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Vor dem Spülen noch mal spielen

Ein kleines portugiesisches Unternehmen stellt die Farbfrage: Muss Toilettenpapier unbedingt weiß sein? Und versucht es mit kunterbunten Antworten.




- Dies ist die Geschichte eines Verrückten. Sofern man unter Verrücktsein wie Paulo Pereira da Silva versteht, "dass die Menschen ein bisschen kreativ sein und die Dinge nicht immer so akzeptieren sollen, wie sie gerade sind". Der 49-jährige Portugiese, Präsident von Renova, stellt Papier her. Klopapier. Auch schwarzes Klopapier. Verrückt, nicht?

Die Renova-Aktionäre jedenfalls rieben sich die Augen, als Paulo, wie er sich für portugiesische Verhältnisse ungewöhnlich formlos anreden lässt, mit der Idee herausrückte. Aber sie kannten ja bereits das Schild mit dem Krawattenverbot im Eingangsbereich der Firmenverwaltung und die ausgeprägte Abneigung des Chefs gegen Powerpoint-Präsentationen ebenso wie seine Überzeugung, dass ein Großraumbüro mit Kinderschaukeln, Box-Ring und Konferenztisch mitten im Gewühl nicht nur der Transparenz, sondern auch der Innovation dienlich ist.

Nun also schwarzes Toilettenpapier, dreilagig, die Designerbox aus Metall mit drei Rollen zu 7,51 Euro. Ein Luxusprodukt, ein Party-Gag, den die "New York Times" 2006 zum "This Season's Must Have" erklärte. "Why not" steht seither groß auf einer Außenmauer der Fabrik im Provinznest Torres Novas am Ufer des Almonda-Flusses, wo einer von Pereira da Silvas Großvätern 1958 damit begann, Papier herzustellen, das auf Nimmerwiedersehen in der Kanalisation verschwindet. Damals, als Renova, das portugiesische Wort für Erneuerung, noch nicht darauf hinwies, dass hier mal einer die ungeschriebenen Gesetze der Hygiene-Industrie auf den Kopf stellen würde.

"Wer sagt denn, dass Toilettenpapier weiß und hässlich sein muss?", fragt der Unternehmer mit provozierendem Blick durch seine schwarze Designerbrille. Für jemanden, der einst dachte, er werde lieber einsam und schweigend in einem Universitätslabor vor sich hin brüten, hebt da Silva zu einem erstaunlich langen Vortrag an. Von Zwölferpacks in Supermarktregalen über die Macht von Marktführern und den Wandel der Gesellschaft philosophiert er - und landet am Ende bei der Relativität von Größe. Genauer gesagt: der Größe eines Unternehmens mit 700 Mitarbeitern und zuletzt 133 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Pereira da Silva hat Physik studiert, um genau zu sein, Quantenphysik. "Für Physiker sind Größen sehr wichtig", sagt er. "Wir hier sind sehr klein. Wir sind in Portugal, das ein kleines Land ist. Dessen sind wir uns bewusst."

Mit seinen Hygieneartikeln, zu denen neben Toilettenpapier auch Taschentücher, Servietten oder Küchenrollen gehören, ist Renova in Portugal Marktführer. Doch in einem Land mit knapp elf Millionen nicht eben reichen Einwohnern ist das nicht genug, um die Existenz eines Unternehmens dauerhaft abzusichern und der Konkurrenz milliardenschwerer Multis zu widerstehen. Farbiges Toilettenpapier - inzwischen gibt es den finalen Wisch auch in Rot, Orange, Pink, Blau oder Grün - macht lediglich fünf Prozent der Einnahmen aus. "Aber es hat der Marke international eine Bekanntheit verschafft, die wir anders nie erreicht hätten", sagt Marketing-Chef Luis Saramago. Rund die Hälfte ihres Umsatzes macht die Firma jetzt im Ausland.

Glaubt man dem Chef, gehören Physiker zu den kreativsten Köpfen. "Fast alle unsere Leute in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung sind Physiker. Wenn es nötig ist zu träumen, träumen sie, sind ein bisschen verrückt. Und wenn es dann darum geht, eine Neuerung in die Tat umzusetzen, gehen sie mit mathematischer Präzision ans Werk."

Den Anstoß für die Entwicklung gab eine Vorführung des Cirque du Soleil in Las Vegas. Da Silva kam gerade von einer Fotoproduktion in Paris für eine neue Werbekampagne, in der Models sich lasziv zwischen ausgerolltem weißem Toilettenpapier wälzten. "Im Cirque du Soleil spielten Trapezkünstler mit schwarzen, funkelnden Bändern. In meinem Kopf verbanden sich die beiden Bilder. Es war Zufall - vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall dachte ich in dem Moment: Warum immer Weiß? Warum nicht Schwarz? Schwarz ist lustig!"

Seither kämpft er für mehr Farbenspiel im Klopapierregal. Ökologisch korrekter als die gebleichten weißen Rollen ist das Buntpapier im WC nicht. Aber auch nicht umweltschädlicher, betont er. Immerhin verwende man 50 Prozent Altpapier. Und die Forschungsabteilung arbeitet daran, auch Renova Green farblich aufzupeppen, die Marke für 100 Prozent recyceltes Material.

Mit der Luxusversion hat es der Hersteller bereits in einige spanische und französische Supermärkte geschafft. In Deutschland ziert sie Ausstellungsräume exklusiver Sanitär- und Einrichtungshäuser, aber auch Gothic-Shops. Ein Hamburger Ausstatter von Kreuzfahrtreisen hat Renova Black geordert. Ganz vorn aber liegt Renova in Paris: Die bunten Rollen werden wahrhaftig im Foyer der Louvre-Toiletten als Souvenir verkauft, also unter einem Dach mit der Mona Lisa und der Venus von Milo. Wenn das nicht verrückt ist! -

Kontakt: www.renovaonline.net; Renova S.A. (Fábrica de Papel do Almonda), 2354-001 Torres Novas, Portugal