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Langer Kampf, kurzes Glück

Ein Maler, ein Philosoph, ein Architekt - sie hadern mit sich, ihrem Leben und der Welt. Bis sie an Alzheimer erkranken. Das ändert alles.




Ein Essay des Schriftstellers Stefan Merrill Block
Aus dem Englischen von Ingo Malcher

- Noch kurz vor seinem Tod, als die Demenz längst sein Gedächtnis ausgelöscht hatte, pflegte Ralph Waldo Emerson viele seiner alten alten Rituale. Der Begründer des Transzendentalismus war zwar nicht mehr in der Lage, eine Konversation zu führen, verbrachte aber seine Tage ganz wie früher, als er noch gesund war. Am Schreibtisch sitzend las er Bücher aus seiner riesigen Bibliothek. Emersons Tochter berichtete, wie sie einmal ins Zimmer trat und sah, wie ihr Vater ein Buch zu lesen versuchte, das er selbst verfasst hatte. Emerson erkannte das aber nicht, blickte sie an und sagte voller Begeisterung: "Das ist wirklich sehr gut."

Mitte der achtziger Jahre reagierte der an Alzheimer erkrankte Maler Willem de Kooning ganz ähnlich. Sogar im Endstadium der Krankheit malte er noch. Die Zeit seiner größten Erfolge lag Jahrzehnte zurück. Und nun wurden seine Bilder immer farbiger und spontaner - Alzheimer hatte dem Künstler jede Strenge genommen. "Die Bilder", schrieb Curtis Bill Pepper in der "New York Times", "waren voller Heiterkeit und Vergnügen." Kritiker debattieren darüber, ob diese Arbeiten aus einer Phase, als de Kooning nicht mehr begriff, was um ihn herum geschah, wirklich zu seinem Werk zu zählen sind. Mir erscheinen sie untypisch fröhlich, verglichen mit jenen aus früheren Perioden, ganz wunderschön; sie gehören zu de Koonings Leben. Ich kann mir gut vorstellen, dass er am Ende, als er nicht mehr wusste, dass diese bunten Abstraktionen von ihm waren, Freude an ihnen hatte.

Als Kind aus einer Familie mit einer langen, tragischen Geschichte von vererbter Alzheimer-Krankheit trösten mich solche Berichte. Weil sie zeigen, dass im Vergessenkönnen etwas Glückseliges liegt.

Bei meinen Verwandten habe ich immer wieder entdeckt, dass diese sonst so fürchterliche Krankheit auch eine paradox positive Seite haben kann: Sie bringt Erleichterung. Meinen Großonkel Ralph hat sie, nachdem er seine Erinnerung verloren hatte, von seinen erdrückenden Depressionen befreit, die ihn seit dem Zweiten Weltkrieg quälten. Und meine Großmutter, eine sonst eher besorgte und zurückhaltende Frau, blühte auf wie seit ihrer Kindheit nicht mehr, nachdem die Alzheimer-Krankheit dafür gesorgt hatte, dass sie von den Enttäuschungen, Frustrationen und Kümmernissen ihres Lebens nichts mehr wusste.

Alzheimer ist eine entsetzliche, heimtückische Krankheit. Doch wenn ich mich daran erinnere, wie sie meine Angehörigen zum Ende ihres Lebens hin verwandelt hat, beginne ich zu verstehen, was es bedeutet, dass Adam und Eva aus dem Garten Eden vertrieben wurden, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Wer ausgelassen spielende Kinder betrachtet, der weiß, dass wir aus dem Paradies vertrieben werden, sobald wir das Bewusstsein von Erwachsenen entwickelt haben.

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Fünf Blocks entfernt von meinem Apartment in Brooklyn liegt ein großer, von Menschen erschaffener Garten Eden, der Prospect Park, in dem Kinder herumtollen. Der Besuch dieses Parks tut auch Erwachsenen gut, wenn sie ganz abschalten wollen.

Der Entwurf des Landschaftsarchitekten Frederick Law Olmsted sah vor, dass massenhaft Erdreich abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgeschüttet wurde. So entstand ein Raum, in dem das Chaos von Brooklyn - das Gewusel der Fußgängerströme, der Lärm der Autos, die von Kaugummi und Hundekot verschmutzten Bürgersteige - unmittelbar von einem abfällt. Ich jedenfalls bin jeden Tag dort, genieße die Weite der Wiesen, den Wald, die mit Bachläufen verbundenen Teiche.

Olmsted hat viele öffentliche Grünflächen entworfen - unter anderem den Central Park in Manhattan, den Midway Plaisance in Chicago und das Emerald Necklace in Boston. Der Prospect Park aber hatte es ihm besonders angetan: "Der macht mich so stolz wie kein anderer, an dem ich je gearbeitet habe."

Olmsted war ein Jünger Ralph Waldo Emersons. Sein Design für Prospect Park ist eine großartige Übersetzung von dessen transzendentalen und demokratischen Ideen. Jeden Hügel, jeden Baum, jeden Strauch und jeden Halm hat Olmsted bewusst [3] gesetzt und so ein künstliches Abbild der reinen Natur erschaffen, Idylle und Rückzugsraum für jedermann, mitten in der Stadt.

Wer den Park durchquert, dem drängt sich beinahe unvermeidlich der Eindruck auf, dass das Experiment Amerika wirklich geglückt ist: Vorigen Sonntag joggte ich binnen 30 Minuten vorbei an chassidischen Juden, orthodoxen Muslimen, im Rhythmus eines westafrikanischen Trommlers; auf den Wiesen verstreut saßen New Yorker und lasen oder spielten Baseball.

Prospect Park ist wie ein Traum von Brooklyn, ohne die raue Realität: In ihm zeigt sich die Vielfalt und Dichte der Stadt, sperrt aber all ihre Härte, Hitze und Aggressivität aus. Wenn ich Freunde von außerhalb überreden kann, mich mit dem Zug der Linie F zu besuchen, führe ich sie zum Prospect Park. Und jedes Mal erlebe ich, wie alle Anspannung sofort von ihnen abfällt. Einer von ihnen seufzte nur: "Hier kann man es wirklich aushalten!"

Voller Stolz auf meinen Stadtteil führe ich die Besucher über die Brücken, die die von Wasserpflanzen gesäumten Bachläufe überqueren. Als routinierter Fremdenführer erzähle ich dabei fast immer die gleiche Geschichte: über Frederick Law Olmsted.

Obwohl er so viele Jahre seines Lebens in den Parklandschaften zubrachte, die er selbst entworfen hatte, war er oft schlecht gelaunt. Möglicherweise, weil seinem Anspruch als Künstler nicht genügte, was er sah. Seine Entwürfe waren teils hochkomplex und revolutionär. Seine Auftraggeber wiederum wollten sich zwar mit seinem Namen schmücken, aber seinen kostspieligen Ideen nicht folgen. Immer wieder wurde seine Idylle verpfuscht, indem man ihn zwang, Gebäude und Statuen einzuplanen; oder weil die Bauarbeiter von seinen Plänen überfordert waren; vor allem aber machte ihm Kritik zu schaffen. Während Besucher die Parks genossen, sah Olmsted überall nur, was ihm nicht gefiel.

Mit seinen wunderbaren Schöpfungen hatte er es schließlich auf ein höheres Ziel abgesehen, als nur Freude zu bereiten. Die Parks waren, so seine These, Beweis für die "wissenschaftliche Tatsache, dass es für die Gesundheit und Energie der Menschen von Vorteil ist, gelegentlich an einem beeindruckenden, natürlichen Ort innere Einkehr zu halten". Kein Wunder also, dass mehrere psychiatrische Anstalten Olmsted beauftragten, Parks für sie zu entwerfen, die auf psychisch Kranke beruhigend wirken konnten. Die Entwürfe - etwa für das Bloomingsdale Insane Asylum in New York, das Butler Hospital in Rhode Island und das McLean Hospital in Boston - waren revolutionär: ein entschiedener Kontrast zu den düsteren, als Kerker verrufenen psychiatrischen Anstalten. Tatsächlich gehen die Parks der meisten psychiatrischen Kliniken auf Olmsted zurück.

Das McLean-Krankenhaus war die erste psychiatrische Anstalt zu seiner Zeit. Zu den prominentesten Patienten zählten zwei der Emerson-Brüder und der große Psychologe William James. Als Olmsted in den 1890er Jahren eine Gehirnblutung erlitt, die sein Gedächtnis schwer schädigte und Paranoia hervorrief, wurde er Patient im McLean.

Wie bei Emerson und de Kooning, so erzähle ich Besuchern, hatte Olmsteds neurologisches Leiden zwar verheerende Folgen, aber es bescherte ihm auch ein Geschenk: Er litt nicht mehr, wie sein ganzes Berufsleben zuvor, unter der Enttäuschung, dass er seine eigentlichen künstlerischen Ziele verfehlt hatte. Auf dem Hügel eines Bostoner Vororts hatte er einen perfekten Hafen der Ruhe für die psychisch Kranken entworfen, mit prächtigen Ausblicken, die den Patienten gut tun würden. Was er beim Entwurf ganz sicher nicht ahnte: dass er Jahre später selbst dort einziehen würde. "Von seinen Frustrationen befreit", so habe ich oft meine Erzählung beendet, "verbrachte Olmsted seinen Lebensabend in einem Paradies. Wenn er darin spazieren ging und die Schönheit des Parks lobte, war ihm nicht bewusst, dass er selbst ihn erschaffen hatte."

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Als Autor, der beim Schreiben leidet und schwitzt, bin ich beinahe neidisch auf diese Künstler, die ihre früheren Arbeiten durch einen Nebel des Vergessens betrachten. Wie viele Schriftsteller arbeite ich hauptsächlich dafür, mich selbst glücklich zu machen, und versuche Bücher und Geschichten zu produzieren, die ich selbst gern lesen möchte. Den größten Frust bereitet mir, dass ich meine Arbeit gar nicht mit anderen Augen betrachten kann. Während andere eine Geschichte ganz unbefangen lesen, sehe ich nur die Mängel: Wörter, Szenen, Einfälle, die häufig nicht wiedergeben, was ich genau gefühlt, gedacht und beabsichtigt hatte - Ausdruck meiner Unvollkommenheit.

Ich weiß, dass die meisten Menschen, die einen ihnen nahe stehenden, vertrauten Menschen an Demenz verloren haben, jede Idealisierung dieses erbärmlichen Leids als naiv und gefährlich bezeichnen. Ich verstehe das. Hänge ich als Autor etwa nicht von meinem Gedächtnis ab? Einer der wichtigsten Impulse eines Schriftstellers ist, glaube ich, das Bedürfnis, alles aufzunehmen, zu sammeln und sich an alles zu erinnern - ein schwaches Gegengift zum Tod, mit dem alles Leben unausweichlich endet.

Wie jeder andere, der dabei war, als sich ein Geist in Demenz aufgelöst hat, hoffe ich, dass ich dieses Schicksal niemals erleiden werde. Trotzdem hilft mir der Gedanke, dass es wunderschön sein müsste, einmal wie ein Unbeteiligter auf mein Leben und meine Arbeit zu blicken, ohne meine Enttäuschungen zu kennen.

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Als ich kürzlich einen Freund in Chicago besuchte, entdeckte ich bei ihm David Shenks Buch "The Forgetting: Alzheimer's Portrait of an Epidemic". Es ist ein erhellendes und bewegendes Buch, aus dem ich zum ersten Mal etwas über den senilen und verengten Blick dieser Künstler auf ihr Werk erfuhr. In jener Nacht las ich, im Bett liegend, noch einmal die Geschichte, die ich zuvor bestimmt hundertmal im Prospect Park erzählt hatte.

Studien belegen, dass fast die Hälfte unserer Erinnerungen falsch sind. Dass wir uns jedes Mal, wenn wir eine Geschichte erzählen, ein Stück weiter von der Wahrheit entfernen. Obwohl ich mir dessen bewusst war, beschämte mich, was ich las, als ich Shenks Buch wieder zur Hand nahm. Es stellte sich nämlich heraus, dass ich Olmsteds Geschichte falsch wiedergegeben hatte. Er hatte zwar tatsächlich vergessen, dass er den Park des Krankenhauses entworfen hatte, in welchem er später lebte. Aber an keiner Stelle behauptet Shenk, dass Olmsted seine eigene Arbeit als wunderschön angesehen habe.

Zurück in Brooklyn, ging ich der Sache nach und fand heraus, dass Olmsted zumindest in seinen ersten Jahren in McLean sehr wohl wusste, dass er die Anlage entworfen hatte. Und dass er sich in dieser Zeit permanent bei Betreuern und Patienten über die Mängel daran beschwerte. "Sie haben nicht ausgeführt, was in meinen Plänen stand, verdammt noch mal!", habe er geflucht. Die Wahrheit ist, dass Frederick Law Olmsted am Ende seines Lebens nicht in ein selbst gemachtes Refugium aufgestiegen war, sondern sich im selbst gebauten Gefängnis seiner Frustrationen eingesperrt fand.

Die Woche darauf brachte ich damit zu, alle meine Freunde, die ich im Prospect Park angeschwindelt hatte, per E-Mail zu kontaktieren, um die Geschichte richtigzustellen. Zu meiner großen Verlegenheit berichtete mir ein Freund, dass meine falsche Geschichte von Olmsted ihn dazu inspiriert hatte, einige Gedichte zu schreiben, die er als Anlage anhängte. Großzügig nahm mein Dichter-Freund meine Entschuldigung an und machte mich auf einen erschütternden Zufall aufmerksam, der mir gar nicht aufgefallen war: Ich hatte die wahre und traurige Schlussfolgerung aus Olmsteds Geschichte vergessen. Und erst dieses Vergessen gab der tragischen Geschichte ein glückliches Ende. -

Lektüre: Der erste Roman von Stefan Merrill Block unter dem Titel "Wie ich mich einmal in alles verliebte" liegt auf Deutsch in einer gebundenen Ausgabe (bei DuMont; 19,90 Euro) und broschiert (Piper-Taschenbuch; 9,95 Euro) vor.