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Mach's gut, altes Haus!

Peter Rees ist Chefplaner von London. Er selbst sieht sich als Gärtner, der das Schöne bewahrt, ohne dem Fortschritt im Weg zu stehen.




brand eins: Glückwunsch, Herr Rees! Sie haben kürzlich Ihr 25. Berufsjahr in einem echten Horrorjob hinter sich gebracht.

Peter Rees: Ich bin hier für 4000 Jahre Geschichte verantwortlich, das ist in der Tat kein einfacher Job. Das Allerschwierigste aber ist, dass von diesen 4000 Jahren erst 2000 vergangen sind. Als Planer der City of London muss man immer vorwärts und rückwärts zugleich blicken ...

... und dafür ständig Prügel von der mächtigen Finanzbranche einstecken, die ob Ihrer Auflagen nicht beliebig wachsen darf. Sobald Sie jedoch für einen Neubau ein historisches Gebäude abreißen lassen, hagelt es Kritik von Anwohnern und Denkmalschützern.

Wir befinden uns hier im historischen Kern Londons, der bewahrt werden muss. Gleichzeitig ist die City aber eines der wichtigsten Finanzzentren der Welt, das wachsen muss, wenn es seine Spitzenstellung verteidigen soll. Städte müssen wissen, ob sie wie Florenz oder Venedig zu einem lebendigen Museum werden oder ob sie sich weiterentwickeln wollen. Wir haben uns für Letzteres entschieden.

Dabei ist Ihre Entscheidungsfreiheit aber äußerst begrenzt: Ein Drittel der City ist als historisches Erbe klassifiziert, zahlreiche Einzelgebäude sind als Denkmäler unantastbar. Allein die St. Paul's Cathedral wird durch 16 Sichtkorridore geschützt, die kilometerweit durch die Stadt reichen und freigehalten werden müssen.

Und weil sie seiner Meinung nach die Entwicklung der Stadt hemmten, hat Londons voriger Bürgermeister Ken Livingstone sie gegen unseren Rat verengen lassen. Boris Johnson hat sie nach seiner Wahl zum Bürgermeister wieder erweitert. Ähnliche strategische Sichtachsen haben wir nicht nur für St. Paul's, sondern auch für die Houses of Parliament und den Tower of London.

Meinen Sie wirklich, dass solche historischen Demarkationslinien heute noch Sinn haben?

Durchaus. Beschränkungen wie die St.-Paul's-Sichtachsen setzen den Planungsrahmen, mit dem gute Architekten auch umzugehen wissen. Jean Nouvel etwa baut hier gerade mit One New Change ein Büro- und Shoppingcenter, zu dem er sich von einem Stealth Bomber hatte inspirieren lassen. Weil sein Gebäude, wie er mir erklärte, gleich einem solchen Tarnkappen-Jet unter dem Höhenradar von St. Paul's durchgleiten müsse. Und das sieht man seinem Entwurf auch an - im positiven Sinne.

Selbst für einen Jean Nouvel wäre eine Tabula Rasa doch einfacher.

Ohne Geschichte und deren natürliche Beschränkungen endet man bei Reißbrettprojekten wie Pudong, Dubai, La Défense in Paris oder Londons Canary Wharf - Orte, an denen alles möglich und deshalb nichts wirklich ist. "There is no there there", würde die Schriftstellerin Gertrude Stein über sie sagen. In gewachsenen Städten wie London ist das anders. Uns hilft die Vergangenheit, weil sich alles Neue an ihr messen lassen muss.

Sie meinen wirklich, überkommene Regeln kitzelten die Kreativität?

Nehmen Sie die klassische Musik: Zu Mozarts Zeiten galten noch strikte Regeln, nach denen Komponisten ihre Musikstücke aufzubauen hatten. Und dennoch hat Wolfgang Amadeus Mozart teilweise durch sehr weite Interpretation, immer aber mit Respekt vor diesen Regeln - außergewöhnliche Kompositionen geschaffen. Nun sehen Sie sich im Gegensatz dazu die Zweite Wiener Schule an, bei der Leute wie Arnold Schönberg die alten Regeln komplett über Bord warfen und eine Musik komponierten, deren Qualität weit hinter der Mozarts zurückbleibt. Warum? Weil es ihnen an Regeln fehlte. Was übrigens dazu führte, dass sie ihre eigenen, neuen eingeführt haben.

Aber das populärste zeitgenössische Gebäude Londons, Norman Fosters 30 St. Mary Axe, konnte nur deshalb entstehen, weil man das historische Vorgängergebäude abgerissen hatte.

Stimmt. Hätte nicht die Terrororganisation IRA 1992 das Gebäude halb in die Luft gejagt, wären wir nie auf die Idee gekommen, an dieser Stelle etwas Neues zu planen. Heute zählt Fosters Turm wie selbstverständlich zur Skyline der Stadt. Die Londoner haben es zärtlich "die Gurke" getauft, seine Silhouette findet man als Motiv auf den Kaffeetassen der Souvenirhändler. Aber das ist ein Sonderfall, schließlich ist die IRA nicht Teil unserer Planungsstrategie.

Finden Sie es nicht ironisch, dass ein Bauwerk wie die St. Paul's Cathedral - die auf den Ruinen früherer Kirchen ruht und von der Stadtentwicklung profitiert hat - jetzt die weitere Entwicklung der Stadt hemmt?

Man läuft immer Gefahr, sich von einem großen architektonischen Erbe erdrücken zu lassen. Das historische Zentrum von Paris beispielsweise ist derart gut erhalten, dass ein zeitgemäßes Gebäude dort undenkbar wäre. Was ist das Resultat? Für ihr modernes Finanzviertel mussten die Pariser Planer an die Ränder der Metropole ausweichen, wo sie einen künstlichen Stadtteil aus dem Nichts gezaubert haben, was wiederum seine eigenen Probleme mit sich bringt. La Défense ist ein Ort wie ein Flughafen etwas, das man zwar durchquert, an dem man sich aber nicht freiwillig aufhält.

London hingegen hat den Vorteil, dass es nie derart durchgeplant wurde, sondern Stück für Stück gewachsen ist. Was bedeutet, dass wir hier oder da ein Stück durch ein neues ersetzen können - trotz der Schutzrechte für St. Paul's und andere historische Gebäude.

Sie tun es, indem Sie in der City derzeit einen ganzen Wald von Wolkenkratzern errichten, in dessen Schatten das viktorianische Erbe in Vergessenheit zu geraten droht.

Unsere Büroimmobilien müssen zwangsläufig in die Höhe wachsen, weil uns am Boden der Platz ausgeht. Aber wir sprechen hier von weniger als einem Dutzend Wolkenkratzern, die wir zudem im Osten der City gruppieren, wo sie keine der Sichtachsen auf St. Paul's tangieren. Außerdem darf keiner von ihnen die Marke von 300 Höhenmetern überschreiten. London wird damit also genauso wenig zu einem Manhattan, wie es durch St. Paul's zu einem zweiten Rom geworden wäre.

Sind solche Hochhäuser die Kathedralen unserer Zeit?

Wolkenkratzer symbolisieren den Erfolg und Wohlstand unserer Stadt und bilden damit tatsächlich eine Parallele zu St. Paul's. Deren gewaltige Größe ist ja nicht etwa ein Beweis dafür, dass die Londoner zu Zeiten Christopher Wrens* besonders religiös gewesen wären, sondern vielmehr dafür, dass sie sehr reich waren. Menschen lieben es, ihre Träume und Ziele in Gebäuden zu verewigen. Ich finde, wir sollten der Gesellschaft diesen Traum ermöglichen.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob für einen neuen Traum ein altes Haus weichen muss?

Historische Gebäude vergleiche ich mit den historischen Bauten ihrer Zeit. Bei neuen Konzepten bewerte ich ihre architektonische Qualität sowie ihr Verhältnis zu den umliegenden Häusern. Beides sind zwar keine objektivierbaren, aber vernünftige Kriterien. Meine Arbeitsphilosophie ähnelt der eines Gärtners. Wer einen Garten erbt, geht ja auch nicht mit dem Flammenwerfer rein. -

Peter Rees, 62, ist Architekt und Stadtplaner und seit 25 Jahren Planungschef der City of London. In dem kleinsten Stadtteil der Metropole (2,6 Quadratkilometer), der sich von Westminster entlang der Themse bis knapp vor die Tower Bridge erstreckt, leben nur etwa 8000 Menschen. Tagsüber jedoch wird die City von rund 300 000 Angestellten der Banken und Versicherungen bevölkert. Auf den Fotos sind einige geschützte Sichtachsen auf die St. Paul's Cathedral zu sehen. Sie wurden in den dreißiger und siebziger Jahren definiert und reichen von Hampstead Heath im Nordwesten der Stadt bis zum Royal Observatory in Greenwich, das im Südosten liegt. *Christopher Wren (1632-1723), britischer Architekt und Baumeister der St. Paul's Cathedral