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„Ein Verlag, was ist das schon“

Es bleiben zwei Monate. Ausräumen, das Archiv verkaufen, die Bibliothek in Umzugskartons verpacken. Dann wird der Ammann Verlag in Zürich nur noch Erinnerung sein. Und was bleibt?




- Ihr Leben für die Literatur, "immer unserer eigenen Neugier entlang", sagen Marie-Luise Flammersfeld und Egon Ammann, sei ein "Ausnahmezustand" gewesen. Die vergangenen 29 Jahre nennen beide "ein Wunder, ein Geschenk". Trotzdem soll es damit nun gut sein. Sie hören auf, haben das Unternehmen zur Jahresmitte geschlossen, wickeln den Verlag ab, werden die Schweiz am Jahresende verlassen und berufen sich bei alledem auf einen Vers aus dem Alten Testament: "Alles hat seine Zeit."

Als sie ihren Entschluss im August 2009 bekannt machten, reagierte die Presse überrascht und fassungslos. Ammann gibt auf? Der "Tages-Anzeiger" in Zürich sah schwarz: "Ein Leuchtturm löscht das Licht." Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erklärte die Nachricht zu einem "Schock" und bedauerte: "Die Verlagslandschaft verarmt." Die "Neue Zürcher Zeitung" ("Das abrupte Ende eines verlegerischen Höhenflugs") druckte eine Seite mit rührend-liebevollen Beiträgen, mit Dank und Respekt von Autoren und Kollegen. Und der Germanist Peter von Matt, der zu den angesehensten Hochschullehrern seines Faches zählt, schrieb dem Verlegerpaar: "Zürich wird ärmer, nicht nur an Büchern, sondern auch an Fantasie, an Mut überdies, verwegener Draufgängerei, die nie auf sicher, viel lieber auf unsicher ging. Nicht nur im Entdecken wart Ihr unerschrocken, sondern auch im Bewahren, im Lebendighalten und Erinnern."

Seit mehr als 30 Jahren sind sie verheiratet. Gemeinsam haben sie den Verlag gegründet, geführt und zu einer der ersten Adressen für Belletristik gemacht. Sie waren "ökonomisch nie bedeutsam, literarisch umso mehr", wie ein Verlegerkollege schrieb. Nun müssen sie sich abnabeln von ihrem Lebenswerk. Leicht fällt ihnen das nicht. Es tut weh. Es kostet Kraft. Es ist zu sehen und zu hören, wenn sie in Szenen und Geschichten kramen, was ihnen gelungen ist und in der Bücherwand hinter ihnen steht.

Doch spätestens jetzt wird auch deutlich: Schöne Literatur zu verlegen ist kein Job. Denn es geht nicht so sehr um Bücher, sondern ums ganze Leben, "und zwar 27 Stunden am Tag", sagt Egon Ammann mit Bedacht, gar nicht kokett. Es geht Autoren darum, Spuren zu hinterlassen. Dass sie, die beiden Verleger, dafür jetzt so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung erfahren, auch von unbekannten Lesern, tut ihnen gut.

Von Lesern, die die Kunst des Erzählens noch schätzen

Zahlreiche Verlage haben sich letzthin vom Buchmarkt verabschiedet, die meisten sang-und klanglos, auf Nimmerwiedersehen, andere sind zum anonymen Postfach im Marken-Portfolio von Medienkonzernen heruntergekommen. Die Klagen über das Ende von Ammann drehten sich kaum einmal darum, in welchem Ausmaß etwa der Konzentrationsprozess im Buchhandel inzwischen dazu beigetragen hat, dass den Lesern Eintopf als Ereignis angedreht wird. Was es bedeutet, dass strategisch angezettelter Krawall für Bestseller sorgt, aber kaum jemand von denen, die sich da öffentlich aufspielen und ereifern, das umstrittene Buch offenbar gelesen hat. Was es über uns verrät, dass wir seit fast einem Jahrhundert über eine scheinbar kabarettistische Zeile von Karl Valentin lachen können und nicht begreifen wollen, wie ernst es gemeint war: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit."

Egon Ammann, 69, und Marie-Luise Flammersfeld, 61, hatten das Unvermeidliche seit Langem gespürt, wie der Verleger gegenüber der "NZZ" bekundete: "Wir sind mit einer Leserschaft, die den gepflegten Umgang mit der Kunst des Erzählens und der Poesie sowie mit überraschenden essayistischen Gedankengängen noch geübt hat, älter geworden." Diese Leserschaft sei "zwar nicht verschwunden, jedoch merklich geschrumpft". Und sie bekomme es zu spüren, dass sie sich dem Marketing-Mainstream der schnell konsumierbaren Titel verweigere: Ihr Lesestoff werde von den Buchhandelsketten nicht mehr gelistet, und "Bestellungen bei randständigen Verlagen sind, weil arbeits- und kostenaufwendig, nicht sehr beliebt. So kommt es manchmal zu der erstaunlichen Mitteilung, dass der gesuchte Titel vergriffen sei. Dass es dabei die besonderen, die subversiv-stillen Bücher trifft, verwundert nicht."

Es waren Kleinigkeiten am Rande, die sie als Zeichen verstanden: "Geistiges Eigentum, in die leserfreundliche Architektur eines Buches gebracht, ist im Begriff, seinen Wert und damit seine Werthaltigkeit zu verlieren. Seit einigen Jahren beobachten wir, wie in unserer Straße Bücher auf dem Gehsteig deponiert werden. Zunächst noch mit einem Schild: 'Kostenlos zum Mitnehmen'. Heute stehen sie nur noch da, und wenn sie verregnen, kümmert es niemanden mehr."

Dass sie für den Verlag einen Schlussstrich zogen, hatte handfeste Gründe. Nur: "Ewiger Kulturpessimismus" ("NZZ") zählte nicht dazu, schon eher Nüchternheit und Realitätssinn, vielleicht auch die Sorge, dass ein beliebiger Nachfolger aus dem literarischen Erbe "ein billiges Hip-Hop-Unternehmen machen könnte".

"Wir haben erkannt", schrieb Ammann in der "NZZ", "dass der neuen Herausforderung in Angebot und Markt nur mit jugendlicher Kraft, hingebungsvoller Überzeugung und mit Fantasie zu begegnen ist. Wir haben getan, was wir tun konnten. Den Stab zu übergeben, das wäre die eine Möglichkeit gewesen, ihn zu veräußern, die andere. Den Stab zu begraben, das ist die Entscheidung, die wir gewählt haben. Es ist ein Glück, ein Werk wie dieses in Würde zu Ende gebracht zu haben."

Die meisten Ammann-Autoren haben unterdes neue Verlage gefunden. Die noch vorrätigen Bestände der rund 800 Titel aus dem Katalog sind seit diesem Sommer über den S. Fischer Verlag und einen Grossisten zu beziehen. Bei Fischer wird man sich auch darum kümmern, dass die Gesamtausgabe der Romane von Fernando Pessoa fortgesetzt und komplettiert wird und dass Swetlana Geiers epochale neue Dostojewski-Übersetzungen die größtmögliche Aufmerksamkeit finden.

Liebhaber sorgfältig edierter und aufwendig gestalteter Bücher wird das zunächst beruhigen. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass es niemanden froh machen kann, der sich fragt, was ihm in Zukunft alles entgeht ohne solche selten gewordenen Entdecker, Enthusiasten, Mutmacher, Anreger und Anstifter wie Marie-Luise Flammersfeld und ihren Mann. Ohne deren Engelsgeduld beim Zuhören und guten Zureden, ohne deren Freundschaft und Treue nur wenig von dem gedruckt worden wäre, was ihre Autoren zu sagen hatten.

Weil sie nie vergessen haben, dass ein Verleger ohne seine Autoren ein armes Würstchen ist. Die deshalb ihr 25-jähriges Bestehen mit der Zeile feierten: "Ein Verlag, was ist das schon", angelehnt an den Satz, mit dem Jurek Becker seinen Roman " Jakob der Lügner" begann: "Ein Baum, was ist das schon." Die niemals Zweifel über Prioritäten zuließen: "Wir sind das Bodenpersonal, und die Autoren dürfen fliegen." Denen am Herzen lag, was sie machten - und die so Spuren hinterließen.

Einer wie Dieter Meier zum Beispiel, der mit 61 Jahren das erste Buch seines Lebens herausbrachte: "Hermes Baby". Der zwar schon als Gymnasiast von einer Zukunft als Romancier geträumt, sich aber nie getraut hatte, den entscheidenden Schritt zu tun. Und der nun berichtet, wie Egon Ammann ihm vor Jahrzehnten im Kulturpalast von Warschau zufällig begegnete und ihn fragte, ob er seine Kurzgeschichten und Essays bei ihm veröffentlichen wolle. 2006 war es so weit.

Oder eine wie Swetlana Geier, zu der Amman im Jahr 1968 nach Freiburg reiste. Während seines Besuches, erinnert er sich, habe deren betagte Mutter damals unablässig auf ihre Tochter eingeredet - auf Russisch. Als er verwundert fragte, worüber sich die Mutter bloß so aufrege, habe sie sich ihm offenbart: "Ich soll Ihnen endlich sagen, dass ich mir wünsche, Dostojewski zu übersetzen." Dann dauerte es 26 Jahre, bis der erste von zuletzt sechs Romanen erschien: "Verbrechen und Strafe", das zuvor ein Jahrhundert lang, wie Frau Geier nachwies, fälschlich "Schuld und Sühne" hieß und dem im Deutschen größere Passagen fehlten, die man wohl aus Rücksicht auf zarte Gemüter einfach ausgespart hatte. Dass sich ein kleiner Verlag auf solch ein kolossales Projekt einließ und nicht daran scheiterte, ist ein Wunder.

Und auch die Geschichte des heute 76jährigen Wulf Kirsten aus Weimar gehört dazu, der Egon Ammann Mitte der achtziger Jahre in der DDR zum ersten Mal erzählte, dass er eine vom üblichen Kanon abweichende Anthologie mit Gedichten deutscher Sprache vorbereite. Es war, was die damalige politische Situation, die Quellenlage, die technischen und finanziellen Bedingungen dieser Arbeit betraf, vergleichbar mit dem Versuch, ganz allein den Mount Everest zu bezwingen. Und dabei kurz vorm Ziel noch zu erleben, wie sein Staat, sein Ost-Berliner Verlag und seine berufliche Existenz als Lektor untergingen.

"Wir müssen noch arbeiten. Ein Verlag macht einen nicht reich"

Kaum war die Mauer offen, brachte Kirsten sein Manuskript nach Zürich - mehr als 2000 Blatt, eigenhändig und mit vielen Durchschlägen auf der Schreibmaschine getippt. Es sollte ein Schmuckstück werden. Aber wie das so mit Diamanten ist, die von Hand geschliffen, poliert und gefasst werden müssen, damit sie einem den Atem rauben: Hier dauerte es 21 Jahre, bis der Stapel Papier zum Buch wurde, einer der letzten acht Ammann-Titel, mit denen der Verlag in diesem Frühjahr Abschied nahm. Weit mehr als 1100 Seiten, wissenschaftlich belegt, kenntnisreich und klug kommentiert, eine Lesereise von Nietzsche bis Celan, eine Lust, darin zu stöbern, zu lesen und viel Unbekanntes zu finden, so den von Gottfried Benn überlieferten Satz, mit dem er eine Politik-Journalistin zitierte: "Ich mache mir nichts aus Gedichten, aber schon gar nichts aus Lyrik."

Es ist ein riesiger Brocken gedruckte Leidenschaft geworden, der alles mitbringt, um ein Klassiker zu werden, unverzichtbar für den Deutsch-Unterricht und das Germanistikstudium. Der Titel der Sammlung, stammte er nicht aus einem Gedicht von Oscar Loerke (1884-1941), hätte auch das Leitmotiv für die 29 Jahre des Ammann Verlags sein können: "Beständig ist das leicht Verletzliche."

So haben sie es immer gehalten. Liest man ihre Programme aus 29 Jahren, sucht nach Strategie, Linie, Moden, Profil, findet man stattdessen - Haltung. Sie sind ihrer Neugier gefolgt, Menschen mit einem Schicksal aufzuspüren, Spuren, die unbedingt bewahrt und überliefert werden mussten. Wole Soyinka gehörte zu ihnen, der erste Literaturnobelpreisträger aus Afrika, aber auch Autoren aus Osteuropa; erschütternde Zeugnisse aus dem Wilnaer Ghetto 1941-44 finden sich ebenso darunter wie der russisch-jüdische Dichter Ossip Mandelstam, dem von ihnen ein Denkmal in deutscher Sprache gesetzt wurde.

Ihr Kapitel als Verleger in Zürich haben Ammann und Flammersfeld beendet. Noch aber lastet die Auflösung des Verlags auf ihnen. Viele letzte Briefe sind zu schreiben. Sie werden das Archiv verkaufen, Originalmanuskripte und Korrespondenz. Bücher und Möbel müssen verpackt und fortgeschafft werden. Und dann der Umzug - nach Berlin, wo sie sich privat niederlassen wollen.

Doch von Ruhestand kann überhaupt keine Rede sein. "Wir müssen weiter arbeiten", sagt Ammann. "Mit einem literarischen Verlag wird man nicht reich. Von irgendetwas müssen wir leben." Also werden sie noch ein paar Bücher machen, als freie Lektoren. Werden Autoren entdecken helfen, so wie im Falle Ossip Mandelstam. Dessen Vers an der Wand in Zürich wird sicher auch in Berlin wieder einen Ehrenplatz finden:

"Drei Äpfel fielen vom Himmel:

der erste für den, der erzählt;

der zweite für den, der zugehört;

der dritte für den, der verstanden hat.

So schließen die meisten armenischen Märchen."-