. Dass die Dinge des alltäglichen Bedarfs so einen Stellenwert bekommen, ob es die Manufactum-verschönerte Wohnung ist oder die ökologisch korrekte Ernährung, das hat etwas Biedermeierliches. Man demonstriert Geschmackssicherheit. Man redet weniger über politische Zusammenhänge, man redet lieber über die Inneneinrichtung und das Essen und garniert das dann ideologisch. Wenn man Kinder hat, geht es, glaube ich, richtig zur Sache: Welche Werte gibt man weiter, welche Kita ist die beste, wird der Kleine optimal gefördert?

Wird Moral im neuen schwarz-grünen Bürgertum zum Unterscheidungsmerkmal?

Klar. Grüner Strom und Green Banking - das ist wahrscheinlich sinnvoll, aber vor allem hilft es dem Selbstbild. Ein anderes Beispiel für diese Abgrenzungsmechanismen: Eine Freundin von mir, alleinerziehende Mutter mit wenig Geld, lebt am Prenzlauer Berg. Sie spricht immer von diesem "Kleiderdruck". Sie merkt, dass sie hier nicht reinpasst. Die anderen wissen offenbar ganz genau, wie man sich anzuziehen hat: betont nachlässig, aber doch sehr geschmackvoll und genau gewählt. Das ist dieser komische "Ber-lin-Mitte-Style": die Männer alle scheinbar ungepflegt, mit Bart, eine auffällige Designer-Brille, bestimmte Frisuren, sorgfältig zurechtgemacht. Man steht lange im Badezimmer. Architekten, Webdesigner, Green Banker - alle sehen aus wie Künstler. Das sind Leute, die in ihrer Freizeit vielleicht Tango tanzen. Meine Freundin kommt aus Nürnberg und lebt seit einem Jahr hier. Sie ist Kostümbildnerin. In Nürnberg war das etwas leicht Exotisches. Hier sind auf einmal alle Bühnenbildner oder Schauspieler oder Internet-Designer. Das kenne ich auch noch, dass man dauernd beobachtet, wer probt gerade was, wer geht an welches Theater und weshalb bin ich nicht dabei.

Der Grat zwischen Kumpanei und Konkurrenz ist schmal. Das dürfte für all die mehr oder weniger erfolgreichen Kreativen vom Prenzlauer Berg auch gelten.

Man trifft all die arbeitslosen Schauspieler beim Kellnern. Alle reden dauernd über irgendwelche Projekte. Die Frage ist immer: Wo sind die guten Bühnen, und wie kommt man dahin? Aber letztlich gibt es in Berlin eben nur vier große Theater. Und gleichzeitig haben alle das Gefühl: Wir sind ganz weit vorne, hier ist die Hauptstadt, Berlin ist wie New York vor 20 Jahren. Das ist das Bewusstsein.

Wie ist das, wenn man überall nur Leute sieht, die das Gleiche machen wollen wie man selbst, egal ob als Nachwuchsschauspieler, Musiker, Designer, Bühnenbildner oder Regisseur?

Ja, scheiße. Man will ja der Einzige sein. Das ist wie auf Safari. Man würde jetzt gerne das einzigartige Naturerlebnis haben, aber dann stehen schon acht Jeeps da, und alle fotografieren die gleichen Antilopen. Eine ganze Kneipe voller Schauspieler, die sich gegenseitig belauern - da ahnt man kurz die eigene Überflüssigkeit und ist froh, wenn man sich auch mal mit einem Krankenpfleger unterhalten kann.

Wenn Sie beobachten, dass in diesem Milieu auch Leute mit ganz normalen Berufen wie Künstler aussehen wollen, ist der Künstler so etwas wie das neue Leitbild: kreativ, individuell, Selbstverwirklichung als Beruf.

Nicht nur in diesem Milieu, in der gesamten Gesellschaft, glaube ich. Das ging in den Neunzigern mit der New Economy los. Plötzlich mussten Unternehmen eine Philosophie, eine unverwechselbare Persönlichkeit haben und kreativ sein. Das klang wie eine Schauspielausbildung, als würde das Künstlertum in die Wirtschaft rüberschwappen - auch mal in der Arbeitszeit relaxt im Park sitzen, um auf tolle Ideen zu kommen, auch mal die Nacht durcharbeiten. Lebenslängliches Lernen, flexible Menschen jeder Mensch und jedes Unternehmen muss sich ständig neu erfinden, wie ein Schauspieler, der alle acht Wochen eine neue Rolle lernt.

"Die Ehe hielt bis zur Beerdigung und nicht bis zur Selbstverwirklichung", heißt es in einem Ihrer Lieder. Ist Selbstverwirklichung im neuen Bürgertum das, was im alten Bürgertum eine Tugend wie Pflichterfüllung war?

Sich 24 Stunden am Tag selbst verwirklichen zu müssen ist eigentlich Terror. Alles muss auch noch mit mir selbst zu tun haben. Das ist wieder dieses pseudokünstlerische Moment. Man kann nicht einfach nur arbeiten oder einkaufen. Alles dient auch der Formung der eigenen Identität. Interessant ist auch, wie viele Leute damit beschäftigt sind, Gesellschaft zu spiegeln, Gesellschaft zu beobachten und sich selbst in diesem Bild von Gesellschaft zu inszenieren.

Wie hängt Selbstverwirklichung mit Selbstvermarktung zusammen?

Manchmal kann man es nicht voneinander unterscheiden.

Zu diesem Milieu gehört auch die Vorliebe für bestimmte Künstler - früher zum Beispiel Frank Castorf oder Tocotronic, heute Sasha Waltz oder Rainald Grebe.

Ich hänge da mittlerweile auch drin, klar. Eigentlich geht es mir damit auch ganz gut. Ich muss nicht irgendjemandem hinterherlaufen. Sicher, ich funktioniere auch, wenn ich pünktlich zum Konzert komme und da meinen Dienst am Kunden tue. Aber im Grunde ist diese Kongruenz mit sich selbst, etwas zu machen, das mir Spaß macht, und davon auch noch zu leben, der Oberluxus.

Haben Sie sich selbst zur Marke gemacht?

Weiß ich nicht. Wie geht denn das? Zur Marke wird man wahrscheinlich automatisch, wenn man das zweite Album rausbringt, indem man weitermacht und sich irgendwann wiederholt.

Liebt man die Leute, die Sie mit Ihrer "Prenzlauer Berg"-Hymne verspotten, nicht genau deswegen?

Ja, vielleicht. Man ist ja auch selbstironisch.

"Schwarz-grün wird die Republik, hier ist sie es schon", singen Sie. Was ist das für eine Republik?

Wahrscheinlich nicht die schlechteste. Das sind ja nicht nur arbeitslose Schauspieler. Da formiert sich ein neues Bürgertum, eine neue Mittelschicht. ---