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Um des Friedens willen

Die Erinnerung an Gewalttaten und Kriege zu verbieten scheint zutiefst ungerecht. Und doch tun es Regierungen immer wieder, seit der Antike und bis in die Gegenwart. Der Historiker Christian Meier erklärt, warum sie damit Recht haben.




brand eins: Herr Meier, Sie beschreiben in Ihrem Buch "Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns", dass Staaten ihre Bürger seit der Antike immer wieder dazu auffordern, Geschehenes zu vergessen - seien es Kriege oder Massaker. Wie muss man sich dieses politisch gewollte Nichterinnern vorstellen?

Christian Meier: Nehmen Sie ein Beispiel - 404 vor Christi hatte eine kleine Gruppe von Tyrannen die Macht in Athen an sich gerissen und etwa fünf Prozent der Bevölkerung ermordet. Nach dem Sturz der Tyrannen wurde es in der Demokratie Athens regelrecht verboten, öffentlich an diese Morde zu erinnern. Alle Bürger mussten schwören, dieses Gebot des "Nichterinnerns an das Schlimme", wie es hieß, einzuhalten. Es durften auch keine Anklagen erhoben werden, außer gegen die Hauptschuldigen. Man hat starken Druck ausgeübt, um jeden Versuch, doch zu erinnern, zu ersticken. Auf diese Weise wurde offenkundig der innere Frieden im Staat wiederhergestellt und gesichert.

Ist das ein wiederkehrendes Muster?

Es lässt sich immer wieder beobachten. Ludwig XVIII. schreibt es nach dem Sturz Napoleons und der Rückkehr der Monarchie in die französische Verfassung: "union et oubli", also Einigkeit und Vergessen. Die Bluttaten der Revolution, selbst die Hinrichtungen der früheren Herrscher sollen vergessen sein. Die Täter wurden amnestiert. Ein anderes Beispiel ist Präsident Andrew Johnson, der 1868 nach dem amerikanischen Bürgerkrieg mit Ausnahme einiger Anführer jedem Straflosigkeit zusicherte, der einen Treue-Eid auf die Vereinigten Staaten ablegte. Man könnte es auf die grobe Formel bringen, dass die Opfer und ihre Hinterbliebenen ein zweites Opfer bringen und auf ihre Anklagen, die Anerkennung ihres Leids und auch die Rache verzichten müssen.

Das widerspricht dem Gerechtigkeitsempfinden. Weshalb entschließen sich Gemeinwesen zu diesem Schritt?

Weil der Frieden wichtiger ist. Offenbar wissen diese Gesellschaften, dass er nicht herstellbar ist, wenn Rache und endlose Anklagen vergangener Untaten drohen. Das ist ungerecht den Opfern gegenüber, aber Gerechtigkeit ist in diesem Fall ein Luxus, den man sich verbieten muss. Es ist der Preis des Friedens, dass das Erinnern an die Gewalttaten, zumindest in der Öffentlichkeit, nach einer gewissen Zeit aufhört. Das hatte in früheren Gesellschaften, etwa in der Antike, sicher auch mit der Angst vor Rache und Widerrache zu tun. Diesen Kreislauf kann man nur mit dem gewollten Vergessen unterbrechen. Bei den Indianern gibt es die berühmte Formel, dass man "das Kriegsbeil begräbt". Es genügt nicht, es wegzulegen. Es muss mit Erde bedeckt sein, damit der Konflikt nicht neu aufflackert.

Setzt sich dieses Muster bis in die Gegenwart fort?

Ja, etwa in Spanien mit der Amnestie nach Francos Tod. Eine Modifikation stellen die Wahrheitskommissionen dar, die in Südafrika nach dem Ende der Apartheid eingesetzt worden sind. Das Ziel war, die Verbrechen der Apartheid sehr schnell zur Sprache zu bringen, um dieses Kapitel damit abzuschließen. Das Verfahren war von Anfang an begrenzt auf zwei Jahre. Den Tätern, die vor einer Wahrheitskommission im Angesicht der Opfer ihre Schuld offen zugegeben haben, wurde Amnestie gewährt. Die Opfer oder ihre Angehörigen bekamen eine Entschädigung. Mandelas ANC, die neue Regierungspartei, wusste, dass die Schwarzen die Weißen nicht entbehren oder einfach rauswerfen konnten, also mussten sie mit ihnen zusammenleben. Und das verlangt, dass diese Dinge vom Tisch kommen und nicht das Land in Unruhe versetzen und das Zusammenleben vergiften.

Warum greifen diese Mechanismen des Vergessens um des Friedens willen angesichts des Holocausts nicht? Warum ist es notwendig, dass sich die Deutschen immer wieder mit den Verbrechen aus der NS-Zeit auseinandersetzen?

Weil der Zivilisationsbruch des Holocausts, der industrielle Massenmord, ein singuläres, eigentlich unvorstellbares Menschheitsverbrechen ist. Die Erinnerung daran ist unabweisbar. Man hat das in den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Krieg zunächst einfach beiseitegeschoben. Arbeit ist ein gutes Mittel, um zu verdrängen. Da greifen die Abwehrmechanismen. Die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich sprechen von "biologisch vorbereiteten Selbstschutzmechanismen". Nichts wurde sehnlicher gewünscht als die Rückkehr zur Normalität. Man hätte es in den ersten Jahren nach dem Krieg psychisch nicht ertragen, sich der Vergangenheit zu stellen.

Das Verdrängen folgte auch schlichtem Eigeninteresse. Die Unternehmen, die im Nationalsozialismus vom Krieg profitiert und Zwangsarbeiter ausgebeutet hatten, die Spitzenbeamten, die Richter und Staatsanwälte aus der NS-Zeit, die in der frühen Bundesrepublik bruchlos weiter Karriere machten, waren nicht daran interessiert, den Völkermord an den Juden oder die Verbrechen der Wehrmacht zum Thema zu machen.

Natürlich nicht. Die Alliierten haben den Haupttätern, auch den Verantwortlichen in der Industrie, den Prozess gemacht. Mit Gründung der Bundesrepublik 1949 hört die alliierte Gerichtsbarkeit auf, und die deutsche Justiz war auf diesem Gebiet sehr, sehr langsam. Dazu kommt, dass die Westalliierten im beginnenden Kalten Krieg schnell umgeschwenkt sind. Weil sie die Deutschen brauchten, war die Verfolgung von NS-Tätern nicht mehr vordringlich. Beim Aufbau der Bundeswehr erklärten Generäle, dass sie nicht mitmachen würden, solange ihre Kameraden aus der Wehrmacht noch in Haft seien. Es wurden daraufhin sogar Leute entlassen, die in den Einsatzgruppen Tausende von Juden erschossen hatten. 1957 war das eingetreten, was historisch der Normalfall nach Kriegen ist: de facto die Amnestie.

Kam zur Amnestie die Amnesie? Wollten die Deutschen vergessen?

Ja, ganz eindeutig. Ein Wendepunkt war der Ulmer Einsatzgruppen-Prozess 1958. Ein ehemaliger Polizeidirektor wollte die Wiedereinstellung mit seinem alten Rang in den Staatsdienst einklagen. Bei der Gelegenheit kam heraus, dass er an Judenerschießungen in großem Maßstab im Baltikum beteiligt gewesen war. Statt wieder Polizeidirektor zu werden, kam er samt seiner Zeugen, die mit ihm im Baltikum Juden exekutiert hatten, ins Gefängnis. Er hatte sich einfach darauf verlassen, dass seine Taten die deutsche Justiz nicht interessierten. Dieser Prozess hat große Aufmerksamkeit erregt. In seiner Folge wurde die Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen gegründet, 1963 fand der Frankfurter Auschwitz-Prozess statt. All das löste langsam eine größere Sensibilität in der deutschen Öffentlichkeit aus. Aber auch zu Beginn der sechziger Jahre waren breitere Bevölkerungsschichten keineswegs bereit, wirklich wahrzuhaben, was Auschwitz bedeutete.

Warum wurden die Verbrechen an den Juden so lange und massiv verdrängt?

Wahrscheinlich weil es ungeheuer schwer ist, damit fertig zu werden. Es gibt ein massives deutsches Selbstmitleid. Das führt dazu, dass Auschwitz kleingeredet wird und die Bombardierung Dresdens, die Vertreibungen der Deutschen im Osten, die Hungerwinter nach dem Krieg und so weiter dagegengehalten werden. Nachdem die Deutschen halb Europa in Trümmer gelegt und Millionen ermordet hatten, haben sie noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nichts anderes im Sinn als ihr eigenes, unmittelbares Leid. Objektiv gesehen ist das schamlos. Aber ich vermute, dass es menschlich ist.

Ein Beispiel: Ein Mann, mit dem ich zusammen studiert habe, ist im Krieg Soldat gewesen. 1963 hat er zum ersten Mal aus dem Krieg erzählt. Er konnte 18 Jahre lang nicht darüber sprechen, obwohl er keine Schuld auf sich geladen hatte. Das war verdrängt, aus seelischem Selbstschutz. So ging es, wenn man will, dem ganzen Land. Das war nicht nur im Volk der Täter so, sondern auch in Israel. Bis zum Eichmann-Prozess 1961 war der Holocaust dort kein großes Thema in der öffentlichen Auseinandersetzung. Man hätte es nicht ertragen, man wollte in die Zukunft blicken. Solche Prozesse brauchen offenbar sehr viel Zeit.

Interessant ist, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der Bundesrepublik der sechziger Jahre vor allem von Deutschen initiiert wurde, weniger von den Opfern. War das letztlich ein Akt der Selbstaufklärung und Zivilisierung dieses Landes?

Wenn Sie so wollen, ja. Das ist der Bundesrepublik und ihrer politischen Kultur sehr zugute gekommen. Der Antrieb für diesen Prozess kam im Kern nicht durch Druck von außen. Die Bundesrepublik wurde nach dem Krieg relativ schnell und sehr großzügig wieder in den Kreis der Nationen aufgenommen. Wichtig dafür, das Verdrängen aufzubrechen, waren zunächst einzelne Personen, zum Beispiel der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer, der den Auschwitz-Prozess initiiert hat. Aber erst als eine junge, nicht unmittelbar belastete Generation heranwuchs, stieß die ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in der Öffentlichkeit auf breitere Resonanz. Noch Jahrzehnte später, im Historikerstreit der achtziger Jahre, gab es heftige Auseinandersetzungen darüber, ob der Holocaust ein singuläres Menschheitsverbrechen war. Das war der Versuch einer Relativierung. Man beobachtet ein ständiges Sichsträuben gegenüber der Notwendigkeit, sich der Vergangenheit zu stellen. Dabei wird grob unterschätzt, wie unvorstellbar und im wahrsten Sinn nicht zu fassen Auschwitz ist. Das war nicht einfach ein Kriegsverbrechen.

Interessant ist, dass all diese Abwehrmanöver schließlich gescheitert sind. Der Prozess der Aufklärung schritt immer weiter voran, offenbar weil er sich vielen einfach aufgedrängt hat. Inzwischen wird die Erinnerung immer stärker, je größer der zeitliche Abstand wird. Das wäre bei der Erinnerung an einen Krieg, etwa an einen Bürgerkrieg oder Ähnliches, vermutlich nicht der Fall und auch nicht notwendig. Weil Auschwitz so schrecklich war, muss es immer wieder hochkommen. Wir können es nicht "verarbeiten" oder "bewältigen". Über Jahrzehnte der Nachkriegszeit hinweg ist jede Generation neu darüber erschrocken.

Mittlerweile beschäftigt sich eine ganze Branche mit der Erinnerungskultur. Sie nennen das etwas skeptisch das "Gedenkwesen". Trägt das zur Aufklärung bei?

Die juristische Aufarbeitung ist inzwischen fast ganz, die historische Aufklärung weitgehend erfolgt. Die Frage ist, wie man es weitergibt. Ich muss zugeben, dass mir einige Gedenkrituale etwas entleert und routinemäßig vorkommen. Beeindruckt Sie das Holocaust-Mahnmal in Berlin?

Ich sehe, wie Jugendliche dort Skateboard fahren und Touristen picknicken.

Das war vorauszusehen. Bei der Eröffnung des Denkmals hat Paul Spiegel, damals Präsident des Zentralrats der Juden, völlig zu Recht kritisiert, dass von den Tätern keine Rede ist. Fast wirkt es, als würden sich die Deutschen in einer Art Übersprungshandlung mit den Opfern identifizieren.

So wird das Gedenken an die Opfer zur Selbstentlastung.

In irgendeiner Weise, ja. Ich staune auch immer wieder über den in Gedenkreden gern zitierten Satz, wer sich der Vergangenheit nicht erinnere, sei verurteilt, sie zu wiederholen. Nach dem Ersten Weltkrieg haben die Nationalsozialisten die Kriegsniederlage ununterbrochen für ihre Propaganda benutzt. Die Erinnerung an den Krieg hat geradewegs zur Wiederholung geführt. Ein anderes Beispiel ist die serbische Propaganda im jugoslawischen Bürgerkrieg, die die Erinnerung an die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 instrumentalisierte. Erinnern ist also nicht unbedingt heilsam und hilfreich, und Vergessen ist nicht in jedem Fall verwerflich.-

Christian Meier, 81, ist einer der renommiertesten Historiker der Bundesrepubik Deutschland. Bis zu seiner Emeritierung lehrte er Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Den Umgang mit Gewalttaten in der Geschichte hat er in einem Buch untersucht. Christian Meier: Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns. Siedler Verlag, 2010; 160 Seiten; 14,95 Euro